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Energie der Zukunft Watt aus dem Meer

Die Energieversorgung in Deutschland steht vor einer entscheidenden Wende. In den nächsten Monaten und Jahren werden vor den Küsten große Offshore-Windparks entstehen, mit denen gewaltige Mengen Ökostrom produziert werden sollen. Diese Woche fällt der Startschuss.

Es ist nass, kalt und unwirklich an einem Morgen unlängst im ostfriesischen Städtchen Emden. Die Nebelschwaden beginnen nur langsam aufzureißen. Das Schlimmste aber ist die Windstille.

"Hoffentlich laufen sie überhaupt", sagt Projektleiter Wilfried Hube mit einem besorgten Blick. Dann zieht er die Gurte seiner Schwimmweste fest und klettert in den Hubschrauber. Im Tiefflug geht es Richtung Küste, vorbei an den Inseln Juist und Borkum direkt auf die Nordsee.

Dort, mitten im Meer, liegt das Ziel des kurzen Flugs: Alpha Ventus, der erste und bislang einzige deutsche Offshore-Windpark. Winzig klein zunächst zeichnen sich die Konturen am Horizont ab. Doch mit jedem Kilometer, den man sich nähert, werden die gigantischen Ausmaße des Projekts deutlich.

Auf einer Fläche von etwa vier Quadratkilometern - das entspricht der Größe von ungefähr 500 Fußballfeldern - ragen insgesamt zwölf Windturbinen aus dem eisigen Wasser. Jede einzelne ist mit rund 150 Metern so hoch wie der Kölner Dom und mit 1000 Tonnen so schwer wie 25 vollbeladene Sattelschlepper.

Fotostrecke

Fotostrecke: Offshore Windpark Alpha Ventus

Foto: DDP / DOTI / Matthias Ibeler

Als der Hubschrauber sich langsam auf die nahe gelegene Versorgungsplattform senkt, drehen sich die Rotoren aller Anlagen langsam im aufgefrischten Wind.

220 Gigawattstunden Energie jährlich

Hube wirkt erleichtert. Und das nicht nur, weil ein Offshore-Park ohne Wind immer auch einen "trostlosen Eindruck bei Besuchern" hinterlässt.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat der Projektleiter vor wenigen Tagen mit Hilfe von Tauchertrupps die letzten Unterwasserkabel anschließen können. Seitdem fließt mit jeder Rotorenbewegung Strom aus der Nordsee Richtung Festland - und das in gewaltigen Mengen.

Mindestens 220 Gigawattstunden Energie wird Alpha Ventus Jahr für Jahr in das Stromnetz einspeisen. Das reicht aus, um 50.000 Haushalte zu versorgen.

Die drei Betreiber, die Stromversorger E.on, Vattenfall und EWE, haben in dieser Woche den Normalbetrieb gestartet. An diesem Dienstag wurde die Anlage gegen 13 Uhr offiziell eingeweiht - mit einem Festakt auf der Versorgungsplattform, zu dem neben den Chefs der großen Energiekonzerne auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) eingeflogen wurde.

Die Fertigstellung von Alpha Ventus markiert nicht nur einen Meilenstein für die drei Betreiber. Die Inbetriebnahme des Parks läutet gleichzeitig eine völlig neue Ära der Energieversorgung ein.

Es herrscht Goldgräberstimmung

In den kommenden Monaten und Jahren sollen vor den deutschen und europäischen Küsten weitere riesige Offshore-Anlagen entstehen und enorme Mengen Strom in die Netze auf dem Festland einspeisen.

E.on

RWE

Vattenfall

Große Konzerne wie Siemens, General Electric und europäische Energieversorger wie , , oder die spanische Iberdrola stecken derzeit ihre Claims in den freigegebenen Gewässern ab. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass neue milliardenschwere Investitionen auf den Weg gebracht werden.

