Essay Wir Kohl-Kinder

Wie es war, unter dem ewigen Kanzler aufzuwachsen
Kohl bei einer Wahlveranstaltung 1990 in Erfurt: Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer Spitze

Kohl bei einer Wahlveranstaltung 1990 in Erfurt: Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer Spitze

Foto: Heinz Wieseler/ dpa

Heute verstehe ich nicht mehr ganz, warum ich damals so zornig auf ihn war. Vermutlich hatte es viel mit dem Anfang zu tun.

Mein erstes Rendezvous mit der Politik fiel auf den 6. März 1983, ich war sieben. Die Erinnerung an diesen Tag ist eine meiner ersten an das Leben. Meine Eltern waren bei Nachbarn eingeladen, sie wollten in großer Runde "Wahl gucken", das machte man damals noch so. Es gab Käsewürfel, Kartoffelchips und Kölsch vom Fass. Meine Eltern und ihre Freunde wirkten nervös an diesem Tag. Ich wusste nicht genau, worum es ging, aber ich ahnte, dass etwas Großes auf dem Spiel stand.

Noch heute hallen die entsetzten Schreie in meinem Ohr, als der schwarze Balken für CDU und CSU auf dem Bildschirm in die Höhe schoss. Die Stimmung war im Eimer.

Mein Vater weinte seinem geliebten Helmut Schmidt nach, meine Mutter versuchte sich mit dem ersten Einzug der Grünen in den Bundestag zu trösten. Irgendwann waren alle betrunken. Zu später Stunde stimmte unsere Nachbarin die "Internationale" an, aber das half dann auch nichts mehr. Kohl war Kanzler.

Es war meine erste Begegnung mit der Politik und ein trostloser Abend. Ich saß auf dem Fußboden, aß Kartoffelchips und wusste nicht, dass diese Wahl mein Leben prägen würde. Ich hatte einen Mann kennengelernt, der fortan nicht mehr weichen wollte. Er trug eine Brille aus dickem Metall und blinzelte leicht wütend in die Kameras, obwohl er sich doch freuen sollte. Sympathisch war er mir jedenfalls nicht.

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Helmut Kohl zum 80.: Deutsche Einheit und Wolfgangsee

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Ich bin ein Kohl-Kind wie Millionen andere Deutsche. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber ich kann es nicht leugnen. Kohl ist der Übervater meiner Generation, er wurde Kanzler, als ich eine erste Vorstellung von Politik bekam, und er blieb es, bis meine Jugend verblüht war. Er hat mich durch alle Stationen meiner jungen Jahre begleitet, Grundschule, erster Pickel, erster Kuss, Gymnasium, erste Freundin, Liebe in Zeiten der Kohl-Ära. Mein Leben änderte sich schneller, als ich begreifen konnte, aber Kohl blieb. 16 lange Jahre in einer Phase, von der es heißt, sie sei die schönste im Leben.

Andere sind im Krieg groß geworden, in der Zeit des Wirtschaftswunders oder der Studentenproteste. Sie haben Erfahrungen gemacht, die sie für immer geprägt haben, ihre Sicht auf die Politik, ihre Sicht auf das Leben. Ich aber bin mit Helmut Kohl groß geworden. Die Frage ist, was dieser Umstand aus meiner Generation gemacht hat. Wie die Jugend mit Helmut Kohl uns und unser Denken geprägt hat.

Er hatte es auch nie leicht in meiner Familie. Bei uns hieß er "Birne", was nicht nur als Verweis auf die Form seines Kopfes gedacht war, sondern auch auf dessen Inhalt. Ich erinnere mich noch gut an das höhnische Lachen, als herauskam, dass seine Neujahrsansprache mit der des Vorjahres vertauscht worden war, ohne dass es groß aufgefallen ist. "Birne" sorgte jedenfalls häufig für heitere Stimmung. Wie aber sollte ich Respekt entwickeln für einen Menschen, über den so oft und so laut gelacht wurde?

Auch ästhetisch waren die Kohl-Jahre problematisch. Ich hätte damals gern einen Kanzler gehabt, auf den ich stolz sein konnte, einen, der cool und lässig war, einen Mann, der Humor besaß oder wenigstens einen schicken Anzug. Die anderen hatten eine Eiserne Lady oder einen Hollywood-Schauspieler an der Spitze ihres Landes. Wir hatten den Mann mit der Strickjacke.

Mit jedem Jahr, das er blieb, geriet das Bleiben selbst zum größten Ärgernis. Ich war neidisch auf die Italiener, die mindestens einmal im Jahr ihren Chef austauschten, so kam es mir jedenfalls vor. Wenn es einen natürlichen Drang der Jugend gibt, dann ist es der Drang nach Abwechslung, und so stellte ich mir Italien als glückliches Land vor. Was die Abwechslung anging, sind wir Kohl-Kinder nicht anders aufgewachsen als die Kinder auf Kuba oder in Nordkorea. Selbst die Sowjetunion hatte deutlich mehr Fluktuation an ihrer Spitze.

