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Gabourey Sidibe: XXL-Cinderella Hollywoods

Foto: Kevork Djansezian/ Getty Images

Kino Hollywoods Aschenputtel

Sie ist schwarz, dick und ungeheuer talentiert: Gabourey Sidibe wird seit ihrer Oscar-Nominierung für den Film "Precious" als Jungstar gefeiert. Der Erfolg der 150-Kilo-Frau entfacht eine Debatte um Schönheitsideale.

Was soll ich jetzt nur mit den ganzen Kleidern machen?", fragt Gabourey Sidibe, lacht und blickt durch das Fenster auf den Central Park, in dem der letzte Schnee des Winters taut. Sie ist hier aufgewachsen, in New York, aber ein paar Kilometer weiter nördlich, in Harlem, in einer Gegend, in der man nur davon träumen kann, eines Tages aus dem achten Stock eines Luxushotels auf den Central Park zu schauen.

Doch in den vergangenen Wochen ist sie einige Kilometer über rote Teppiche gelaufen, bei all den Preisverleihungen, bei denen sie nominiert war für die Darstellung einer schwer übergewichtigen Analphabetin in dem Film "Precious - Das Leben ist kostbar", der in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt. Sidibe, 26, wird als schauspielerische Sensation gefeiert, denn vor "Precious" hatte sie noch nie vor der Kamera gestanden. Sie wiegt mehr als 150 Kilo.

Die Kleider für die vielen Verleihungen mussten ihr auf den Leib geschneidert werden, damit sie sich darin halbwegs anmutig und elegant bewegen konnte. "Ich sollte sie verschenken." Nun hält sie inne, wirkt für einen kurzen Moment fast etwas wehmütig. Die Party, das weiß sie, ist bald vorbei. Und kein Mensch vermag zu sagen, ob sie jemals weitergeht.

Die Oscar-Verleihung vor zwei Wochen, bei der Sidibe als beste Hauptdarstellerin nominiert war, am Ende aber der Konkurrentin Sandra Bullock applaudieren musste, war der bisherige Höhepunkt ihrer steilen Laufbahn. Strahlend, charmant und selbstbewusst zeigte sie sich der Welt. Doch wie viele Rollen hat Hollywood einer Frau wirklich zu bieten, in deren Körper ein schlanker Star wie Keira Knightley dreimal hineinpasst?

"Man hätte ihr den Oscar geben sollen, denn die Arme wird nie wieder eine Rolle kriegen", höhnte das berüchtigte New Yorker Lästermaul Howard Stern in seiner Radiosendung. Die "allerfetteste Tussi" Sidibe habe bei der Verleihung kaum in die Sitzreihe gepasst, fügte er hinzu, eigentlich hätte sie zwei Plätze gebraucht. Daraufhin wurde Stern von zahlreichen Internet-Bloggern als Rassist bezeichnet, die Schauspielerin Whoopi Goldberg verteidigte Sidibe vehement.

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"Precious": Leid, Mut, Hoffnung

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Sidibes Erfolg hat in den USA eine heftige Debatte um Fettleibigkeit, Schönheit und Gesundheit ausgelöst, sie schwelte schon monatelang, nach der Oscar-Verleihung ist sie offen ausgebrochen. Es geht um Diskriminierung, Rassismus und um die Frage, ob jeder Amerikaner so sein darf, wie er will - vor allem so dick. Es geht also um den American Way of Life. "Ich weiß nur eines", sagt Sidibe, "ich möchte kein Symbol sein, für nichts und niemanden. Ich passe gut in mein Leben, aber ich passe in keine Schublade."

"Ich suchte einen halbwegs spannenden Job"

Die Tochter eines Taxifahrers aus dem Senegal und einer Sängerin, die durch Auftritte in der New Yorker U-Bahn die Familie ernährte, hatte kaum schauspielerische Erfahrung, als sie zum Casting für den Film "Precious" ging. "Ich hatte einfach keine Lust mehr zu studieren und suchte einen halbwegs spannenden Job", sagt Sidibe. Sie hatte angefangen, Psychologie zu studieren, um Therapeutin zu werden, und finanzierte das Studium über die Arbeit in einem Callcenter.

Der Regisseur Lee Daniels hatte zuvor schon rund 500 Frauen für seinen Film "Precious" gecastet, professionelle Schauspielerinnen und Laien. Sein Film beruht auf dem Roman "Push" der New Yorker Schriftstellerin Sapphire, spielt im Harlem der achtziger Jahre und erzählt von der jungen Schwarzen Claireece Jones, genannt Precious, die von ihrem Vater missbraucht und von ihrer Mutter verprügelt wird. Sie hat ein behindertes Kind und bekommt am Ende Aids.