Es herrscht Goldgräberstimmung. "In der Branche wird der Offshore-Windmarkt als der wesentliche Wachstumsbereich bei den erneuerbaren Energien in unseren Regionen angesehen", sagt Frank Mastiaux, der beim Stromriesen E.on für das Aufgabenfeld zuständig ist. Auch die Politik schöpft Hoffnung.

Mit den Offshore-Windparks scheint die Vision von einer umweltschonenderen Energieversorgung mit geringerer Abhängigkeit von Kohle, Gas und Öl endlich greifbar. Die lang beschworene Wende in der deutschen Energiepolitik rückt ein Stück näher. Der Ökostrom aus dem Meer nimmt in den ambitionierten Plänen der Bundesregierung zum Klimaschutz eine zentrale Rolle ein.

Bereits im Jahr 2007 hatte sich Deutschland gegenüber der EU zu weitreichenden CO2-Senkungen verpflichtet. Eine "Vorreiterrolle" im europäischen und weltweiten Klimaschutz wolle Deutschland spielen, so hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) damals versprochen. Entsprechend ehrgeizig fielen die Ziele aus.

Der Sonderweg Deutschlands in Sache CO2-Reduzierung

So will Deutschland den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids bis 2020 um 30 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 senken. Und dabei geht die Bundesregierung in der EU eine Art Sonderweg.

Während europäische Nachbarländer bei der CO2-Reduzierung auf einen Mix aus Energiesparmaßnahmen, dem Ausbau regenerativer Energien und der CO2-armen Kernkraft setzen, hält Deutschland am Atomausstieg fest. Die schwarz-gelbe Koalition will die Laufzeiten der Meiler zwar verlängern, doch mehr als eine Brückentechnologie soll die Atomkraft auch in Zukunft nicht sein.

Um die Klimaschutzziele zu erreichen, bleibt neben Sparmaßnahmen somit nur ein massiver Ausbau der regenerativen Energien. Und tatsächlich soll deren Anteil an der Stromproduktion nach Planungen des Umweltministeriums bis zum Jahr 2020 von heute gut 16 auf dann über 30 Prozent steigen.

Zehn Jahre später könnten es sogar schon weit über 40 Prozent sein, hofft Röttgen.

Wie das im Idealfall gehen soll, hat die Bundesregierung in einem "Leitszenario" ausgerechnet. Danach wird die Photovoltaik trotz milliardenschwerer Förderung und hochsubventionierter Arbeitsplätze vergleichsweise wenig zur deutschen Stromproduktion beitragen. Und beim Ausbau von Wasserkraft und Biogasanlagen sind echte Wachstumssprünge bis zum Jahr 2020 nicht zu erwarten.

Die Windenergie muss weiter ausgebaut werden

Die größte Hoffnung basiert auf einem weiteren Ausbau der Windenergie. "Schon in den vergangenen Jahren hat die Branche einen kaum für möglich gehaltenen Aufschwung hinter sich", sagt Verbandspräsident Hermann Albers stolz.

Rund 21.000 Windmühlen sind in Deutschland installiert. Mit den Anlagen werden zwischen sechs und sieben Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt. An stürmischen Tagen und geringer Nachfrage reicht der Ökostrom manchmal sogar für einige Stunden aus, den gesamten Bedarf der Haushaltskunden zu befriedigen.

Möglich wurde dies durch eine konsequent betriebene Förderung. So bekam der Windstrom eine Art Vorrangregelung im Stromnetz. Zudem erhielt die Branche über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) jahrelang milliardenschwere Zuschüsse zum Betrieb ihrer Anlagen. Doch das System stößt langsam an seine Grenzen.

Trotz teurer Förderprogramme hat die Bundesregierung vernachlässigt, die Infrastruktur an die neuen Erfordernisse anzupassen. Nach wie vor fehlen intelligente Stromnetze und vor allem Speichermöglichkeiten, um windarme Perioden auszugleichen. Auch geografisch sind die Expansionsmöglichkeiten für die Windmüller begrenzt. Gute Standorte an Land sind rar geworden. Und das sogenannte Repowering, bei dem vorhandene Windanlagen durch wesentlich leistungsstärkere und größere Turbinen ersetzt werden, kommt erst langsam in Schwung. Gegen die teilweise doppelt so hohen Anlagen regt sich vielerorts Widerstand.