Kurz vor dem Fall der Mauer hatte es eine kurze Hoffnung auf Erlösung gegeben. Der Kanzler sei am Ende, glaubte mein Vater zu wissen. Kurz darauf sah ich Kohl auf einem Podest in Berlin stehen, wo er gemeinsam mit anderen Männern versuchte, die Nationalhymne zu singen. Es klang furchtbar schief, die Menschen auf dem Platz pfiffen aus vollen Wangen, aber Kohl ließ sich nicht beirren. Im schwarzen Mantel stand er da und sang entschlossen durch. Man hätte schon damals wissen können, dass er sich die Einheit nicht mehr nehmen lassen würde.

Ich hörte ihn fortan täglich vom Vaterland reden. Mit glühenden Worten beschwor er das Glück von der einen Nation, aber es berührte mich nicht. Wie die meisten Kohl-Kinder war ich ohne emotionale Bindung zu meinem Land aufgewachsen, ohne die Liebe der Trümmer-Generation, auch ohne den Zorn der 68er. Kohls Rührseligkeit kam mir merkwürdig fremd vor. Für uns, seine Gegner, war der Fall der Mauer ohnehin ärgerlich, zumindest sein Zeitpunkt. Das durfte man zwar nicht laut sagen, aber es fühlte sich so an. Die Mauer hatte ihm schließlich geholfen, länger im Amt zu bleiben. So sah ich es jedenfalls. Als ich dann, mit 17, für ein halbes Jahr eine amerikanische Highschool besuchte, wurde ich von meinen Mitschülern auf zwei meiner Landsleute angesprochen: Auf Adolf Hitler und auf Helmut Kohl, es waren die einzigen Deutschen, die sie kannten. Hitler faszinierte sie am meisten, aber Kohl kam gleich danach. Sie nannten ihn den "Riesen, der die Mauer einriss". Ich versuchte ihnen zu erklären, dass man es so nicht sehen dürfe, wies darauf hin, dass ganz andere für die Wiedervereinigung gesorgt hatten, George Bush und Michail Gorbatschow zum Beispiel, die Menschen aus Ostdeutschland, und dass auch eine Portion Glück im Spiel gewesen war. Aber das schien meine Mitschüler nicht zu beirren. Sie nannten ihn weiter den Riesen, der die Mauer einriss, und ich begriff zum ersten Mal, was historische Größe ausmacht: nicht die Nörgelei der Mitbürger, sondern die Sicht aus der Ferne.

Wir gelten als langweiligste Generation seit dem Ende der Biedermeierzeit

Nun war Kohl, vormals "Birne", also zum "Kanzler der Einheit" gereift; das war wesentlich besser, als nach Obst benannt zu werden. Und für mich rückte der Moment näher, an dem ich endlich mitmischen durfte im großen Spiel der Politik. Dann, so hoffte ich, würde sicher alles anders. Als ich endlich volljährig war und das erste Mal die Gelegenheit hatte, Kohl persönlich abzuwählen, hieß sein Gegenkandidat Rudolf Scharping. Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns. Es blieben die Grünen und ein gewisser Klaus Kinkel von der FDP. Kinkel hatte allerdings gesagt, man solle FDP wählen, damit Kohl Kanzler bleibe. Ich gab meine Stimme ab, und nichts wurde anders. Kohl blieb im Amt. Seine Kanzlerschaft war inzwischen zu einer der wenigen Konstanten meines Lebens geworden, wie Zähneputzen oder der Lauf der Jahreszeiten.

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Helmut Kohl zum 80.: Deutsche Einheit und Wolfgangsee

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Kohl schien unbezwingbar, er hatte vier Siege in Folge hingelegt. So entstand das Gefühl von Vergeblichkeit, und das mündet meist in Resignation.

Ich begann ein Studium in der Stadt, in der er regierte, und genoss die neue Freiheit. Je freier ich mich fühlte, desto mehr ärgerte mich seine gnadenlose Bodenständigkeit. Die Zeit der Jugend ist die Zeit des Träumens, es wuchern die Ideale und der Wunsch nach einer besseren Welt. Wir wollten fliegen, aber Kohl holte uns immer wieder auf den Boden zurück. In diesem Punkt war er penetrant. Er hat es sicher gut gemeint. Er wollte uns, seinen Kindern, das Gefühl schenken, dass im Grunde alles in Ordnung ist. Für eine Gesellschaft aber ist nichts hemmender als eine gesättigte Jugend, ohne den Glauben, dass es besser gehen könnte.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass wir Kohl-Kinder als langweiligste Generation seit dem Ende der Biedermeierzeit gelten. Er hat eine recht unpolitische Generation hinterlassen. Wir mögen halbwegs informiert sein, das gehört sich so, wir sind ja wohlerzogen, aber es fehlt das politische Feuer, der Eifer, für oder gegen etwas zu kämpfen. Während unserer Jugend mit Helmut Kohl fehlte uns gleich zweierlei, um dieses Feuer zu entfachen: Der Glaube, dass politisches Engagement etwas bringen könnte. Und die Wut auf die Zustände. Keine Generation wuchs verwöhnter auf als wir, und Kohl vermittelte uns den Eindruck, dass alles so bleiben könne, wie es war.

