AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2010

Klima Die Wolkenschieber

Getty Images

Von Marco Evers, Olaf Stampf und

7. Teil: Wege aus der Treibhausfalle: Die Erfindung des Zwei-Grad-Ziels


Klimamodelle gehören zu den rechenaufwendigsten aller Simulationen. Weltweit verfügen nur eine Handvoll Institute über die dafür erforderlichen Supercomputer. Monatelang laufen die Rechner auf Hochtouren, um den Datendschungel der verkoppelten Differentialgleichungen zu durchdringen.

Für Politiker ist das alles viel zu hoch. So genau wollen sie das auch gar nicht wissen. Mit Strahlungsbilanzen und Ozean-Atmosphäre-Zirkulationsmodellen können sie wenig anfangen. Am liebsten haben sie einfache Zielvorgaben.

Bedrängt von der Politik, erfand eine Gruppe deutscher Wissenschaftler deshalb Mitte der neunziger Jahre eine leicht verdauliche Botschaft: das Zwei-Grad-Ziel. Um größere Schäden an Mensch und Natur zu verhindern, so mahnten die Gelehrten, dürfe es auf Erden höchstens um zwei Grad Celsius wärmer werden als vor Beginn der Industrialisierung.

"Ist ganz klar ein politisches Ziel"

Das war eine ziemlich gewagte Schätzung. Doch die Entscheidungsträger hatten endlich eine greifbare Zahl. Nun begann eine verblüffende Erfolgsgeschichte.

Selten hat eine wissenschaftliche Idee einen so großen Einfluss auf die Weltpolitik gehabt. Von der Mehrheit aller Staaten wurde das Zwei-Grad-Ziel inzwischen anerkannt. Bei Überschreiten der Zwei-Grad-Grenze, so verkündete der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) vor dem gescheiterten Kopenhagen-Gipfel, "wäre ein Leben auf unserem Planeten, wie wir es bisher kennen, nicht mehr möglich".

Doch das ist wissenschaftlicher Unfug. "Zwei Grad sind keine magische Grenze, das ist ganz klar ein politisches Ziel", sagt selbst Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Weder kommt es bei einer stärkeren Erwärmung sofort zum Weltuntergang, noch sind wir bei einer geringeren Erwärmung auf jeden Fall gerettet. Die Wirklichkeit ist natürlich viel komplizierter."

Schellnhuber wird es wissen: Er ist einer der Väter des Zwei-Grad-Ziels.

"Jawohl, ich bekenne mich schuldig", sagt er lächelnd. Seiner Karriere hat die Idee nicht geschadet, sie machte ihn zum einflussreichsten Klimaforscher Deutschlands: Der theoretische Physiker stieg zum wissenschaftlichen Chefberater von Kanzlerin Angela Merkel auf - ein Amt, in dem sich auch weniger eitle Forscher sonnen würden.

Die Menschen sind Kinder der Eiszeit

Begonnen hat die Geschichte des Zwei-Grad-Ziels im "Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen". Die Regierungspolitiker baten den Expertenrat um Leitlinien für den Klimaschutz. Daraufhin kamen die Forscher unter Schellnhubers Führung auf eine verblüffend einfache Idee. "Wir schauten uns die Klimahistorie seit Entstehung des Homo sapiens an", erinnert sich Schellnhuber. "Heraus kam, dass die globalen Durchschnittstemperaturen in den letzten 130.000 Jahren allerhöchstens zwei Grad höher waren als vor Beginn der industriellen Revolution. Um auf Nummer sicher zu gehen, empfahlen wir deshalb als Faustformel, diesen Erfahrungsbereich der menschlichen Evolution besser nicht zu verlassen. Sonst würden wir Terra incognita betreten."

Was so bestechend klingt, erweist sich bei näherer Betrachtung als Taschenspielertrick. Denn die Menschen sind Kinder der Eiszeit; über viele Jahrtausende kämpften sie in einem Klima ums Überleben, in dem es mindestens vier Grad kälter war als heute, teilweise sogar mehr als acht Grad.

Unterm Strich hat die Menschheit somit bereits weit heftigere Temperaturschwankungen als zwei Grad überstanden. Und die kalten Zeiten waren dabei immer die schlechten Zeiten. Hinzu kommt: Der heutige Zivilisationsmensch hat weit mehr technische Möglichkeiten, sich an den Klimawandel anzupassen als frühere Gesellschaften.

Was ist all die Orakelei wert?

