AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2010

Kommentar Ein gerechter Krieg

Deutsche Soldaten kämpfen einen gerechten Krieg

Deutscher Soldat in Afghanistan
REUTERS

Deutscher Soldat in Afghanistan

Von Matthias Matussek


Jüngst stand ich in den USA an einem American-Airlines-Schalter, gemeinsam mit ein paar US-Rekruten in Kampf-Camouflage, die an ihren Sammelpunkt flogen, als ein Geschäftsmann vorbeikam und ihnen zurief: "God bless you, boys." Einige der Soldaten lächelten. Einige waren sichtbar stolz. Einige taten lässig. Doch alle genossen sie diese flüchtige Zuwendung von einem, den sie nicht kannten, für den sie aber gleichwohl in den Krieg ziehen.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 18/2010
Ein Kontinent auf dem Weg in die Pleite

Da fiel mir ein, was in Deutschland fehlt. Die Deutschen sind eine kriegführende Nation, aber sie schauen verschämt zur Seite, als handle es sich um Pornografie. Würde einer von uns in Berlin-Tegel Soldaten zurufen: "Gott sei mit euch, Jungs"?

Noch vor nicht allzu langer Zeit gehörte Randale bei Rekrutengelöbnissen zur Routine. Lange gab es ein tiefverwurzeltes Misstrauen gegenüber Soldaten. Die Idee von einem "gerechten Krieg" ist völlig abhandengekommen.

Misstrauen gegenüber Soldaten

Aber es gibt ihn, den "bellum iustum", es gibt ihn seit der Antike, es gibt ihn in der christlichen Theologie, es gibt ihn auch im asymmetrischen Krieg gegen Killer-Kollektive ohne staatliche Souveränität.

Es gab den gerechten Krieg bereits im Kosovo-Konflikt, als eine rot-grüne Regierung mit ihrer pazifistischen Tradition brach und mithalf serbische Milizen und Militärs daran zu hindern, eine Volksgruppe "ethnisch zu säubern". Und es gibt ihn jetzt, am Hindukusch, wo es um ein Volk geht, das zur Geisel von religiösen Gangstern wurde, die Schulen abfackeln, Frauen steinigen, Teenager mit Koranversen zu Killern abrichten und ihre Waffen mit Drogengeldern finanzieren. Und die, wenn sie die Oberhand gewönnen, eine benachbarte Atommacht gefährlich destabilisieren und eventuell unter Kontrolle bringen könnten.

Deutsche Soldaten kämpfen an einem Brennpunkt der Weltgeschichte. Sie machen Fehler, die bedauerlich und tragisch sind. Aber auch das gilt: Sie sind moralisch alleingelassen, weil sie ohne Unterstützung kämpfen - 70 Prozent der Deutschen sind gegen diesen Krieg, den sie für eine schmutzige Sache halten.

Krieg ist kein Sozialdienst

Das ist zu wenig: für die kämpfenden Soldaten, für die Verbündeten, für die deutsche Politik. Jeder Soldat riskiert im Einsatz, getötet zu werden. Krieg ist kein Sozialdienst.

Dabei sind militärische Fortschritte gegen den bewaffneten Terror möglich, wie die Eliminierung von ranghohen Taliban in Pakistan und Afghanistan und von al-Qaida-Führern im Irak gezeigt haben.

In den Einwänden der Linken gegen den deutschen Einsatz in Afghanistan überlagern sich viele Argumente. Wer Krieg führe, töte "wahllos" Schuldige und Unschuldige. Doch Unrecht einfach geschehen zu lassen ist nicht weniger unmoralisch und widerspricht dem missionarischen Glutkern linker Politik.

Absurde Argumente

Die Linke ging früher gegen das Unrecht in der ganzen Welt auf die Straße. Und hier empfiehlt sie Achselzucken? Ist ihr Antiamerikanismus so tief verwurzelt, dass sie die Menschenrechte fallenlassen, sobald ein paar Neokons neben ihnen auftauchen, die sie ebenfalls verteidigen wollen?

