AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 14/2010

Hochschulen Rechthaber unter sich

Die Universität Göttingen geht gegen private Nachhilfelehrer für Jurastudenten vor - und befeuert damit den Streit, wer besser aufs Examen vorbereitet.

Student im Examensdelirium: Das Fremdgehen soll ein Ende finden
Corbis

Student im Examensdelirium: Das Fremdgehen soll ein Ende finden

Von Fabian Klask und


Auch an einer Eliteuni kann man schnell auf dumme Gedanken kommen. Gleich im Eingang der juristischen Bibliothek in Göttingen lockt ein Faltblatt Studenten zum "Stock- und Schwertkampf". Kleine Zettel werben für die nächste Party: Bier 1 Euro, Tequila 1 Euro! Wer es gediegener mag, kann in einem Katalog mit Leckereien aus der Toskana blättern.

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Heft 14/2010
Die gescheiterte Mission des Joseph Ratzinger

Unigebäude haben immer etwas von einem Basar, auf dem um die Aufmerksamkeit der Besucher gebuhlt wird: Seminarankündigungen, Wohnungsgesuche, Sprechstundenhinweise, Partyeinladungen ergeben das typisch bunte Chaos, das bis auf den Hausmeister alle lieben. Daran wird sich auch an der Georg-August-Universität Göttingen, Gewinner in der Exzellenzinitiative, wohl nichts ändern.

An der juristischen Fakultät aber soll künftig ein Reinheitsgebot herrschen, das zumindest manche Werbetreibenden verbannt: Private Repetitoren sollen nicht mehr für ihre Nachhilfekurse werben dürfen. Das Präsidium ist entschlossen, den Kampf mit der Kommerzkonkurrenz aufzunehmen. Es hat ein Hausverbot ausgesprochen und den Privatpaukern "untersagt, Werbemaßnahmen gleich welcher Art für Ihr kommerzielles Repetitorium durchzuführen".

Die Uni greift damit eine erstaunliche Aufgabenteilung zwischen Staat und Privaten an, die sich in der Juristenausbildung schon vor langer Zeit eingebürgert hat. Professoren und Repetitoren leben in friedlicher Koexistenz. Man mag sich nicht unbedingt, aber profitiert voneinander. Die Professoren sind so die aufwendige Examensvorbereitung weitgehend los, die Repetitoren verdienen gutes Geld. Lange hat sich außer den Studenten niemand daran gestört. Die laufen annähernd in Jahrgangsstärke zu den Repetitoren und füllen deren Konten, ein Kurs kostet mindestens 100 Euro im Monat.

"Problem erkannt, Gefahr gebannt"

Die Angebote reichen vom Pauschalpaket - Gruppenkurs mit passenden Skripten und regelmäßigen Probeklausuren - bis zu exklusiven Einzelstunden. Einige Unternehmen wie die Hemmer.Group oder Alpmann Schmidt sind zu kleinen Imperien gewachsen und haben das ganze Land erobert. Der Hemmer-Konzern etwa lehrt in 39 Städten und verkauft auch noch Versicherungen, Karrierekurse und ein umfassendes Sortiment an Büroartikeln - darunter finden sich Kaffeekannen und ein Dampfbügeleisen.

Kritiker dürften dies für ein angemessenes Symbol des Gewerbes halten: Sie werfen den Privatlehrern vor, die Feinheiten der Rechtswissenschaft plattzubügeln und auch heiße Luft abzusondern. Tatsächlich wird nur gelehrt, was fürs Examen gebraucht wird. Dafür stutzen die Repetitoren die komplexe Materie gern mal auf platte Merksätze herunter: "Problem erkannt, Gefahr gebannt."

In den vergangenen Jahren haben aber immer mehr Universitäten als Problem erkannt, dass ihnen die meisten Studenten in einer wesentlichen Phase des Studiums fernbleiben. Das Fremdgehen soll ein Ende finden. Darum haben mittlerweile etliche Unis eigene Programme aufgesetzt, um aufs Examen vorzubereiten.

