AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2010

Debatte Großes Spiel, Teil zwei

Illusionen in Zeiten des Krieges oder worum es in Afghanistan wirklich geht

Afghane, US-Soldaten im erntereifen Mohnfeld
REUTERS

Afghane, US-Soldaten im erntereifen Mohnfeld

Von Erich Follath


In diesen Tagen schreiben viele mit Herzblut über Afghanistan, der Krieg wird verdammt und verherrlicht, man beklagt, beschönigt, beschwichtigt. Für diejenigen, die sich als Realisten sehen, sind die Kampfhandlungen gerechtfertigt, eine Ultima Ratio zur Verteidigung westlicher Freiheitswerte gegen die furchtbaren Taliban, Kollateralschäden ebenso bedauerlich wie unvermeidlich. Für die anderen, oft von pazifistischen Gedanken Geleiteten, sind diese Kämpfe dagegen ein Verrat an humanitären Idealen. Der Krieg ist in ihren Augen ein sinnloses, unzähmbares Monster, mit Bombenabwürfen wie mit terroristischen Hinterhalten. Und nichts, aber auch gar nichts könnte in ihren Augen ein verlorenes Menschenleben rechtfertigen.

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Heft 20/2010
Der unglaubliche Wiederaufstieg der Deutschen nach 1945

Mal steht der Schutz vor dem internationalen Terrorismus im Zentrum, wir kämpfen, behaupten glühende Kriegsverteidiger allen Ernstes, am Hindukusch, um Hindelang und Hildesheim vor der Qaida zu bewahren - als wäre Afghanistan noch das Hauptquartier des internationalen Terrorismus und nicht längst das benachbarte Pakistan, wo Radikalislamisten offen davon sprechen, amerikanische Städte seien "Ziele", siehe New York, Times Square; als würden die weltweit operierenden Selbstmordattentäter in Afghanistan rekrutiert und nicht in Staaten wie dem Jemen. Oder sie stammen aus islamistischen Zellen in den westlichen Anschlagsländern selbst.

Die Schlussfolgerungen könnten nicht gegensätzlicher sein: Wir müssen noch lange bleiben, um denen und uns nachhaltig zu helfen! Bloß schnell raus, um größeren Schaden für Deutschland und Afghanistan zu verhindern!

Ob Bellizisten oder Pazifisten: Sie alle machen sich etwas vor. Sie verkennen die tieferen Gründe für diesen Krieg, für jeden Krieg der Neuzeit (mit der Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, der tatsächlich ein Kampf Gut gegen Böse war). Reden wir also einmal nicht vom Brunnenbauen oder Terrorismusverhindern, nicht von der berechtigten Nato-Strafaktion gegen Taliban und al-Qaida in Afghanistan unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Reden wir von Geopolitik, von Militärbasen und Bodenschätzen, von Pipelines und Drogenrouten. Cui bono: Reden wir darüber, wer heute wirklich warum in Afghanistan kämpft.

Beteiligt sind alle Spieler, die in der Weltpolitik derzeit zählen

Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts nannte man das Kräftemessen der Weltmächte im strategisch so wichtigen Zentralasien zwischen Pamir, Hindukusch und Himalaja das "Große Spiel". Beteiligt waren vor allem die Briten und Russen. Gekämpft wurde mit Armeen wie mit Geheimagenten, und hinter den Kulissen liefen dubiose Deals, um die Einheimischen zu bestechen: "Afghanistan, Transkaspien, Persien, für mich sind das Figuren auf einem Schachbrett im Kampf um die Weltherrschaft", sagte Lord Curzon, der spätere Vizekönig von Indien, vor gut 110 Jahren.

Jetzt sind wir mitten drin im "Großen Spiel, Teil zwei". Beteiligt sind alle Spieler, die in der Weltpolitik derzeit zählen: die USA und Russland, Europa und Iran, China und Indien.

Der Westen hat ein vitales Interesse daran, die iranischen Machthaber mit ihrer gefährlichen Mischung aus Religionsfanatismus und Hightech-Urananreicherung strategisch zu isolieren und wirtschaftlich zu schwächen. Militärisch passiert das durch den Aufbau großer Basen in Kandahar und Kabul, aber auch in umliegenden Staaten wie Kirgisien und Usbekistan - Staaten, in denen Washington wie London und Berlin im Übrigen Menschenrechtsverletzungen repressiver Regime geflissentlich übersehen. Außerdem sollen Teherans Exportmöglichkeiten begrenzt werden, keine Erdöl- und Erdgasleitungen von iranischen Feldern durch Afghanistan führen.

Riesige ungehobene Bodenschätze, die exorbitanten Gewinn versprechen

Solche Pipelines müssten nach westlichen Vorstellungen durch das autoritäre, aber gegenüber dem Westen aufgeschlossene Turkmenistan vom Kaspischen Meer quer durch Afghanistan und dann weiter zum energiehungrigen Pakistan und nach Indien gelegt werden: ein Milliardengeschäft, das politische Stabilität voraussetzt. Vergleichbare Pläne waren schon einmal spruchreif. Mit Unterstützung des US-Außenministeriums hatte sich das kalifornische Unternehmen Unocal vor 15 Jahren um ein entsprechendes Business bemüht, später sogar Taliban-Führer nach Houston eingeladen und sie dort hofiert.

Das Geschäft scheiterte schließlich. Unocal wurde von Chevron geschluckt, aber weder die Großindustrie noch die Washingtoner Politikstrategen oder ihre russischen, chinesischen und indischen Konkurrenten um die Rohstoffe haben den Pipeline-Poker je aufgegeben. Neu-Delhi engagiert sich in Afghanistan noch zusätzlich aus eigenen geopolitischen Erwägungen - es möchte unbedingt Islamabads Interessen austarieren und seinen pakistanischen Erzfeind in den Zangengriff nehmen: Rund ein halbes Dutzend diplomatische Vertretungen hat Indien in Afghanistan eingerichtet, seine Spione wissen dort besser Bescheid als die des Westens.

Afghanistan ist aber nicht nur als Transitstaat von großer Bedeutung: Es besitzt riesige ungehobene Bodenschätze, die das bitterarme Land zu einem potentiell reichen machen, vor allem aber den Förderländern und Förderfirmen exorbitante Gewinne versprechen. Nachgewiesen sind bedeutende Vorkommen an Gold und Kupfer, Eisenerz und Lithium, das ist der Stoff, den man für Handys und Elektroautos braucht. Auch Wasser im Überfluss ist in dieser dürregeplagten Weltregion eine wichtige Waffe: Von 80 Milliarden Kubikmeter, über die Afghanistan verfügt, braucht es nur 20 Milliarden selbst.



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