Geradezu absurd ist jenes andere Argument, hinter dem sich eine heterogene Gruppe von Schriftstellern jüngst versammelte: Der Kampf gegen die Taliban sei ein Kulturkrieg. Man müsse aufhören damit, die eigenen aufgeklärten Wertvorstellungen anderen mit Gewalt aufzuzwingen. Ach ja? Dann sollte man also jedem Piraten, jedem Erpresser, jedem Mörder, der den Koran zitiert, die höheren Weihen einer unterdrückten Kultur angedeihen und ihn gewähren lassen?

Deutsche Soldaten stehen zu Recht in Afghanistan, an der Seite der Amerikaner, der afghanischen Armee, gerade weil es auch um Werte geht, die nicht verhandelbar sind. Allerdings sind wir dort auch um unserer eigenen Sicherheit willen. Der Terror, der in New York zugeschlagen hat, in Madrid und in London, kann auch uns treffen.

Ein geerbter Krieg

Es gilt, ihn dort zu bekämpfen, wo er bebrütet wird, und in dieser Frage hat die herkömmliche politische Farbenlehre längst ausgedient. Der eher linke Präsident Obama hat den Krieg von den Neokons geerbt und führt ihn weiter. Rausgehen ist keine Option.

Dass Deutschland in Afghanistan dabei ist, hat nicht das Geringste mit Hurra-Patriotismus oder gar Nationalismus zu tun, sondern mit einem fairen Beitrag innerhalb der internationalen Gemeinschaft.

Früher haben sich deutsche Regierungen mit dem Scheckbuch aus solchen Konflikten herausgekauft. Das geht nicht mehr, und deshalb haben die deutschen Soldaten Unterstützung verdient. Geben wir sie ihnen.



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
suum.cuique 20.05.2010
1. Dulce et decori est pro patria mori
Zitat von sysopDeutsche Soldaten kämpfen einen gerechten Krieg http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,695623,00.html
Der Kommentar hat Recht, es ist ein moralisch vertretbarer Einsatz. Aber Krieg? Das waere schon uebertrieben.
suum.cuique 20.05.2010
2. Dulce et decorum est pro patria mori
Zitat von sysopDeutsche Soldaten kämpfen einen gerechten Krieg http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,695623,00.html
Der Kommentar hat Recht, es ist ein moralisch vertretbarer Einsatz. Aber Krieg? Das waere schon uebertrieben. Typo: Sorry, muss natürlich decorum heissen
unente, 20.05.2010
3. Wahnsinn
Zitat von sysopDeutsche Soldaten kämpfen einen gerechten Krieg http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,695623,00.html
Das hat man zu vielen Zeiten behauptet, um die Weiterführung von Kriegen zu rechtfertigen. Die 'Taliban' verteidigen ihre Heimat, gegen Invasoren und deren Marionetten - die sehen ihren Einsatz auch positiv. Mal sehen, welcher gerechte Krieger am Ende zum Sieger erklärt werden kann.
black wolf, 20.05.2010
4. .
---Zitat--- Würde einer von uns in Berlin-Tegel Soldaten zurufen: "Gott sei mit euch, Jungs"? ---Zitatende--- Einer vielleicht. Mir wäre das peinlich. Die Taliban glauben das selbe von sich. Mit solchen Sprüchen ist man direkt wieder beim guten alten "mein Gott ist größer als deiner".
Zero Thrust 20.05.2010
5. Sauber!
Ein guter, ein ehrlicher Kommentar. ---Zitat--- Früher haben sich deutsche Regierungen mit dem Scheckbuch aus solchen Konflikten herausgekauft. Das geht nicht mehr.. ---Zitatende--- Auch das ist wohl wahr; allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das notwendigerweise bedeutet, dass wir nun dazu verdammt seien, dort mit zu mischen. Man kann eine Nation schwerlich zum Kriegführen nötigen - und der NATO-Verteidigungsfall, verzeihung, aber der ist lange nicht mehr gegeben und.. war es vermutlich auch nie. Wenn ich mich nicht irre, ist das aber nach wie vor der Grund, jedenfalls Anfangsgrund, weshalb "wir" dort stehen? Dass eben dies schwierig nachzuvollziehen ist, mindestens für die allgemeine Bevölkerung, finde ich nur verständlich.
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