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"Im Angesicht des Verbrechens": Ein neues Böses

Foto: ARD/Julia von Vietinghoff

Fernsehen "Ein neues Böses"

Der Regisseur Dominik Graf über seine Fernsehserie "Im Angesicht des Verbrechens", die Vitalität der Russenmafia und deutsche Krimi-Depression

SPIEGEL: Herr Graf, alle Welt schwärmt von US-Serien wie den "Sopranos", "The Wire" oder "Mad Men". Die Deutschen könnten solche klugen Stücke nicht, hieß es immer, wir könnten nur "Tatort".

Graf: Bei uns liefen schon Thrillerserien wie "Allein gegen die Mafia", da war Tony Soprano noch gar nicht geboren.

SPIEGEL: Nun haben Sie "Im Angesicht des Verbrechens" gedreht, eine ästhetisch aufwendige Krimi-Serie in zehn Teilen, wie es sie in Deutschland noch nie zu sehen gab: russische Großgangster, fette Hedonisten, ein Osteuropa voller Leidenschaften, West-Berlin als internationale Verbrechermetropole, kampfeslustige deutsche Polizisten. Was genau wollen Sie uns da eigentlich erzählen?

Graf: Rolf Basedow, der Autor, und ich waren davon fasziniert, wie sich Deutschland der Welt öffnen muss und wie damit viel Neues, auch ein neues Böses hineinbricht.

SPIEGEL: Worin besteht dieses neue Böse?

Graf: Vordergründig in Kriminellen von internationalem Format. Das BRD-deutsche Verbrechen war doch mit Ausnahme der RAF nie so richtig auf Weltniveau. Welcher deutsche Gangster konnte mithalten mit den Amerikanern, den Italienern und Franzosen? Negerkalle? Dagobert? Welcher Polit-Skandal? Barschel in der Badewanne? Der Glamour der großen Verbrecher und der großen Thrillerfilme schien immer im Ausland zu glänzen. In diesem etwas perversen Sinn profitieren wir jetzt sozusagen von der Einwanderung der Ost-Kriminalität.

SPIEGEL: Die italienische 'Ndrangheta im Ruhrgebiet, libanesische Clans in Neukölln, die Russenmafia in Charlottenburg: Sollen wir uns freuen, dass die da sind, weil sie uns große Erzählstoffe liefern?

Graf: Nicht wirklich. Wir sehen aber vielleicht mal, was für ein kleines beschränktes Land wir doch sind. Und ästhetisch-erzählend gibt es vielleicht die Möglichkeit zur Befreiung aus der Depressionssoße, die sich seit Jahren über den deutschen Fernsehthriller zu legen droht.

SPIEGEL: Muss man deshalb das Verbrechen als vital feiern? Eigentlich wäre doch sein Untergang wünschenswert.

Graf: Diese Frage hat sich doch längst, spätestens seit Klassikern wie "Der Pate", erledigt. Können Sie sich vorstellen, dass ein moderner Polizeithriller mit der Moral endet, dass Verbrechen sich nicht auszahlt? Die Welt erzählt einem in jeder Minute etwas anderes.

SPIEGEL: Sie schildern vordergründig den Kampf zwischen der russischen Mafia und der Polizei. Sind Sie vielleicht betört von der Allmacht des Bösen?

Graf: Nein. Ich möchte zeigen, wie sich die Fronten ineinanderschieben, bis keiner mehr weiß: Wer ist hier eigentlich böse, wer ist gut? Härte, Bösartigkeit, Verbissenheit und Dunkelheit gibt es über-all in den Seelen. Nicht nur bei den Gangstern. Auch bei den Polizisten.

SPIEGEL: Der provinzielle deutsche TV-Polizist steht meist deprimiert an einer Würstchenbude.

Graf: Nichts gegen das Provinzielle an uns, aber die Beschreibung stimmt in gewissem Sinn leider zu oft. In deutschen Thrillern von heute schleichen die Polizisten oft als sieche Wölfe durch die Straßen.

SPIEGEL: Warum eigentlich?

Graf: Das liegt auch an einem kollektiven Authentizitätsbefehl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Seit 10 oder 15 Jahren heißt es doch: Wir sollen im Krimi nicht über die Verhältnisse leben, wir sollten uns eher mit der deutschen Alltagshölle beschäftigen. Das ist ehrenwert, nimmt aber den Thrillern die Chance zu Appeal und Größe.

SPIEGEL: Was machen Sie anders?

