AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2010

Tiere Teure Gefangenschaft

In den USA treiben Cowboys Mustangs zusammen, um ihnen die Freiheit zu rauben - im Regierungsauftrag. Fressen die verwilderten Pferde den Rinderzüchtern die Weiden kahl?

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Das Knattern des Helikopters zerreißt die Stille wie Sturmgewehrfeuer. In halsbrecherischen Manövern kurvt die Maschine durch die Winterluft der Calico Mountains im Nordwesten Nevadas, unter sich eine Herde panisch galoppierender Mustangs.

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Heft 8/2010
118 Tage Vizekanzler Westerwelle

Immer wieder korrigiert der Pilot den Kurs, damit die Pferde nicht ausbrechen können. Schließlich endet die Hetzjagd. In ein Gehege getrieben, gibt es für die Pferde kein Entkommen mehr. Ihre Freiheit haben sie für immer verloren.

Im Westen der USA treiben Hightech-Cowboys derzeit Herden von Mustangs zusammen - im Auftrag der US-Regierung. Rund 12.000 der Pferde, über ein Drittel ihrer Gesamtzahl, will das "Bureau of Land Management" (BLM) bis Ende September in den Weiten Nevadas, Colorados, Wyomings und anderer US-Bundesstaaten eingefangen haben.

"Die Zahl der Pferde explodiert", rechtfertigt Don Glenn, Chef des Mustangprogramms, die großangelegte Hatz. Um 20 Prozent würden die Herden jährlich anwachsen: "Ohne Regulierung zerstören die Tiere ihren eigenen Lebensraum und drohen zu verhungern."

Doch viele Amerikaner halten den Zusammentrieb für einen Skandal. Tierschützer und Ökologen wollen den Mustangs die Freiheit erhalten. Auch Künstler wie die Sängerin Sheryl Crow oder der Schauspieler Viggo Mortensen setzen sich für die Tiere ein.

"Die Regierung behandelt die Pferde wie Kakerlaken", sagt etwa Bryan Monell von der Organisation "Last Chance for Animals". Eine Lobby aus Rinderzüchtern, Jägern, Bergbau- und Energieunternehmen sieht er am Werk. Tatsächlich geht es bei dem Streit vor allem darum, wer das öffentliche Land in den USA kontrolliert. Präsident Barack Obama hat ausgerechnet den Demokraten Kenneth Salazar zum Innenminister gemacht - einen Ranchbesitzer aus Colorado.

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Wilde Pferde: Hetzjagd im Cowboyland

"Rancher und Landentwickler haben sich gegen das öffentliche Interesse verschworen", schimpft der Ökologe Craig Downer. Viele Mustangpopulationen befänden sich in einer "Abwärtsspirale". Zahllose Herden seien bereits zerstört, Zehntausende Pferde sterilisiert.

Statt in Freiheit leben zu können, klagt Downer, bekämen die Mustangs auf Weiden ihr Gnadenbrot - auf Kosten der Steuerzahler. 66 Millionen Dollar wird das Mustangprogramm allein in diesem Jahr verschlingen. Mehr als die Hälfte davon kostet es, die bereits in den vergangenen Jahren eingefangenen rund 34.000 Mustangs durchzufüttern und zu pflegen.

"Inzwischen leben schon genauso viele Mustangs in Gefangenschaft wie in Freiheit, das ist doch Irrsinn!", schimpft Downer. "Die Regierungsleute behaupten, dass sie den amerikanischen Westen lieben; doch warum tun sie den Pferden dann so etwas an?"

Der Mustang ist das schönste Symbol amerikanischen Pioniergeistes. 1519 setzten die ersten Hauspferde ihre Hufe auf nordamerikanisches Festland. Der spanische Eroberer Hernán Cortés brachte sie mit. Einige der heute lebenden Mustangs sind direkte, verwilderte Nachkommen der Konquistadoren-Pferde. Die meisten Tiere aber sind bunte Mischungen verschiedener Pferderassen, die in den vergangenen Jahrhunderten in die Neue Welt gelangten.

