AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2010

Emigration Kültürschock in Istanbul

Von , Istanbul

2. Teil: Die Deutschländerin fragt sich: "Wie ist eigentlich der Plural von Heimat?"


Die Elite der Auswanderer hat sich organisiert, sie trifft sich regelmäßig zu einem "Rückkehrerstammtisch". Auf der Dachterrasse des "Teras6", einer angesagten Bar in Istanbuls Szeneviertel Beyoglu, sitzen sie zusammen: 50 Männer und Frauen, in Sakkos und Business-Kostümen, sie trinken Bier in Krügen und türkischen Tee in bauchigen kleinen Gläsern.

Sie wollen vor allem Kontakte knüpfen, ein Netzwerk aufbauen. Manchmal klagen sie gemeinsam über Begegnungen mit der ungewohnten Kultur, über den Alltag mit der schwerfälligen türkischen Bürokratie. "Viele von uns sind eigentlich keine Rückkehrer, sie kommen zum ersten Mal in die Türkei. Und zwar nicht als Türken, sie kommen als Deutsche", sagt Sahin. Mit deutschen Ideen, deutschen Werten, deutschen Gewohnheiten.

Als die Architektin am Anfang ihrer Zeit in Istanbul einem Vorgesetzten widersprach, brach sie damit ein ungeschriebenes Gesetz und bekam Ärger. Später erregte sie Aufsehen, weil sie im Ramadan tatsächlich fastete. Das hatte sie schließlich auch in Deutschland immer getan und als "Urlaub von meinem Körper" bezeichnet. Unter ihren streng laizistischen Arbeitskollegen in der Türkei aber geriet sie nun in Verdacht, eine "Religiöse" zu sein.

Sahin sieht sich trotzdem als privilegiert, es sei ein Luxus, sagt sie, zwischen zwei Heimatländern entscheiden zu können: "Wie ist eigentlich der Plural von Heimat?"

"Ich bin kein Deutschländer"

In Deutschland ausgebildete Akademiker haben hervorragende Chancen auf dem türkischen Arbeitsmarkt. Weniger qualifizierte Deutsch-Türken aber bleiben lieber in Deutschland, denn in der Türkei müssen sie mit Hunderttausenden Billiglöhnern konkurrieren. Wer trotzdem kommt, gibt sich mit Gelegenheitsjobs zufrieden oder arbeitet schwarz. Gerade mal 729 türkische Lira, umgerechnet 380 Euro, beträgt der Mindestlohn in der Türkei, die Arbeitslosenhilfe liegt bei etwa 170 Euro, Sozialhilfe gibt es nicht.

Viele dieser Heimkehrer stoßen noch dazu auf Vorurteile bei den Einheimischen. Denn den "Almancilar", den "Deutschländern", eilt ein fragwürdiger Ruf voraus. Sie gelten wahlweise als frömmelnde Hinterwäldler oder neureiche Proleten.

"Sie kamen mit falschen Goldkettchen und fuhren im BMW oder Mercedes vor, der aber nur gemietet war", sagt eine Türkin über eine Gruppe junger Gastarbeiter, die in ihr Dorf zurückkehrten. Prominente Deutsch-Türken wie Regisseur Fatih Akin, der Fußballer Mesut Özil oder der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, von türkischen Medien schon zum "Obama der Türken" erhoben, ändern das Bild nur wenig.

Den Rückkehrern aus Deutschland wird mit großer Skepsis begegnet, wie ein Song ("Ich bin kein Deutschländer") der türkischen Liedermacherin Sebnem Kisaparmak zeigt. Er handelt von einer rücksichtslosen Rückkehrerfamilie, die ein Grundstück in der Türkei kauft und damit die Preise in die Höhe treibt. "Danke, das sind genau meine Gefühle", kommentierte ein Leser im Internet.

