AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2010

Prozesse Der Fremde im Bad

Niemand darf für dieselbe Tat zweimal bestraft werden. Aber sind zwei Schüsse auf zwei Personen dieselbe Tat? In Bremen bleibt der Tod eines Türken wegen dieser Frage ungesühnt.

Erschossener Sozialpädagoge Akbaba, Tochter um 1998: Einfach Pech gehabt

Erschossener Sozialpädagoge Akbaba, Tochter um 1998: Einfach Pech gehabt


Letztlich starb Abdulkadir Akbaba wegen eines Döners und ein paar gefüllter Paprikaschoten. Das Fladenbrot hatte er sich am Bremer Hauptbahnhof gegönnt, am Pfingstmontag 2002, einem warmen Frühsommerabend. Danach fuhr der Türke mit der Straßenbahn weiter nach Gröpelingen, einem Stadtteil mit vielen Einwanderern.

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Heft 21/2010
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Akbaba, Mitarbeiter der Arbeiterwohlfahrt, war dort mit Sultan C. verabredet, einer Bekannten. Sie hatte versprochen, ihn zu einer Landsfrau zu begleiten, die er für einen neuen Arbeitskreis älterer Migranten gewinnen wollte.

Kurz vor 19 Uhr trafen sich beide an der Haltestelle Lindenhofstraße. Doch kaum unterwegs, bemerkte Sultan C., dass sie ihr Gastgeschenk daheim in der Küche vergessen hatte - die gefüllten Paprikaschoten.

So drehten beide um, gingen zum Haus der Türkin. Akbaba bat, kurz die nach Döner riechenden Hände waschen zu dürfen. Er stellte seine Schuhe vor die Wohnungstür und ging ins Bad. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Stimmen aus der Wohnung

Denn zur selben Zeit kam Bekir C., Sultans Ehemann, die Treppe zu der Zweizimmerwohnung im ersten Stock hoch. Er hörte Stimmen aus der Wohnung, und als er sie betrat, bemerkte er einen ihm unbekannten Mann im Bad.

Was dann geschah, darüber gibt es verschiedene Versionen. Sicher ist: Gegen 19.25 Uhr durchschlug eine Kugel, Kaliber 7,65 Millimeter, den Kopf von Abdulkadir Akbaba. Sie bohrte sich fast waagerecht von links in die Schläfe und trat über dem rechten Ohr wieder aus. Das Projektil prallte an einer Fliesenwand ab, 187 Zentimeter über dem Boden.

Als Polizeibeamte zehn Minuten später in die Wohnung stürmten, lag der 43-Jährige reglos in der Duschwanne, den Bauch nach unten, das gelbe Sweatshirt voller Blut. Er starb vier Tage später, ohne noch einmal das Bewusstsein zu erlangen.

Die Rettungssanitäter fanden auch Sultan C. schwerverletzt vor - sie lag mit Wunden an Kopf und Schulter im Wohnungseingang. Während die Notärzte die Türkin versorgten, meldete sich der mutmaßliche Schütze auf der Polizeiwache Gröpelingen. Bekir C. habe, so notierten die Ermittler, eine Pistole auf den Tresen gelegt und gesagt: "Ich bin der, den Sie suchen." Dann übergab er den Polizisten einen Zettel. Darauf hatte er die Telefonnummern von Angehörigen notiert, die über seine Festnahme unterrichtet werden sollten.

Blutiges Drama

Acht Jahre sind seit dem blutigen Drama vergangen, es gibt ein Todesopfer, es gibt eine Tatwaffe - doch weder Bekir C. noch jemand anders ist bis heute für den Schuss zur Verantwortung gezogen worden. Im Gegenteil: Polizisten, Staatsanwälte und Richter haben sich bei dem Fall in einer Weise verheddert, wie es wohl ohne Beispiel ist.

Zwar urteilte ein Bremer Schwurgericht im vergangenen Jahr, Bekir C. habe "mit absolutem Vernichtungswillen" auf Akbaba geschossen. Und an anderer Stelle: Er habe ihn fälschlicherweise für den Geliebten seiner Frau gehalten. Eine entsprechende Strafverfolgung des Türken, der die Tat bestreitet, ist jedoch ausgeblieben - aufgrund schlampiger Ermittlungen, missratener Anklagen und komplizierter Rechtsfragen.

Denn Bekir C. ist wegen des Geschehens in der Wohnung bereits einmal verurteilt worden: für die versuchte Tötung seiner Frau. Nun schützt ihn das Grundgesetz. "Niemand darf wegen derselben Tat auf Grund der allgemeinen Strafgesetze mehrmals bestraft werden", heißt es in der Verfassung.



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
chocochip, 29.05.2010
1. Es sind zwei Taten...
Zitat von sysopNiemand darf für dieselbe Tat zweimal bestraft werden. Aber sind zwei Schüsse auf zwei Personen dieselbe Tat? In Bremen bleibt der Tod eines Türken wegen dieser Frage ungesühnt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,696217,00.html
Es sind zwei Taten, das lernt jeder Jura-Student im ersten Semester. Einmal versuchte Tötung, einmal Mord.
lisa simpson 29.05.2010
2. schön, wenn man Gäste hat
Völlig nachvollziehbar, ein fremder Mann in der Wohnung, der muß ein Nebenbuhler sein und getötet werden. Klar. Der eigentliche Skandal ist doch, dass das Gericht den kulturellen Hintergrund nicht genügend würdigt und eine Anklage überhaupt zuläßt. -Mitteleuropa 2010-
laberheini2009 29.05.2010
3. Strafklageverbrauch
Ich denke, dass der BGH Recht hat. Eine Tat im prozessualen Sinne ist der Lebensvorgang als Ganzes, dessen Trennung in 2 Teilakte künstlich erscheinen würde. Genauso ist es hier. Das Geschehen hat sich innerhalb kürzester Zeit abgespielt, es wäre äußerst problematisch, dies in 2 Abläufe aufzuspalten. Das Bremer LG hätte nicht urteilen dürfen, sondern eine Nachtragsanklage anregen müssen, um beide Delikte zu erfassen. Aber jetzt ist es zu spät. 5 Jahre wegen eines Tötungsdeliktes sollten aber normalerweise ausreichen, den Täter wenigstens noch abzuschieben. Damit wäre wenigstens ein Kostenfaktor weg.
hakki_bulut 29.05.2010
4. Re: Der Fremde im Bad
Ich bin auch Türke, laufe aber mit einem Panzer rum. Was sind denn schon Pistolen... :-(
slider, 29.05.2010
5. Man kann des euch nicht rechtmachen
Dieses Mobbing über die Justiz in Deutschland ist unerträglich. Man bescherte sich über Freisler, Filbinger und deren Nachfolger aus 68´er Generation. Ich vermute die Deutschen wollen immer nur ein Gottesurteil akzeptieren.
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