Auf dem Rücken der Pferde erschlossen die Siedler einst den Westen. Für die Amerikaner verkörpern die zähen Tiere Freiheit, Unabhängigkeit und Stärke. "Wir sind eine Cowboy-Nation", sagt Deanne Stillman, Autorin eines 2008 erschienenen Mustangbuchs. "Pferde sind unser Kulturerbe; sie waren seit dem ersten Tag an vorderster Front dabei."

Und doch ist das Verhältnis der US-Bürger zu ihren Mustangs seit je gespalten. Hunderttausende von ihnen soll es früher in den USA gegeben haben. Als Cowboys Mitte des 19. Jahrhunderts nach und nach etliche Millionen Rinder in die Region trieben, waren die Pferde bald unliebsame Konkurrenz auf den Weiden. Einige Zeit durften sie noch den Hausstand der Siedler schleppen und Soldaten in den Bürgerkrieg tragen. Schließlich jedoch hatte nur noch ihr Fleisch einen Wert. Die Mustangs wurden verwurstet oder zu Hundefutter verarbeitet.

Erst Velma Johnston aus Nevada, besser bekannt als "Wild Horse Annie", kämpfte in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegen das Schlachtfest. Sie trug ihre Empörung über das Pferdemassaker bis nach Washington und scharte auf dem Weg fast das ganze Land hinter sich. 1971 verabschiedete der US-Kongress den "Wild Free-Roaming Horses and Burros Act": Wilde, freilebende Pferde "bereichern das Leben der Amerikaner und sollen vor Fang, Brandzeichen, Drangsalierung oder Tod beschützt werden", heißt es in dem Gesetz. Die US-Regierung deklarierte daraufhin rund 20 Millionen Hektar Land als Lebensraum für die Mustangs.



insgesamt 22 Beiträge
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Grantelbart 25.02.2010
1. Lobbyisten am Wrk
Tja was soll man dazu sagen...Widerlich das Ganze. Na klar, und die Millionen eingeschleppten Rinder für die fetten Burger sind natürlich nicht "fremd" im gegensatz zu den Pferden, haha! Ich hoffe auf die letztendliche Vernunft der Regierung, befürchte aber, das ist blauäugig.
vielblabla, 25.02.2010
2. Freies Fleisch für fette Bürger
Es reicht offensichtlich nicht, dass für diverse Burgerketten schon viele Urwälder geopfert wurden, damit sich "Menschen" bis zur Fettleibigkeit mit Fleisch vollstopfen können.
Zorpheus 25.02.2010
3. Völlig richtig so.
Ich finde das vollkommen richtig so, die sollten eher noch mehr fangen. Die Zahl pflanzenfressender Tiere wird normalerweise durch natürliche Feinde beschränkt. Wenn es zu viele werden, haben es die natürlichen Feinde leichter, sich zu ernähren und ihre Jungen durchzufüttern. Dadurch vermehren sie sich, und halten die pfanzenfressende Population wieder kleiner. Die nächsten Jahre verhungern dann wieder einige Fraßfeinde, oder schaffen es nicht Junge großzuziehen. So etwas eigentlich grausames ist ganz natürlich. Gibt es keine natürlcihen Feinde, wird die Population nur durch das Nahrungsangebot beschränkt. Die Pferde vermehren sich einfach, bis sie nichts mehr zu fressen finden. Dann würden auch die meisten Pferde verhungen. Daran ist nichts besser als an der jetzigen Lösung.
saul7 25.02.2010
4. ++
Zitat von sysopIn den USA treiben Cowboys Mustangs zusammen, um ihnen die Freiheit zu rauben - im Regierungsauftrag. Fressen die verwilderten Pferde den Rinderzüchtern die Weiden kahl? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,679479,00.html
Hier zeigt sich wieder einmal das menschliche, rücksichtslose Expansionbestreben, das vor nichts haltmacht. :-(((
Haio Forler 25.02.2010
5. .
Zitat von sysopIn den USA treiben Cowboys Mustangs zusammen, um ihnen die Freiheit zu rauben - im Regierungsauftrag. Fressen die verwilderten Pferde den Rinderzüchtern die Weiden kahl? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,679479,00.html
McDonalds kann ja Pferde-Burger anbieten. Ökologischer geht es doch nicht. Mac Mustang, wild wie Du selbst.
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