AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2010

Jemen Der Übersetzer des Dschihad

Im Süden der Arabischen Halbinsel hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur eine schlagkräftige Qaida-Gruppierung niedergelassen. Dort lebt auch einer der einflussreichsten Vordenker des militanten Dschihad: ein in den USA geborener Prediger mit besten Beziehungen in den Westen.

Von Yassin Musharbash, und


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Die Jemen-Connection: Im Namen des Dschihad
Der Ort, an dem alles begann und an dem nach dem Willen der jemenitischen Regierung auch alles wieder enden soll, liegt in der Straße Nummer 60 im Stadtteil Hadda, nahe der neuen Moschee von Sanaa. Das zentrale Hochsicherheitsgefängnis von Sanaa hat eine lehmbraune Fassade mit weißen Verzierungen und sieht aus wie ein modernes, schwer bewachtes Pfefferkuchenhaus.

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Heft 2/2010
Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst

Wer sich dem Gefängnis nähert, wird von den Soldaten davor misstrauisch beobachtet, schon beim zweiten Mal notieren sie die Autokennzeichen. Seit dem ersten Weihnachtstag, als der im Jemen ausgebildete Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab ein US-Passagierflugzeug beim Landeanflug auf Detroit in die Luft sprengen wollte, sind die Sicherheitskräfte des Landes nervös.

Aus diesem Gebäude waren am 3. Februar 2006, wahrscheinlich mit der Hilfe von Wärtern, 23 Qaida-Mitglieder geflohen. Es war die Geburtsstunde der zweiten Generation der Qaida im Jemen. Der Ausbruch hatte zur Folge, dass die Arabische Halbinsel als Rückzugsgebiet für militante Islamisten erneut an Bedeutung gewann. Bis dahin schien der jemenitische Qaida-Zweig besiegt: Ihr letzter Führer wurde 2002 von einer US-Drohne getötet, sein Nachfolger 2003 verhaftet.

Seither haben Osama Bin Ladens Kämpfer im Jemen wieder westliche Botschaften angegriffen, Ölförderanlagen bombardiert, Touristen ermordet. Und ebenjenen 23-jährigen Nigerianer mit Sprengstoff in der Unterhose losgeschickt, um durch einen spektakulären Anschlag zu beweisen, dass niemand im Westen vor ihnen sicher sein könnte.

Nun ist im Jemen ein Machtkampf entbrannt. Auf der einen Seite: die Terroristen, die vollmundig bereits weitere Anschläge angekündigt haben. Auf der anderen: der jemenitische Staat, der ihnen - jedenfalls nach offizieller Darstellung - den Garaus machen will und zusammen mit amerikanischen Sicherheitskräften im vergangenen Monat bereits zweimal Luftangriffe auf vermutete Qaida-Stützpunkte geflogen hat.

In Sanaa brodeln die Gerüchte: Da soll ein 16-jähriger Qaida-Rekrut mit einem Sprengstoffgürtel in der Hafenstadt Aden unterwegs sein. Den Sicherheitskräften seien gleich mehrere Lastwagen mit Sprengstoff und Waffen abhandengekommen. Und ein angeblich gerade von den Sicherheitsbehörden getöteter Qaida-Führer ist womöglich gar nicht tot.

Aufgeschreckt blickt plötzlich die Welt auf diesen vor aller Augen zerfallenden Staat am Golf von Aden: rohstoff- und wasserarm, miserabel regiert, übervölkert und von Aufständischen im Norden wie im Süden drangsaliert.

Dazu kommen die Probleme der Nachbarn: In Somalia kontrollieren die islamistischen Schabab-Milizen weite Teile des Landes, fordern die Anwendung der Scharia und streben eine Allianz mit der Qaida auf der Arabischen Halbinsel an. Im Norden liegt das Königreich Saudi-Arabien, der wichtigste Ölstaat der Welt, Heimat der großzügigsten Finanziers der Terrorgruppe und gleichzeitig aber auch selbst ein Angriffsziel der Qaida.

"Die Krise im Jemen ist eine Bedrohung der regionalen und sogar der globalen Stabilität", befand US-Außenministerin Hillary Clinton vergangene Woche. Präsident Barack Obama sah das ähnlich und untersagte die geplante Freilassung von 40 in Guantanamo einsitzenden Jemeniten. Die Gefangenen waren von der US-Regierung als ungefährlich eingestuft worden und hätten demnächst in ihr Heimatland zurückkehren dürfen.

Der britische Premier Gordon Brown berief gleich eine internationale Jemen-Konferenz ein, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon unterstützte den Vorschlag. Jahrelang war der Jemen von der Welt vergessen worden. Jetzt ist alles anders.

Gleichwohl behaupten die Jemeniten, auch ohne internationale Hilfe auszukommen. "Wir versichern, dass wir in der Lage sind, alle Terroristen auszuschalten und der Gerechtigkeit zuzuführen", erklärte Ende vergangener Woche trotzig Vize-Premier Raschid al-Alimi. Doch dass die Gesuchten demnächst wieder im Hauptgefängnis von Sanaa einsitzen könnten, glaubt ihm kaum jemand.

