Erinnerungen Sprachloses Kind

Was damals im Internat wirklich geschah.
Von Bodo Kirchhoff

Ich bin missbraucht worden - ein Wort, das nicht viel taugt, das nicht weiterhilft, das nur die ganze Misere der Sprachlosigkeit zeigt. Was ist geschehen? Ich war zwölf, ein hübsches Internatskind, und der Heimleiter und Schulkantor, ein Mann wie Winnetou (der meiner Phantasie, bevor es die Filme gab), Anfang dreißig, langes Haar (1960!), Roth-Händle-Raucher, Cabrio-Fahrer, führte mich, weil ich über Kopfweh geklagt hatte, am späten Abend auf sein Zimmer. Dort zog er mir einen gepunkteten Schlafanzug aus - man merkt sich auch das kleinste Detail -, nahm meinen Kopf in die Hände und küsste mich, seine Zunge schmeckte nach Rauch und Odol, unvergesslich. Ich war noch nie so geküsst worden und erwiderte den Kuss, um nicht unhöflich zu sein, aber es war auch ein Bedürfnis, frisch geweckt; und ich dachte, es sei seine Art, Kopfweh zu heilen. Dann streichelte er mein kindliches Ding, es wurde groß und hart, glühend gegen meinen Willen, also schämte ich mich auch glühend, und Winnetou flüsterte mir in den Mund "Dem Schwein ist alles Schwein, dem Reinen ist alles rein." Das waren seine einzigen Worte in dieser ersten Nacht von vielen.

Aber mit Streicheln war es nicht getan, er wollte mehr, ich sollte das Stigma der Lust tragen, von ihm empfangen. Er küsste das Harte, er streichelte es, er machte immer weiter, gnadenlos zärtlich, und ich hatte den ersten Orgasmus - von diesem Wort noch viele Jahre entfernt. Ich wusste nicht, was da unten los war, es war der Wahnsinn, wie man heute sagt, damals ein loderndes Rätsel zwischen den Beinen. Aus dem kindlichen Ding war innerhalb einer Nacht ein Schwanz geworden - ich war ein sprachloses Kind mit Schwanz. Und mein Stigmatisierer war ein großartiger Kantor und verdammter Päderast, ein so verdammter Knabenlutscher wie all die Patres, die jetzt auffliegen. Und für ihn galt kein Zölibat; die Internatsschule (Gaienhofen am Bodensee) ist evangelisch - und seit langem nicht mehr mit dem zu vergleichen, was mir dort zugestoßen war. Schon Mitte der achtziger Jahre ging ich, vor einer Lesung an der Schule, in das Zimmer, in dem mir Ältere jahrelang übel mitgespielt hatten (nicht sexuell), und drei Mädchen saßen auf dem Boden und kochten Tee.

Die Gewalt lasse ich hier weg; sie haut nur rein, und später gibt man damit an. Man erzählt davon, weil von vornherein eine Sprache dazu existiert hat - die gab es im Bett nicht. Der Päderast flüstert geilen Unsinn, seine Sprache ist so verklärt wie versaut, ein gebildetes obszönes Delirieren. Winnetou hat Scheiße geflüstert, die ich für Gold hielt; alles im Leben des Päderasten dreht sich um hilflosen Sex, ohne dass es eine geklärte, mit anderen teilbare Sprache dazu gibt, wie auch. Winnetou war in der Schule mein Religionslehrer; er hat von Jesus geredet und an meine Seufzer unter seinen Händen gedacht, das hat er mir später gestanden. Er holte mich unter immer neuen Vorwänden auf sein Zimmer, mal um meine Gitarre zu stimmen, mal um mir den 23. Psalm zu erklären. Er war der Hirte meiner Lust, es mangelte mir an nichts; das finstere Tal kam, als die Sonne aufging. Und böse war ich ihm erst, als auf einer Konzertreise durch Finnland in langen weißen Sommernächten herauskam, dass ich bei weitem nicht der Einzige war. So was haut auch rein.

