Glaube Welttheater im Dorf

Seit fast 400 Jahren spielen die Oberammergauer das Leiden und die Auferstehung Christi nach. Vielen Besuchern bedeutet das Spiel mehr als ein Gottesdienst. Im Dorf streitet man, wie modern Glaube und Tradition sein dürfen.

Stückl Christian

Als sie Kinder waren, der und der Müller Martin, spielten sie zusammen Theater.

Sie hielten es, wie es Kinder in Oberammergau noch heute halten. Sie rezitierten und musizierten, sie traten im Pfarrheim auf, und ihr erstes Stück war ein Krippenspiel. Der Christian gab damals den Regisseur, der Martin einen prahlerischen Lausbub. Sie hatten, wie alle Kinder im Dorf, längst die große Bühne vor Augen. Die da draußen, bei der Wiese.

Da draußen spielen die Oberammergauer "Passion". In jedem zehnten Jahr erzählen sie die Geschichte des Leidens und der Auferstehung Jesu; ihre Vorfahren haben es Gott versprochen, 1633, er sollte den Ort vor der Pest bewahren. Das Unglück blieb aus, und so spielen sie in diesem Jahr wieder: 2000 Darsteller, Sänger und Orchestermusiker auf einer Freiluftbühne inmitten hoher Berge, 102 Vorstellungen, jedes Mal fünf Stunden vor Tausenden Zuschauern.

Es gebe nichts Gewaltigeres, sagt Martin Müller, und darin mag ihm in diesen Tagen keiner der 5000 Dorfbewohner widersprechen. Vom Märchenkönig Ludwig berichten sie, der Silberlöffel an alle Hauptdarsteller verteilte, nur Judas, dem Verräter, gab er einen aus Blech. Auch Adolf Hitler war da, leider, aber dann kamen Adenauer und der Papst, als er noch Kardinal Ratzinger hieß. Minister, Künstler, Filmsternchen; das japanische Fernsehen und die "New York Times". Und Hunderttausende Pilger.

Sauweh muss es tun, nicht mitzuspielen

Oberbayern

Am Samstag soll Premiere sein in ihrem Dorf in , ein paar Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt. Seit Monaten bemühen die Alten und Kranken letzte Kräfte; die Jungen krempeln Pläne um. Der künftige Apostel Philippus unterbrach ein Promotionsstudium, einer der beiden Jesus-Darsteller verließ den fernen Arbeitsplatz. Der Bürgermeister verkündete schon am Aschermittwoch vergangenen Jahres einen "Haar- und Barterlass". Seither verzichten die Männer, Frauen und Kinder weitgehend auf den Friseur, um auszusehen wie im alten Jerusalem.

Gemeinschaft, Heimat, Identität - so versuchen sie Fremden ihr Treiben zu erklären. Schließlich hat jeder, der hier geboren ist oder seit 20 Jahren lebt, ein Spielrecht. Und außerdem, die Abwechslung: neun Jahre lang Lehrer, Klempner oder örtlicher Grünflächenbesteller - und im zehnten Jahr: Weltöffentlichkeit! Sauweh müsse es tun, da nicht mitzuspielen.

"Sauweh", sagt Martin Müller. Er spielt trotzdem nicht mit. Martin Müller, 40 Jahre alt, Darsteller seit Kindertagen, Holzbildhauermeister und gewähltes Mitglied im Gemeinderat, protestiert.

"Der Herr Stückl gefährdet da draußen das Dorf in seinen Wurzeln. Das ist nicht mehr unser Spiel." So sagt er voll Wut, grüßt die Passanten durchs Fenster, und einige winkt er hinein in seine Schnitzwerkstatt, die gleichzeitig ein Tante-Emma-Laden ist. Nur den Herrn Stückl, den grüßt er nicht - jenen Christian, mit dem er als Kind im Pfarrheim auftrat.

Zum dritten Mal führt Christian Stückl nun beim Passionsspiel Regie. Der 48-Jährige stammt aus einer angesehenen alten Familie, er spricht Dialekt, auch er sitzt im Gemeinderat.