Denn die Dschihadisten haben ihre Fähigkeit loszuschlagen längst bewiesen. Und an ihrer Seite haben sie einen Mitstreiter, der aus der lokalen Qaida-Filiale einen gefährlichen Feind des Westens machen könnte: Anwar al-Awlaki, Sohn jemenitischer Eltern, am 21. April 1971 im US-Bundesstaat New Mexico geboren und ausgestattet mit einem amerikanischen Pass. Der konservative US-Sender Fox News ernannte ihn bereits zum "Ziel Nr. 1". Awlaki, so sagt der New Yorker Terrorermittler Evan Kohlmann, sei "die smarte, eher intellektuelle Ausgabe von al-Qaida und mittlerweile eine zentrale Figur der Bewegung".

Die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte Awlaki in den USA und wuchs dort sehr amerikanisch auf, "mit Hamburgern und Weihnachtsbaum", wie ein Verwandter sagt. Dann kehrten die Eltern 1977 in den Jemen zurück. Doch den jungen Muslim zog es wieder in die USA, wo er unter anderem an der George-Washington-Universität in der Bundeshauptstadt studierte. Mit 23 Jahren wurde er Studenten-Imam, wofür ihm die Universität die Studiengebühren erließ.

Im kalifornischen San Diego predigte er wenig später an der Ribat-Moschee. In dieser Zeit, irgendwann im Jahr 2000, lernte er Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hamsi kennen, die im Jahr darauf, beim Anschlag vom 11. September, zu den 19 Flugzeugentführern gehörten. Der offizielle 9/11-Untersuchungsbericht wird später vermerken, die beiden hätten Awlaki als religiöse Leitfigur akzeptiert und eine enge Beziehung zu ihm unterhalten.

Theologisch ist Awlaki nicht besonders beschlagen, aber er ist intelligent, spricht fließend Englisch und kennt die Kultur der "Ungläubigen". Er weiß, wie seine Schüler den militanten Dschihad in der westlichen Welt ausüben können, er ist der perfekte Übersetzer.

So sieht er auch sich selbst: "Die Einzigen, die sich die Mühe machen und Geld dafür ausgeben, Dschihad-Literatur ins Englische zu übertragen, sind die westlichen Geheimdienste", schreibt er auf seiner Website im Januar 2009. "Schade nur, dass sie diese Übersetzungen nicht mit uns teilen wollen."



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Seite 1
OlivierDjappa 04.01.2010
1.
Zitat von sysopDer Jemen ist ins Zentrum der internationalen Terrorbekämpfung gerückt: Seit sich dort ein Qaida-Ableger etabliert hat, erhält der arabische Staat massive Militärhilfe aus dem Westen. Vor allem die USA unterstützen die Armee mit Millionensummen. Der Jemen - ein neues kapitel im Anti-Terrorkampf?
Wie jetzt? Wurde da etwa Erdöl oder ein andere wichtiger Rohstoff (Grundwert unserer Lebensweise) gefunden?
nahal, 04.01.2010
2.
Eionen tag nach dem Besuch von Gen. Petraeus sind schon mindestens 2 Al-Qaida-Mitglieder in Yemen getötet worden.
CAJ, 04.01.2010
3. Arabien
Zitat von OlivierDjappaWie jetzt? Wurde da etwa Erdöl oder ein andere wichtiger Rohstoff (Grundwert unserer Lebensweise) gefunden?
Die Teroristen aus dem Jemen bedrohen vor allem die arabischen Herscherhäuser. Wer den Bückling Obamas vor dem saudischen König gesehen hat, braucht sich nicht zu wundern das Obama jetzt seinem Herrn äh arabischen Verbündeten zu Hilfe kommt.
elandy 04.01.2010
4.
Zitat von nahalEionen tag nach dem Besuch von Gen. Petraeus sind schon mindestens 2 Al-Qaida-Mitglieder in Yemen getötet worden.
Soso. Zwei von wievielen, die es dort gibt? Und wieviele Zivilisten, so wie in Afghanistan, werden in diesem sinnlosen Kampf als "Kollateralschäden" sterben müssen?
Dnole 04.01.2010
5.
Zitat aus dem Artikel: Denn hier, so viel steht acht Jahre nach den Anschlägen vom 11. September fest, hat die jüngste Generation von islamistischen Terroristen ihre neue "Qaida", ihre "Basis", aufgeschlagen. Wer daran noch Zweifel hegte, den belehrte, im hohen Ton des Gründers, jetzt die Propaganda-Abteilung von "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel": "Mit Gottes Hilfe hat der heldenhafte Bruder, der das Märtyrertum anstrebende Umar Farouk, eine einzigartige Operation gegen ein Flugzeug durchgeführt, das nach Detroit in den USA unterwegs war, am Tag, an dem sie ,Christmas' feiern." Stimmt, so eine Nachricht im Internet ist der endgültige Beweis dafür. Es wäre Irrsinn jetzt noch daran zu zweifeln.
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