AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2010

Ortstermin Deutschland im Mai

In Berlin erklärt eine Stadtführung ausländischen Besuchern den Sinn der jährlichen Randale.

Besuchergruppe in Berlin: "Was soll der Mist?"
Annette Hauschild

Besuchergruppe in Berlin: "Was soll der Mist?"

Von Wiebke Hollersen


Sein Name soll Bill sein, sagt er, ein Tarnname, klar, und noch was: Keine Fotos von seinem Gesicht. Er ist schließlich ein Linksradikaler.

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Heft 17/2010
Wie Apple die Welt verführt

Er steht am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, auf dem vermüllten Platz unter den U-Bahn-Gleisen. Dort, wo wieder Steine und Flaschen fliegen werden, wenn alles so läuft, wie es Bill und der Rest der Stadt erwarten. Samstag ist wieder der 1. Mai.

Bill trägt eine Cargohose und ein T-Shirt, auf dem in etwa steht, dass die verdammten Yuppies sterben sollen. Das T-Shirt ist das Erkennungszeichen für die Gruppe, mit der er unter den Gleisen verabredet ist. Zwei Dutzend Leute warten schon auf ihn.

Geht gleich los, sagt Bill. Das Geld kassiere er übrigens vorab.

Bill ist ein Linksradikaler, der eine Geschäftsidee hatte. Er bietet Stadtführungen an die Orte der "famous may riots" an, der berühmten Mai-Randale. Auf Englisch, manchmal auch auf Deutsch. Die englische Tour fällt Bill, der Amerikaner ist, leichter und ist viel besser besucht.

"Revolutionary Berlin" steht auf den Flyern, die er verteilt, neben der Schrift ist ein Fernsehturm mit einem roten Stern. Es gibt auch eine Seite bei Facebook.

An diesem Tag sind Leute aus Neuseeland, Irland, Russland und Italien gekommen, sie sind zwischen Anfang zwanzig und Anfang dreißig, viele sind vor kurzem nach Berlin gezogen. Sie tragen bunte Tücher und große Sonnenbrillen, aber nicht zur Tarnung, niemand hat etwas dagegen, fotografiert zu werden.

Das Ereignis des Frühjahrs

Der 1. Mai in Kreuzberg ist eine weitere, aufregende Seite ihrer neuen Heimat, die sie besser kennenlernen wollen. Außerdem scheint es das Ereignis des Frühjahrs zu sein, überall hängen Plakate, jeden Tag steht was in den Zeitungen. Es sind auch ziemlich viele Deutsche da.

Fünf Euro pro Person, sagt Bill, das sei so das Übliche, aber er sei flexibel. Es handle sich um Spenden, die er an ein linkes Projekt weiterleiten werde, die Stadtführung an sich sei kostenlos. Bill ist auch Marxist, also Antikapitalist.

Vor acht Jahren ist er nach Berlin gekommen, um hier zu studieren, vor sieben Jahren war er zum ersten Mal am 1. Mai in Kreuzberg, seitdem jedes Jahr. Beim letzten Mal riefen einen Tag später seine Eltern an, sie hatten in den Nachrichten Bilder aus Kreuzberg gesehen und machten sich Sorgen. Eine Anekdote, die Bill gleich zu Anfang der Tour erzählt.

Hausbesetzer, Rudi Dutschke, Studentenbewegung, mit der Vorgeschichte ist Bill am Oranienplatz durch. Am Büro von Hans-Christian Ströbele hat er kurz auf den Politiker von den Grünen geschimpft, mit dem sei es wie mit ganz Kreuzberg: alles nicht mehr so radikal wie früher.

Zwei türkische Jungs rufen: "Hallo, liebe Touristen!" Bill raucht erst mal eine.

Es geht nun darum, was am 1. Mai 1987 geschah. Bill erzählt von einem friedlichen Straßenfest und einem plötzlichen Tränengasangriff der Polizei. Es sei zu einem spontanen "Kiezaufstand", ein deutsches Wort, das man sich merken könne, gekommen, ein Supermarkt wurde von wütenden Bürgern geplündert und niedergebrannt. "Das ist die Version, die ich glaube", sagt Bill. Seit 1988 werde jedenfalls jedes Jahr demonstriert.

"Wofür jetzt genau?", fragt jemand.

"Das hängt immer so'n bisschen vom politischen Kontext ab", sagt Bill.

"Kapitalismus ist scheiße ist und wir sind gegen das System"

Es gebe alle möglichen revolutionären Anlässe. Repression, Ausbeutung, Krieg und so weiter. Oder, einfacher gesagt: "Es geht darum, dass Kapitalismus scheiße ist und wir gegen das System sind."

Die Teilnehmer schauen ihn an, niemand sagt etwas. Marxismus gegen Kapitalismus, Bürger gegen Polizisten. Ost gegen West gibt es nicht mehr, aber sonst scheint Deutschland plötzlich ein Land zu sein, in dem die Welt noch so einfach zu erklären ist wie vor einem Vierteljahrhundert. Gut gegen Böse.

Die Stadtführungen hat sich Bill in einem Gründerwettbewerb an der Uni ausgedacht, zusammen mit anderen Studenten. Er hat bei dem Wettbewerb mitgemacht, um ihn zu kritisieren. Weil an den Universitäten gespart wird, aber Geld dafür da ist, Studenten zu Unternehmern zu machen.

Auch die Touren selbst sieht Bill vor allem als politisches Projekt, als Aufklärung über und Werbung für den revolutionären 1. Mai. In der linken Szene hätten einige Leute begeistert reagiert. Andere fragten, was der Mist soll, noch mehr Touristen nach Kreuzberg zu bringen.