Doch der Wirtssohn aus Oberammergau ist längst ein Weltbürger. Er war Regisseur an den Münchner Kammerspielen, er wurde eingeladen zum Berliner Theatertreffen; er hat in Indien und in Salzburg inszeniert, nun leitet er das Münchner Volkstheater. Starre und Enge passen nicht zu ihm, schon als Kind wartete er im elterlichen Gasthof auf die Touristen, weil sie einen fremden Parfumduft ins Dorf brachten. Er ist ein Skeptiker, ein Künstler. Mittelmaß passt nicht zu seinem Anspruch. Er ringt um seine Botschaften.

Unter seinen Vertrauten im Dorf finden sich jene, die es ebenso halten. Der Bühnenbildner zählt dazu, der inzwischen als Ausstattungsleiter des Bayerischen Staatsschauspiels arbeitet; der Zweite Spielleiter, der belesen ist wie kein anderer im Ort; auch der Dirigent, der 180 Oberammergauer in Chor und Orchester zu präzisem Klang führt. Seit Christian Stückl das Spiel inszeniert, interessieren sich auch Feuilletonredakteure dafür.

"Wir sind weder München noch Amerika, wir sind ein Dorf"

Christian Stückl hat die Moderne in das katholische Dorf gebracht, mitsamt ihren Zweifeln und Fragen. Während Priester, Bischöfe, Vatikan und Lehre immer stärker unter Generalverdacht geraten, spielt er in Oberammergau Kirche von unten. Er zerrt am alten Glauben, an den alten Regeln, den alten Ideen. Es ist wohl auch ein Versuch, dem Katholizismus das Konservative auszutreiben. Und Christian Stückl hat damit Erfolg.

Genau das werfen sie ihm vor, seine Gegner, die sich in Martin Müllers Ladenlokal treffen, wo Werbezettel ausliegen für "Opa will heiraten", ein Bauernschwank, Spielleitung: Martin Müller. Sie wählen nur andere Worte.

Sie preisen die Vergangenheit, in der gewählte Dorfvertreter über Text und Bühnenbild entschieden. Sie murren, dass nun Rabbiner mitreden; sie zetern, dass die Mitglieder der Trachtengruppe keine große Rolle spielen, sie klagen, weil sich die neue Inszenierung bis in die Nacht zieht. Es ist Welttheater in Oberammergau, wo sie um all das kämpfen, was dem Menschen heilig ist: um Selbstwertgefühl und Anerkennung und Geborgenheit und Geld. Und um die große Frage nach rechtem Leben und wahrem Glauben.

"Wir sind weder München noch Amerika, wir sind ein Dorf", so sagt es Martin Müller. "Und wir spielen immer noch die Bibel. Die kann man nicht modernisieren."

Yes, we can!", ruft Christian Stückl und ballt die rechte Hand zur Faust. "So müsst ihr euch diesen Jesus vorstellen. Dieser Mann ist euer Hoffnungsträger!"

Um den Tisch sitzen bärtige, langhaarige Männer in Skipullovern; zweimal Jesus, zweimal Petrus, zweimal Johannes, die wichtigen Apostelrollen sind doppelt besetzt. Stückl hechtet um den Tisch, überall scheint er zu sein, jeden scheint er anzublicken, anzusprechen. Er schwitzt. Und die Probe an diesem kalten Januarabend hat gerade erst begonnen.

Jesus ein engagierter Jude, Petrus ein Versager, Judas ein Getäuschter

"Versteht ihr?", ruft er. "Und jetzt lädt euer Jesus zum letzten Abendmahl und kündigt an, er lasse sich töten. Ihr habt grad überhaupt kein Verständnis für diesen Typen. Also, noch mal!"

"Rabbi, warum stehst du so fern?", nuschelt ein Jünger zu Jesus hin.

"Hey, mach es groß", sagt der Regisseur und stellt sich auf die Zehenspitzen. "Du bist ein enttäuschter Fan."

"Wir hofften auf Licht, und es kam Finsternis", kommt es, vernuschelt, zurück. "Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Was werden wir anziehen?"

"Jesus, dein Einsatz!", ruft Stückl.

"Um all das sorgen sich die Gottlosen!" Auch diese Stimme klingt verzagt.

Christian Stückl

Es zischt. Es zischt immer, wenn an einer Zigarette zieht, laut und schwungvoll zischt es, er inhaliert tief. Dann unterbricht er die Probe.