Kann der Strom aus dem Meer konkurrenzfähig werden?

Weit vor den Küsten Europas gibt es solche Schwierigkeiten nicht, Standorte im Meer gibt es viele. Und auch der Wind bläst über der offenen See kräftiger und beständiger.

Daher wundert es wenig, dass Politiker - egal welcher Couleur - dem Ausbau der Projekte auch in der Vergangenheit schon einen sehr hohen Stellenwert beigemessen haben. So prognostizierte der ehemalige Grünen-Umweltminister Jürgen Trittin bereits im Jahr 2005, dass der Offshore-Windkraft eine "zentrale Rolle" in der Stromversorgung zuwachsen werde.

Und auch sein SPD-Nachfolger Sigmar Gabriel plante für den Umbau des deutschen Energiesystems gewaltige Mengen Watt aus dem Meer mit ein: Im Jahr 2050, heißt es in der unter seiner Ägide verabschiedeten Analyse, sollen mehr als 140 Terawattstunden Strom von Windrädern in Nord- und Ostsee produziert werden. Das allein wären knapp 25 Prozent des geschätzten Stromverbrauchs.

Doch lange Zeit gingen die Hoffnungen der Politik nicht auf. Statt sauberen Meeresstrom in die Netze einzuspeisen, meldeten die angetretenen Konzerne E.on, RWE, Vattenfall und Co. in den vergangenen Jahren nichts als Rückschläge - aus unterschiedlichsten Gründen.

Mindestens 30 Kilometer muss der Abstand zu den Stränden betragen

Um das sensible Wattenmeer zu schützen und Proteste der Tourismusbranche gegen große Propellertürme an den Stränden gar nicht erst aufkommen zu lassen, hatte die Bundesregierung die Offshore-Flächen äußerst weit vor die Küsten verlagert. Mindestens 30 Kilometer - deutlich mehr als in anderen EU-Staaten - muss der Abstand zu den Stränden betragen.

Das hat schwerwiegende Folgen. So ist der Logistikaufwand ungleich größer als in Nachbarländern, die ihre Windparks teilweise sogar weniger als fünf Kilometer ans Land heranlassen. Noch gravierender: So weit draußen vor den Küsten liegt der Meeresgrund teilweise mehr als 40 Meter unter der Wasseroberfläche.

"Und in solchen Tiefen auf rauer See hatte bis dahin noch niemand auf der Welt einen rund 150 Meter hohen und 1000 Tonnen schweren Turm aufgestellt, der zudem noch extreme Windbelastungen aushalten muss", sagt Alpha-Ventus-Projektleiter Hube.

Die Hoffnung, Technik und die notwendigen Geräte aus der Öl- und Gasbranche verwenden zu können, entpuppte sich als Trugschluss. Die zum Aufbau schwerer Ölplattformen benötigten Kran- und Reparaturschiffe waren für die filigranen Arbeiten an Windtürmen ungeeignet. Selbst die beim Bau von Bohrinseln verwendeten Fundamente konnten die OffshorePark-Entwickler nicht gebrauchen.

"Die gesamte Phase war geprägt von Ernüchterung und Rückschlägen"

"Es war wie beim ersten Flug zum Mond", erklärt der Ex-Chef des Windanlagenherstellers Repower, Fritz Vahrenholt, der jetzt beim Stromriesen RWE für den Aufbau der Erneuerbare-Energien-Sparte zuständig ist. "Fast alles musste neu konzipiert und entwickelt werden."

