AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Getty Images

Von Marco Evers, Olaf Stampf und

6. Teil: Starkregen oder Dürre: Die Gewinner und Verlierer


Seit über 30 Jahren tüfteln die Forscher nun schon an ihren Klimamodellen, doch ein Naturphänomen kriegen sie einfach nicht in den Griff: "Die Wolken bereiten uns noch immer die größten Schwierigkeiten", bestätigt Marotzke. "Die Unsicherheiten sind weiterhin sehr groß. Das bleibt für uns das Thema Nummer eins."

Von der Theorie her erscheint alles simpel: Wird es wärmer, verdunstet mehr Feuchtigkeit. Aber bilden sich deshalb auch mehr Wolken? Und falls ja: Bremsen oder beschleunigen sie dann die globale Erwärmung?

An ihrer Oberfläche wirken Wolken wie Spiegel, die das Sonnenlicht zurück in den Weltraum werfen; dadurch kühlen sie die Atmosphäre. Mit ihrer Unterseite hingegen halten sie die vom Boden abgestrahlte Wärme zurück - und die Temperaturen steigen.

Welcher der beiden Effekte überwiegt, hängt von der Höhe und der Art der Wolken ab. "Man muss ja nur nach oben blicken, um zu erkennen, wie viele verschiedene Typen es dort gibt", sagt der US-Wolkenforscher Björn Stevens, seit kurzem ebenfalls Direktor am MPI-M. "Und jede Wolkenart verhält sich anders."

Bislang weiß keiner so genau, welche Wolken vom Treibhausklima begünstigt werden. Von der Lösung dieses Rätsels aber hängt es ab, ob die Erwärmung um ein Grad höher oder um ein Grad niedriger ausfällt, als von den heutigen Modellen vorhergesagt - ein beträchtlicher Unsicherheitsfaktor. Stevens: "Wohin das Pendel ausschlägt, ist noch nicht entschieden."

Zweifellos wird es Verlierer geben

Trotz der enormen Unsicherheiten besteht jedoch zumindest in einem Punkt Einigkeit: Die globale Erwärmung lässt sich nicht mehr stoppen.

Doch wäre das wirklich so schlimm? Drohen tatsächlich Plagen biblischen Ausmaßes? Oder hat ein wärmeres Klima nicht auch Vorteile? Wird es vielerorts zu höheren Ernteerträgen und mehr Tourismus führen?

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Zweifellos wird es Verlierer geben - aber eben auch Gewinner. Ob die Erwärmung eher schadet oder nutzt, kommt ganz auf den Standort des Betrachters an.

Leider sind die Computersimulationen, die das Klima der Zukunft vorhersagen, noch immer zu ungenau, um für jedes Land und jede Region verlässliche Aussagen zu treffen. Vergleichsweise leicht lässt sich zwar prognostizieren, wie stark die Durchschnittstemperaturen in den unterschiedlichen Weltgegenden vermutlich ansteigen werden. Bei den Niederschlägen hingegen sind die Modelle noch immer recht wacklig, ihre Prognosen widersprechen einander erheblich.

Immerhin zeichnet sich bei den meisten Simulationen ein klarer Trend ab: "Wo es heute schon viel regnet, wird es noch mehr regnen", erklärt Erich Roeckner, ein Veteran der Klimaforschung, der seit Jahren simuliert, wie sich in wärmeren Zeiten die Niederschläge verändern. "Und wo es heute trocken ist, wird es in Zukunft noch trockener werden."

Falsch ist die weitverbreitete Legende, unter dem Klimawandel hätten wieder mal nur die Entwicklungsländer zu leiden, die Ärmsten der Armen. Zumindest die aktuellen Klimamodelle geben das nicht her.

In Zentralafrika zum Beispiel, so die Vorhersagen, wird sich kaum etwas ändern; die Niederschläge dürften konstant bleiben. Und im einstigen Welthungergebiet Sahelzone könnte es nach den meisten Simulationen sogar mehr regnen. Roeckner: "Wenn sich das bewahrheitet, wäre das natürlich ein überraschend positiver Nebeneffekt."

Klare Gewinner sind aber vor allem jene Weltgegenden im Norden, in denen es bisher zu kalt und zu ungemütlich war. Auf bessere Ernten und ein Aufblühen des Tourismus können sich zum Beispiel Länder wie Kanada und Russland freuen. Die Arktis-Anrainerstaaten hoffen zudem auf ein Abschmelzen des Meereises, um an bislang unzugängliche Rohstoffe heranzukommen. So werden die Skandinavier allein unter dem schlechten Gewissen zu leiden haben, dass sie vom Klimawandel profitieren.