Bill sieht die Sache pragmatisch. Die Touristen kommen sowieso, ist doch besser, wenn sie mit ihm kommen.

Jedes Jahr das Gleiche: Demo, Angriff der Polizei auf die Demo, Randale

Mit der 1.-Mai-Geschichte ist er hinter dem Mariannenplatz durch. In seiner Version ist im Prinzip auch jedes Jahr das Gleiche passiert, Demo, Angriff der Polizei auf die Demo, Randale. Seit ein paar Jahren versuche der Staat auch, die Linksradikalen mit einem großen Straßenfest, das als Anti-Gewalt-Aktion getarnt sei, von der politischen Arbeit abzuhalten.

Sie haben die Moschee gesehen, die da steht, wo einst der Supermarkt abbrannte, und ein altes, linkes Café, das vor kurzem wegen Mieterhöhung schließen musste.

Bleibt die Frage, wie der 1. Mai diesmal wird. Er lade alle zur Demo ein, sagt Bill. Und für danach gelte: Cool bleiben, den Kopf benutzen.

Zwei Au-pair-Mädchen aus Großbritannien fangen gleich an zu planen. Sie wohnen bei Familien im bürgerlichen Südwesten, sie sind keine Linken. Aber das muss man wohl mal gesehen haben, Kreuzberg am 1. Mai, sagen sie.

Mehr zum 1. Mai und zur Geschichte der deutschen Demo-Kultur in der Dokumentation "Raus auf die Straße - Jugend zwischen Protest und Randale" am 1. Mai, 20.15 - 24.00 Uhr bei VOX



insgesamt 597 Beiträge
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Seite 1
Gaztelupe, 01.05.2010
1. ...
Zitat von sysopDie Krawalle am 1. Mai sind längst Ritual geworden, doch verkommen sie auch zu einer Spaß-Veranstaltung ohne politischen Hintergrund, wie manche Beobachter meinen? Wozu taugt der Tag der Arbeit noch?
Kapitalismus is' voll scheiße, ey! Und jetzt zeigen wir's den reichen Säcken! Schnell noch in die neuen Treter, die Mutti bezahlt hat, ab in den Zug nach Hamburg und zur Schanze. Die Schweine-Kapiltalisten-Bank machen wir platt, voll als Symbol und so. Vorher nur noch schnell Kohle aus 'm Geldautomaten ziehen, soll ja später schließlich noch was gehen ...
Zero Thrust 01.05.2010
2.
Auch, wenn das jetzt hart klingt, der Tag noch lange nicht vorüber ist und man keinen Teufel an die Wand malen soll, aber ich bin der Ansicht, sollten im Rahmen der Proteste zum 1. Mai bis heute Abend auf dem Gebiet der Bundesrepublik jedwige Todesopfer (auf Seiten der Demonstranten oder der Polizei) ausbleiben, respektive es auch nicht zu hunderten Verletzten kommen, möchte der von mir zweifellos hochgeachtete Herr Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, (eben weil hochgeachtet) den Anstand und die Aufrichtigkeit besitzen, sich hinzustellen und allen Menschen in Deutschland darzulegen, auf welchen konkreten Erkenntnissen und Informationen seine Warnungen von vor zwei Wochen beruhten und - exakt - wie er zu jener äußerst schwerwiegenden Einschätzung gelangte. Sollte ihm dies so nicht.. ohne weiteres möglich sein, sei ihm hiermit ein sofortiger Rücktritt vom Posten des GdP-Chef nahegelegt. ---Zitat--- Bürger: Die Polizeigewerkschaft hat die Befürchtung geäußert, es könnte Tote geben in diesem Jahr. Das sind starke Worte. Sind solche Formulierungen auch eine Art Abschreckungsmanöver? Ströbele: Das finde ich völlig *unverantwortlich*. Und wenn man immer wieder das sagt, dann hat man ja fast den Eindruck, das soll eine Drohung sein. Also ich habe da überhaupt kein Verständnis für solche Äußerungen. Es kommt dann dazu, dass man da was herbeiredet. ---Zitatende--- http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1174039/ Diese Person gehört zwingend abgelöst.
gaga007 01.05.2010
3. .
Zitat von sysopDie Krawalle am 1. Mai sind längst Ritual geworden, doch verkommen sie auch zu einer Spaß-Veranstaltung ohne politischen Hintergrund, wie manche Beobachter meinen? Wozu taugt der Tag der Arbeit noch?
Das Vorgehen der Polizei muß konsequent darauf ausgerichtet sein, dass gewaltätigen Demonstranten klar gemacht wird, dass ihre körperliche Unversehrtheit seitens der Polizei nicht zwingend angestrebt ist.
saul7 01.05.2010
4.
Zitat von sysopDie Krawalle am 1. Mai sind längst Ritual geworden, doch verkommen sie auch zu einer Spaß-Veranstaltung ohne politischen Hintergrund, wie manche Beobachter meinen? Wozu taugt der Tag der Arbeit noch?
Jeder Randanlierer, der mit Steinen oder ähnlich gefährlichen Gegenständen auf Polizisten wirft, setzt diese einer sehr großen Gefahr aus und darf sich nicht wundern, dass er empfindlich bestraft werden wird. Das sollte jeder wissen, der sich auf einer Demo mit Gewalt hervortut, statt Sachargumente vorzubringen....
saul7 01.05.2010
5.
Da ist was dran, aber ich bin leider kein Prophet und daher nicht in der Lage, in die Köpfe der Randalierer zu schauen. Gewalt gegen Menschen als Mittel politischer Auseinandersetzung verbietet sich und wird letztlich erfolglos bleiben.
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