Nach dieser Reise habe ich ihn nie wieder gesehen, er ist mit Billigung der evangelischen Landeskirche davongekommen, und ein Menschenleben lang habe ich daran gedacht, wie es wäre, ihn noch einmal zu treffen. Im Internat gab es keinen Skandal, es gab nur Verhöre durch Leute, die alles ganz genau wissen wollten, um sich darüber, eher aber daran zu erregen. Ich musste über etwas sprechen, zu dem es keine Sprache gab, ich musste mir eine erfinden, auch so wird man Schriftsteller. Und diese Arbeit an einer Sprache der Sexualität ist noch immer nicht beendet; weder die Aufklärungswelle der späten Sechziger und schon gar nicht die Flut der Pornografie in den Jahrzehnten danach und das unendliche libertäre Geschwätz in Talkshows und im Internet haben daran irgendetwas geändert. Der ganze Sex-Sprachmüll hat die Sprachnot der Betroffenen nicht gelindert, im Gegenteil: Für die schlichte Wahrheit gab es jetzt gar keine Worte mehr. Und lieber behält man intimen Schmutz für sich, als ihn einer schmutzgierigen Welt auszusetzen, die sich nur respektlos erschüttert zeigt.

"Keinem der Betroffenen sieht man an, wie viel in ihm kaputt ist."

Ich war zwölf, und ich war schmutzig - verdorben, sagte man damals, nicht ahnend, wie treffend dieses Wort ist. Einerseits war ich nach Winnetou nie in Gefahr, mich auf andere Jungs oder später auf Männer zu werfen (obwohl mir Männer gefallen können), denn das Internat war zum Glück gemischt, und irgendwann gab es eine Mitschülerin und das dichte Schilf am Untersee; andererseits hat meine Sexualität bis heute etwas Verwahrlostes, einen Mangel an Verbindlichkeit, dem ich ständig sprachlich zu begegnen versuche. Ich habe sogar mein Studium danach ausgesucht (Psychoanalytische Pädagogik rauf und runter), und auch meinen Beruf - ohne dass ich eine Wahl gehabt hätte und ohne dass Schriftsteller ein echter Beruf wäre (eher eine noble Tarnung eigener Schwäche). Ein lebenslanges faustisches Bemühen, kann man sagen, um das sprachlose Schwanzkind durch Erkenntnis zu retten (öffentlich in der Frankfurter Poetikvorlesung 1994 und in dem Roman "Parlando" 2001). Doch erst die jetzige Debatte hat mich so zum Reden gebracht, dass es peinlich ist (für mich und die, denen ich nahe bin). Wie aber muss es da erst um die stehen, die trotz ihres Winnetous lebenslang keine Gelegenheit zur Spracharbeit hatten, weil sie normale Berufe ausüben?

Der sogenannte Missbrauch - natürlich konfessionsübergreifend, was sonst - hinterlässt ein ungeheures Sprachloch. Es ist ein Loch - das Wort Narbe wäre schon ein Euphemismus -, das weder die Zeit heilen kann noch Prozesse; der Begriff Verjährung ist in jedem Fall absurd. Ja, mit den Jahren vergrößert sich dieses Loch sogar, denn zur mangelnden Sprache kommen noch die immer ungenaueren, von keiner Sprache geretteten Erinnerungen. Kaum etwas bestärkt mich deshalb mehr als eine kleine, wahrhaftige Geschichte, die im Laufe eines Schreibseminars entsteht, wie ich sie mit meiner Frau am Gardasee halte, eine Geschichte, bei der ein Sprachspalt über einem sexuellen oder anderen Schrecken erzählend geschlossen wird.

Die öffentliche Reue oder christliche Entschuldigung im Fernsehen ist dagegen sprachlich ein Gestammel, das an Tiger Woods und Bill Clinton erinnert, wie auch das Stammeln derer, die nur das Wort Missbrauchsopfer für sich kennen und laufend wiederholen.