Trockener hingegen wird es vor allem in vielen subtropischen Regionen werden. Meist betrifft das Industriestaaten, also die Verursacher der globalen Erwärmung. Die neuen Dürrezonen liegen vermutlich im Süden der USA und in Australien, allerdings auch in Südafrika. In Europa dürften insbesondere Mittelmeerländer wie Spanien, Italien und Griechenland mit noch mehr Trockenheit zu kämpfen haben als jetzt schon.

Gute Zeiten für die Hotels an Nord- und Ostsee

Im europäischen Tourismusgewerbe könnte es zu einer drastischen Verschiebung kommen: schlechte Zeiten für die Bettenburgen in Südspanien, gute Zeiten für die Hotels an Nord- und Ostsee. "Wenn ich ein Ferienhaus auf Mallorca hätte", scherzt Max-Planck-Forscher Marotzke, "würde ich es verkaufen und mir eins auf Usedom suchen."

So könnte Deutschland eher zu den Gewinnern des Klimawandels gehören. Am Ende des Jahrhunderts herrschen hierzulande wohl mediterrane Verhältnisse. In Hamburg wird es im Sommer dann so warm sein wie heute in Freiburg; und der Sommer in Freiburg gleicht dem heutigen in Marseille. Vielleicht wachsen dann sogar Palmen auf Helgoland.

Aber es gibt auch Schattenseiten. Während es im Sommer trockener wird, nehmen im Herbst und im Winter die Regenfälle deutlich zu. Speziell in Norddeutschland könnte es häufiger Hochwasser geben. Um Überschwemmungen zu vermeiden, wird es notwendig sein, für eine bessere Entwässerung der Äcker und Felder zu sorgen und den Flüssen ihre alten Überflutungsflächen zurückzugeben ( www.regionaler-klimaatlas.de).

In besonders trockenen Gegenden wiederum, etwa in Brandenburg, wird im Sommer die Waldbrandgefahr weiter zunehmen - wie schon als Folge der bisherigen Erwärmung. Paradoxerweise hat die abgebrannte Fläche dennoch seit 1970 rapide abgenommen. Die Erklärung: Es brechen zwar tatsächlich mehr Brände aus; doch weil inzwischen optische Rauchdetektoren die Wälder überwachen, werden die Feuer schneller gelöscht. Bei einem Fortschreiten der Erwärmung könnte es zudem notwendig werden, die Kiefernwälder durch Mischwälder zu ersetzen.

"Erstmal versuchen, in die nahe Zukunft zu schauen"

Für heute lebende Deutsche, die in diesem Winter übers Glatteis schlitterten, sind all diese Szenarien noch weit entfernt. Was haben schon Simulationen über die Welt in 100 Jahren mit der heutigen Lebenswirklichkeit zu tun?

Um die Folgen der globalen Erwärmung anschaulicher zu machen, wird am Hamburger Klimarechenzentrum deshalb derzeit ein mittelfristiges Szenario hochgerechnet: die Welt in 20 Jahren.

"Wir wollen erstmals versuchen, in die nahe Zukunft zu schauen", sagt Institutsdirektor Marotzke. "Das ist schwieriger, da die Schwankungen größer sind als auf lange Sicht."

Noch rechnen die Supercomputer vor sich hin. So viel immerhin lässt sich schon jetzt sagen: Die Durchschnittstemperaturen werden bis 2030 schätzungsweise um ein weiteres halbes Grad ansteigen; das wäre noch einmal eine ebenso deutliche Erwärmung wie seit den siebziger Jahren. Marotzke: "Das werden wir deutlich spüren."

Droht wirklich der Weltuntergang?

Wir werden viel mehr laue Sommernächte kriegen, der Frühling kommt immer früher. Und bereits in 20 Jahren könnte in Deutschland Schnee von gestern sein.

All das ist nicht mehr abwendbar.

Selbst wenn die Menschheit die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas sofort einstellen würde, gäbe es in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten einen weiteren moderaten Temperaturanstieg. Denn die planetare Wetterküche reagiert erst mit einer gewissen Verzögerung auf die Treibhausgase, die bis heute schon in die Luft gepustet wurden.

Offen ist nur, ob es gelingen kann, die globale Erwärmung unter zwei Grad Celsius zu halten, wie es sich die Staatenlenker auf dem Gipfel in Kopenhagen vorgenommen haben.

Kritiker stellen eine ganz andere Frage: Wie sklavisch muss sich die Menschheit an dieses Ziel halten? Droht wirklich der Weltuntergang, wenn diese Grenze überschritten wird?



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