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iPad: Die Kunst des Weglassens

Foto: KIMBERLY WHITE/ REUTERS

Essay Die Kunst des Weglassens

Warum das iPad die Zukunft des Lesens ist
Von Ferdinand von Schirach

"Und wie der Rauschgiftsüchtige, der keinen Schritt tut, ohne ein ausreichendes Quantum der tödlichen Substanz mitzunehmen, wage auch ich mich niemals weit fort, ohne mich mit einem erheblichen Vorrat an Lesestoff einzudecken." So schrieb es Somerset Maugham in seiner Geschichte von Olive Hardy, und er fuhr fort: "Aber wenn ich eine große Reise vorhabe, nimmt das Problem erschreckende Dimensionen an. Seit jener Zeit habe ich es mir zum Prinzip gemacht, mit dem größten im Handel erhältlichen Wäschesack zu reisen und ihn bis zum Rand mit Büchern für jede Gelegenheit und jede Stimmung zu füllen. Er ist zentnerschwer, und selbst starke Träger stöhnen unter seinem Gewicht. Zollbeamte blicken ihn misstrauisch an, weichen aber konsterniert zurück, wenn ich ihnen mein Wort gebe, dass er nichts als Bücher enthalte. Ein solcher Sack hat bloß den Nachteil, dass das Werk, das man haben möchte, gewöhnlich ganz unten liegt und unmöglich zu erreichen ist, ohne dass der gesamte Inhalt auf dem Boden ausgeleert wird. Doch gäbe es diesen Umstand nicht, hätte ich vielleicht niemals die eigentümliche Geschichte von Olive Hardy erfahren."

Maughams Geschichte handelt von einem merkwürdigen Geschwisterinzest, ich habe sie fast vergessen. Aber an den Büchersack erinnere ich mich. Es geht mir heute noch so. Selbst wenn ich nur übers Wochenende verreise, nehme ich immer zu viele Bücher mit - ich weiß nie, was ich in zwei Tagen lesen will.

Ich bin in einer analogen Welt aufgewachsen. Als Kinder wohnten wir auf dem Land. Manchmal stand meine Großmutter auf den Stufen des Hauses, wenn der Briefträger die Einfahrt herunterkam. Er rief dann mit der Post in der Hand: "Es ist nichts Wichtiges dabei." Anstelle von E-Mails gab es noch das Telex. Und als das erste Funktelefon im Wagen meines Urgroßvaters installiert wurde, ein Telefon für das sogenannte A-Netz, musste er dauernd durchgeben, wo er gerade war, wenn ihn jemand anrufen wollte. Es war alles kompliziert und lustig. Telefonieren war fürchterlich teuer, und vor dem Wort "Auslandsgespräch" hatten alle großen Respekt. Als ich acht war, war ich mit meinem Vater einmal in einem Hotel in Hamburg. Dort war im Badezimmer ein Telefon in die Wand eingelassen. Ich durfte meine Mutter anrufen und dachte, einen größeren Luxus könne es nie geben: aus der Badewanne telefonieren.

Wenn ich ein paar Jahre später ein Mädchen zu Hause abgeholt habe, musste ich klingeln und stand vor ihrem Haus. Sie sagte durch den scheppernden Lautsprecher der Gegensprechanlage, dass sie gleich herunterkomme. Es war schrecklich kalt, sie ließ mich ein paar Minuten vor der Tür warten. Das machte sie immer. Dann kam sie die Treppen runter, ich konnte ihre Absätze auf den alten Stufen hören, sie öffnete die Tür und küsste mich. Ihr Gesicht war warm. Wir haben uns Briefe geschrieben, sie hatte eine weiche Handschrift, sie schrieb immer sehr ordentlich - ganz anders als ich. Das war im Winter 1984, ich war damals 20 Jahre alt.

Briefe von Hand wurden immer seltener

In den folgenden 25 Jahren ist das alles langsam abhandengekommen. Irgendwann begannen die ersten Mandanten E-Mails zu schreiben. Briefe von Hand wurden immer seltener, ältere Herrschaften schrieben wenigstens noch die Anrede mit breitem Füller. Plötzlich hatten wir alle PalmPilots, man konnte auf ihnen mit lächerlich winzigen Stiften Termine und Telefonnummern eintragen. Ich kaufte den ersten Newton von Apple. Er war ungefähr so groß wie ein Ziegelstein und mindestens genauso schwer. Man sollte ihn in das Jackett stecken, aber kein Mensch hatte solche riesigen Taschen. Er hatte aber auch Vorteile. Wenn die Begleitung zu spät ins Kino kam, konnte man mit dem eingeschalteten Newton winken: Er leuchtete grün, so wie ich mir als Kind die Farbe der Bildschirme in Kapitän Nemos "Nautilus" vorgestellt hatte, und wies den Weg zum Sitzplatz. Wenn man jetzt ein Mädchen abholte, rief man aus dem warmen Wagen mit dem Handy an und musste nicht mehr in der Kälte stehen. Später kamen die Blackberrys, die Welt wurde noch schneller.

