AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2010

SPIEGEL-Gespräch "Freiheit ist ein verkrüppelter Begriff"

Die US-Schriftsteller Jonathan Franzen und Adam Haslett über amerikanische Werte, die Präsidenten George W. Bush und Barack Obama - und über das realistische Erzählen als eine Form des Widerstands.


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US-Literaten Franzen und Haslett: "Obama rettet das System"
SPIEGEL: Mr. Haslett, Sie haben 1991 einen Creative-Writing-Kurs am Swarthmore College bei Philadelphia besucht. Ihr Lehrer war Jonathan Franzen, mit dem Sie inzwischen befreundet sind. Was haben Sie von ihm gelernt?

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Heft 4/2010
Afghanistan - der 200-jährige Krieg

Haslett: Dass Schreiben totale Hingabe erfordert.

Franzen: In erster Linie habe ich den Leuten geraten, die Finger von der Schriftstellerei zu lassen.

SPIEGEL: Warum?

Franzen: Weil ein Schriftstellerdasein kein wirkliches Leben ist. Adam Haslett hat damals die beste Kurzgeschichte geschrieben und den Preis dafür von David Foster Wallace überreicht bekommen, der zum ersten Mal aus seinem Originalmanuskript von "Unendlicher Spaß" gelesen hat.

SPIEGEL: Wallace hat sich 2008 umgebracht. Ist Schreiben lebensgefährlich? Wallace sah sich offenbar vor die Alternative gestellt, Antidepressiva zu nehmen oder produktiv zu bleiben. Er hat sich fürs Schreiben entschieden.

Franzen: Es war ein bisschen komplizierter. Seit seiner Teenagerzeit war er drogenabhängig, und er war ein schlechter Patient. Und dann hat er mehr und mehr nach absoluter Reinheit gesucht, er wollte der abstinente Alkoholiker schlechthin sein. Ich sagte ihm, dass es wahnsinnig sei, ohne alles auszukommen, doch er wollte rein bleiben, und natürlich gibt es keine höhere Form der Reinheit als den Tod.

SPIEGEL: Sie, Mr. Haslett und Mr. Franzen, entwerfen in Ihren Büchern große Gesellschaftspanoramen, und zwar mit den literarischen Mitteln des Realismus. Geht so was überhaupt noch?

Franzen: Ja. In der Literatur ist es etwas anderes als in der bildenden Kunst. Dort gibt es abstrakte oder figurative Formen. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die sich mehr für die Form als für den Inhalt interessieren. Und Adam sicherlich auch nicht.

SPIEGEL: Mr. Haslett, in Ihrem Roman "Union Atlantic" beschreiben Sie eine Bank, die sich bei Börsengeschäften verhoben hat, aber zu groß ist, als dass es sich der Staat leisten könnte, sie pleitegehen zu lassen. Kurz nachdem Sie das Manuskript bei Ihrem Verlag abgegeben hatten, geschah genau dies: Der Staat stützte mit Hunderten von Milliarden ein System, das uns sonst um die Ohren geflogen wäre.

Haslett: Die Aufgabe eines Romanciers ist es, sich die Wirklichkeit genau anzuschauen. Zwei Entwicklungen hat es in den vergangenen zehn Jahren in den USA gegeben: eine enorme Militarisierung sowie eine Ausdehnung des Finanzsektors - er hat 40 Prozent der Unternehmensgewinne erwirtschaftet -, und die Folge war eine allgemein spürbare Ohnmacht jedes Einzelnen angesichts der Tatsache, dass das System mächtiger ist als jeder, der es zu regulieren versucht, der Kapitalismus also mächtiger erscheint als jede Regierung. Unser Leben wird von Mechanismen und Institutionen bestimmt, die wir weder kennen noch durchschauen. Ein Zentralbanker verändert einen Dezimalpunkt bei den Zinsen, und am Ende verliert jemand seinen Job. Das alles war deutlich zu spüren.

Franzen: Vor allem hat sich Adam nicht von dem Hype beeindrucken lassen, der um diese Blase gemacht wurde. Das ist eine große Leistung.

SPIEGEL: Ist es nicht erstaunlich, wie schnell sich die Banken wieder erholt haben? Und wie schnell sie wieder Boni ausschütten?

Haslett: Das liegt daran, dass die Zentralbank den Markt mit billigem Geld flutet. Der Chef unserer Notenbank hat seine Dissertation über die Große Depression geschrieben, über die Politik des knappen Geldes. Die hat damals versagt. Jetzt macht er das Gegenteil, und die Banker fahren enorme Gewinne ein.

Franzen: Der Dow Jones ist seit März 2009 um 60 Prozent gestiegen, das ist der heißeste Bullenmarkt, an den ich mich erinnern kann.

SPIEGEL: Empört Sie das?

Franzen: Wenn man in New York lebt, spürt man natürlich, wie die Wirtschaft dieser Stadt davon profitiert, weil viel von diesem Geld in Manhattan bleibt. Aber es ist sehr entmutigend zu sehen, wie sich die Plutokraten der Finanzwirtschaft selbst versorgen. Und es ist auch merkwürdig, wenn ausgerechnet Obama, der Mann, der den Wechsel wollte, erst einmal das System stabilisiert und das Bankensystem rettet.

SPIEGEL: Sind Sie enttäuscht von Obama?

Haslett: Nein. Unter Bush war jede Entscheidung ideologisch grundiert. Wir steckten so tief drin im rechten Sumpf und ritten uns jeden Tag tiefer hinein, dass ich nun schon erleichtert bin, weil es aus diesem Loch wieder herausgeht. Und Obama ist sprachmächtig, das ist der Hauptunterschied, ein guter Stilist. Bush hat sich darin gefallen, Sprache zu zertrümmern und als Mittel der Politik unbrauchbar zu machen. Das hat den öffentlichen Diskurs in unserem Land zerstört.

Franzen: Nach hauchdünnen Wahlsiegen haben die Republikaner das Land vergewaltigt und ausgeplündert, und schauen Sie sich jetzt diesen jämmerlichen Scherbenhaufen an.

SPIEGEL: Mr. Franzen, in diesem Jahr erscheint in den USA und in Deutschland Ihr neuer Roman. Er heißt "Freedom", Freiheit. Ist das ein bissiger Kommentar auf die Bush-Ära?

Franzen: Ich kann nur hoffen, dass jeder die Ironie sofort versteht. "Freiheit" ist der am häufigsten missbrauchte Begriff der Bush-Jahre. Er ist vergiftet, ist ein Krüppel.

SPIEGEL: Kein Wort in der amerikanischen Geschichte hat eine stolzere Tradition. Heutzutage, sagten Sie kürzlich, verstünden viele unter Freiheit nur noch, zwischen Pepsi und Coca-Cola wählen zu dürfen. Was bedeutet Freiheit für Sie?

Haslett: Für die Antwort hat Jonathan 600 Seiten aufgewendet.

Franzen: Genau, deswegen würde ich mich gern vor dieser Frage drücken. Der Roman ist gerade erst zu Ende geschrieben, ich bin noch nicht in der Lage zu einer präzisen, knappen Antwort.



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