Berlinale Der Geisterfilm

Diese Woche feiert Roman Polanskis neuer Thriller "Der Ghostwriter" in Berlin Weltpremiere - ohne den Regisseur, der Ende September wegen eines alten Sexualdelikts verhaftet wurde. Der Film könnte als Kommentar in eigener Sache verstanden werden.
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Polanskis Polit-Thriller: Der Geisterfilm

Foto: Kinowelt

Kein roter Teppich, keine Fans, keine Fotografen. Die Uraufführung von Roman Polanskis neuem Film war eine eher stille Angelegenheit. Sie fand statt am 17. Januar, einem Sonntag, in Polanskis Schweizer Chalet, einem Holzhaus am Ortsrand von Gstaad. Milky Way, Milchstraße, steht in Frakturschrift an der Fassade. Polanski hat sich in dem Chalet eine Heimkinoanlage installieren lassen, Leinwand, Beamer, perfekter Sound, perfektes Bild.

Sein Produzent hatte ihm ein paar Tage zuvor aus Paris die DVD mit der Endfassung geschickt. Aber Polanski wollte den Film, seinen Film, nicht allein gucken und lud einen Freund, den britischen Schriftsteller Robert Harris, nach Gstaad ein. Harris hat Bestseller wie "Vaterland" und "Pompeji" geschrieben und war in den vergangenen drei Jahren Polanskis wichtigster Mitarbeiter. Von ihm stammt die Romanvorlage zum "Ghostwriter", und gemeinsam mit Polanski schrieb er auch das Drehbuch. Harris reiste extra aus England an für diesen Abend, er brachte eine Flasche Champagner mit. "Als der Film zu Ende war, haben wir die Flasche aufgemacht. Wir hatten allen Grund dazu", sagt Harris. "Weil unter denkbar schwierigen Umständen etwas geschaffen wurde."

Am Freitag dieser Woche wird Harris wieder zu einer Feier für den "Ghostwriter" fahren, diesmal nach Berlin, zur offiziellen Weltpremiere bei der 60. Berlinale. "Der Ghostwriter" läuft im Wettbewerb um den Goldenen Bären, allerdings nicht als Eröffnungsfilm. "Das wäre vielleicht als Statement zu etwas verstanden worden, in das wir uns nicht einmischen wollen", sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Mehr als 2000 Gäste werden zur Vorstellung am Potsdamer Platz erwartet, darunter die Hauptdarsteller Ewan McGregor und Pierce Brosnan, der pensionierte James Bond. Polanski aber wird nicht dabei sein.

Am 26. September ist er auf dem Flughafen Zürich verhaftet worden. Die Geister der Vergangenheit hatten ihn eingeholt, in Gestalt eines mehr als 30 Jahre alten amerikanischen Haftbefehls. 1977 hatte Polanski, damals 43 Jahre alt, in Los Angeles die 13-jährige Samantha Gailey sexuell missbraucht. 42 Tage lang wurde Polanski zur psychologischen Untersuchung ins Staatsgefängnis von Chino gesperrt. Am Ende sprachen sich alle Verfahrensbeteiligten, auch der Anwalt des Opfers, für eine Bewährungsstrafe aus. Nur der Richter machte einen Rückzieher. Am 31. Januar 1978, einen Tag vor der Urteilsverkündung, stieg Polanski in Los Angeles in ein Flugzeug nach Europa, one way.

In die USA kehrte Polanski nie zurück, auch nicht, als er 2003 für sein Holocaust-Drama "Der Pianist" den Oscar bekam. Dass sein Opfer ihm öffentlich verzieh und wiederholt die Einstellung des Verfahrens forderte, half ihm nicht.

Lange galt der Sex-Skandal als nur eine weitere bizarre Episode im unglaublichen Leben des Roman Polanski, 1933 in Paris geboren, in Krakau aufgewachsen, Regisseur von Meisterwerken wie "Rosemaries Baby" und "Chinatown", eines der größten Genies in der Geschichte des Kinos, ein Überlebenskünstler. Polanskis Mutter wurde von den Nazis in Auschwitz ermordet, seine zweite Frau Sharon Tate wurde, hochschwanger, 1969 mit ihrem ungeborenen Kind von Anhängern des Satanisten Charles Manson umgebracht.

Seit der Verhaftung in Zürich ist der Fall Polanski zum Politikum geworden, ein Kulturkampf, der die halbe Welt polarisiert. Politiker schalteten sich ein, aber auch viele prominente Kollegen aus der Filmbranche. Sympathisanten unterzeichneten, oft ohne mit den Details des Falls vertraut zu sein, Petitionen pro Polanski, seine Gegner diffamierten ihn, meist ebenso blindwütig, als Kinderschänder. Polanski lebe in "einer Scheinwelt der Selbstgefälligkeit" und müsse endlich in den USA vor Gericht gestellt werden, urteilte das "Wall Street Journal".

