AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2010

SPIEGEL-Gespräch "Ich bin nicht Kanzlerkandidat"

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, 50, über Seriosität und Zynismus in der Politik, seine Abgrenzung von der Linken und sein kommunikatives Verhältnis zu Angela Merkel.

Linken-Kritiker Gabriel: "Kein Fleisch von unserem Fleische"
DDP

Linken-Kritiker Gabriel: "Kein Fleisch von unserem Fleische"


SPIEGEL: Herr Gabriel, hat Ihnen Angela Merkel schon per SMS zu Ihrem Erfolg bei der Präsidentenwahl gratuliert?

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Heft 27/2010
Ein Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem

Gabriel: Ich glaube, sie hat derzeit genug damit zu tun, ihren eigenen Leuten Mitteilungen zu schicken.

SPIEGEL: Abgesehen vom Übermittlungsweg hätte sie Ihnen durchaus zu einem Achtungserfolg gratulieren können.

Gabriel: Das war nicht nur ein Achtungserfolg. Die letzten Wochen haben gezeigt, wie viele Menschen in Deutschland sich für unseren Staat interessieren. Joachim Gauck hat es geschafft, die Erinnerung daran wachzurufen, dass die Demokratie eine eigene Schönheit hat - auch wenn das pathetisch klingen mag.

SPIEGEL: Auch bei Ihnen?

Gabriel: Es erinnert uns Politiker daran, dass wir die wachsende Kluft zwischen der Bevölkerung und dem Staat dringend schließen müssen. Mehr Demokratie zu wagen ist eine Daueraufgabe, die nicht mit Willy Brandt endete. Wir Politiker dürfen nicht nur Techniker der Macht sein, sondern müssen unser Handeln immer wieder an die Prinzipien und Werte von Freiheit und Verantwortung binden.

SPIEGEL: Sie selbst haben doch mit Gauck schiere Machttechnik demonstriert.

Gabriel: Das war keine machttechnische Kandidatur. Ich weiß ja, dass uns viele Journalisten ständig ausschließlich Taktik und nie innere Überzeugung unterstellen. Das gehört zum Demokratiezynismus, der in Deutschland Mode geworden ist.

SPIEGEL: Sie wollen nicht ernsthaft abstreiten, dass es bei Gaucks Nominierung um Taktik ging.

Gabriel: Doch. Bereits am Tag des Rücktritts von Horst Köhler war mir klar, dass wir jetzt nicht nach den klassischen Mustern handeln dürfen. Aber das werden Sie mir so lange nicht glauben, bis wir uns mit einer eigenen Mehrheit genauso verhalten. Und weil unsere einzige Chance darin besteht, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, werden wir das machen.

SPIEGEL: Sollte die SPD also in der nächsten Bundesversammlung die Mehrheit haben, wird sie keinen verdienten Genossen aufstellen?

Gabriel: Wenn ich in fünf Jahren noch SPD-Vorsitzender bin, werden wir jemanden präsentieren, der wie Joachim Gauck über die Parteien hinaus wirkt.

SPIEGEL: Und rein taktisch hat es Ihnen nicht gefallen, dass es die drei Wahlgänge für Frau Merkel nicht einfacher gemacht haben?

Gabriel: Es ging nicht darum, Schwarz-Gelb vorzuführen. Dann hätte ich doch Angela Merkel nicht das Angebot gemacht, einen geeigneten Kandidaten zu unterstützen. Das habe ich erstmals bereits getan, als von Joachim Gauck noch gar nicht die Rede war.

SPIEGEL: Wäre sie darauf eingegangen, hätten Sie hinterher allen erzählt, dieser Kandidat sei Ihre Idee gewesen.

Gabriel: Mein erstes Angebot und Angela Merkels Antwort darauf sind nicht öffentlich geworden, weil das ein Kontakt nur zwischen uns beiden war ohne andere Beteiligte. Frau Merkel wollte eine reine Machtdemonstration der Koalition bei der Wahl des Bundespräsidenten. Dass das gründlich schiefgegangen ist, liegt doch nicht an der Machttaktik der SPD, sondern an der Machtlosigkeit Angela Merkels.

SPIEGEL: War es machttaktisch geschickt, der Linken Ihren Kandidaten vor den Latz zu knallen?

Gabriel: Wenn ich Frau Merkel einen gemeinsamen Kandidaten von SPD, Grünen und Linken angeboten hätte, dann hätte sie zu Recht gesagt: Lieber Herr Gabriel, das wissen Sie doch ganz genau, dass das bei uns nicht geht, das ist ein rein taktisches Manöver. Deswegen war es gar nicht möglich, das Angebot gemeinsam mit der Linken zu formulieren. Wir wollten ja mit Union und FDP einen gemeinsamen Präsidenten wählen. Denn schließlich haben die die Mehrheit in der Bundesversammlung.

SPIEGEL: Finden Sie als ehemaliger Lehrer diese Art der Frontalpädagogik nicht etwas veraltet?

Gabriel: Ich bin nicht der Erziehungsbeauftragte der Partei Die Linke. Außerdem können Sie im Mathematikunterricht nicht durch pädagogische Tricks erklären, dass zwei mal zwei fünf ist.

SPIEGEL: Was hat das mit der Linkspartei zu tun?

Gabriel: Es gibt auch im Verhältnis zu denen ein paar Grundsätze. Vor allem, dass die SPD mit dieser in sich so gespaltenen Linken auf Bundesebene und manchmal auch auf Landesebene derzeit nicht zusammenarbeiten kann.

SPIEGEL: Warum nicht?