Und jetzt habe ich das iPad. Falls Sie die letzten acht Wochen keine Zeitung gelesen und keinen Fernseher angeschaltet haben: Das iPad ist das neue Gerät des Soft- und Hardware-Herstellers Apple. Es besteht nur aus einem schwarzen Glasbildschirm, es ist etwa sechs Zentimeter kürzer und zwei Zentimeter schmaler als eine DIN-A4-Seite. Es ist dünn, sehr dünn. Es wiegt ungefähr 700 Gramm. Und, um es gleich zu sagen: Es ist die Zukunft. Punkt. Es gibt darüber gar keine Diskussion.

Erinnern Sie sich an den ersten "Harry Potter"-Film? Dort gab es in einer Szene eine Zeitung mit bewegten Bildern. Genau das ist das iPad. Wenn Sie zum Beispiel die "App" - so nennt Apple die kleinen Programme - vom britischen Fernsehsender BBC auf das iPad laden, können Sie Texte lesen und kleine Videos ansehen. Natürlich können Sie das auch auf dem Laptop machen, aber es ist etwas völlig anderes auf dem iPad. Eigentlich ist es nur ein Trick. Ein alter Trick, der immer noch funktioniert. Lessing sagte, Zeichnen sei die Kunst des Weglassens. Ludwig Mies van der Rohe erklärte: "Less is more." Und das Vorbild von Jonathan Ive, dem Designdirektor von Apple, ist Dieter Rams, der legendäre Gestalter der Produkte von Braun (natürlich bevor sie anfingen, diese fürchterlich hässlichen Rasierer von heute zu fabrizieren). Rams sagte: "Von der Natur können wir lernen, dass Weglassen sinnvoll ist." Das iPad ist die Krönung in dieser Disziplin. Es ist so einfach, dass es ein dreijähriges Kind bedienen kann. Es erklärt sich selbst. Und es tut das so vollständig, dass es noch nicht einmal mit einer Betriebsanleitung ausgeliefert wird.

Die dunklen Seiten des iPad

Das iPad wird unsere Welt verändern. Es wird sie so verändern, wie der iPod die Musikbranche verändert hat. Wenn Sie in Bangkok in einem Taxi sitzen und zu den Bewegungen auf der Straße die Goldberg-Variationen hören, während Sie aus dem Fenster sehen, ist das eine Art Glück. Wir werden bald Zeitungen und Zeitschriften auf dem iPad lesen. Stellen Sie sich vor, Sie haben nicht mehr diese Riesenblätter "Frankfurter Allgemeine" und "Zeit" mit sich rumzuschleppen. Sie bekommen sie morgens elektronisch geliefert. Einfach so. Sie lesen sie in der S-Bahn. Thomas Bernhard beschrieb, wie er eine Odyssee auf sich nehmen musste, um die "Neue Zürcher Zeitung" zu kaufen, weil es sie in Salzburg nicht gab. Der SPIEGEL hat eine App auf mein iPad geladen. Ende April ist sie für jeden erhältlich. Offen gesagt, ich lese das Heft jetzt so schon lieber als in gedruckter Form. Ich kann die Bilder vergrößern, das Heft liegt nicht mehr herum, ich kann gleich alle früheren Ausgaben mitnehmen - und vor allem: Es sieht schöner aus. Für die Zeitungsbranche ist es vermutlich die letzte Möglichkeit, das Rad, das sie durch die kostenlosen Internetseiten zu weit gedreht hat, nochmals zurückzudrehen und Geld zu verdienen.