Graf: Basedow macht es anders, nicht ich. Er beschreibt die Kriminalität in allen seinen Drehbüchern anders, immer neu. Ich inszeniere ihm hinterher. Er stellt in der Serie ziemlich vitalen Gangstern zwei recht frohgemute Polizisten gegenüber. Man sieht zwei Jungs, die einen geradezu sportlichen Ehrgeiz in ihrem Job haben.

SPIEGEL: Ist denn das Grundgefühl der deutschen TV-Ermittler nicht zu Recht Vergeblichkeit? Weil es in der Wirklichkeit, besonders in Berlin, auch so ist?

Graf: Bestimmt. Ein älterer LKA-Mann thematisiert dieses Problem, wenn er sagt: "Wir können eigentlich gar nichts mehr machen. In zwanzig Jahren gibt es uns deutsche Polizisten vielleicht nicht mehr. Die organisierten Verbrecher nehmen uns das Gesetz des Handelns aus der Hand. Unsere Chancen werden immer kleiner, und die Tarnung der Gangster wird immer perfekter." Ein frustrierter Bulle. Aber dagegen setzen die jungen Polizisten das Gefühl: "Ich will trotzdem einige von denen kriegen. An irgendwas muss man doch glauben."

SPIEGEL: Vitale Polizisten gegen vitale Verbrecher. Nach zehn Folgen kommt ein Nullsummenspiel heraus. Keiner siegt über den anderen. Alles bleibt, wie es ist.

Graf: Als müsste man am Ende eine kaufmännische Abrechnung machen, wie viele Tote es auf der einen Seite und wie viele Tote es auf der anderen gibt. Die Polizei hier schafft es immerhin, eine illegale Zigarettenfabrik lahmzulegen. Das ist nicht nichts. Und sie enttarnt zwei Verräter in ihren eigenen Reihen.

SPIEGEL: Berlin erscheint bei Ihnen als neue Stadt. Ohne Ghetto, ohne Platte, ganz bürgerlich. Gleichsam wie unter uns.

Graf: Es spielt in einer Welt, die wir nur zu kennen glauben. Darunter kocht und brodelt es, nur wir deutschen Bürgerlein haben keine Ahnung.

SPIEGEL: Die Ostgangster halten uns für spätrömische Dekadenzlinge, fühlen sich überlegen.

Graf: Die Russen sagen zueinander immer wieder: "Denkt daran, wir sind nur Gast in diesem Land." Und dann lachen sie höhnisch. Sie haben sich einfach dort wieder niedergelassen, wo sie schon in den Zwanzigern präsent waren: in Charlottenburg, als wären die alten Stühle dort noch frei.

SPIEGEL: Und glauben nun, die Stadt nach Belieben schröpfen zu können?

Graf: Also, im kriminellen Weltbild gibt es immer nur Stärke oder Schwäche. Man kann dort nur jemanden akzeptieren, der stark ist. Eine Machowelt. Und dann gibt es in der Serie eine Figur wie den deutschen Spediteur Lenz, der mit der Russenmafia zusammenarbeitet. Er ist fett, er ist lebensfreudig. Natürlich benutzen die Gangster ihn. Er ist in gewissem Sinn dummes deutsches Geld.

SPIEGEL: Sie haben mal geschrieben: "Thriller und Horrorfilme funktionieren wie eine Couch, auf die sich das kollektive wie das einzelne Ich einer ganzen Kultur legen und auf der es seine Bedrängnisse in Bildern und Geschichten ausdrücken kann." Welche Bedrängnisse zeigen sich in Ihren zehn Folgen?

Graf: Wer wie ich in einer BRD-deutschen Zivilisation groß geworden ist, hat einen ständigen Aufstieg erlebt. Wir haben aber heute ein echtes Zivilisationsproblem. Wir haben keine Zukunftsideen. Wir sind ein verschrecktes Land geworden mit Angst vor der vermeintlichen Fremde.

SPIEGEL: Und bewundern deshalb das Verbrechen?

Graf: Bewundern ist Unsinn. Doch die Kraft eines fast archaischen Clan- und Familiendenkens, das sich unserer Gesellschaft mit Selbstbewusstsein entgegenstellt und das wir bei uns - aus gutem Grund übrigens - längst verloren haben, müssen wir psychologisch zumindest als eine Macht verstehen. Vielleicht sind wir damit ein Stück näher an der Wahrheit und finden andere Lösungen.

SPIEGEL: Sie zeigen diese Macht jenseits der Moral. Hauptsache, es ist farbig.