Seit der ersten groben Schätzung, rechtfertigt Schellnhuber, seien noch viele andere gute Gründe für das Zwei-Grad-Ziel hinzugekommen. Mit immer neuen Studien ist das Bild aber auch deutlich unübersichtlicher geworden.

Korallenriffe zum Beispiel könnten schon bei einer Erwärmung der Ozeane um 1,5 Grad dem Untergang geweiht sein. Die Ernteerträge in der Landwirtschaft hingegen dürften bis 2,5 Grad Erwärmung sogar höher werden - eine frohe Botschaft für eine wachsende Weltbevölkerung.

Doch was ist all die Orakelei wert? Es ist schon schwer genug, exakt zu berechnen, um wie viel Grad Celsius die Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten ansteigen werden. Vollends spekulativ wird es, im Detail vorherzusagen, wie sehr die Erwärmung dem Tourismus nutzt oder der Artenvielfalt schadet.

"Natürlich sind die Aussagen der Klimafolgenforschung weniger belastbar, als es wünschenswert wäre", gibt Schellnhuber zu. "Aber wir können den Regierenden ja schlecht 10.000 Studien aus "Science" und "Nature" auf den Tisch knallen, damit wären sie natürlich überfordert. Wir müssen als Fachleute versuchen, die Vielzahl der Analysen zu plausiblen Szenarien zu verdichten."

"Das Zwei-Grad-Ziel hat mit seriöser Wissenschaft wenig zu tun"

Kritiker finden, dass die Klimafolgenforscher mit ihrer Form der Politikberatung zu weit gegangen seien. "Das Zwei-Grad-Ziel hat mit seriöser Wissenschaft wenig zu tun", sagt Hans von Storch. Viele seiner Forscherkollegen verstünden sich inzwischen zu sehr als politische Aktivisten, die etwas bewirken wollten. Darunter leide die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft insgesamt. Hierin liege auch eine tiefere Ursache für "Climategate" und die Schlampereien im IPCC-Bericht.

"Manche meiner Kollegen verhalten sich leider wie Pastoren, die ihre Ergebnisse genau so präsentieren, dass sie zu ihrer Predigt passen", klagt Klimatologe Storch. "Es ist sicher kein Zufall, dass alle bekanntgewordenen Fehler immer in Richtung Übertreibung und Alarmismus gingen."

PIK-Direktor Schellnhuber ärgern solche Verdächtigungen, zumal wenn sie sich gegen seine Person oder sein Institut richten. Sonst immer diplomatisch-leise sprechend, hebt der geborene Bayer dann die Stimme. Er sei weit davon entfernt, ein Umweltaktivist oder Überzeugungstäter zu sein.

"Das ist doch vollkommen absurd!", erregt er sich. "Ich marschiere auf keiner Demo mit, bin nicht Mitglied bei den Grünen, ich esse gern Fleisch und fahre BMW. Ich habe auch nicht Physik studiert, um Klimaforscher zu werden."

"Es kann also auch ganz anders kommen"

Aber jetzt sei es nun einmal so, dass er Insiderwissen über drohendes Unheil erworben habe; und das dürfe er nicht für sich behalten. "Wenn ich als Schiffspassagier mit meinem Fernglas sehe, dass wir auf einen Eisberg zusteuern", rechtfertigt sich Schellnhuber, "dann muss ich doch sofort den Kapitän warnen."

Aber wie weit ist der Eisberg tatsächlich noch entfernt? Wie viel Zeit bleibt, um das Schiff auf einen Ausweichkurs zu bringen? Und wie groß ist das Kollisionsrisiko wirklich? Das sind entscheidende Fragen. Denn in Wahrheit geht es nicht um das Abbremsen eines Luxusdampfers, sondern um den gewaltigen Kraftakt, möglichst schnell das Öl- und Kohlezeitalter zu beenden.

"Wir Klimaforscher können nur mögliche Zukünfte beschreiben", betont Mathematiker Storch. "Es kann also auch ganz anders kommen."

Der Norddeutsche, einer der Pioniere der Klimamodellierung, rät zu mehr Gelassenheit. Auf der Nordseeinsel Föhr ist er mit Sturmfluten groß geworden. Aus seiner Lebenserfahrung weiß er: Der Mensch ist ein zähes, anpassungsfähiges Wesen.

"Angst machen gilt nicht", sagt Storch. "Der Klimawandel passiert ja nicht von heute auf morgen. Wir haben noch genug Zeit zu reagieren."



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