Werden wir Bücher auf dem iPad lesen? Ja, natürlich. Ich werde noch einige Zeit brauchen, um mich daran zu gewöhnen. Ich mag Bücher in gedruckter Form. Ich mag das Papier, das Umblättern (das iPad bildet das elektronisch nach), das Leinen der Umschläge. Die zerfledderten Seiten und die Buchrücken bedeuten noch etwas. Sie stehen im Regal, und wenn ich an ihnen vorbeilaufe, erinnere ich mich an sie, an die Zeit, zu der ich sie gelesen habe. Aber es ist einfach unglaublich, dass man Hunderte schwere Bücher mitnehmen kann, ohne darüber nachzudenken. Man kann Lesezeichen eingeben, Worte im Lexikon nachschlagen und nach bestimmten Wörtern in den Büchern suchen. Vermutlich werden wir erst Lexika auf das iPad laden, den Duden vielleicht, den Brockhaus und vor allem Fachliteratur. Es ist natürlich viel einfacher, auf einem iPad nach einem Medikament zu suchen als in der Roten Liste. Und es wird wahrscheinlich viele geben, die mit dem iPad wieder zu lesen beginnen; Menschen, die sonst selten in eine Buchhandlung gehen. Im iTunes-Store, das ist die Plattform, über die Apple die Apps vertreibt, gibt es inzwischen mehr Bücher als Spiele. Und das gilt sogar für das iPhone, auf dessen kleinem Schirm man nur mühsam lange Texte lesen kann. Für das iPad hat Apple einen neuen Vertriebsweg für Bücher geschaffen. Es zeigt ein nicht sehr hübsches Kiefernregal, Bücher kann man dort mit einem Klick kaufen. Apple hat mit dem iPad geschafft, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Die elektronischen Bücher lassen sich ausgezeichnet lesen.

Der Witz des iPad ist, dass es nur ein Bildschirm ist

Natürlich kann man auch alles andere mit dem iPad machen. Spiele, Bankgeschäfte, E-Mails, Kalender und Adressbücher - Tausende Applikationen gibt es, viele sind wunderbar gestaltet. Filme lassen sich auf dem Schirm ansehen - auch sie kauft man über den iTunes-Store, es erspart den Weg in die Videothek. Allerdings kann man all diese Sachen besser auf einem Laptop erledigen. Die Tastatur, die es als Zusatzprodukt gibt, scheint keinen rechten Sinn zu haben - der Witz des iPad ist ja, dass es nur ein Bildschirm ist. Auch ein anderer Punkt leuchtet mir nicht ein: Man muss das iPad dauernd in der Hand halten. Das ist unangenehm, wenn es länger dauert, zum Beispiel wenn man einen Film ansieht. Schreiben auf der virtuellen Tastatur bereitet mir keine Freude, ich vertippe mich dauernd, und schon eine längere E-Mail wird zur Mühsal. Und wirklich scheußlich ist: Das iPad ist nach 20 Minuten Gebrauch von Fingerabdrücken und Schlieren übersät - kein schöner Anblick. Das iPad kann einen Computer nicht ersetzen. Es will das auch gar nicht, es ist etwas anderes. Das Gerät scheint mir letztlich eine neue perfekte Vertriebsform zu sein: Das iPad ist ideal für Zeitschriften und Bücher. Und dafür ist es besser geeignet als jeder Laptop.

Aber es gibt auch dunkle Seiten des iPad: Apple zensiert. Die "Bild"-Zeitung darf kein nacktes Mädchen abbilden, überhaupt ist jede Form von Sex tabu. Natürlich ist das eine sehr milde Form von Zensur, und für uns Europäer hat das eher etwas Kindisches. Aber es ist Zensur, und sie zeigt, was der Konzern alles tun könnte. Schlimmer noch ist: Apple wird bald ein Monopol besitzen, die Firma wird mächtiger sein, als es Microsoft jemals war. An jeder kostenpflichtigen App verdient Apple 30 Prozent. Zeitungs- und Buchverlage werden sich darauf einlassen müssen, genauso wie es vor ihnen die Musikbranche tat und zurzeit die Filmindustrie tut. Wenn es keine Konkurrenz mehr für das iPad gibt, werden alle in einer neuen Abhängigkeit sein. Es gibt Apple-Aktionäre, die Steve Jobs, den Konzernchef in schwarzem Rollkragenpulli, Jeans und mit randloser Brille, "iGod" nennen. Vielleicht nicht zu Unrecht: Apple hat nach dem letzten Geschäftsbericht fast 40 Milliarden Dollar Rücklagen; die Firma hat einen Börsenwert, der weit höher ist als der von Daimler-Benz und Deutscher Bank zusammen.

Manchmal vermisse ich die analoge Zeit. Ich erinnere mich daran, wie uns der Wind am Strand die Zeitungen aus der Hand riss und wie wir in Italien im Café saßen und versuchten, den "Corriere della Sera" zu lesen. Eine Wohnung ohne Bücher möchte ich mir nicht vorstellen. Wir können die Dinge nicht aufhalten, sie sind schneller als wir. Trotzdem werde ich die schweren Bücher weiter auf Reisen mitnehmen, solange es geht - sie würden mir einfach zu sehr fehlen.