"Lasst uns mal reden", sagt er. "Stellt euch vor, Jesus habe ein Start-up-Unternehmen für eine bessere Welt gegründet. Ihr wart von Anfang an dabei, habt Job und Familie dafür aufgegeben. Nun droht das Ende. Wie fühlt ihr euch?" Sie reden über Existenzangst, Verlorenheit und Enttäuschung. "Genau das müsst ihr vermitteln", sagt der Regisseur. "Also los!"

So geht das Spiel, das Oberammergau in Unruhe versetzt

Christian Stückl will von der Geschichte den Zucker der Jahrhunderte herunterbringen, er nennt es so. Er will sich mit diesem kompromisslosen Menschen auseinandersetzen, der, ob nun Gottes leibhaftiger Sohn oder nicht, in seinen Augen auch ein Opfer großer Politik war.

So hat er die Vorlage wieder verwandelt. Ein drittes Mal erneuert er das Gelübdespiel und inszeniert statt frommen Laienschauspiels modernes Regietheater.

Gleich in der ersten Szene erklärt Jesus nun, was er denkt und wer er ist. Er tut dies mit Worten der Bergpredigt, einem fundamentalen Text der Christen. Doch steht Jesus dort als ein junger Jude, der den Zustand der Welt und die jüdische Elite kritisiert.

Dann tritt Pontius Pilatus auf, der Statthalter der römischen Besatzungsmacht. In der Bibel heißt es, er wasche seine Hände in Unschuld. Auf der Bühne gebärdet er sich als Tyrann, der Jesus beseitigen, es aber nicht selbst verantworten will. Er droht der jüdischen Führung: Der aufwieglerische Wanderprediger solle verschwinden.

Judas, bekannt als Verräter, schätzt in Stückls Spiel die Lage falsch ein: Er will Jesus und die jüdische Elite zu einem politischen Gespräch zusammenbringen. Als Jesus dann gekreuzigt wird, kann Judas mit der Schuld nicht weiterleben. Petrus jedoch, der Jesus dreimal verleugnet, vertraut auf die Gnade seines Herrn. Und wird, obgleich ein Versager wie Judas, Leiter der neuen christlichen Kirche.

So geht das Spiel, das Oberammergau in Unruhe versetzt. Jesus ein engagierter Jude, Pilatus ein Tyrann, Judas ein Getäuschter und Petrus ein Versager.

Neu ist zudem: ein Text aus dem jüdischen Glaubensbekenntnis, eine Volksgruppe überzeugter Jesus-Anhänger, der Auftritt zweier Kamele, Stoff und Farbe der Kostüme, das Bühnenbild, die Auferstehung Jesu spätabends und die Rolle der Claudia, der Frau des Pilatus.

Die Kirche brauche intellektuell wache Menschen

Er finde es super, sagt Korbinian Freier, der als Apostel Philippus ungeduldig auf eine bessere Welt hofft. Der 29-jährige Doktorand hält Jesus mittlerweile für den einzig glaubwürdigen Revolutionär. "Er redet nicht nur, er handelt. Es ist unglaublich, welchen Idealismus er freisetzt."

Er zweifle ja, ob Jesus seine Ideen von Unbedingtheit, Nächstenliebe und Ehrlichkeit in der heutigen Kirche wiederfinden würde, sagt der 30-jährige Jesus-Darsteller Frederik Mayet, der als Pressesprecher eines Theaters arbeitet. Das schmälere diese Ideen aber nicht.

Auch der Jesus-Darsteller Andreas Richter, ein 33-jähriger Psychologe, spricht von Zweifeln. Er sei der Bibel ziemlich fern gewesen. Die Weissagungen, die Wunder, schwierig, schwierig. "Aber nun in den Proben, die Diskussionen, auch kritisch, dass man das darf, ein Wahnsinn!"

Es ist der Münchner Erzbischof, der über den Inhalt des Spiels wacht. Für alle Fragen und Zweifel hat er Theologieprofessor Ludwig Mödl zum Berater ernannt.

Mödl steht auf Stückls Seite. Die Kirche brauche intellektuell wache Menschen, sagt der 72-Jährige. Und zu einem kritischen jungen Kopf gehöre nun mal, Strukturen und Lesarten in Frage zu stellen.

Nein, gegen die Bibel verstoße die Inszenierung nicht.

