AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 24/2010

Hofberichterstattung Exzess der Normalität

Während die Welt am Abgrund tanzt, punktet Schweden mit einem Spektakel der Solidität: Am Samstag ehelicht Kronprinzessin Victoria ihren Ex-Fitnesstrainer. Das Ereignis soll nicht nur der Monarchie helfen, sondern auch den Herzschmerz-Medien.

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Von Matthias Matussek


Schon vor diesem erhofften Rausch aus Glockenläuten und Protokoll, aus raschelnder Spitze und purpurroten Läufern ist klar, dass der Schwede, wenn es um Hochzeitsgeschenke geht, auch nur mit Wasser kocht.

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Heft 24/2010

Da geben sich nun Kronprinzessin Victoria und ihr früherer Fitnesstrainer Daniel Westling nach einer quälenden achtjährigen Tortur des Wartens, nach Einsprüchen des strengen Vaters sowie Überwindung lebensbedrohender Krankheiten - Bulimie sie, Nierentransplantation er - endlich das Jawort, und was kriegen sie: Praktisches.

Die Hochzeitsgeschenke, das ist schwedischer Brauch auch im Königshaus, werden schon vor der Trauung ausgepackt und präsentiert, offenbar weil man es kaum erwarten kann, endlich den Küchenmixer in der Hand zu halten.

In unserem hoheitlichen Fall: mehrere Kisten von Trinkgläsern. Dazu noch ein Schrank voller Bettwäsche und Handtücher mit Monogramm. Mehrere Wellness-Wochenenden. Ein Jahr lang kostenlosen Strom für die Residenz in Haga. Ein grünes Holzpferd.

Moment, ein grünes Holzpferd? Wo stand das noch mal im Ikea-Katalog? Auf jeden Fall springt es aus der Reihe und wahrscheinlich gleich dorthin, wohin die besonders witzigen, poetischen und sperrigen Hochzeitsgeschenke schon immer wandern, in den Keller, wo sie Staub ansetzen. Denn Kronprinzessin Victoria, die Tochter des schwedischen Königs Carl XVI. Gustav und seiner Gattin Silvia aus Heidelberg, geborene Sommerlath, zeichnet sich durch eine Eigenschaft ganz besonders nicht aus: Flippigkeit.

Anders als etwa die bürgerlich-norwegische Mette-Marit, die mehrfach schwer danebengegriffen hatte, bevor sie ihren Prinzen Haakon erwischte, ließ sich Victoria Zeit, nachdem sie ihren Daniel zum ersten Mal an der Kraftmaschine sah. Doch dann eben wuchs Liebe.

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Prinzessin Victoria: Kohlpudding und Wollstrümpfe
Sie hat so zielstrebig dafür gearbeitet wie Tennislegende Björn Borg weiland an der Grundlinie. Sie hat sich ihren Daniel in den Kopf gesetzt und ihn in einem langen, aufreibenden Match schließlich gekriegt. Das ganze Land hat Anteil genommen an diesem Ausdauerweltrekord - nun wollen wenigstens die Weltmedien davon profitieren.

2300 Journalisten haben sich in Stockholm angesagt. Der Hof fürchtet fast, dass mehr Medienvertreter als Volk die Straßen säumen werden. Alle guten Kamerapositionen sind längst bestimmt. Exklusivrechte gibt es nicht, man ist ja nicht beim Landadel oder im Showgeschäft. Allein das ZDF wird am Samstag von 14.30 bis 19 Uhr live durchsenden, eine Vorab-Doku hatte hervorragende Quoten. Auch Phoenix steigt mit ein, RTL folgt mit einer Zusammenfassung.

Die ARD kontert derweil mit der Fußball-Weltmeisterschaft. Selten waren die Zielgruppen so deutlich umrissen: Die eine Hälfte der Welt schaut Kicker, die andere Hälfte Königs. Die Hofberichterstatter von "Neuer Post" bis "Frau mit Herz" delirieren dem Ereignis ohnehin schon seit Monaten entgegen.

Alexander von Schönburg, Bruder der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis und "Bild"-Autor, bereitet hiesige Massen seit vergangener Woche mit einer Serie auf das Happy End vor. Erfahrungsgemäß gehen die Auflagen der zuletzt teils kriselnden Yellow Press dank solch solitärer Glücksmomente deutlich in die Höhe.

Doch wenn es bei dieser Hochzeit, die mit erhofften 500 Millionen TV-Zuschauern wieder einmal ein royaler TV-Straßenfeger zu werden verspricht, etwas zu bestaunen gibt, dann ist es nicht Schneewittchens rascher Zauber, sondern der zähe Triumph des Willens. Victoria ist der Gegenentwurf zu Lady Di.

Damals ging es um Augenaufschläge, hier um das Spektakel der Solidität in wirtschaftlich und politisch unsicheren Zeiten. Die Welt ist am Abgrund, dieses Paar ist der Anker. Es ist der Exzess der Normalität, das Versprechen der Bürgerlichkeit, das skandinavische Königshäuser auszeichnet: Es lohnt sich, auf dem Teppich zu bleiben.

Victoria ist authentisch. Ihre Liebe ist authentisch. Ihr Mann ist authentisch.

