AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2010

Fußball Das Haus der Hoffnung

Erstmals findet die Weltmeisterschaft in Afrika statt. Bei den Top-Clubs aus Europa sind Talente von dem Kontinent schon lange eine begehrte Ware. An dem Millionengeschäft verdienen Schlepper und Agenten, für viele Spieler endet der Traum von der großen Karriere auf der Straße.

Von Christoph Biermann und Maik Grossekathöfer


Die Hütte ist drei mal drei Meter groß, die Wände sind aus Beton, das Dach ist aus Wellblech, drinnen ein Bett und eine Öllampe, Fenster gibt es nicht, es gibt keinen Strom, keine Toilette und kein fließendes Wasser für die fünf Leute, die in der Hütte wohnen. Moskitos surren durch die Luft.

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Heft 22/2010
Wie die Republik sich gesund sparen kann

Die Sonne geht unter in Bamako, der Hauptstadt Malis, langsam weicht die größte Hitze aus der Stadt, Hunde bellen, der Muezzin ruft. Draußen vor der Hütte kocht die Mutter über dem offenen Feuer Maisbrei, die zwei Töchter sitzen im Staub, schälen Mangos, und Vater und Sohn sprechen über die Zukunft. Beide tragen das Trikot des AC Mailand.

In Mailand zu spielen, das könnte er sich schon vorstellen, sagt Amadou Kéita, der Junge, aber wenn er es sich aussuchen dürfte, dann würde er nach Barcelona gehen, zentrales Mittelfeld. Sein Vater streichelt ihm über den Kopf und lächelt, ein alter Mann, der als Portier arbeitet, der Schmerzen hat in den Knien, im Rücken, in der Hüfte.

Amadou schnappt sich einen Gummiball, er hält ihn hoch, 100-mal, 200-mal, abwechselnd mit dem linken und dem rechten Fuß, er lässt den Ball auf den Schultern springen, auf dem Kopf, dann spielt er ihn wieder mit den Füßen, und nie fällt der Ball auf den Boden.

"Ich will Profi werden, ich will mit Fußball Geld verdienen, um meiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen", sagt Amadou. "Meine Eltern sollen nicht in dieser Hütte sterben. Das ist meine Mission. Ich darf nicht scheitern." Er klingt seltsam ernst für einen 14-Jährigen.

Es ist ein weiter Weg von Bamako nach Europa, ein weiter Weg von einer dreckigen Straße in Mali zum AC Mailand, aber Amadou hat den ersten Schritt getan.

Er kann sich noch gut erinnern, wie das war, als er vor einem Jahr zum ersten Mal von dem weißen Mann hörte, der überall in Bamako Kinder sucht, die gut Fußball spielen können, die schnell sind, wendig, die den Ball beherrschen. Der Mann, ein Franzose, organisierte in der ganzen Stadt Turniere, Amadou spielte bei einem mit, am Ende wählte der Mann die besten fünf Kinder aus. 5 von 5000. Eines war Amadou.

Seit Anfang September besucht er nun eine Fußballakademie am Rand des Zentrums, das Ufer des Niger ist nah. Er trainiert auf einem gepflegten Rasenplatz, bekommt drei Mahlzeiten am Tag und schläft in seinem eigenen Bett.

"Maison bleue" heißt die Fußballschule, blaues Haus, wegen der hellblau getünchten Wände. Es ist eine Traumfabrik. Wer es dorthin geschafft hat, der hat die Chance, Profi zu werden in Spanien, England, Frankreich, Deutschland. "Mein Papa hat vor Freude geweint, als ich auf das Internat durfte", sagt Amadou.

Es gibt viele Fußballakademien in Afrika, für die einen sind sie ein Segen, für andere ein Fluch. In Schulen wie der in Bamako werden jene Spieler ausgebildet, für die sich die Profivereine aus Europa interessieren: jung, technisch versiert, athletisch. Und günstig.

Fußballer aus Afrika, dem Kontinent, auf dem kommende Woche die Weltmeisterschaft beginnt, sind eine begehrte Ware. Schon seit den Fünfzigern suchen Clubs aus Europa in Afrika nach Talenten, und in den vergangenen Jahren ist aus der Suche ein Millionengeschäft geworden. Etwa jeder vierte Ausländer, der für einen europäischen Club in der ersten Liga spielt, kommt aus Afrika.

Es ist ein Geschäft mit der Hoffnung, betrieben von seriösen Managern, aber auch von gewissenlosen Schiebern.

Die Afrikaner zieht es nach Europa, weil sie glauben, dort gebe es alles im Überfluss: Arbeit, Geld, Zuversicht. Einige Spieler schaffen es, sie werden zum Star, Mahamadou Diarra von Real Madrid, Samuel Eto'o von Inter Mailand, Didier Drogba vom FC Chelsea. Für die meisten aber erfüllt sich der Wunsch nach einem besseren Leben als Profi nie.

An einem Montag ist Amadou Kéita morgens um halb sechs in Bamako auf dem Weg zum Bus, der ihn zur Akademie bringt. Ein dünner Bursche in Fleecejacke, der einen blauen Rollkoffer zieht.

Das Internat liegt an der Avenue de l'Union Africaine, in einem verwinkelten Viertel, in dem es von Ersatzteilhökern wimmelt. Es ist ein mächtiger Klotz, der wie ein Raumschiff in der Gegend steht, zwei Etagen, Flachdach, auf dem Gelände war früher eine Mülldeponie. Im Hof der Schule gibt es ein Schwimmbecken, Papayabäume, Palmen. Der älteste Schüler ist 18, der jüngste 11, sie leben in der Akademie von Montag bis Samstag, Wecken ist um halb sieben, Bettruhe um halb zehn. Dazwischen haben sie zweimal Training und zweimal Unterricht, Französisch, Mathematik, Biologie, Physik.

Jean-Marc Guillou, der weiße Mann, der Besitzer der Schule, steht auf dem Balkon im ersten Stock. Er ist 64 Jahre alt, hat Arthrose in beiden Knien, die Haare sind dicht und grau, er trägt Sandalen. Unten auf dem Feld laufen seine "Académiciens", seine Schüler, zwischen gelben Plastikhütchen herum, den Ball eng am Fuß. Die Kinder reden nicht, sie lachen nicht, sie arbeiten. Es geht um viel. Die Trainer rufen ihre Anweisungen, sie wollen schnelle, kurze Pässe sehen, Dribbeln ist verboten, die Jungs spielen barfuß, wie immer. "Das stärkt die Muskeln und spart Geld", sagt Guillou. "Und die Kinder bekommen ein noch besseres Gefühl für den Ball."



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