AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Getty Images

Von Marco Evers, Olaf Stampf und

3. Teil: Temperaturanstieg: Rebell gegen die Klima-Päpste


Ein Mann beobachtet mit besonderer Genugtuung, wie Phil Jones und seine Kollegen einen Kotau nach dem anderen machen müssen. Steve McIntyre wohnt in einem kleinen Backsteinhaus unweit der Innenstadt von Toronto. Dort sitzt er an einem Sonntagnachmittag, draußen taut es, an einem abgewetzten Schreibtisch, nur beschienen von einer kalten Energiesparlampe an der Decke.

Dieser Mann mit lichtem grauem Haar, der ihnen den ganzen Schlamassel eingebrockt hat, ist für die Klimaforscher ein ungleicher Gegner. "Das ist der Computer, auf dem ich das Nachrechnen begann", sagt er und hält ein ordinären Laptop der Marke Acer in die Höhe: 40 Gigabyte Festplatte, sechs Jahre alt. "Zu Weihnachten hat mir meine Frau endlich einen neuen geschenkt."

Was für ein Vergleich zu den Supercomputern, die Phil Jones und den anderen Propheten der globalen Erwärmungzur Verfügung stehen! Deren Rechner füllen ganze Stockwerke. Statt von Gigabyte sprechen sie von Petabyte. Wie konnte es dazu kommen, dass dieser Kanadier eine so selbstbewusste Forscherzunft zum Kniefall zwingen konnte?

Die berühmte Hockeyschläger-Kurve

Alles begann damit, dass seine drei Kinder anfingen zu studieren und auszogen aus seinem Haus voller asiatischer Antiquitäten. "Auch an der Börse lief es nicht so gut", erinnert sich McIntyre. "Da habe ich mir sechs Monate Zeit gegeben, um zu überprüfen, wie die Klimaforscher auf ihre Kurven kommen."

Normalerweise arbeitet McIntyre im Investment großer Bergbauprojekte. Rechnen, das konnte er immer schon gut. "In der Schule habe ich Mathematikpreise gewonnen", sagt McIntyre. Doch nach seinem Studium, unter anderem an der Elite-Universität Oxford, trug es ihn fort aus der akademischen Welt, hinein in die des großen Geldes.

Seine späte Rückkehr sollte die akademische Welt erschüttern. Denn ihm fiel eine Grafik mit einer Kurve in die Hände, deren Form ihm nur allzu vertraut schien. Es war jene berühmte Hockeyschläger-Kurve, mit der der US-Klimastatistiker Michael Mann beweisen wollte, dass die Temperaturen seit über tausend Jahren niemals so stark angestiegen sind wie heute.

McIntyres Misstrauen war geweckt: "In Finanzkreisen spricht man von einer Hockeyschläger-Kurve, wenn dir irgendein Investor etwas unterjubeln will und dazu eine schöne steile Kurve präsentiert."

Der sture Kanadier löcherte einen Forscher nach dem anderen, ihm die Rohdaten zur Verfügung zu stellen - bis er fündig wurde und die Hockeyschläger-Kurve als Mogelei entlarvte.

Die Hauptzeugen der Klimahistoriker um Michael Mann sind Baumringe. Das Problem: Dendrochronologen benötigen recht viele Bäume aus geeigneten Regionen, um aus ihrem früheren Wachstum Rückschlüsse auf die damaligen Temperaturen zu ziehen. "Wenn wir weiter als 500 Jahre zurückgehen, haben wir leider nicht viele verlässliche Bäume für unsere Analysen", erklärt Jan Esper von der Universität Mainz. Viel spricht etwa dafür, dass es im Mittelalter zwischen 900 und 1300, als die Wikinger auf Grönland Viehzucht betrieben und in Schottland Wein angebaut wurde, in Wahrheit doch wärmer war als heute.

Genau das hat Mann mit einer Gewissheit bestritten, die selbst seine Mitstreiter irritierte. Dann stellte McIntyre die Mann-Kurve auf den arithmetischen Prüfstand. Er wirft Mann vor, aus dem statistischen Rauschen seiner Baumringdaten mehr oder weniger willkürlich den Hockeyschläger herausgefiltert zu haben. Zum Beweis programmierte McIntyre seinen Computer mit der mannschen Methodik und fütterte ihn dann mit vollkommen willkürlichen Daten. McIntyre: "Das Resultat war eine Hockeyschläger-Kurve."