Mehr als zwei Monate verbrachte Polanski in einem Schweizer Gefängnis. Seine Anwälte, Juristen in der Schweiz, in Frankreich, in den USA, versuchen, seine Auslieferung zu verhindern. Seit Anfang Dezember lebt er nun, nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 4,5 Millionen Franken, in seinem Chalet in Gstaad. Eine Polizeieskorte brachte ihn dorthin, empfangen wurde er von mehr als hundert Fotografen, Kameraleuten und Journalisten, einige von ihnen mieteten sogar Hubschrauber, um einen Schuss von oben zu bekommen. "Schakale", so nennt Polanski die Meute draußen vor seinem Haus. Er spricht nicht mit Journalisten, auch nicht mit dem SPIEGEL. Wenn man Glück hat, schreibt er eine E-Mail: "Es tut mir leid, aber ich möchte nicht interviewt werden."

Statt seiner spricht Robert Harris, der Schriftsteller und Freund. Harris lebt in einem alten Pfarrhaus in der Grafschaft Berkshire, hundert Kilometer westlich von London. "The Old Vicarage" sieht aus wie ein kleines Schloss in einer Jane-Austen-Verfilmung. Im Hof parken vier Autos, darunter ein Aston Martin. Harris ist 52 Jahre alt, er hat inzwischen die Aura eines Landadeligen, früher einmal war er ein Politikjournalist. In der "New York Times" schrieb er im vergangenen Jahr einen wütenden Gastkommentar, für Polanski natürlich: "Warum verhaftet man ihn gerade jetzt?", fragte Harris. "Wenn er so eine Gefahr und ein moralischer Affront für die zivilisierte Welt ist", hätte man ihn längst verhaften müssen. Das sei, aus guten Gründen, nicht passiert.

"Ich gehe dahin, wo die Menschen mich wollen"

"Jemand musste ihn verteidigen", sagt Harris heute. "Auf einen, der sich für Roman ausspricht, kommen fünf, die gegen ihn sind." Er will nichts darüber sagen, was die beiden Freunde in den vergangenen Wochen so alles miteinander besprochen haben. Nur so viel: "Romans Antwort auf seine Feinde ist es, das zu tun, was er am besten kann: einen guten Film machen."

Ursprünglich wollte Polanski Harris' Historienroman "Pompeji" verfilmen. Harris fuhr nach Paris, weil Polanski wegen des Haftbefehls nicht nach England konnte. Sie schrieben gemeinsam das Drehbuch, aber der Film hätte wegen der aufwendigen Spezialeffekte 150 Millionen Dollar gekostet. Stattdessen schickte ihm Harris seinen neuen Roman "Ghost", versehen mit der als Witz gedachten Widmung: "Vielleicht sollten wir dies hier als Nächstes machen. Keine Vulkane, keine alten Römer."

"Ghost" ist die Geschichte eines smarten ehemaligen britischen Premierministers namens Adam Lang, der nicht nur zufällig Ähnlichkeit mit Tony Blair hat. Der Ex-Premier muss seine Memoiren fertigstellen. Langs Verleger macht Druck, schließlich hat er dem Politiker zehn Millionen Dollar Vorschuss gezahlt. Wie in solchen Fällen üblich, wird ein Ghostwriter angeheuert - bereits der zweite. Der erste, ein langjähriger Mitarbeiter Langs, ist unter ungeklärten Umständen vor Martha's Vineyard ertrunken. Dort, auf der Insel vor der amerikanischen Ostküste, hat der Verleger ein Ferienhaus, zugleich der provisorische Wohnsitz des Ex-Premiers während der Arbeit am Buch.

Kaum sitzt der neue Ghostwriter dem Mann gegenüber, dessen Autobiografie er verfassen soll, gibt es Ärger. Seit Jahren ist der Politiker unter Beschuss, weil er den USA in den Irak-Krieg folgte. Nun ermittelt auch noch der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag gegen ihn, weil er als Premierminister britische Staatsbürger im Anti-Terror-Kampf verschleppen ließ, ein mutmaßliches Kriegsverbrechen - und ein ungewöhnlich aktueller, politisch brisanter Stoff für einen Thriller, gespickt mit bissigen Kommentaren über die USA. "Polanski sagte zu mir, der Roman ist das Drehbuch", erzählt Harris.

Wegen der Ermittlungen sitzt der Ex-Premier in den USA fest. Sein Anwalt gibt ihm "den dringenden Rat, vor Abschluss der Angelegenheit in kein Land zu reisen, das die Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs anerkennt", heißt es im Buch. Wenn ein paar Richter sich wichtig machen wollten "und einen Haftbefehl ausstellen, dann kann man Sie festnehmen". Alles sei "besser, als in Heathrow in Handschellen abgeführt zu werden".

