AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2010

Fußball "Ein paar Zentimeter kürzer"

Der frühere Profi Mehmet Scholl, 39, über seine Rolle als Nachfolger von Günter Netzer bei der ARD, freche Sprüche über deutsche Nationalspieler und seine Abneigung gegen Krawatten.

ddp

SPIEGEL: Herr Scholl, als Sie vor knapp drei Jahren Ihre Fußballerkarriere beim FC Bayern München beendeten, sagten Sie scherzhaft, in Ihrem zweiten Leben wollten Sie "der Hund von Uli Hoeneß" werden. Nach der WM in Südafrika werden Sie nun der Nachfolger von Günter Netzer bei der ARD. Wie konnte das passieren?

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Heft 17/2010
Wie Apple die Welt verführt

Scholl: Ich habe mich nicht beworben, seit zwei Jahren kommentiere ich ja Spiele für die ARD. Schon nach der letzten Europameisterschaft wurde ich gefragt, ob ich der Experte hinter Netzer sein wollte, und so kam nun eins zum anderen. Ich mache das jedenfalls nicht, weil ich mein Gesicht unbedingt noch häufiger im Fernsehen sehen will.

SPIEGEL: Als Spieler hielten Sie nicht besonders viel von ehemaligen Profis, die hinter dem Mikrofon stehen und nörgeln, aber keine Verantwortung mehr übernehmen. Jetzt sind Sie selbst einer.

Scholl: Ich sehe mich nicht in der Position zu nörgeln. Ich weiß ganz genau, wie sich die Spieler dabei fühlen.

SPIEGEL: Wie denn?

Scholl: Das ist eklig, als Spieler verliert man den Respekt. Berti Vogts hat mich mal als besten Tempodribbler der letzten zehn Jahre bezeichnet. Das war nicht als Lob gemeint, sondern als Hohn. Dann hätte er doch einfach sagen sollen: Vom Scholl habe ich nie etwas gehalten und halte auch heute noch nichts von ihm. Oder er hätte besser den Mund gehalten.

SPIEGEL: Sie sind für kesse Sprüche und Ihr loses Mundwerk bekannt. Können Sie sich das als der neue Günter Netzer künftig noch leisten?

Scholl: Oh nein, nein, bitte, bitte nicht vergleichen. Netzer ist einmalig. Ich finde ihn großartig. Ich werde nie seine Manieren haben, ich werde nie seine Ausdrucksweise haben. Wir haben nur eines gemeinsam: die Statur. Er wurde früher immer der Lange genannt. Aber jetzt ist er genauso klein wie ich, er ist geschrumpft. Vielleicht bringt das dieser Job mit sich, und ich bin in zwei Jahren auch noch ein paar Zentimeter kürzer, wenn mich der Gerhard Delling kleingeheckselt hat.

SPIEGEL: Nach zwölf Jahren wirkt das Duo Netzer und Delling mit seiner Masche doch ziemlich abgestanden. Machen Sie mit Delling weiter?

Scholl: Es soll weiter ein Gespräch geben, aber nicht mehr unbedingt das Ehepaar, bei dem ich ins Hotel komme und man mir sagt: Guten Tag, Herr Scholl, der Herr Delling liegt schon im Zimmer. Es wird unterschiedliche Partner geben. Die deutschen Länderspiele werde ich zusammen mit Delling machen, die anderen Einsätze mit Reinhold Beckmann oder wechselnden Moderatoren.

SPIEGEL: Verträgt die ARD Ihren Humor? Bei der Nationalelf hört bei den Deutschen der Spaß doch ziemlich schnell auf.

Scholl: Ich darf sicher nicht alles sagen, was mir auf der Zunge liegt. Mir sind auch in den ersten Sendungen Sachen rausgerutscht, bei denen ich danach gedacht habe: Das war jetzt nicht so, wie sich das Fernsehen das gewünscht hat.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Scholl: Na, als es um die russischen Spielerfrauen ging, die auch ins Hotel dürfen. Ich habe gesagt, das macht nur Sinn, wenn sie die Frauen auch untereinander tauschen. Das war vor dem Spiel Russland gegen Spanien bei der Europameisterschaft. Hinterher habe ich gedacht, nein, das sagt man doch nicht. Ich hatte einfach die Kamera vergessen.

SPIEGEL: Über den französischen Nationalspieler Florent Malouda haben Sie mal in einer Sendung gesagt, er trage seine Fersen vorn. Würden Sie den deutschen Kapitän Michael Ballack genauso verspotten?

Scholl: Nein, nie. Aber wenn beispielsweise Bastian Schweinsteiger zur Dopingkontrolle müsste und er hat wirklich katastrophal gespielt, dann würde ich schon mal sagen: Das haben Millionen Zuschauer gesehen, dass der nicht gedopt war. Aber mit einem Augenzwinkern, man wird nicht erleben, dass ich jemanden komplett vernichte. Ich werde nicht mit verbaler Blutgrätsche rumfliegen, ich glaube auch nicht, dass die Leute das wollen.

SPIEGEL: Gab es schon mal einen Rüffel vom Intendanten?

Scholl: Bei der ARD haben sie bisher alles hingenommen, die lassen mich ungeschliffen und doktern nicht an mir herum. Ich will auch nicht perfekt sein, sondern authentisch. Nur einmal habe ich mich wirklich geärgert. Da hatte ich kein Hemd und kein Sakko an, sondern einfach einen Pullover. Der Leiter der Übertragung hat sich darüber aufgeregt, es mir aber nicht gesagt. Das fand ich schwach.