Als Nächstes knöpfte der kanadische Rebell sich dann die noch viel wichtigeren Temperaturkurven der jüngsten Vergangenheit vor, die von Phil Jones und auch jene seines Mitstreiters James Hansen von der Nasa. Alles in allem waren es keine wirklich großen Schnitzer, die er anfangs aufdeckte, dafür aber umso peinlichere. Lange behaupteten die Forscher etwa, 1998 sei in den USA das heißeste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen gewesen - bis McIntyre ihnen vorrechnete, dass es 1934 noch heißer war.

Immer neue fadenscheinige Gründe

Sie hassen ihn, den Erbsenzähler, dafür. In den gehackten Mails nennen sie ihn wahlweise "Trottel", "Irrer" oder "Spielplatz-Rüpel". Doch mit ihrer Selbstherrlichkeit machten ihn die Klimaforscher zu einer Legende im Internet. Sein Blog Climateaudit.orgwird monatlich von einer Million Menschen besucht. Klimaskeptiker sind darunter, die üblichen Verschwörungstheoretiker, aber mittlerweile auch viele Gelehrte, die rechnen können.

McIntyre versichert, dass er durchaus an den Klimawandel glaube. "Ich will das Kind doch gar nicht mit dem Bade ausschütten", sagt er. "Aber wenn ich Fehler finde, dann will ich, dass diese auch korrigiert werden."

Immer wieder bombardierte er Jones mit Mails, in denen er sich auf das Gesetz zum freien Informationszugang berief. Diese Hartnäckigkeit stürzte Jones in die Katastrophe.

So beharrlich McIntyre nach den Rohdaten fragte, so beharrlich verweigerte sie ihm Jones und ließ sich für seine Ablehnung immer neue fadenscheinige Gründe einfallen. Dumm nur, dass zu McIntyres Unterstützern irgendwann auch Leute gehörten, die wissen, wie man heimlich in Computer eindringen und Daten entwenden kann.

Die irdische Fieberkurve

Ihr Ziel war gut gewählt. Phil Jones saß wie eine Spinne im Netz. Über seine Computer lief fast jede interne Debatte der Klima-Päpste und hinterließ digitale Spuren.

Vor allem aber hütete Jones den "rauchenden Colt" der Klimaforschung: die irdische Fieberkurve. Die Temperaturaufzeichnungen seit Beginn der Industrialisierung sollen beweisen, dass es auf dem Planeten seit 1850 bereits um knapp ein Grad Celsius wärmer geworden ist.

Zwar stützen auch indirekte Belege die Theorie von der Erderwärmung: Die Gletscher in den Gebirgen ziehen sich zurück, der Meeresspiegel steigt, das Meereis der Arktis schwindet. Aber diese Indizien sind nichts im Vergleich zu den Messdaten der Wetterstationen.

Das Problem dabei: Die Qualität der Rohdaten, die von Wetterdiensten aus der ganzen Welt stammen, sind von höchst unterschiedlicher Güte. So sprangen bei etlichen Stationen die Temperaturen nach oben, weil ringsherum Häuser und Fabriken errichtet worden waren. Anderswo wurden Stationen verlegt und lieferten daher plötzlich andere Messwerte. In allen diesen Fällen musste Jones deshalb mit statistischen Methoden die Fehler aus den Temperaturmessungen korrigieren ("homogenisieren").

Hat er beim Glattbügeln sauber gearbeitet? Die meisten Klimaforscher nehmen Jones vorerst ab, dass er nicht mutwillig manipuliert hat. Bei Treu und Glauben wird es allerdings wohl bleiben müssen. Denn unter dem Druck der Angriffe durch McIntyre musste Jones Unglaubliches zugeben: Er hat die Aufzeichnungen, wie er die Homogenisierung vornahm, gelöscht. Wie aus den Rohdaten seine Temperaturkurve wurde, lässt sich somit nicht mehr nachvollziehen.

"Über die schlampige Dokumentation ehrlich erschrocken"

Für Peter Webster, Meteorologe an der Georgiatech-University in Atlanta, ist dieser Vorgang "eine der größten Sünden", die ein Wissenschaftler begehen kann: "Das ist so, als ob ein Koch seine Gerichte nicht mehr kochen könnte, weil er die Rezepte verschusselt hat."