Manche Textstellen, ja nun, einmal habe der Regisseur "Du räudiger Hund!" getextet. Da habe er um Änderung gebeten. Aber sonst? "Alle vier Evangelien erzählen die Passionsgeschichte mit anderen Worten. Das Spiel muss mit ihnen kompatibel sein. Das ist es."

Ein echter Katholik kann nur Mozart lieben.

Auch der katholische Pfarrer im Ort ist gewiss: kein Verstoß. Die Oberammergauer Regel, dass Jesus-Sätze aus der Bibel stammen müssten, sei ja eingehalten. Er denke ohnehin, dass man das Wort Gottes nicht finde, indem man mit der Lupe in der Heiligen Schrift suche.

"Der frühere Pfarrer, der lud mich zu sich, als ich zum ersten Mal Spielleiter wurde", erzählt Christian Stückl. "Ich hatte einen Freund als Judas vorgesehen."

Der Freund war Protestant.

Der Priester legte Schallplatten auf, Mendelssohn, Bach und Mozart. Welche Musik dem Christian am besten gefalle?

Bach, antwortete der, ganz klar. Und eben da fange das Problem an, erwiderte der Pfarrer. Bach, der Protestant, verweigere sich der Erlösung. Die Musik des Juden Mendelssohn sei unerlöst. Ein echter Katholik könne nur Mozart lieben. Erlöste Musik.

Christian Stückl dachte daran, aus der Kirche auszutreten. Er blieb, trotz Bischof Mixa, trotz lebensferner Dogmen. "Ich empfinde mich ja eigentlich als total katholisch", sagt er. "Die Fronleichnamsprozessionen, der Weihrauch, diese ganze Theatralik, die Inszenierung im Gottesdienst, das hat mich tief geprägt."

Nun müht sich Christian Stückl neben dem Theater im Dorf auch um das christlich-jüdische Verhältnis.

"Für die jüdischen internationalen Organisationen ist Oberammergau Weltsache", sagt Theologe Mödl, der ihn in dieser Frage ebenfalls berät. "Sie verstehen das Passionsspiel als Seismografen für antisemitische Gedanken und Gefühle."

Vom Mittelalter an dienten Passionsspiele auch dazu, die Juden als Mörder Jesu anzuprangern. Ebenso war es in Oberammergau. Begeistert feierte auch Adolf Hitler die Figur des Pilatus als einen "Fels inmitten des jüdischen Geschmeißes und Gewimmels".

"Unerhörte versuchte Erpressung"

Nach dem Krieg riefen amerikanische Intellektuelle zu einem Boykott des Spiels auf. Auch Vertreter der katholischen Kirche forderten, es von Antijudaismen zu befreien: Das Zweite Vatikanische Konzil verurteilte "Hassausbrüche" und "Antisemitismus". 5000 Eintrittskarten wurden zurückgegeben. Doch in Oberammergau kursierte ein Flugblatt "gegen die unerhörte versuchte Erpressung" von jüdischer Seite. 1990 noch gehörte zum Spiel der "Blutruf" - jener Satz, mit dem sich das jüdische Volk selbst verflucht, weil es den Tod Jesu verantwortet. Allerdings findet der sich nur im Matthäus-Evangelium.

"1990 durfte ich ihn noch nicht herausnehmen", sagt Stückl. Zehn Jahre später setzte er sich mit Hilfe von Berater Mödl durch: kein Fluch. Stattdessen hob er die jüdische Herkunft Jesu hervor.

Aus New York waren zuvor Abgesandte jüdischer Organisationen angereist, um über den Text zu diskutieren. Auch dieses Mal kamen die Gesandten. "Es war unser Anliegen, die jüdischen Interessen noch mehr zu berücksichtigen", sagt Theologieprofessor Mödl. So dienen die neuen Jesus-Anhänger im Bühnenvolk auch der deutsch-jüdischen Verständigung - ebenso wie das Verhalten des Pilatus, der als römischer Besatzer Jesu Tod vorantreibt.

"Aber eine Szene gibt es, da läuft es einem eben doch über den Rücken", sagt Christian Stückl. "Wenn Hunderte schreien: 'Kreuzige ihn!'" Dramaturgisch ein Höhepunkt. Er mag nicht darauf verzichten.

Womöglich werde man sich in diesem Punkt nie einig. "Aber den Dialog muss man ewig weiterführen", sagt er. Auch deswegen ist er mit einigen Darstellern und Musikern zehn Tage lang nach Israel gereist, begleitet von einem vatikanischen Priester.