Der Hof, allen voran der König, war zunächst entsetzt über ihre Wahl. Dieser Daniel Westling hatte kein Geld, keine Ausbildung, keine Familie, womit der Adel nicht etwa meint, dass er Vollwaise wäre, sondern dass sein Name nicht im Adels-Almanach "Gotha" auftaucht.

Doch über die Jahre waren alle zunehmend beeindruckt. Beeindruckt auch davon, dass der junge Mann nicht die geringste Neigung zur Bösartigkeit zeigte und zu jener Hallodrihaftigkeit, der etwa Monacos Fürstentöchter einst in Serie verfielen. Aber dort regiert ja letztlich auch nur eine Piraten-Dynastie.

Daniel Westling war keine Leuchte in der Schule, aber eine Kanone im Sport. Er stammt aus Ockelbo, einem 3000-Seelen-Nest aus roten Holzhäusern in einer einsamen Waldgegend nördlich von Stockholm. Bären- und Elchland. Vergangenes Jahr stromerten ausgehungerte Wölfe dort durch entlegene Farmen und griffen sich Streicheltiere.

Die Mutter des Bräutigams arbeitete bei der Post, der Vater in der Sozialbehörde. Die Prominenz besteht aus der ehemaligen Gewichtheber-Weltmeisterin Susanne Formgren, die die lokale Muckibude leitet. Das war die Welt des Daniel Westling. Und das war die Herausforderung für jenes Spezialistenteam aus Lehrern und Etiketteberatern, die aus dem Herzensjuwel der Prinzessin einen gala-adäquaten Brillanten zu schleifen hatten.

Sie brachten dem Bürger Westling bei, auf Englisch und Deutsch und Französisch übers Wetter zu konversieren und beim Bankett nicht auf den Tisch zu klopfen und "Mohlzeit" zu rufen.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
hardnoxanddurtysox 18.06.2010
1. Matussek bringt ganz neue Erkenntnisse:
Zitat von sysopWährend die Welt am Abgrund tanzt, punktet Schweden mit einem Spektakel der Solidität: Am Samstag ehelicht Kronprinzessin Victoria ihren Ex-Fitnesstrainer. Das Ereignis soll nicht nur der Monarchie helfen, sondern auch den Herzschmerz-Medien. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701467,00.html
'Sie soll auch den Herz-Schmerz-Medien helfen'. Hatte ich bisher nicht gewußt. Es braucht also schon einen Intelligenzbolzen wie Matussek, damit man das kapiert.
marypastor 18.06.2010
2. Ist in Ordnung.
Zitat von sysopWährend die Welt am Abgrund tanzt, punktet Schweden mit einem Spektakel der Solidität: Am Samstag ehelicht Kronprinzessin Victoria ihren Ex-Fitnesstrainer. Das Ereignis soll nicht nur der Monarchie helfen, sondern auch den Herzschmerz-Medien. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,701467,00.html
Die es wissen, sagen bei vielen Hocheiten ja gern: "Die oder er haette aber auch was Besseres kriegen koennen." Offenbar nicht, denn sonst haetten sie ja den oder die nicht geheiratet. Nun wollen wir mal sehen, wie lange das dauert.
ingrid wild 18.06.2010
3. So wie ich die Sache sehe
scheint das Interesse hier gering zu sein und das ist auch gut so. Die Monarchie ist nicht mehr zeitgemäss - irgendwie erinnert sie an einen Bienenstaat - das Volk darf buddeln und die Hochzeit zahlen, die Drohnen bedienen die Königin von hinten bis vorne, die Ammen sind die Wächterinnen die den Herrschaften jeden Handgriff abnehmen und um die Königin scharrt sich der ganze Rest. Abartig. Gott sei Dank in Deutschland nicht mehr aktuell.
Morrigana 19.06.2010
4. nein, der Bien ist Basisdemokratisch!
Zitat von ingrid wildscheint das Interesse hier gering zu sein und das ist auch gut so. Die Monarchie ist nicht mehr zeitgemäss - irgendwie erinnert sie an einen Bienenstaat - das Volk darf buddeln und die Hochzeit zahlen, die Drohnen bedienen die Königin von hinten bis vorne, die Ammen sind die Wächterinnen die den Herrschaften jeden Handgriff abnehmen und um die Königin scharrt sich der ganze Rest. Abartig. Gott sei Dank in Deutschland nicht mehr aktuell.
Nur geht es in einem Bienenstaat der Königin an den Kragen wenn sie nichts mehr taugt. Die Arbeiterinnen ziehen sich eine neue heran und suchen sich ein neues Schloss. mmmh, irgendwie erinnert mich das an die Yellow-Press ...
saul7 19.06.2010
5. ++
Zitat von ingrid wildscheint das Interesse hier gering zu sein und das ist auch gut so. Die Monarchie ist nicht mehr zeitgemäss - irgendwie erinnert sie an einen Bienenstaat - das Volk darf buddeln und die Hochzeit zahlen, die Drohnen bedienen die Königin von hinten bis vorne, die Ammen sind die Wächterinnen die den Herrschaften jeden Handgriff abnehmen und um die Königin scharrt sich der ganze Rest. Abartig. Gott sei Dank in Deutschland nicht mehr aktuell.
Zustimmung! Mir ist bis heute unklar, warum sich immer noch Monarchien halten können. Muss wohl etwas von einem Märchengefühl sein, dass die Leute daran so fasziniert.
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