Während Hobbyklimatologe McIntyre jahrelang vergebens um die Rohdaten gebettelt hatte, hat Webster sie auf Anfrage von Jones schließlich erhalten - als bislang einziger Wissenschaftler. "Ich bin über die schlampige Dokumentation ehrlich erschrocken", erklärte der US-Forscher gegenüber dem SPIEGEL.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit fahndet Webster seit einigen Monaten nach Ungereimtheiten in der Jones-Kurve. Schon länger bekannt etwa ist, dass bei der Messungen der Meerestemperaturen auffällige Temperatursprünge zu verzeichnen sind. Die Erklärung: Ab den vierziger Jahren wurde die Wassertemperatur nicht mehr in Eimern voll Meerwasser gemessen, sondern am Einlassventil für das Kühlwasser der Schiffsmotoren.

"Das kann eigentlich nicht sein"

Doch bei der Analyse der Jones-Daten entdeckte Webster nun verdächtig ähnliche Temperatursprünge - allerdings an Land: "Das lässt sich mit Wassereimern nicht erklären."

Einen anderen Temperatursprung erklärt das Jones-Team damit, dass die Luftverschmutzung etwa durch strengere Abgasgesetze seit den siebziger Jahren zurückgegangen sei. Denn Dreck in der Luft schirmt die Sonnenstrahlung ab. Wird die Luft sauberer, steigen folglich die Temperaturen. Seltsam daran nur: Die Luftverschmutzung im Süden war immer schon weit geringer als im Norden. "Auf der Südhalbkugel befinden sich weniger Land und weniger Industrie", erklärt Webster. Doch der Temperaturanstieg ist im Süden genauso stark wie im Norden. "Das kann eigentlich nicht sein", sagt Webster.

Der Forscher glaubt zwar nicht, dass die bisherigen Ungereimtheiten dazu führen, die Jones-Kurve zu stürzen. "Aber wir würden natürlich gern wissen, was hinter all diesen Phänomenen steckt." Verbirgt sich hinter den Temperaturerhöhungen zumindest teilweise ein natürlicher Mechanismus, so würde das den Anteil des menschlichen Einflusses an der jetzigen Erwärmung verringern.

Kritiker halten Jones vor, er berücksichtige vor allem einen Faktor nicht genügend: die Ausbreitung der Städte. Stationen, die sich früher außerhalb der Zentren befanden, stehen heute mittendrin. Da es aber in den Städten stets wärmer ist als außerhalb, steigen schon dadurch die Temperaturen.

Der Umweltökonom Ross McKitrick, ein Mitstreiter von McIntyre, untersuchte alle wachstumsintensiven Länder, in denen ein solcher urbaner Hitzeeffekt zu erwarten war - und wurde fündig. Seine Studie reichte er noch rechtzeitig für den letzten IPCC-Report ein.

Jones versuchte alles, diese für ihn kritische Publikation zu unterdrücken. Ihm kam zugute, einer der beiden Hauptautoren des Temperaturkapitels gewesen zu sein. In einer der gehackten Mails gibt er offen zu, er wolle diese störende Publikation auf jeden Fall aus dem IPCC-Bericht heraushalten, "und wenn ich dazu die Regeln der wissenschaftlichen Begutachtung neu definieren muss".

Am Ende gelang ihm das zwar nicht. Doch immerhin schmuggelte Jones noch den vernichtenden Satz in den IPCC-Report hinein, die Erkenntnisse von McKitrick seien "statistisch unsignifikant" - also bedeutungslos.

Klimaforscher Storch fordert jetzt, die Temperaturkurve von einer unabhängigen Institution noch einmal neu erstellen zu lassen. Die Skeptiker sollten daran beteiligt werden. Die Bearbeitung der Rohdaten werde allerdings ein paar Jahre in Anspruch nehmen.

"Anders lässt sich das verlorengegangene Vertrauen nicht zurückgewinnen", sagt er, "auch wenn ich sicher bin, dass die neue Kurve nicht wesentlich anders aussehen wird als die alte."

Und falls doch? Storch: "Das wäre in der Tat der Super-GAU der Klimaforschung - dann müssten wir wieder bei null anfangen."

Auch andere zentrale Vorhersagen der Klimatologen, etwa über einen spürbaren Anstieg des Meeresspiegels, müssten dann neu begutachtet werden. Dabei ist es ohnehin unsicher genug, wie stark die Ozeane in Zukunft anschwellen werden.



© DER SPIEGEL 13/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.