AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Getty Images

Von Marco Evers, Olaf Stampf und

4. Teil: Anschwellender Meeresspiegel: Vor uns die Sintflut?


Es waren Szenen wie aus einem Horrorfilm: Wie Riffe ragen die Wolkenkratzer von New York aus der See. Überflutet sind längst auch Hamburg und Hongkong, London und Neapel. Anderswo hat das Meer ganze Länder verschluckt: Dänemark, die Niederlande und Bangladesch existieren nicht mehr.

Mit solchen Horrorvisionen rüttelten Klimaforscher vor einem Vierteljahrhundert die Öffentlichkeit auf. Um mehr als 60 Meter, so rechneten die Gelehrten vor, stiege der Meeresspiegel an, wenn als Folge des Treibhauseffektes sämtliches Eis abschmelzen würde.

Von solchen Schauermärchen ist heute keine Rede mehr. In keiner aktuellen Simulation taucht noch das komplette Abtauen des antarktischen Eispanzers auf. Andererseits bezweifelt auch kaum ein Glaziologe, dass das Wasser an den Küsten Ende des Jahrhunderts deutlich höher stehen wird als heute. Doch um wie viel genau? Die Schätzungen reichen von 18 Zentimeter - bis 1,90 Meter.

"Für Küstenplaner und Politiker ist das natürlich keine befriedigende Aussage", gesteht Peter Lemke, Chefklimatologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. "Aber wir können nicht als Gewissheit verkaufen, was wir nicht genau wissen."

Im aktuellen IPCC-Bericht wird eine eher konservative Spanne von 18 bis 59 Zentimetern angegeben. "Die meisten Experten halten diese Schätzung für zu gering", sagt Lemke.

Zwei Faktoren beeinflussen die Höhe des Meeresspiegels. Der erste wirkt direkt: Erwärmt sich Wasser, dann dehnt es sich aus. Bis zum Jahr 2100 steigt der Meeresspiegel schon dadurch um circa 22 Zentimeter. Dieser Effekt ist relativ genau zu berechnen.

Komplizierter zu kalkulieren ist das Abschmelzen der Gebirgsgletscher sowie der Inlandeise Grönlands und der Antarktis. Derzeit tauen vor allem die Gletscher der Gebirge auf, von den Anden bis in den Himalaja. 0,8 Millimeter steuern sie nach IPCC-Berechnungen jedes Jahr zum Meeresspiegelanstieg bei. Dazu kommen noch jeweils 0,2 Millimeter aus Grönland und der Antarktis.

Jüngste Satelliten-Messungen deuten indes auf ein höheres Tempo hin. Glaziologen vermuten, dass Teile der Westantarktis und vor allem Grönlands schneller abtauen als ursprünglich angenommen. Doch mit einer neuen Prognose halten sich viele Forscher zurück.

Denn die inneren Prozesse der gigantischen Eisschilde sind bislang zu wenig verstanden. Zuverlässige Messdaten über das Verhalten der kalbenden Gletscher gibt es erst seit rund zehn Jahren. Derzeit spucken Grönlands Gletscher besonders viel Eis ins Meer; doch nach einer solchen Phase kommen viele Eisströme auch für längere Zeit wieder zur Ruhe.

Wie die meisten seiner Kollegen wettet Lemke auf einen Meeresspiegelanstieg, der irgendwo zwischen einem halben und einem Meter liegt.

Deichen oder weichen - die Küstenbewohner haben Erfahrung darin, sich gegen die Naturgewalten zu wehren. So laufen die Sturmfluten in Hamburg heute um mehr als einen halben Meter höher auf als noch in den sechziger Jahren - und zwar ganz ohne Klimawandel, nur aufgrund der Verengung des Elbstroms.

Trotzdem ist die Hansestadt heute weniger bedroht als damals - dank verbesserten Hochwasserschutzes.

Allerdings sind es ja nicht nur die steigenden Pegel, die für Sturmfluten sorgen können. Mindestens ebenso wichtig ist der Wind, der die Wassermassen gegen die Küsten drückt.

Stehen uns im Treibhausklima wirklich stürmischere Zeiten bevor?



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