SPIEGEL: Müssen Sie als Netzer-Nachfolger Krawatte tragen?

Scholl: Eine Krawatte werden Sie bei mir nie sehen. Das ist das hässlichste Kleidungsstück, das es für einen Mann überhaupt geben kann. Sage mir doch mal irgendjemand, wozu das gut sein soll. Die ARD weiß, dass es nicht passt, wenn sie mich dahinstellt wie einen Kasperl.

SPIEGEL: Sie gelten als modebewusst.

Scholl: Ich ziehe einfach an, was mir gefällt. Stellen Sie sich vor, ich müsste in die Requisite und bekäme Waldemar Hartmanns Hemd. Den Geruch krieg ich doch nie wieder weg!

SPIEGEL: Als Sie noch beim FC Bayern spielten, haben Sie oft die Eitelkeit des Fußballgewerbes kritisiert - und sich davon ferngehalten. Ist die Medienbranche nicht mindestens genauso eitel?

Scholl: Es irritiert mich schon gelegentlich, wenn ich sehe, wie manche plötzlich aufdrehen, wenn sie auf Sendung sind. Bisher ist es bei mir nicht so, dass ich denke, hurra, jetzt geht die Kamera an. Klar, seit ich Fernsehen mache, gibt es auch andere Leute, die mich anschauen, eine 70-jährige Oma beim Einkaufen. Das war früher nicht der Fall.

SPIEGEL: Als junger Profi waren Sie der erste Teenie-Star des deutschen Fußballs, Sie posierten als Cover-Boy für die "Bravo Sport". Erst als die Boulevardblätter Ihre Ehekrise ausschlachteten, zogen Sie sich zurück. Ihre Begründung war damals, Sie hätten sich zu sehr von der Anerkennung durch die Medien abhängig gemacht. In Ihrer neuen Rolle vergeben oder entziehen Sie nun Anerkennung. Wie passt das zusammen?

Scholl: Umgekehrt ist es so, dass die Öffentlichkeit über mich herfallen wird, wenn ich dort Mist baue. Ich stehe ja auch im Wind, es kann schon passieren, dass ich in Erklärungsnot gerate. Das ist keine schöne Situation.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie als TV-Prominenter Ihr Privatleben aus den bunten Blättern heraushalten können?

Scholl: Es ist mir schon klar, dass das eine exponierte Stellung ist. Die hatte ich aber als Fußballer auch, und ich habe es trotzdem geschafft, mich in meine Nischen zurückzuziehen. Und denken Sie, Sie sehen mich beim Bambi oder auf einer Pelzmodenschau in München? Wer's machen will, okay.

SPIEGEL: Ihr Vorgänger Netzer hat regelmäßig Kolumnen in der "Sport-Bild" verfasst, auch Kommentare in der "Bild"-Zeitung. Wird es das auch von Ihnen geben?

Scholl: Nein.

SPIEGEL: Ihr Bonmot, das Sie nach Karriereende prägten, gilt also weiterhin - wenn der Scholl mal Kolumnen schreibe, dürften alle die Frage stellen: Braucht der Mann Geld?

Scholl: Dabei bleibt's.

Das Interview führten Isabel Hülsen und Michael Wulzinger



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
www.PlusPedia.de 30.04.2010
1. Scholl hat vollkommen Recht
Krawatten sind das überflüssigste Kleidungsstück am Mann - Sie sind glücklicherweise nicht mehr so präsent - aber letztlich wohl doch nicht auszurotten .... schade schade ....
marks & spencer 30.04.2010
2. re
Scholl ist mir viel zu brav. Da schlafe ich bei ein. Die sollten lieber wieder Kalli Feldkamp holen. Der hat wenigstens Klartext geredet.
The Godfather 30.04.2010
3. 123
Noch so ein "Experte", für den kräftig GEZahlt werden muß. "Die Bayern liegen zurück, sie müsesn jetzt mehr Tore schiessen." Der "Experte" schlechthin: Henry Maske In der Ringpause: " ... ..." Ringpause vorbei, macht dann x tausend, liebe GEZ-Zahler.
der_regulat0r 30.04.2010
4. Scholl
Verstehe die nervigen Kommentare der Spon-Leser nicht. Ich meine, wen soll die ARD sonst als Experten holen, wenn nicht einen Ex-Bundesliga-Spieler, der in seiner aktiven Zeit Alles erreicht hat und richtig gut Fussball spielen konnte? Ich persönlich mag Scholl, liegt eventuell auch mit daran, dass ich Bayern-Fan bin. Und dass man als 'Experte' nicht immer um Phrasen wie 'da müssen sie jetzt mehr machen' drumherum kommt, ist ja wohl auch klar. Und was das Gerede mit der GEZ hier gleich zu suchen hat, versteh ich nun wirklich nicht.
Miguel, 30.04.2010
5. ?
wie meinen ? scholl war ein exzellenter spieler - zu seiner zeit wahrscheinlich einer der besten auf seiner position. als kommentierenden experten habe ich ihn auch schon mehrfach sehen dürfen und kann ihm sowohl ein sympathisches auftreten, als auch eine wohltuende "ahnung" unterstellen.
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