Graf: Nein, es ist die farbige Realität. Ich schaue auf das von Basedow geschilderte Kriminellenleben mit Verblüffung, manchmal mit Freude. Als Regisseur hatte ich oft das Gefühl, jeder Augenblick in diesem Drehbuch ist doppelt. Er ist hell, lustig, mitunter sehnsüchtig, trägt aber auch die sich anbahnende Katastrophe in sich. Alles hat einen Januskopf. Am Ende des Tunnels warten ja auf die Gangster Tod und Zerstörung.

SPIEGEL: Inzwischen gibt es interessante Rückkopplungen zwischen Fiktion und Wirklichkeit: Echte Gangster versuchen, sich wie im Film zu verhalten.

Graf: Dagobert Lindlau hat schön geschildert, wie die italienischen Mafiabosse Anfang der siebziger Jahre mal wieder ins Kino gingen und, nachdem sie 20 Minuten vom "Paten" gesehen hatten, erstaunt sagten: Hoppla, das sind ja wir! Und waren begeistert. Jeder Film liefert eine Überhöhung zu ihrem kleinen, bösen Leben. Deshalb will ja einer der Sopranos Filmstar werden.

SPIEGEL: Für lustige Aspekte nimmt sich der deutsche Krimi kaum Zeit. Warum geht es dort immer so ernst zu?

Graf: Tut es nicht. Es ist oft sogar viel zu lustig und viel zu privat im deutschen Thriller. Wo es bei Basedow lustig wird, da geht es um das zwangsläufig Menschliche an jeder Figur.

SPIEGEL: Geht es Ihnen eigentlich um Erkenntnis? "The Wire" beschäftigte sich mit Korruption und Drogenhandel in einer normalen amerikanischen Stadt.

Graf: "The Wire" ist unserer Serie strukturell nicht ganz unähnlich, weil sie sich Folge für Folge auf eine Person oder einen Aspekt der Geschichte beschränkt.

SPIEGEL: Vor allem aber erklärt "The Wire" dem Zuschauer wie keine Serie je zuvor die Bedingungen von Chaos und Verbrechen. Geht es bei Ihrer Serie auch um eine solche Zeitdiagnose?

Graf: Bei Basedow geht es immer um Strukturen, Orte, Wege, Verbindungen. Ich hatte spätestens beim Lesen der zweiten Drehbuchfassung das Gefühl, dass ich sehr viel erfahre über Abläufe, über die Organisation des Verbrechens, über Machtlosigkeiten der Polizei. Aber: Die Realität ist zwar das primäre Anliegen, trotzdem legt einem der Realismus in deutschen Filmen oft einen Bleifuß an. Ich finde, bei Basedow ist Realismus Grundierungsmittel, um Fiktion, Emotion und manchmal auch Mythos zu erzeugen.

SPIEGEL: Kann man im Fernsehen das bessere Kino machen?

Graf: Im sogenannten TV-Movie-Thriller und im "Tatort" entwickelt sich seit den neunziger Jahren der Hang zu Einsamkeitsfiguren und zu sanften Detektivinnen - das hat mit dem Polizeifilmgenre kaum mehr etwas zu tun. Das Genre wird fürs Publikum in Komödie und Familienmelodram zersetzt. Die Härte, die auch zum Polizeifilm gehört, ist seit langem verpönt. Der Traum vom besseren Kino ist im Fernsehen der letzten Jahre an brachial gesetzte Grenzen gestoßen.

SPIEGEL: "The Wire" und "Mad Men" leben von narrativem Überschuss: hier noch ein neuer Strang, dort ein näheres Ausleuchten einer Figur. Es werden schon Vergleiche mit Balzac oder Tolstoi angestellt.

Graf: Ja? Ich habe eher das Gefühl, dass die amerikanischen Serien momentan zu Dramaturgiemaschinerien zu verkommen drohen. Jede Minute eine neue Idee, bloß weiter, weiter, weiter bis zum nächsten Plotpoint. Das widerspricht ja eigentlich völlig dem Romanesken. Und "The Wire" oder die "Sopranos" sind da schon eher Ausnahmen. Die Amerikaner neigen dazu, viel zu selten Orte und die dort vergehende Zeit im Film zu erzählen.

SPIEGEL: Sie nehmen sich Zeit.

Graf: Ja. Eine Trauerfeier darf acht Minuten dauern. Da wird gesungen, geheult, geprügelt, dann kommt ein Plotpoint, weil der Held entdeckt, der Mörder ist ja mitten unter uns. Es wird kurz spannend - aber dann wird noch einmal gesungen. Das mag ich sehr, denn es geht um schie-re Emotion.

SPIEGEL: Herr Graf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten Nikolaus von Festenberg und Philipp Oehmke