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D-Mark: Geldstapel in der Blechhalle

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Internet Geldstapel in der Blechhalle

Verschwörungstheoretiker richten sich auf die Wiedereinführung der D-Mark ein. Späher wollen allerorten Signale für eine Währungsreform ausgemacht haben.

Nur die wirklich dramatischen Dinge des Lebens haben das Potential zu einer "Breaking News", einer Eilmeldung. Erdbeben, Flugzeugabstürze, Entführungen, Kriegsausbrüche. Und manchmal auch Geldcontainer in der deutschen Provinz. Seit dem 11. Mai hält eine obskure Kiste die Verschwörer-Gemeinde in Atem. Ein Anonymus, der sich als Mitarbeiter der Deutschen Bank bezeichnet, erklärte per Eilmeldung auf einer amerikanischen Homepage, er habe gerade einen Container mit neuen D-Mark-Scheinen und -Münzen verschickt. In der Nacht zum 16. Mai werde in Deutschland die Mark wieder eingeführt, die Kanzlerin werde die Sensation zuvor in einer Rede an die Nation verkünden.

Knapp daneben ist auch vorbei. Angela Merkel verabschiedete am Tag der angeblichen Erklärung den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, reiste zum Kirchentag in München und zahlt ihre Rechnungen noch immer in Euro. Alles eine Ente? Ja, aber im Netz überschlagen sich dennoch die Hinweise auf die baldige Rückkehr der Mark.

Da wird aus Kaufbeuren berichtet, dass die neuaufgestellte Telefonzelle drei Bezahlvarianten zulasse: Euro, Karte und DM. Dass Geldautomaten außer Betrieb seien, Gebrauchtwagenhändler würden keine Autos mehr verkaufen, um nicht auf den Euro sitzenzubleiben. Deutsche Kreditkarten mit Euro-Guthaben hätten in England reihenweise Fehlermeldungen verursacht. Bei einer großen Bank in Sachsen herrsche Urlaubssperre, es gebe reihenweise Personalversammlungen. Und der kürzliche Ausfall deutscher Web-Seiten hänge selbstverständlich mit der Geheimoperation zur Wiedereinführung der D-Mark (Deckname "Balthasar") zusammen.

Walter K. Eichelburg zählt sich zu den Opfern dieses geldpolitischen Staatsstreichs. Der Mann, der als "Consultant und Investor" in Wien residiert und regelmäßig Marktkommentare verfasst, hatte die Leser seiner Seite Hartgeld.com vergangene Woche in einem dramatischen Aufsatz auf die "überfallartige Einführung einer neuen Währung" vorbereitet. Es habe eine Attacke auf seinen Server gegeben, als Links zu Fotos der angeblich neugedruckten Mark angelegt wurden, sagt Eichelburg. Man habe offenbar einen "Info-Blackout" erreichen wollen.

Einen Blackout hat es wohl gegeben. Doch bei wem genau, ist noch unklar. Auf der amerikanischen Internetseite, die vor allem bei Verschwörungstheoretikern beliebt ist, tauchten tatsächlich Bilder von angeblich neuen Mark-Scheinen auf. Hochgestapelt in einer Blechhalle. Die Auflösung war miserabel, was sich mit einem Blick auf die Originale erklären lässt. Die finden sich auf der Homepage der Bundesbank, im Bildarchiv für die Presse. Unter dem Stichwort "sicheres Bargeld" ist dort jenes Bild aus dem Jahr 1991 abrufbar. Die gute Auflösung dort gibt den ungetrübten Blick auf die Banderole frei: 25. Oktober 1990.

"Man ist bereit"

Die ausgefallene Reform vom Wochenende hat die Netzgemeinde nur kurz aufgehalten. Natürlich hatten kritische Zeitgenossen auch dies vorausgesehen. Etwa jener Surfer aus Dingolfing, der frühzeitig Zweifel am Termin anmeldete. Am vorausgesagten Wochenende sei bei ihm verkaufsoffener Sonntag, das würde doch nicht gehen. Auch Eichelburg verfügt über hochbrisantes Insiderwissen, warum die Währungsreform zunächst scheiterte. Im Kanzleramt habe es vor der geplanten Währungsumstellung ein "wildes Schreiduell" zwischen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Kanzlerin Merkel gegeben. Doch neue Termine gebe es längst: "Man ist bereit." Überzeugte Jünger springen dem selbsternannten "Goldautor" bei seiner Prognose bei. Der deutsche Angriff im Westen sei 1940 wetterbedingt auch mehrfach verschoben worden. Am Ende hätten die Engländer nicht mehr daran geglaubt.

Im Hartgeld-Forum werden derweil schon wegweisende Tipps an Euro-Skeptiker gegeben, wie sie ihre letzten Euro unter das Volk bringen könnten. Auszüge: "Spenden Sie für Ihre Kirchengemeinde", "Unterstützen Sie nahe Familienangehörige", "Warum mieten Sie nicht Ihre Grabstelle auf 15 bis 20 Jahre an und kaufen Sie gleich einen Grabstein?" Eichelburg selbst hat nicht so viel übrig für Steine. Er rät seinen Jüngern, wie seit Jahren schon, zu Gold und Silber. Da trifft es sich gut, dass auf seiner Seite zahlreiche Werbebanner von Gold- und Silberhändlern prangen ("Jetzt kaufen!").

Längst ist der Hype um die Mark aus der virtuellen Welt in die Wirklichkeit übergesprungen. Vernünftig klingende Menschen in der Druckerbranche senken mitten im Gespräch plötzlich die Stimme und verkünden eine Sensation. Der traditionelle Gelddrucker der Bundesbank, das Münchner Unternehmen Giesecke & Devrient, drucke bereits Mark, und auch die Bundesdruckerei habe reihenweise neue Maschinen geordert.

Giesecke lässt den Verschwörern ihre Theorien. "Wir sind zur Geheimhaltung verpflichtet und geben keine Auskünfte zu Banknoten", sagt eine Sprecherin. Auch von der Bundesbank gibt es keinen Kommentar. Wobei inoffiziell zur Sicherheit darauf hingewiesen wird, dass die alten D-Mark-Druckplatten längst vernichtet seien.

Eichelburg ist ohnehin auf alles vorbereitet. Er lädt aktuell zu "Euro-Crash/Währungsreform-Seminaren" ein. In der Einladung verkündet er, die Mark werde in Deutschland bereits gedruckt. Für die drei Stunden zahlt der Teilnehmer 119 Euro - beziehungsweise die "zum Seminarzeitpunkt gültige Währung".

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