Doch Daniels wollte keinen Film machen, der den Zuschauer in tiefe Depression stürzt. Er wollte, dass die Zuschauer Precious für ihre Würde bewundern, statt sie zu bemitleiden. So suchte er nach einer Darstellerin, die glaubwürdig vermitteln kann, wie eine Frau aus Leid Stärke entwickelt. Wie "von Gott gesandt" sei ihm Sidibe erschienen, als sie sich ihm beim Vorsprechen entschlossen und witzig präsentierte, erzählt Daniels.

"Precious" ist Fett-affin

"Wir zeigen all das Leid, das sie erdulden muss, als etwas Alltägliches", erzählt Sidibe. "Precious wird von ihrem Vater missbraucht, aber das ist für sie nichts Besonderes, es passiert jeden Tag. Wenn ihre Mutter auf sie einschlägt und sie mit Essen bewirft, ist das ein ganz normaler Tag. Wir wollten nicht, dass die Zuschauer anfangen zu weinen, denn Precious tut das auch nicht. Für Sentimentalität ist in ihrem Leben kein Platz."

Sidibe spielt diese junge Frau als völlig verschlossenen Menschen, der sich in seinen massigen Körper zurückgezogen hat wie in ein sicheres Versteck. Das Fett ist für Precious eben keineswegs nur eine Last, sondern auch ein Schutzwall in einer Welt, die sie von allen Seiten attackiert, ob zu Hause oder auf der Straße. Unter dem Fett verschwindet auch ihre Mimik weitgehend, verbirgt ihre Regungen vor fremden Blicken. Niemand weiß, was in ihr vorgeht. "Precious träumt davon, unsichtbar zu sein", sagt Sidibe.

Das menschliche Gesicht, dessen Ausdruckskraft Hollywood in seinen Großaufnahmen so gern feiert, wirkt bei Sidibe oft leer. Deshalb geht die Kamera in dem Film ganz nah an sie heran, bis auf wenige Zentimeter, um jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht aufzuspüren - und entdeckt plötzlich die Schönheit darin. Selten zuvor hat Hollywood seine Berührungsangst mit dem Stoff, aus dem seine Alpträume sind, so konsequent hinter sich gelassen. Dieser Film ist Fett-affin.

"In dieser Welt bin ich ein Alien - und genieße es"

Dabei ist Hollywood seit vielen Jahren die Welthauptstadt des Schlankheitswahns. Wer die spindeldürren Arme von Angelina Jolie sieht, empfindet beim Anblick ihres üppigen Busens keine ungetrübte Freude mehr, und Keira Knightley wirkt stets so federleicht, als müsste man sie ab Windstärke 5 am Boden festpflocken. Überdies gilt die Filmkamera selbst als Dickmacher: Auf der Leinwand wirkt man fülliger, 5 bis 10 Kilo schwerer als in Wirklichkeit, so lautet die Faustregel.

"In dieser Welt bin ich ein Alien - und genieße es", meint Sidibe fröhlich. "Ich genieße es, dass Modedesigner extra für mich Kleider entwerfen und aus ihrem üblichen Schema ausbrechen. Schließlich bin ich das totale Gegenteil der dürren Models, die sie sonst einkleiden."

In einer Welt, in der nicht die Kleider für die Frauen passend gemacht werden, sondern die Frauen für die Kleider, zeigt Sidibe mit jeder Pose, wie wohl man sich fühlen kann, wenn sich Samt und Seide anschmiegen wie eine zweite Haut.

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"Precious": Leid, Mut, Hoffnung

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Bislang hat sich Hollywood für Übergrößen kaum interessiert. Das scheint sich nun zu ändern, und nicht nur durch "Precious". Es wirkt fast symbolisch, wenn ausgerechnet Sandra Bullock, gegen die Sidibe im Oscar-Rennen verlor, im Südstaaten-Drama "Blind Side - Die große Chance", das auch in dieser Woche anläuft, fast an der Aufgabe verzweifelt, für einen ziemlich dicken schwarzen Jungen (Quinton Aaron) ein Sweatshirt zu kaufen. Ratlos steht sie vor einem Kleiderständer, konsterniert, wie wenig Auswahl es für übergewichtige Menschen gibt.

Damit steht sie stellvertretend für das reiche, weiße, gesundheitsbewusste Amerika, die Minderheit der US-Bevölkerung also, die in Hollywood freilich in der Mehrheit ist. In den USA sind 67 Prozent aller Erwachsenen übergewichtig, mehr als in jeder anderen Industrienation, bei den afroamerikanischen Frauen sind es fast 80 Prozent. So gesehen ist kaum eine demografische Gruppe in Hollywood-Filmen dermaßen unterrepräsentiert wie die Dicken. Nicht zuletzt deshalb gilt Sidibe vielen als Erlöserin.

Wer entspricht schon der Hollywood-Norm?

"Ich hatte nie den Wunsch, berühmt zu werden", sagt sie. "Doch ich weiß jetzt, warum unbedingt mal jemand wie ich berühmt werden musste. Denn wer entspricht schon der Hollywood-Norm, wer ist gertenschlank, hat wallendes blondes Haar und Riesenmöpse? Die meisten Menschen finden sich nicht schön, sondern fühlen sich unwohl in ihrer Haut. Die sehen mich auf dem roten Teppich und stellen sich dabei vor, sie selbst würden dort stehen."