Das reichte von extrem belastbaren Fundamenten für die hohen Türme über ferngewartete Technikräume bis hin zu teuren Kran- und Verlegeschiffen. Boote, die selbst bei mehreren Meter Wellenhöhe in der Lage sind, sensible Rotoren und tonnenschwere Gondeln in großer Höhe zentimetergenau zu justieren, hatte es bis dahin nicht gegeben.

"Die gesamte Phase war geprägt von Ernüchterung und Rückschlägen", erinnert sich auch Verbandschef Albers. Und mit jedem weiteren Monat dämmerte den Großkonzernen, dass sie ihre Versprechen gegenüber der Politik nicht würden einhalten können. Denn nicht nur die aufwendige Technik hatten sie unterschätzt. Auch auf die Wetterverhältnisse der Nordsee waren sie unzureichend vorbereitet. Wegen Sturm und Kälte konnte an deutlich weniger Tagen gearbeitet werden als geplant.

Um die Verzögerungen zumindest teilweise aufzuholen, kam es auf der Wasserbaustelle zu grotesken Szenen. "In Gutwetterphasen", so Hube, "tummelten sich auf dem Alpha-Ventus-Areal bis zu 23 riesige Schiffe mit bis zu 350 Arbeitern."

In das Geschäft steigen ausgerechnet ehemalige Strommonopolisten ein

Doch trotz aller Anstrengungen gingen die Zeitpläne nicht auf. Und auch die enggesteckten Kostenkalkulationen platzten. "Irgendwie merkten alle, dass es so nicht weitergehen konnte", sagt E.on-Manager Mastiaux. Deutschland drohte bei der wichtigen Technik ins Abseits zu geraten.

Auch der Politik blieben die miese Stimmung in der Branche und die Verzögerungen nicht verborgen. Mehrfach lud der damalige Bundesumweltminister Gabriel die Konzernmanager zu Krisengesprächen. Außerdem besserte die Regierung die Offshore-Konditionen nach - und zwar kräftig.

Sollten die Unternehmen ursprünglich rund 9 Cent pro Kilowattstunde für ihren Offshore-Strom erhalten, wurden die Sätze im vergangenen Jahr auf 15 Cent für die ersten zwölf Jahre angehoben. Das ist etwa das Dreifache des derzeitigen Börsenpreises und auch deutlich mehr, als Windkraftbetreiber an Land erhalten.

Für Kritiker der Offshore-Strategie sind die neuen Sätze denn auch ein Beleg, dass der Strom aus dem Meer nicht konkurrenzfähig werden kann. Sie fürchten ein milliardenschweres Abenteuer, weil die Technik noch nicht ausgereift sei.

Außerdem stört es die seit Jahren mittelständisch geprägte Windbranche, dass nun ausgerechnet ehemalige Strommonopolisten wie RWE oder Vattenfall in das Geschäft mit dem Ökostrom einsteigen. Das viele Geld, so ihr Credo, sollte schon deshalb lieber in neue, leistungsstärkere Windanlagen an Land investiert werden.

Noch keine Lösung für das größte Problem des Windstroms

Zudem gibt es auch bei Offshore-Parks noch keine Lösung für das wohl größte Problem des Windstroms. Selbst auf dem Meer gibt es Tage und Wochen, da kaum Wind weht. Man dürfe sich nicht von den gewaltigen Zahlen blenden lassen, warnt etwa Stephan Kohler, Leiter der bundeseigenen Deutschen Energie Agentur (Dena). Von der hohen installierten Leistung seien gerade mal "sechs Prozent" wirklich "verlässlich" verfügbar.

Das bedeutet konkret, dass auch für die Windräder entsprechende Ersatzenergie etwa in Form von Kraftwerken zur Verfügung stehen muss. Und das ist aufwendig und teuer. Denn die Kosten dafür können die Energieversorger auf den allgemeinen Strompreis umlegen.