Die Probleme des erfundenen Politikers ähneln also zum Verwechseln denen des real existierenden Roman Polanski: zwei Kosmopoliten in der Falle, eingeholt von ihrer Vergangenheit und deshalb in ihrer Reisefreiheit stark eingeschränkt. Zwei mächtige Männer im Clinch mit einem als unfair empfundenen Rechtssystem. "Ich gehe dahin, wo die Menschen mich wollen", sagt Harris' fiktiver Ex-Premier.

Der Spielfilm könnte also als Kommentar in eigener Sache verstanden werden, als weiterer Beleg für Polanskis These, dass "in meinem Leben die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit hoffnungslos verwischt" sei, wie er 1984 in seiner Autobiografie schrieb.

Die Ähnlichkeiten zwischen Fiktion und Leben "müssen ihn angezogen haben", sagt Harris, "vielleicht im Unterbewusstsein". Die Ironie der Geschichte sei jedenfalls "schwer zu übersehen" - zumal der Film ausgerechnet in den beiden Ländern spielt, in die Polanski nicht reisen konnte, England und Amerika. Gedreht wurde schließlich in Deutschland: Sylt und Usedom doubelten Martha's Vineyard, die Charlottenstraße in Berlin-Mitte wurde mit roten Doppeldeckerbussen und englischen Verkehrsschildern in eine Londoner Straße verwandelt.

So prekär Polanskis Situation jetzt auch sein mag: Er hatte Glück im Unglück. "Wenn er, sagen wir, schon im April verhaftet worden wäre, hätte es ein Desaster gegeben. Es hätte Bankrott bedeutet", sagt Harris. Im April 2009 steckte Polanski mitten in den Dreharbeiten der 40-Millionen-Dollar-Produktion. Wenn während eines Spielfilmdrehs der Hauptdarsteller sich ein Bein bricht oder der Regisseur vom Bus überfahren wird, kommt in der Regel eine Versicherung für den finanziellen Schaden auf. Gegen jahrzehntealte Haftbefehle gibt es keine Versicherung.

Während Polanskis Auslieferungshaft in einem Gefängnis in Winterthur durften ihn nur sein Anwalt und seine Frau besuchen. Der Film war zwar abgedreht, aber die Postproduktion noch nicht abgeschlossen. Man habe Polanski über seinen Rechtsanwalt DVDs in die Zelle geschickt, aus denen er den Fortschritt habe ersehen können. "Die Endfassung ist exakt die Version, die Polanski haben wollte", sagt sein Produzent Robert Benmussa. Als Harris Polanski besuchte, kontrollierte er gerade die deutschen Untertitel des "Ghostwriter".

In Gstaad muss Polanski nun eine elektronische Fußfessel der Schweizer Firma Securiton tragen. Sollte er sein Grundstück verlassen und versuchen zu fliehen - nach Frankreich zum Beispiel, wo er vor amerikanischen Staatsanwälten sicher wäre -, würde Alarm ausgelöst.

Ansonsten darf Polanski in seinem Chalet bis zur endgültigen Entscheidung über den Auslieferungsantrag tun und lassen, was er will: Besucher empfangen, telefonieren, Champagner trinken, über seine Zukunft nachdenken, musizieren. Auf dem neuen Album seiner Frau Emmanuelle Seigner singt Polanski mit ihr ein Duett. "Was machen Sie in meinem Bett?", fragt Seigner, "ich bin die Liebe persönlich", antwortet Polanski.

Kurz vor Jahresende bedankte sich der Regisseur via Brief an den Pariser Großintellektuellen Bernard-Henri Lévy, den dieser auf seiner Website veröffentlichte, für die Unterstützung "aus der ganzen Welt". Solidaritätsbekundungen seien "ermutigend, wenn man in einer Zelle eingeschlossen ist", schrieb Polanski, "in den dunkelsten Augenblicken" habe ihm jede Botschaft "Trost und Hoffnung" verschafft.

Die Ungewissheit wird noch eine Weile anhalten: Der Antrag von Polanskis Anwälten, in Los Angeles in Abwesenheit gegen ihn zu verhandeln, lehnte ein kalifornischer Richter am 22. Januar ab. "Polanski muss sich dem Gericht stellen", verfügte der Richter und bot ihm "Zuckerbrot statt Peitsche" an. Polanskis Anwälte wollen die Entscheidung anfechten. In der Schweiz erklärte Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, das Auslieferungsverfahren könne noch "bis zu einem Jahr dauern". Es drängt sich der Eindruck auf, dass alle Seiten versuchen, das Verfahren zu verschleppen. Die Amerikaner warten auf eine Entscheidung der Schweizer - und die Schweizer auf eine Entscheidung aus den USA.

Angeblich, das sagt jedenfalls seine Ehefrau, hat Polanski bereits mit den Vorbereitungen für seinen nächsten Film begonnen: Er arbeite an der Adaption von Yasmina Rezas Theaterstück "Der Gott des Gemetzels". Das Drama spielt in einem einzigen Raum.