Mitunter lässt der deutsche Staat die Deutsch-Türken im Stich

Besonders schwer wiegen für viele die mangelhaften Sprachkenntnisse der Heimkehrer: Als die türkisch-belgische Popsängerin Hadise Açikgöz bei einem Spiel der Nationalmannschaft unlängst etwas nuschelte und den Fehler machte, die Nationalhymne frei zu interpretieren, löste das unter den derzeit besonders patriotischen Türken Empörung aus. "Sie ist nicht einmal Türkin, ihr Türkisch ist schlecht, und von türkischer Kultur hat sie keine Ahnung", hetzte ein Kritiker.

Ankara unternimmt bislang wenig, um die Sprachkenntnisse der Auslandstürken zu verbessern und ihnen bei der Re-Integration zu helfen. Vor Deutsch-Türken in Köln warnte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor zwei Jahren zwar davor, die "türkische Identität" aufzugeben - wie die Regierung ihren Bürgern im Ausland dabei helfen könnte, darauf ging er nicht ein. Bislang erfolgt türkische Kulturpolitik vor allem über die Entsendung von Imamen aus der Türkei.

"Warum zum Beispiel gibt es kein türkisches Goethe-Institut?", wundert sich der Hamburger Deutsch-Türke Latif Durlanik. "Warum wird in türkischen Kulturhäusern nur geraucht und Karten gespielt?"

Mit einem "Amt für Auslandstürken" will Ankara jetzt zumindest formell eine Institution ins Leben rufen, an die sich die Diaspora, womöglich auch die Rückkehrer wenden können. Die genauen Aufgabenbereiche des Amts sind allerdings noch unklar. "Es ist die Erwartung der Menschen, dass die Türkei die Stimme unserer arbeitenden Brüder in der EU und in Deutschland hört", sagte der zuständige Staatsminister vor einigen Wochen.

"Ich bin jetzt Gastarbeiterin"

Mitunter ist es auch der deutsche Staat, der die Almancilar im Stich lässt. Sükriye Dönmez kam 1969 mit ihren türkischen Eltern als Baby nach Berlin-Kreuzberg und lebte 40 Jahre lang dort. Die Deutsch-Türkin wurde Schauspielerin, später Regisseurin. Für ihre Rolle als Oberschwester Ayfer in der Fernsehserie "Klinikum Berlin Mitte" wurde sie als "hübscheste Krankenschwester Berlins" bejubelt, in Fatih Akins Erstling "Sensin - Du bist es!" bekam sie die Hauptrolle, auch bei seinem ersten Spielfilm "Kurz und schmerzlos" über eine türkisch-griechisch-serbische Gang in Hamburg spielte sie mit.

Einen deutschen Pass besaß sie nicht, weil sie in der Türkei geboren war. Reine Formsache, dachte sie, als sie im März 1999 den Einbürgerungsantrag stellte. Sie hatte in Deutschland Steuern gezahlt, deutsche Filme gedreht und bis auf wenige Monate nach ihrer Geburt nie woanders gelebt.

Fünf Jahre wartete sie, dann kam der Entscheid. Ihr unregelmäßiges Einkommen sei das Problem, hieß es in der Ablehnung. Wenn sie einen deutschen Pass wolle, brauche sie eine Festanstellung. Gehen Sie doch irgendwo putzen, sagte ihr die Frau vom Einwohnermeldeamt. "Das habe ich dankend abgelehnt", sagt ¿ükriye Dönmez, "und bin stattdessen in die Türkei gefahren."

Inzwischen lebt sie in Cihangir, einem Künstlerviertel von Istanbul, "das Kreuzberg gar nicht so unähnlich ist". Hier bereitet sie gerade eine Fernsehserie über Rückkehrer aus Deutschland vor. Es soll um eine orientierungslose Almanci-Frau in der Türkei gehen, "Kültürschock" will sie die Serie nennen.