Ich war ein Kandidat für meinen Winnetou-Kantor, wie es Kandidaten an der Odenwaldschule und anderen Internaten gab, unzählige - im Übrigen seit langem bekannt, man musste sich nur dafür interessieren.

Es gab immer ein Gerede, doch erst jetzt wird daraus ein Reden, und nur das, nichts sonst, kann dem Geschehenen ein Gesicht geben. Sexuelles Erwachsenwerden ist lebenslange Arbeit, wenn in den Anfängen etwas dramatisch schiefgelaufen ist; mit aufgeblasenen, frühreifen Körperteilen ist so wenig zu spaßen wie mit hohlen Worten. Wer ein sexuelles Schicksal hat - mehr als eine sexuelle Biografie -, der muss früher oder später davon erzählen, um nicht kindisch darin zu verharren (mein ganzes Schreiben handelt von kaum etwas anderem).

Nachdem es mit Winnetou und mir vorbei war - um das hier zu Ende zu erzählen -, war ich, wie gesagt, ein sprachloses Kind mit Schwanz (für früh verführte Mädchen gilt dasselbe, nur noch drastischer ausgedrückt). Ich zappelte sozusagen an diesem Stück von mir, das ein Mann in seinen Mund genommen hatte, bis alles zu spät war, und letztlich geht es darum, diesen Spieß umzudrehen: das in den Mund zu nehmen und auszusprechen, was unfassbar war (und was meine Eltern in einer verklebten, seligen Zeit nicht einmal geahnt hatten), was mein verstecktes Ich blieb, so schrecklich wie interessant.

Missbrauch - ohne physische Gewalt wohlgemerkt, also der häufigere Fall - ist nicht nur ein Delikt, sondern spielt sich auch auf dem weiten Feld der Liebe ab. Und dort ist es, aus meiner Sicht (um nicht Opfersicht zu sagen), ein viel zu frühes Begehrtwerden, eine Körpererweckung, ohne die Sprache mitzuziehen. Aus Sicht des Päderasten - der sich immer als Pädagoge gibt, mit allen Insignien des Akademischen - ist es einfach ein Begehren, halbseiden zwar, aber mit voller Kraft. Aschenbach, berühmtester aller halbseidenen begehrenden Bildungsmenschen aus "Der Tod in Venedig", weiß sich "am Narrenseile geleitet von der Passion"; und sein unglücklicher Schöpfer Thomas Mann geht noch weiter: Die Erkenntnis all dessen hat für Aschenbach "Sympathie mit dem Abgrund, sie ist der Abgrund".

Päderasten sind unbelehrbar, wie alle wirklich Liebenden. In diesem Punkt sind sie dumm, und dumm sind auch die beflissenen Aufarbeiter, wenn sie von damaligen Exzessen sprechen - was Exzesse sind, sollte man beim Marquis de Sade nachlesen. Was mir widerfahren ist, waren Doktorspiele, Ferkeleien, unausgegorener Sex, aber gepaart mit stummer Liebe, einem echten Begehren. Und wer begehrt, begehrt, ob Knabenlippen, die Hüften einer Frau oder das Leid des Gekreuzigten wie der Heilige Franziskus. Da ist jede Entschuldigung nur Theater; wir müssen uns schon selbst verzeihen (und auch selbst entschädigen).

Die Winnetous oder falschen Pädagogen sind, wie sie sind, sexuelle Freaks im Kleinen, und genau das reichen sie weiter. Keinem der Betroffenen sieht man an, wieviel in ihm kaputt ist, welchen Umfang das Sprachloch hat; jeder hat seine Scheinsprache entwickelt, um mit sich und der Welt klarzukommen. Macht kaputt, was euch kaputtmacht, hieß es, als ich Student in meinem Gehäuse war; aber es reicht, davon Wort für Wort, ohne Rücksicht auf sich und andere, zu erzählen.