Martin Müller aber hat im Gemeinderat das Wort ergriffen. Das da draußen, das gehe so nicht weiter, hat er geschimpft. Die Freilichtbühne sei immer noch ein öffentlicher Raum. Und der Herr Stückl verstoße ständig gegen den Nichtraucherschutz. Es müsse endlich eine Hausordnung für das Passionstheater her.

20 Millionen Euro - der erwartete Passionsgewinn

Der Bürgermeister verdreht die Augen. Als er vor zwei Jahren in eigener Sache Plakate klebte, hieß sein Motto "Mit Herz und Verstand". Anschließend gewann der Parteilose die Wahl.

Arno Nunn war Polizist, er ist psychologisch geschult für den Umgang mit konfliktreichen Situationen, auch eine Fußballmannschaft hat er trainiert. Aber in Oberammergau dominiere der Wille, sich zu reiben und zu streiten, sagt er. Vielleicht hänge das mit der frühen Bühnenerfahrung zusammen. Man lerne schon als Kind Theaterdonner und große Geste.

Er ist ein guter Zeuge für alle Eigenheiten des Dorfes. Er darf nicht mitspielen, er wohnt erst seit 13 Jahren hier.

"Ein Beispiel", sagt er. "Die Kreuzverschiebung". Gerade erst hätten sich die Gegner Stückls im Gemeinderat beschwert: Warum dieses Mal die Kreuze eigentlich in einem anderen Winkel auf der Bühne stehen müssten? "Es geht bei den Sitzungen immer um die Passion", sagt er. "Der Ort hängt nun mal in allem von ihr ab."

Dann schreibt er gewaltige Zahlen auf das Flipchart in seinem Büro.

29 Millionen.

"Schulden", sagt er. Man habe hier gebaut wie in keinem anderen Dorf; ein Wellenbad mit Riesenrutsche, Schneekanonen, ein bewegliches Dach über dem Theater, dazu die laufenden Kosten. Und außerdem: die Infrastruktur, selbst die Kläranlage, das meiste überdimensioniert. "Alles ist ausgelegt auf die große Zahl der Gäste in jedem zehnten Jahr."

20 Millionen.

"Der erwartete Passionsgewinn." Plus x, sagt der Bürgermeister, vielleicht. Doch die Pauschalreisen verkaufen sich schlechter als erwartet, mitten in der Wirtschaftskrise. Die Gegner Stückls lasten auch das dem Spielleiter an.

Wer die Passion beherrscht, hat Macht in Oberammergau.

Neun gegen neun steht es im Gemeinderat, konservativ gegen kulturorientiert-ökologisch-sozial, bis auf ein SPD-Mitglied sind sie parteilos. Auf der einen Seite sitzen Martin Müller und politische Freunde, auf der anderen Seite Christian Stückl und Anhänger. Dazwischen zwei CSU-Abgeordnete, die sich als bürgerliche Mitte verstehen. Weil die beiden nicht unbedingt eine Meinung teilen, entscheiden sie nicht unbedingt einstimmig. Dann steht es zehn gegen zehn. Dann setzt sich in Oberammergau das Volk in Bewegung. Es herrscht in wenigen Orten Bayerns so viel direkte Demokratie. Ein Bürgerentscheid stand vor dem Bau des Theaterdachs, ein Bürgerentscheid besiegelte die Spielleiterwahl, ein Bürgerentscheid bestärkte den Spielleiter darin, nicht aufzugeben.

Es war mit 56 Prozent ein knappes Ergebnis. Und doch hat Christian Stückl in kurzer Zeit den Ort verändert. Als er vor 22 Jahren das Pestspiel aufführte, Bewährungsprobe für jeden künftigen Passionsspielleiter, protestierten Bürgermeister, Pfarrer und 1800 Einwohner gegen diesen gotteslästerlichen Mann. Er hatte es als ein Theaterstück auch über Aids inszeniert. Ein Herrgottsschnitzer warf darin, verzweifelt über seinen Gott, ein Kreuz zu Boden. Und während die einen protestierten, versammelten sich 400 junge Unterstützer mit Kerzen vor dem Rathaus.