Befürworter der Offshore-Strategie halten all das für Horrorvisionen. Sie glauben fest daran, dass solche Probleme in den kommenden Jahren mit Hilfe von intelligenten Stromnetzen und mehr Speichermöglichkeiten gelöst werden können. Und auch die hohen Anfangskosten schrecken sie nicht. Die könnten, so behaupten die beteiligten Manager bei Siemens, RWE, E.on oder EnBW, in den nächsten Jahren bereits massiv heruntergefahren werden.

"Wir stehen erst am Anfang einer gewaltigen Veränderung", schwärmt RWE-Manager Vahrenholt. Vor den Küsten Europas entstehe eine völlig neue, zukunftsweisende Industrie, die mit den Einzelfertigungen der Vergangenheit nichts mehr zu tun habe. "Da entsteht ein neuer Milliardenmarkt", glaubt auch der bei Siemens für erneuerbare Energien zuständige René Umlauft.

Wie die Zukunft für die europäische Energieversorgung aussehen könnte.

Wie das funktionieren kann, zeigt der Weltkonzern heute schon im dänischen Brande. Dort hat Siemens eine Montagelinie zur industriellen Fertigung von Offshore-Windrädern in Betrieb genommen. Rund 30 der Maschinen verlassen Woche für Woche das Fabrikgelände. Eine weitere Fertigung soll in Großbritannien aufgebaut werden.

Auch die in Emden ansässige Firma Bard Engineering hat sich gewissenhaft auf das industrielle Offshore-Zeitalter vorbereitet. Mit seinem eigenwilligen Gründer, dem ehemaligen russischen Gasmanager Arngolt Bekker, gehört Bard heute zu den Pionieren der Offshore-Bewegung.

Bereits im Jahr 2003 hatte der Unternehmer die Idee, große Windparks vor den Küsten Deutschlands aufzubauen, um das Land von dort mit Strom zu versorgen. Auch einige Millionen Euro Startkapital hatte Bekker dazu mitgebracht.

Was fehlte, erinnert sich Bard-Geschäftsführer Heiko Roß, waren Firmen, die in der Lage waren, die für die Pläne notwendige Ausrüstung und Geräte zu liefern. "Nichts wirklich Einsetzbares war vorhanden", sagt der Geschäftsführer.

Der Aufbau der anspruchsvollen Windräder soll zur Routine werden

Da Bekker jedoch nicht von seiner Idee ablassen wollte, begann Bard die Technik und Produktionsanlagen Stück für Stück selbst zu entwickeln. So baute das in Bremen, Cuxhaven und Emden ansässige Unternehmen für rund 60 Millionen Euro ein eigenes Schiff mit Namen "Wind Lift 1", mit dem Windturbinen selbst unter schwierigsten Wetterverhältnissen auf dem Meeresboden verankert werden sollen.

"Aufbau- und Wartungsteams", sagt Roß, "haben wir selber ausgebildet." Und auch die anspruchsvollen Offshore-Windräder erstellt das Unternehmen in Eigenregie. Dazu wurden im Hafen von Emden riesige Hallen gemietet. Dort baut nun ein Teil der mittlerweile rund tausendköpfigen Bard-Belegschaft in unzähligen Einzelschritten die mehr als 60 Meter langen Hightech-Rotorblätter zusammen.

In einem weiteren Trakt montieren Bard-Mitarbeiter das gesamte Innenleben der Windtürme. Und auch die sogenannten Gondeln, in denen der Stromgenerator und das Getriebe jedes Windrades untergebracht sind, werden in den Hunderte Meter langen Hallen in Serie gefertigt.

Genau 25 dieser Gondeln, jede fünfmal so schwer wie ein Kampfpanzer, lagern auf dem Gelände in Emden. Sie sollen in den nächsten Wochen ihre Reise Richtung Nordsee antreten. "Montiert werden sie dann knapp hundert Kilometer vor Borkum", erklärt Geschäftsführer Roß.

