AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Getty Images

Von Marco Evers, Olaf Stampf und

2. Teil: Ein Glaubenskrieg


Kein anderer Wissenschaftszweig ist politisch derart aufgeladen. Zwischen Alarmisten und Skeptikern herrscht ein Glaubenskrieg. Besonnene Klimaforscher drohen dazwischen zerrieben zu werden. Aber es geht ja auch ums Ganze: den Billionen Euro teuren Totalumbau der Industriegesellschaft. Mächtige Wirtschaftsinteressen kommen ins Spiel und unerschütterliche Grundüberzeugungen.

Die Glaubwürdigkeitskrise der Klimaforschung kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Seit dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen befindet sich die Umweltpolitik ohnehin in der Schockstarre. US-Präsident Barack Obama etwa hat seine Initiative für ein neues Klimagesetz auf Eis gelegt. Und der französische Präsident Nicolas Sarkozy kippte vorige Woche seine Pläne für eine Klimasteuer: "Wir werden unserer Industrie doch keine Belastungen auferlegen."

Auf der anderen Seite wiederum unterstellt Mohamed Nasheed, Präsident der vom Untergang bedrohten Malediven, den Amerikanern eine Intrige, um die Klimaforschung lächerlich zu machen: "Ein teuflischer Plan ist im Gange."

Auch in Berlin wächst derweil die Befürchtung, dass die Bürger nicht mehr länger bereit sein könnten, teure Klimaschutzanstrengungen mitzutragen. Einen dramatischen Meinungsumschwung ergibt eine Umfrage im Auftrag des SPIEGEL: Die Deutschen verlieren die Angst vor dem Klimawandel. Fürchtete sich vor rund drei Jahren noch eine satte Mehrheit von 58 Prozent vor der globalen Erwärmung, ist es jetzt nur noch eine Minderheit von 42 Prozent.

"Gravierende politische Konsequenzen"

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) drängt den Weltklimarat, offensiver mit eigenen Fehlern umzugehen. "Der IPCC sollte offen zu ihnen stehen und diese korrigieren", sagt er dem SPIEGEL. "Es ist unabdingbar, möglichst schnell das Vertrauen in die Arbeit des IPCCwiederherzustellen."

Besorgnis herrscht mittlerweile auch im Bundesforschungsministerium, das die Klimawissenschaft in diesem Jahr mit 250 Millionen Euro alimentiert. Ministerin Annette Schavan (CDU) bestellte die deutschen IPCC-Forscher bereits zu einem "Gespräch zur Klärung der Situation und zur Verbesserung der Qualitätssicherung" ein. Im Forschungsministerium ist man entsetzt darüber, wie unprofessionell der Weltklimarat organisiert ist. "Dabei müssen die Ergebnisse des IPCC doch über jeden Zweifel erhaben sein, da sie Auswirkungen in Billionenhöhe und gravierende politische Konsequenzen haben können", wundert sich der zuständige Unterreferatsleiter Wilfried Kraus.

Reinhard Hüttl, Chef des GeoForschungsZentrums in Potsdam mit fast tausend Mitarbeitern und Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, sieht inzwischen elementare Tugenden bedroht: "Wissenschaftler dürfen sich ihren Thesen niemals so ergeben, dass sie nicht mehr in der Lage sind, sie im Lichte neuer Erkenntnisse zu widerlegen." In der Forschung gehe es nicht um Glauben, sondern um Erkenntnis. Leider gebe es immer mehr Wissenschaftler, die Politiker sein wollten.

"Wenn sich bewahrheitet, was über die Affäre in England bekannt wurde, dann wäre das eine Katastrophe für die Klimaforschung insgesamt", sagt Hüttl. "Wir können uns nur selbst kontrollieren, und wenn wir dabei versagen, wer soll uns dann noch glauben?"

Wir gehen wärmeren Zeiten entgegen

Das britische Klimaforschungszentrum Met Office weiß sich nur noch einen Rat. Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, müssten alle Klimadaten umgehend im Netz neu zusammengestellt werden; zugänglich für jedermann, bei maximaler Transparenz, mit kritischen Würdigungen darüber, wie verlässlich die jeweiligen Informationen wirklich sind. Dieses internationale Großprojekt, so schätzt das Met Office, werde mindestens drei Jahre dauern - eine Art Offenbarungseid.

Dabei eint die meisten Klimatologen, dass sich am Ende die Sicht auf den Klimawandel nicht nennenswert verändern wird. Fast alle eint eine Grundüberzeugung: Wir gehen wärmeren Zeiten entgegen.

Die Forscher fürchten nur, dass sie ohne einen offenen, ehrlichen Prozess kein Gehör mehr finden werden. So kommt womöglich vieles noch einmal auf den Prüfstand, was eigentlich längst als gesichertes Wissen galt. Im Kern geht es um fünf elementare Fragen zur Zukunft des Klimas:

  • Um wie viel Grad ist es auf der Erde tatsächlich schon wärmer geworden - und wie sehr werden die Temperaturen noch ansteigen?
  • Wie stark wird im Treibhausklima der Meeresspiegel anschwellen?
  • Muss in Zukunft mit nie dagewesenen Superstürmen gerechnet werden?
  • In welchen Weltgegenden wird es mehr Dürren geben - und wo mehr Überschwemmungen?
  • Wird die Lage auf dem Planeten wirklich unbeherrschbar, wenn sich die globale Mitteltemperatur um mehr als zwei Grad erhöht?

Wer dieser Tage mit führenden Klimatologen spricht, erfährt, wie viel in Wahrheit noch ungeklärt ist. Medien, Politiker, aber auch die Wissenschaftler selbst haben bisweilen eine Sicherheit über die Veränderungen von Sonne, Wind und Regen vorgegaukelt, die so nicht existiert.



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