Die Ruhr-Universität Bochum wirbt für ihr "All-inclusive-Angebot ultra plus(*****1)" mit Übungsklausuren und Prüfungssimulationen, das der Dekan gleich mal als "konkurrenzlos" bezeichnet. Die Universität Mannheim bietet "Rep im Quadrat" und verkündet selbstbewusst, dass sich ihre Studenten den Besuch beim Repetitor "fortan im wahrsten Sinn des Wortes 'sparen' können". Im Bachelor-Studiengang "Unternehmensjurist" haben die Mannheimer ihren Vorbereitungskurs gleich als verpflichtend eingestuft. Damit haben die Studenten schon mal weniger Zeit, um zusätzlich zum Repetitor zu gehen.

Die Repetitoren feiern ihren Sieg

In Göttingen will die Uni nun ihr Hausrecht nutzen. Künftig soll, wie auch an anderen Hochschulen, ein Werbeverbot gelten. "Die Durchführung von Werbemaßnahmen beeinträchtigt die Universität Göttingen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben", heißt es in der Verbotsverfügung des Präsidenten. Wenn in der Hochschule für die Repetitoren geworben werde, entstehe bei Studenten der Eindruck, dass die Uni selbst ihr Angebot für zu dünn halte.

Die Repetitoren schlugen erwartungsgemäß so zurück, wie Juristen es gelernt haben: Sie zogen vor Gericht. Dort stellte sich heraus, dass die Uni geschlampt hatte. Ihre Begründung sei unzureichend und ihre Argumentation in sich widersprüchlich, kritisierte das Verwaltungsgericht und kassierte das Werbeverbot erst einmal ein.

Nun gebärden sich alle als Rechthaber. Die Repetitoren feiern ihren Sieg, die Uni hingegen sieht in der Gerichtsentscheidung eine Bestätigung, dass sie grundsätzlich zu einem solchen Verbot berechtigt ist - und will sich beim nächsten Mal schlauer anstellen. Die Repetitoren werden dann wohl wieder vors Verwaltungsgericht ziehen.

Während die juristische Fakultät also dem nächsten Streit entgegensieht, scheint sich in einem anderen Fach niemand an kommerzieller Lehre zu stören. An der medizinischen Fakultät jedenfalls gibt es sogar eine offizielle Kooperation mit dem Unternehmen Medi-Learn.net aus Marburg. Angeboten werden Kurse, die auf das Physikum vorbereiten sollen, finanziert werden sie teilweise aus Stu-dienbeiträgen. Viele Teilnehmer müssen gleichwohl draufzahlen: Sie entrichten 150 Euro. Nur wer später in den schriftlichen Prüfungen sehr gut abschneidet, erhält die Kursgebühr zurück.

insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
Pnin, 09.04.2010
1. .
Zitat von sysopDie Universität Göttingen geht gegen private Nachhilfelehrer für Jurastudenten vor - und befeuert damit den Streit, wer besser aufs Examen vorbereitet. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,687478,00.html
Im Webzeitalter zu glauben, man könne die Studis durch ein Werbeverbot an Unis aus den Reps halten zeigt perfekt auf, wie altbacken und wirklichkeitsfern die meisten juristischen Fakultäten denken. Auch bei der Examensvorbereitung.
eben00m 09.04.2010
2. Geschäft mit der Angst
Kommerzielle Reps machen ein Geschäft mit der Angst. Als Student kann man da schon mal das Gefühl bekommen, das Examen nie zu schaffen, ohne die Kurse zu besuchen. Es ist Aufgabe der Unis (und im zweiten Staatsexamen der Ausbildungsrichter), den Studenten diese Angst zu nehmen. Das geht meiner Meinung nach nur, wenn sich die Vorbereitung auf das Wesentliche konzentriert: das Erkennen der Kernprobleme eines juristischen Sachverhaltes und das Auslegen und Agumentieren, um zu einer angemessenen Lösung zu gelangen. Keinesfalls schafft man ein entsprechendes Vertrauen in die eigene Ausbildung, wenn man Klausuren im Staatsexamen stellt, die vorher fast wortgleich im Rep liefen (so geschehen in einer verwaltungsrechtlichen Klausur in meinem 2. Staatsexamen).
rabka_uhalla 09.04.2010
3. Hab ich das richtig verstanden ?
Zitat von eben00mKommerzielle Reps machen ein Geschäft mit der Angst. Als Student kann man da schon mal das Gefühl bekommen, das Examen nie zu schaffen, ohne die Kurse zu besuchen. Es ist Aufgabe der Unis (und im zweiten Staatsexamen der Ausbildungsrichter), den Studenten diese Angst zu nehmen. Das geht meiner Meinung nach nur, wenn sich die Vorbereitung auf das Wesentliche konzentriert: das Erkennen der Kernprobleme eines juristischen Sachverhaltes und das Auslegen und Agumentieren, um zu einer angemessenen Lösung zu gelangen. Keinesfalls schafft man ein entsprechendes Vertrauen in die eigene Ausbildung, wenn man Klausuren im Staatsexamen stellt, die vorher fast wortgleich im Rep liefen (so geschehen in einer verwaltungsrechtlichen Klausur in meinem 2. Staatsexamen).
Heißt das, das man die Klausuren vorher (im REP) schon einmal gehabt hat ? Wie peinlich, und dann noch schmücken das man die Klausur geschafft hat.
Klaus_T 09.04.2010
4. Unis machen es sich leicht.
---Zitat--- Tatsächlich wird nur gelehrt, was fürs Examen gebraucht wird. Dafür stutzen die Repetitoren die komplexe Materie gern mal auf platte Merksätze herunter: "Problem erkannt, Gefahr gebannt." ---Zitatende--- Liegt da nicht das Problem der universitären Ausbildung? Eigentlich sollten aus der Universität helle Köpfe hervorgehen, die den Stoff der in der Universität gelehrt wird in ihrem Beruf einsetzen können. Stattdessen wird in den meisten Prüfungen fast ausschließlich Wissen abgefragt. Wer alles wiederkäuen kann, hat schon mal eine 2. Die Universitäten sind mE hier hinter ihrer Zeit zurück. Wir leben im Zeitalter von Wissensdatenbanken. 95% der Grundlagen sind mittlerweile gut aufbereitet im Internet zu finden. Es geht doch mittlerweile nicht mehr darum das Wissen auswendig parat zu haben, weil man keine Möglichkeit hat nachzuschlagen. Vielmehr sollte an Universitäten wert auf die Fähigkeiten gelegt werden, das Erlernte auch Anwenden und darüber hinaus denken zu können. Vorschlag: Zu allen Prüfungen werden das Internet und alle Bücher zugelassen, die die Prüflinge tragen können. Dieses Wissen muss dann auf eine Aufgabe angewendet werden, die in den Jahren zuvor noch nicht gestellt wurde. Dazu sollten Kurse angeboten werden, wie man Wissen FINDET! Wer solch eine Prüfung besteht beweist eher, dass er zu den denkenden Menschen gehört, als jemand der in der Lage ist das Internet oder gar die komplette Sammlung multiple-choice Aufgaben auswendig zu lernen. Hier macht es sich die Uni einfach zu leicht. Mit dieser Umstellung würde vermutlich auch ein ganzer Bereich der spezialisierten Nachhilfe-Institute über die Wupper gehen.
Thomas_A 09.04.2010
5. Ziel verfehlt
Typisch deutsch. Erst mal verbieten und klagen. Ein "Verbot" der Repititorien erübrigt sich dann, wenn die Universität endlich ihrem Lehrauftrag nachkommt und die Studenten so ausbildet, dass sie die Prüfung auch ohne Rep bestehen. Dieses Prinzip funktioniertin allen anderen Studienrichtungen doch auch: Studenten hören Vorlesungen und Übungen, lernen fleißig und bestehen dann die Prüfungen. Nur in Jura sind die Lehre/Übung so weit von der Prüfung entfernt dass es ohne eine getrennte Prüfungsvorbereitung nicht geht. Sobald sinnvoll ausgebildet wird, erledigt sich das Thema Repetitorium von allein.
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