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Ausgabe 6/2010

Berlinale "Marty ist in meinem Kopf"

Der Schauspieler Leonardo DiCaprio über seine Arbeit mit dem Regisseur Martin Scorsese und die Bürde, der neue Robert De Niro sein zu müssen


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Leonardo DiCaprio: Die Bürde des neuen Robert De Niro

SPIEGEL: Herr DiCaprio, als Sie in New York zusammen mit Martin Scorsese Ihren neuen Film "Shutter Island" vorstellten, war nicht zu übersehen, wie vertraut Sie und Scorsese miteinander umgehen. Sie werden sich irgendwie immer ähnlicher und haben sogar schon die gleiche Frisur ...

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Heft 6/2010
Die katholische Kirche und der Sex

DiCaprio: ... aber Martys Haare sind weiß. Sonst haben Sie recht. Wir haben viel voneinander übernommen. Das heißt natürlich, ich vor allem von ihm. Marty hat eine Intensität, wer die einmal erlebt hat, den lässt sie nicht mehr los.

SPIEGEL: Ist er für Sie eigentlich nur noch der Marty? Oder sehen Sie in ihm auch die Regie-Legende?

DiCaprio: Ich nenne ihn Marty, aber in jeder Szene, die ich unter seiner Anleitung spiele, läuft in mir das Scorsese-Hintergrundprogramm. All diese unfassbar großartigen Filme, "Good Fellas", "Raging Bull" und natürlich "Taxi Driver", sind in jeder Sekunde, die ich mit Marty drehe, in meinem Kopf. Marty ist in meinem Kopf.

SPIEGEL: Schüchtert Sie dieser Mythos ein?

DiCaprio: Er inspiriert mich. Zum Beispiel Teddy, die Figur, die ich in "Shutter Island" spiele, wird im Laufe des Films immer wahnsinniger. Natürlich habe ich da die ganze Zeit an Robert De Niro in "Taxi Driver" gedacht.

SPIEGEL: "Shutter Island" ist der vierte Scorsese-Film in Folge, in dem Sie die Hauptrolle spielen. Diesmal sind Sie ein US-Marshall, der in den fünfziger Jahren auf einer Gefängnisinsel für psychisch kranke Straftäter ermittelt. Es geht um Traumata, Paranoia und auch um die Frage, ob der Wahrnehmung Ihrer Figur überhaupt zu trauen ist.

DiCaprio: Ja, Teddy ist die kränkste, düsterste, gebrochenste Rolle, die ich bisher bei Scorsese gespielt habe. Das ist richtig anstrengende Schauspielerei.

SPIEGEL: Sie wollen sagen, es reicht nicht mehr, nur Leo zu sein?

DiCaprio: Früher gab es vielleicht Filme, da bin ich mit der Leo-Nummer durchgekommen. Aber dieser Teddy ist eine typische Scorsese-Figur. Man muss sich an ihren Wahnsinn immer aufs Neue heranspielen.

SPIEGEL: Wie spielt man sich an Wahnsinn heran?

DiCaprio: Genau da beginnen die Probleme. Sich reinsteigern in irgendwas kann jeder. Das können Sie auch. Es kommt auf die Dosierung an, auf die Subtilität, die Glaubwürdigkeit und, verzeihen Sie das große Wort, die Menschlichkeit darin. Ich glaube, ich habe am Anfang zu viel Intensität gegeben, habe Teddy immer schon mal ein bisschen brüllen, irre gucken, ausflippen lassen. Marty sagte mir dann, das sei zu früh zu viel.

SPIEGEL: Er stoppt Sie dann?

DiCaprio: Er lässt mich spielen, aber ich sehe schon an seinem Gesicht, dass ihm da gerade etwas nicht gefällt. Wenn er etwas gut findet, hebt er mit einem Mal seinen Kopf aus dieser resignativen Kauerstellung, plötzlich hat er eine unglaubliche Körperspannung, seine Augen blitzen. Er hat etwas gesehen, das ihn interessiert! Man weiß aber meistens nicht, was. Und dann mache ich wieder etwas falsch, und Marty kehrt zurück in diese Kauerstellung.

SPIEGEL: Vielleicht sollte er Ihnen einfach präzise sagen, was er will.

DiCaprio: So funktioniert Marty nicht. Marty erwartet, dass der Schauspieler eine Idee hat. Er fängt dann an, mit dir darüber zu reden, oft stundenlang. Es gibt Kollegen, die das perfekt umsetzen, was der Regisseur verlangt. Die sind nichts für Marty.

SPIEGEL: Scorsese sagt, Sie seien ein "Shape Changer", jemand, der seine Gestalt in Sekunden wechseln kann.

DiCaprio: Ich bin eben kein Method Actor. Method Actors bleiben für die Zeit der Dreharbeiten in ihrer Rolle, was bei einem Film von Marty fast ein Jahr dauern kann. Daniel Day-Lewis zum Beispiel hat beim Dreh von "Gangs of New York" die ganze Zeit seine Rolle nicht verlassen. Mit dem konnte man im Grunde ein Jahr lang kein vernünftiges Wort wechseln.

SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie sich gefühlt haben, als Sie zum ersten Mal einen Film von Scorsese gesehen haben?

DiCaprio: "Taxi Driver". Na klar. Ich habe damals mit Robert De Niro "This Boy's Life" gedreht. Meine erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Ich war 18, und Robert De Niro hat mich natürlich fasziniert. Dann hieß es immer, der war in diesem Wahnsinnsfilm, "Taxi Driver". Ich habe ihn mir dann angeschaut.

SPIEGEL: Sie haben mit De Niro gedreht und kannten "Taxi Driver" nicht?

DiCaprio: Ehrlich gesagt, ich kannte ja kaum De Niro. Mein Vater hat mich mal mit in einen De-Niro-Film genommen. Da war ich 15. Das war dieser ... Wie hieß noch mal der Film, in dem De Niro diesen Kopfgeldjäger spielt?

SPIEGEL: "Midnight Run"?

DiCaprio: Richtig. Mein Vater sagte zu mir: "Hier siehst du einen großartigen Schauspieler. Du willst wissen, was cool ist? Robert De Niro ist cool."



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
mime 12.02.2010
1. Langweiliges Duo
Shutter Island wird wohl einfach nur ein weiterer mittelmäßiger Film von diesem Regisseur-Muse-Duo sein. Da kam seit Jahren nichts wirklich Erwähnenswertes. Da freue ich mich doch viel mehr auf Nolans Neuen, "Inception", ebenfalls mit DiCaprio.
Hunnebuk 13.02.2010
2. Lob
... was für ein gelungenes Interview. Vielen Dank Herr Oehmke
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