Wer die Passion beherrscht, hat Macht im Ort. Er kann den Blick auf die Welt verändern und bestimmt das Bild des Ortes in der Welt. Wer die Passion beherrscht, kann eine Lebenskultur verbreiten. Und er schafft Biografien. Jede Hauptrolle steigert das Ansehen in der Dorfgemeinschaft bis in folgende Generationen. "Der spielt den Kaiphas, und der Großvater war zweimal Christus" ist ein typischer Satz in Oberammergau.

Entfesselter, manipulierter Mob

Manchmal wird die Rolle zur Lebensrolle. Eine Frau blieb den Männern fern, weil sie Jungfrau Maria gewesen war. Ein Christus-Darsteller ging im Alter segnend durch das Dorf. Es tragen viele Menschen Passionswunden in Oberammergau.

Bis 1990 war verheirateten oder verwitweten Frauen der Auftritt verboten - als mögliche Darstellerinnen der Maria sollten Frauen zumindest den Anschein von Keuschheit erwecken. Dann erstritten drei Dorfbewohnerinnen vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof ein allgemeines Spielrecht. Fortan durften auch Protestanten oder Muslime mitspielen, und die Gemeindevertreter sollten nicht länger über den Inhalt des Gelübdespiels wachen. Eine Volksvertretung sei weltanschaulich neutral, fand ein Gutachter. So kam der Berater des Erzbistums ins Dorf.

In diesem Jahr darf der Spielleiter erstmals bis zum Tag der Premiere am Text arbeiten. Dieses Mal benannte er auch die Hauptdarsteller allein. Getragen von Bürgerentscheiden hat er die alte Ordnung aufgehoben. Das Klischee eines katholischen Dorfes in Oberbayern - Christian Stückl hat es widerlegt.

Durch das Dorf hallt der Lärm von 900 Stimmen. "Kreu-zi-ge ihn!", brüllt das Volk auf der Freilichtbühne.

"Gib ihn frei!", schreien die Anhänger Jesu.

"Kreu-zi-ge ihn!"

Bald ist es Zeit für den Passionsfrieden

Alte Männer mit Trachtenhut stehen vor dem Spielleiter, junge Männer, deren Jeanshosen tief bis die Kniekehlen hängen. Frauen, die mit ihren Lesebrillen nesteln, das Textbuch in der Hand.

"Könnt ihr das immer noch nicht auswendig?", ruft er in ein Mikrofon. "Und nehmt die Kaugummis aus dem Mund!"

Es ist später Abend, er probt seit dem frühen Nachmittag, ihm bleibt nicht mehr viel Zeit bis zur Premiere. Die Szene am Ölberg war nicht schlecht, die Jesus-Darsteller wirkten glaubhaft in ihrer Todesangst. Am Tag zuvor, die Kinder mit den Eseln und Ziegen auf der Bühne, das funktionierte. Die störrischen Kamele brauchen noch ein paar Proben.

"Kreu-zi-ge ihn!"

Es ist die Szene, die den Rabbinern so viel Unbehagen bereitet. Sie ist gewaltig. Ein verzerrtes Bild des jüdischen Volks führt sie nicht vor. Es ist der Mensch als Massenmensch, der da zum Fürchten ist, der entfesselte, manipulierte Mob.

Bald ist es Zeit für den Passionsfrieden, sobald der Vorhang sich öffnet, das ist man der Passion schuldig und dieses Mal auch dem verschuldeten Dorf. Selbst Martin Müller wird ins Theater gehen, jeden Morgen von sechs bis acht. Er hat sich zum Putzdienst gemeldet. Die Spötter nennen es Märtyrertum. Doch jeder versteht, dass er nun doch mittun will.

Christian Stückl, der Skeptiker, wird vor jeder Aufführung mit den Darstellern beten. Er denkt nun manchmal an die Zukunft dieses Spiels, und auch an einen Nachfolger. "Vielleicht macht es ja Abdullah", sagt er. "Ich glaub, der hätte Lust."

Abdullah hat vor zehn Jahren mitgespielt und arbeitet heute als Regieassistent in München. Stückl traf ihn damals bei der Suche nach Darstellern, Abdullah sang so schön, Stückl wollte den muslimischen Jungen unbedingt dabeihaben.

Abdullahs Vater willigte ein. "In Ordnung, Chef", sagte er zu dem Spielleiter. "Aber mach uns nicht katholisch!"