AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Getty Images

Von Marco Evers, Olaf Stampf und

5. Teil: Mehr oder weniger Wind: Die Legende von den Superstürmen


Kaum hatte Wirbelsturm "Katrina" vor fünf Jahren die Südstaatenmetropole New Orleans verwüstet, brach unter US-Wissenschaftlern der "Hurrikan-Krieg" aus. "Katrina" sei nur der Anfang, warnten die Alarmisten im Stil von Strafpredigern; schon bald würden Superstürme von nie dagewesener Wucht über uns hinwegrasen. Die Besonnenen widersprachen heftig, sie sahen keinen Anlass für solche Befürchtungen.

Der Streit eskalierte, als der Klimatologe und IPCC-Hauptautor Kevin Trenberth auf einer Pressekonferenz in Harvard verkündete, es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen der Erwärmung und der Zunahme von Hurrikans. Aus Wut über diese haltlose Prophezeiung kündigte sein Kollege Chris Landsea vom National Hurricane Center in Miami seine Mitarbeit beim Weltklimarat auf.

Nun haben die Rivalen überraschend Frieden geschlossen - und Landsea hat sich weitgehend durchgesetzt mit seiner beruhigenden Einschätzung.

Im vorigen Monat publizierte Landsea gemeinsam mit den Top-Hurrikan-Forschern der USA eine Untersuchung, die endgültig die Luft rauslässt. Ihr Fazit: "Tropische Stürme werden in der Zukunft eher in ihrer Häufigkeit abnehmen oder aber auf einem praktisch gleichen Niveau bleiben." Die Windspitzen könnten zwar etwas zunehmen; doch das seien "keine wirklich substanziellen Veränderungen" (Landsea).

Die Entwarnung an der Hurrikan-Front ist eine weitere Schlappe für den Weltklimarat. Denn ganz im Sinne von Hauptautor Trenberth wurde im IPCC-Bericht noch vor mehr Hurrikans im Treibhausklima gewarnt. Besonders mysteriös ist eine Grafik im IPCC-Bericht, für die keine Quelle angegeben wird. Sie zeigt mit suggestiver Kraft, wie die Schäden durch Extremwetter mit den Durchschnittstemperaturen steigen.

Als der Hurrikan-Forscher Roger Pielke jr. von der University of Colorado in Bolder die Abbildung entdeckte, war er entsetzt. "Ich würde ja selber gern einen solchen Zusammenhang finden", sagt er. "Aber momentan gibt das die Faktenlage einfach nicht her."

Pielke hat versucht, die Herkunft der Grafik zu recherchieren. Fündig wurde er bei dem Chefwissenschaftler einer Londoner Firma, die für große Versicherungskonzerne Risikoberechnungen vornimmt. Der Versicherungsforscher behauptet, die Abbildung niemals für eine Veröffentlichung vorgesehen zu haben. Wie die Geistergrafik in den IPCC-Bericht gelangte, ist bis heute ungeklärt.

Anfangs schien die Furcht vor Monsterwinden durchaus begründet zu sein: Weil die Ozeane wärmer werden, so der Verdacht, nähmen auch die Wirbelstürme mehr Energie auf. Doch die Wirklichkeit ist wie so oft komplizierter. Damit ein Hurrikan entstehen und überleben kann, müssen in der Atmosphäre ganz besondere Bedingungen herrschen: "Scherwinde zerstören so einen Wirbelsturm schon in einem frühen Stadium", berichtet Landsea, der jedes Jahr mit Messflugzeugen in die Unwetterzellen hineinfliegt. Scherwinde aber dürften in einem wärmeren Klima zunehmen. Aus diesem Grund weisen viele Computermodelle inzwischen sogar eher einen Rückgang der Hurrikan-Aktivität aus.

"Außerhalb der Tropen wird sich überhaupt nichts ändern"

Die tatsächlich beobachtete Zunahme von Hurrikans seit den späten Sechzigern führen die Forscher auf einen natürlichen Zyklus in den Ozeanströmungen zurück. Die stetig steigenden Schadenssummen, die von den Rückversicherungskonzernen verzeichnet werden, sind erst recht kein zuverlässiger Indikator. "Wenn man den Zuwachs an Häusern, Straßen oder Fabriken herausrechnet, die in Hurrikan-Gebieten neu gebaut und versichert werden, dann lässt sich kein Aufwärtstrend mehr erkennen", erläutert Pielke.

Noch klarer sind die Prognosen für alle Stürme außerhalb der tropischen Zonen. Weit verbreitet ist die Befürchtung, mit steigender Erwärmung würden immer heftigere Stürme über uns hinwegfegen.

Aus den aktuellen Langzeitprognosen lässt sich ein solcher Trend jedoch keinesfalls herauslesen, schon gar nicht für die gemäßigten Breiten. "Alle Computermodelle zeigen: Außerhalb der Tropen wird sich überhaupt nichts ändern", versichert Jochem Marotzke, Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie (MPI-M). "Über unseren Köpfen werden sich in Zukunft weder mehr noch stärkere Stürme zusammenbrauen."

Lediglich die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete könnten sich im Treibhausklima ändern. In Skandinavien wird es vermutlich mehr Wind geben, am Mittelmeer weniger. Für Mitteleuropa dazwischen gilt: keine spürbare Änderung.

Physikalisch ist es leicht zu erklären, dass den meisten Weltgegenden gar keine stürmischeren Zeiten bevorstehen. Denn nach den Modellen erwärmen sich die hohen Breiten stärker als die Regionen rund um den Äquator (was auch erklärt, warum der Klimawandel in der Arktis schon so deutlich sichtbar ist). Unterm Strich nehmen die Temperaturunterschiede auf der Planetenoberfläche damit ab - wodurch die Winde sogar schwächer wehen.

Schlechte Zeiten für Horrorstürme.



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