Das klingt fast missionarisch. Warum nicht? Als Therapeutin hätte sie höchstens 50 Menschen pro Woche helfen können, nun erreiche sie viele Millionen, sagt Sidibe stolz. Während ihr Kritiker wie Howard Stern vorwerfen, sie sei selbst eine hilfsbedürftige junge Frau, der dringend jemand im Kampf gegen das Übergewicht beistehen müsse, geht Sidibe in die Offensive: Sie ist es, die hilft und kämpft, aber nicht gegen die Fettleibigkeit, sondern gegen die Minderwertigkeitsgefühle der Menschen.

Das macht sie zur perfekten Galionsfigur für die vielen verschiedenen Organisationen, die sich in den USA für die Interessen der Übergewichtigen einsetzen. Da gibt es die Naafa, die National Association to Advance Fat Acceptance, oder die Isaa, die International Size Acceptance Association, beide setzen sich dafür ein, dass Fettleibigkeit gesellschaftlich akzeptiert und nicht als Symptom einer psychischen Erkrankung gedeutet wird. Auch einen Begriff für die Diskriminierung Übergewichtiger gibt es bereits: "sizeism". Mit anderen Worten: Menschen in Übergröße werden gemobbt.

Für viele Vorbild, für manche Schreckbild

Radikale Splittergruppen wie die sogenannte "Fat Power"-Bewegung, die in den sechziger Jahren ins Leben gerufen wurde, gehen noch weiter. Sie sehen in jedem Dünnen einen Feind oder behaupten wider den Stand der Forschung, Übergewicht habe keinen Einfluss auf die Gesundheit. "Ich kann nichts dagegen tun, wenn die mich zu ihrer Ikone machen", sagt Sidibe und schaut etwas gequält. "Ich kann aber nicht dafür garantieren, dass ich sie nicht enttäuschen werde."

So ist ihre Erfolgsgeschichte auch die Geschichte einer Frau, die damit zurechtkommen muss, dass sie von vielen Seiten vereinnahmt wird. Denn ihre Karriere demonstriert eine ganze Menge: dass man es von Harlem bis nach Hollywood schaffen kann, dass man für den Oscar nominiert werden kann, ohne eine Schauspielschule besucht zu haben, dass man sehr dick sein und doch bewundert werden kann. Für viele ist Sidibe ein Vorbild, für manche ein Schreckbild, aber für fast alle ist sie mehr als eine Schauspielerin.

Welche Verantwortung bringt das mit sich? Sie überlegt. "Ich empfinde eine Verantwortung gegenüber meiner Familie", antwortet sie nach einer Weile. "Aber ich kann und will kein Vorbild sein für Menschen, die ich nicht kenne. Nun stürmen wildfremde Menschen auf der Straße auf mich zu und umarmen mich." Sie verzieht das Gesicht. "Da werde ich doch etwas nervös. Immerhin fragen mich die meisten, bevor sie mich umarmen. Wenn man sie nicht kommen sieht, ist es fast wie ein tätlicher Angriff."

"Ich war immer anders als die anderen"

Wenn man sie so sieht, wie sie dasitzt, eingezwängt in einen Ledersessel, zu erschöpft, um sich daraus zu erheben, nachdem sie den ganzen Tag lang Interviews gegeben hat, dann spürt man deutlich, wie beschwerlich es sein muss, ständig das eigene Gewicht und die Last des jähen Ruhms zu tragen. Und doch wirkt Sidibe souverän, ganz und gar mit sich im Reinen. Und nicht wie eine beschädigte Seele, die den Körper zwingt, maßlos Nahrung aufzunehmen. Wer dick ist, muss sich nicht dafür rechtfertigen.

"Irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe geschummelt, dass ich zu den besten fünf Darstellerinnen des Jahres gehöre", sagt sie. "Ich habe viel weniger Erfahrungen als die anderen, ich bin das Oscar-Baby. Aber das gefällt mir. Ich war immer anders als die anderen. Ich musste das eines Tages akzeptieren, um mich selbst zu mögen."

Sidibe wird in den USA nicht zuletzt deshalb so gefeiert, weil sie zu beweisen scheint, dass all die schönen Märchen, die Hollywood uns so gern verkauft, doch irgendwie wahr sind. Dass man es schaffen kann aus der Gosse zu den Sternen, wenn man nur fest genug an sich glaubt, selbst mit 150 Kilo, dass der American Dream keine Illusion ist.

Sidibe ist die XXL-Cinderella Hollywoods, doch der goldene Schuh, mit dem sich Aschenputtel im Märchen Zutritt zur Ballnacht verschaffte, war ihr im Leben von Beginn an viel zu klein.

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