80 Anlagen mit einer Leistung von jeweils fünf Megawatt will Bard dort aufstellen. Das entspricht der Leistung eines mittleren Kohlekraftwerks. Dabei soll Bard Offshore 1 nur der Auftakt zu einer Reihe weiterer Kraftwerke im Meer sein, die in den kommenden Jahren entstehen sollen. Allein die Firma Bard plant die Errichtung von zwölf ähnlichen Parks. Jetzt, da man alle notwendigen Schiffe und Teile habe, "sollte der eigentliche Aufbau zur Routine werden", hofft Roß.

Das Spiel der "wirklich großen Jungs"

Auch bei Großkonzernen wie E.on, RWE, EnBW oder Vattenfall glaubt man, die "steile und teure Lernkurve" (Mastiaux) nach den Erfahrungen mit dem Forschungswindpark Alpha Ventus abgeschlossen zu haben. Nun werde von den derzeit rund 25 lizenzierten Windparks einer nach dem anderen zügig aufgebaut, versprechen die Konzernchefs.

Das Spiel der "wirklich großen Jungs" spiele sich noch weit jenseits der deutschen Küste ab, sagt Martin Skiba, Leiter des Geschäftsbereichs Offshore bei RWE und früherer Chefentwickler beim Turbinenhersteller Repower.

Vor den Küsten Belgiens, der Niederlande, Irlands und Großbritanniens stecken Großkonzerne wie die französische EDF, die spanische Iberdrola, Scottish and Southern Energy, General Electric oder deutsche Unternehmen wie Siemens, E.on und RWE gerade die Zukunft für die europäische Energieversorgung ab.

So hat RWE vor der Küste Belgiens zusammen mit Partnern den ersten Abschnitt eines Windparks mit rund 60 Anlagen errichtet. E.on ist in Dänemark und Großbritannien aktiv. Und fast im Monatsrhythmus kommen neue, immer größere und spektakulärere Projekte hinzu.

Gewaltigste Offshore-Projekt von Großbritannien geplant

Erst vor wenigen Wochen hat etwa Großbritannien die Ausschreibung für das bisher gewaltigste Offshore-Projekt weltweit abgeschlossen. Neun Windparks von bisher nicht gekanntem Ausmaß sollen bis zum Jahr 2020 vor den Küsten des Königreichs entstehen. Rund 32 Gigawatt Leistung sollen sie haben. Die Investitionskosten dürften bei mehr als 110 Milliarden Euro liegen. Selbst wenn noch nicht völlig sicher ist, ob wirklich alle Teile des Projekts realisiert werden. Im ersten Zugriff wurden sämtliche Flächen an internationale Bieterkonsortien vergeben. Auch deutsche Konzerne wie Siemens, E.on und RWE kamen zum Zuge.

So will RWE mit Partnern zusammen sogar den größten britischen Windpark bauen. Das Prestigeobjekt liegt in der Doggerbank in der Nordsee. Rund zwölf Milliarden Euro, schätzt RWE-Manager Skiba, wird das Projekt den Essener Konzern und seine Partner kosten. Doch das, glaubt auch sein Chef Vahrenholt, sei sinnvoll investiert. Die in der Nordsee angetretenen Konzerne haben eine kühne Vision.

In einigen Jahren könnten die großen Offshore-Windparks vor den Küsten mit speziellen Kabeln untereinander verbunden werden. Zusammen mit Wasserkraftspeichern in Skandinavien würde so ein sauberer Kraftwerkspark von ungeahntem Ausmaß entstehen. Wegen der großen Entfernungen könnten regionale Wetterschwankungen besser ausgeglichen werden als bei einzelnen Windparks. Damit könnte ein guter Teil des europäischen Strombedarfs vielleicht aus dem Meer gedeckt werden. "Diese Zeit wird kommen", glaubt Wind-Pionier Vahrenholt. "Allerdings werden bis dahin noch 10 oder 20 Jahre vergehen." Und erst dann können konventionelle Kraftwerke in größerem Umfang wirklich stillgelegt werden.

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