Dönmez selbst findet es ganz lustig, für eine Weile mal nur Türkin zu sein. "Ich bin jetzt Gastarbeiterin."

insgesamt 201 Beiträge
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Seite 1
blowup 03.07.2010
1. auch das noch
Jetzt wandern auch schon die anpassungsfähigen, fleißigen und fähigen Türken aus. Dass deutsche Spitzenkräfte - Forscher oder Ärzte - diesem Land den Rücken kehren, daran haben wir uns ja schon gewöhnt. Und die, die bleiben, verzichten meist auch auf Kinder. Exodus. Deutschland - ein Land, dass nicht viele Chancen mehr bietet und Initiative im Würgegriff von Politik und Bürokratie erstickt. Tja, iegendwann wird sich der Träge und aufgeblähte Apparat mal Gedanken machen müssen, wen er jetzt noch ausplündern kann.
xsreality 03.07.2010
2. Ausbilundgsniveau Auswanderer/Zuwanderer
Wäre gut zu wissen wie hoch das Ausbildungsniveau der Auswanderer und wie hoch das Ausbildungsniveau der Zuwanderer ist. Schätze mal die Türken, die hier ihren Uni-Abschluss gemacht haben gehen in die Türkei, und die Ungelernten Türken kommen nach DE.
schweineigel 03.07.2010
3. Andere Punkte
Erstens: Wie sieht es eigentlich mit den anderen Einwanderern aus? Ich habe das Gefühl, dass es irgendwie auch weniger Italiener oder Griechen gibt. Und was ist mit Amerikanern und Engländer (nach der Besatzungszeit)? Zweitens: Die Grafik Bild-4/5 scheint schon vor 2000 so eine Tendenz gehabt zu haben. Ansonsten wundere ich mich, dass hier nicht auf Grafiktricks zurückgegriffen wurde, wie logarithmische oder abgeschnittene Skalen. Die Kurven zeigen eine recht dramatische Entwicklung. Drittens: Es gibt auch sehr viele deutsche "Arbeitsmigranten", die es nach Österreich, Schweiz u.s.w zieht. Und jetzt zieht es viele "sogar" in die Türkei? Und dabei haben wir doch angeblich(!) Facharbeitermangel. Es scheint hier in Deutschland ein Problem zu geben, das nicht mit den üblichen Vorurteilen und dem Selbstbild Deutschlands zu erklären ist...
John.Moredread 03.07.2010
4. ...
Natürlich. Deutschland ist besonders interessant für fundamentalistisch-religiöse Menschen, da in der Türkei die Trennung von Staat und Religion wesentlich stärker gelebt wird. Das Kopftuchverbot in türkischen Universitäten ist nur eines von vielen Beispielen. Eben daher ja auch die Vorurteile gegen Deutschländer, die ja auch im Artikel erwähnt werden. Man vermutet entweder Proleten - kann man sich wohl ganz gut vorstellen, da dieser Typ Mensch auf der ganzen Welt anzutreffen ist - oder aber religiöse Fundamentalisten, auf die Türken in der Türkei nicht gut zu sprechen sind.
mr_supersonic 03.07.2010
5. Da...
Zitat von sysopMehr Türken gehen inzwischen aus Deutschland in die Türkei als umgekehrt. Im Boomland am Bosporus bekommen sie dank ihrer deutschen Ausbildung oft bessere Gehälter und attraktivere Stellen, begegnen aber auch vielen Vorurteilen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,704114,00.html
...ist das Problem: Zitat aus dem Beitrag: "Fünf Jahre wartete sie, dann kam der Entscheid. Ihr unregelmäßiges Einkommen sei das Problem, hieß es in der Ablehnung. Wenn sie einen deutschen Pass wolle, brauche sie eine Festanstellung. Gehen Sie doch irgendwo putzen, sagte ihr die Frau vom Einwohnermeldeamt. "Das habe ich dankend abgelehnt", sagt ¿ükriye Dönmez, "und bin stattdessen in die Türkei gefahren."" Deutsche Behörden werden es schon schaffen, dass Deutschland den Bach runtergeht.....
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