So wandten wir uns von der Politik ab und unseren Lebensläufen zu. Wir konzentrierten uns auf das eigene Fortkommen, Trainee-Programm statt Parteiprogramm, den Rest besorgte Kohl. Unsere Träume und Visionen waren mit der Zeit auf einen schlichten Satz geschrumpft: Kohl muss weg. Aber auch der hatte inzwischen seinen Sehnsuchtskern verloren.

Das Paradoxe an Kohl ist, dass er Deutschland zwar vereint hat, danach aber so tat, als lebe die Bonner Republik einfach fort, mit all ihrer Gemütlichkeit, mit Norbert Blüm und staatlichem Brillenzuschuss. Er regierte das Land mit den Eigenschaften seines Lieblingstextils, der Strickjacke. Sie ist nicht wirklich modern, hält aber warm. Solange er Kanzler war, hat Kohl das neue Zeitalter, die Globalisierung, erfolgreich ignoriert. Er hat sich mit seinem wuchtigen Leib in den kühlen Wind der Moderne gestellt, auf dass es warm blieb in unserer kleinen Republik, einer Welt ohne Internet und ohne Chinesen. Er hat die gute alte Zeit um ein paar Jahre verlängert, aber er hat uns nicht schützen können vor den Unsicherheiten der neuen Zeit.

Es ist erst zwölf Jahre her, aber heute erscheinen mir die Kohl-Jahre wie eine ferne Epoche. Es war die Zeit, als große Politik noch in der Sauna gemacht wurde, als das Wohl der Völker noch davon abhing, wie ihre Führer sich verstanden. Unter diesen Bedingungen war Kohl ein Glücksgriff, er verstand es zu kumpeln, Saunieren verbindet, und wenn es doch mal hakte, griff er einfach nach der Kelle für den Aufguss. Als es darum ging, Michail Gorbatschow von der Wiedervereinigung zu überzeugen, schickte er Pfälzer Würste an dessen private Kreml-Küche. Es war seine Art, Geschichte zu schreiben.

Jetzt, da Helmut Kohl seinen 80. Geburtstag feiert, frage ich mich also, warum ich diesem Kanzler einst mit solcher Abneigung begegnet bin. Den besten Grund, ihm böse zu sein, hat er ja erst später geliefert, als er schon nicht mehr Kanz-ler war und sein System der schwarzen Kassen ausgehoben wurde, wie man einst die Tunnelsysteme der Römer freilegte. Bis heute weigert er sich, seine Spender zu nennen.

Vermutlich ahnte ich die ganze Zeit, was an ihm mir das größte Unbehagen bereitete, ohne es belegen zu können.

In meiner Wahrnehmung waren der Staat und Helmut Kohl immer eins gewesen, ich kannte es ja nicht anders. Das Problematische ist, dass es Kohl genauso ging wie mir. Mit den Jahren hatte er sich Deutschland zu eigen gemacht. Er hielt sich bald selbst für den Staat, er glaubte, über dem Gesetz zu schweben.

Trotzdem ist meine Sicht auf ihn milder geworden. Meist verstehen sich die Söhne erst spät mit ihren Vätern, nicht wenn sie noch jung sind und ungestüm. Vermutlich haben mich auch die letzten Jahre nicht kaltgelassen. Es tat mir weh, den kranken Mann im Fernsehen oder in der Zeitung zu sehen, es hat etwas Beklemmendes, wenn die Kolosse der Kindheit zu Pflegefällen schrumpfen. Es könnte auch daran liegen, dass ich die Italiener lange nicht mehr um ihre vielen Staatschefs beneide und mir auch keinen Hollywood-Star mehr als Kanzler wünsche. Vermutlich aber mischt sich in mein Bild von Helmut Kohl inzwischen die stille Sehnsucht nach jener Sicherheit und Behaglichkeit, die sich mit seinem Namen verbindet. Nach jener Zeit, als die Welt noch übersichtlich war und die Rente sicher.

Um es anders zu sagen: Es war nicht alles schlecht.

Herzlichen Glückwunsch, alter Riese, der die Mauer einriss!

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