Gabriel: Ich werde die Partei Kurt Schumachers nicht in ein Bündnis mit einer Partei führen, die ein ungeklärtes Verhältnis zum DDR-Unrecht und zum Parlamentarismus hat. Das ist keine Frage der Pädagogik und keine Frage der Taktik. Seit ich Vorsitzender bin, erkläre ich der Sozialdemokratie, dass ihre anfängliche Sentimentalität gegenüber der Partei Die Linke Unsinn ist. Das ist nicht Fleisch von unserem Fleische.

SPIEGEL: Sondern? Ein Tumor?

Gabriel: Nein. Das ist eine ganz normale andere Partei. Oskar Lafontaine hat mir gesagt, ich solle doch endlich dafür sorgen, dass man sie behandelt wie alle anderen Parteien.

SPIEGEL: Was haben Sie geantwortet?

Gabriel: Dass wir genau das machen. Es gibt keine prinzipiellen Vorbehalte dagegen, mit einer Partei zusammenzuarbeiten, die sich politisch als links von der SPD einstuft. Aber wie bei jeder anderen Partei müssen wir prüfen, ob wir das inhaltlich verantworten können. Und wenn es inhaltlich nicht geht, dann werden wir nicht nur der Machtperspektive wegen die Augen zumachen und da reingehen.

SPIEGEL: Ohne Machtperspektive machen Sie sich lächerlich, so wie im letzten Bundestagswahlkampf.

Gabriel: Lächerlich machen sich die, die glauben, aus einer rechnerischen Mehrheit ohne inhaltliche Gemeinsamkeiten ließe sich eine handlungsfähige Regierung bilden. Ich habe von den Linken in den letzten Monaten häufig genug gehört, die SPD müsse sich irgendwie ändern.

SPIEGEL: Stimmt das denn nicht?

Gabriel: Es gibt schon Dinge, die wir ändern müssen, aber nicht, weil eine andere Partei sich das von uns wünscht, sondern weil wir es selbst für richtig halten. Und auch die Partei Die Linke muss sich ändern.



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
un-Diplomat 05.07.2010
1. nettes Scheingefecht
Zitat von sysopDer SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, 50, über Seriosität und Zynismus in der Politik, seine Abgrenzung von der Linken und sein kommunikatives Verhältnis zu Angela Merkel http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,704676,00.html
Er, der Gabriel, wünschte sich einen Schönheitswettbewerb gegen Merkel, weil er glaubt, da könnte er gewinnen. Das entscheidet immer noch der Guido.
autocrator 05.07.2010
2. verlust
Offenkundig hat Gabriel völlig den realitätssinn verloren und probleme mit der wirklichkeitswahrnehmung: + Mit der nicht-korrektur von Hartz4 will er eine alte mitte zurückerobern die genau jetzt da reinfällt, + die nicht-wahl Gaucks feiert er als "erfolg", + dass Die Linke nicht nur aus der "bösen" PDS sich entwickelte sondern auch aus der WASAG, einer SPD-abspaltung & damit sehr wohl "Fleisch vom Fleische" der SPD ist, verdrängt er völlig, + und dass er als angehöriger einer kaste, die wasser predigt aber wein säuft das seriositätsdefizit für eine erfindung der medien hält ... kann nur noch mit einer völlig verdrehten Wirklichkeitswahrnehmung erklärt werden. Damit hat er sich und seine partei als alternative zu Merkel und Co. aus dem rennen gekickt: so jemand ist unwählbar.
frank_lloyd_right 05.07.2010
3. Als lebenslanger Wahlverweigerer
(also als echte Autorität im neutralen Beobachtendieser eigentümlich unlogischen Art, sich seine Häuptlinge zu wählen - aber sie immerhin zu *wählen*)muß ich doch anmerken, daß der Gabriel es schaffen könnte,WENN er Kanzlerkandidat wäre. Die SPD-Frauen sind alle unwählbar (für die Mehrheit,meine ich jetzt - sowas geht bei der CDU, aber bei derSPD wäre es einfach "too much"), und Männer haben sie ja sonst keine mehr, das ist symptomatisch. Also, klar wird Gabriel kanzlerkandidat - jedenfalls,wenn der Amateurwahlverein SPD mal wieder gewinnen will. Gabriel hat die Coolness, die es braucht, er hat Humor,er is nicht blöd oder zu doktrinär, da wird er lieber sarkastisch - sehr positiv in Zeiten, die dem Sarkasmus viel Fläche bieten.Die einzige SPD-Figur, der man sowas wie "Charisma"bescheinigen könnte.
settembrini. 05.07.2010
4. innen und außen gegelt
Zitat von sysopDer SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, 50, über Seriosität und Zynismus in der Politik, seine Abgrenzung von der Linken und sein kommunikatives Verhältnis zu Angela Merkel http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,704676,00.html
Hauptsache schlagfertig; - nein - Parteiverweser, gar der Partei eines Kurt Schumacher, ist Sigmar Gabriel mit Sicherheit nicht. Gerade sein Zynismus, zuweilen von Unterhaltungswert und geistiger Mobilität zeugend, birgt Missverständliches und lässt die eigene spärlichen Botschaften, zusätzlich unter Wert erscheinen. Was ihm zugute gehalten werden kann, ist, dass auch die Wählerschaft nicht mehr jene zu sein scheint, die ein Kurt Schumacher um sich versammeln konnte. Jedenfalls Aufrichtigkeit ohne Schlichen und Winkelzüge, würde auch heute Konjunktur haben und ständ' der Parteiführung gut zu Gesicht, ist aber "genetisch" weder bei Gabriel noch bei Nahles nachweisbar.
Uebelkraehe 05.07.2010
5. der hat wohl ´nen Hohlspiegel?
Siggi Pop kann sich nicht sonderlich sicher sein, diesen Wettbewerb zu gewinnen. Er hat wohl im Rachegedanken gewahnt und die Bundespräsidentenwahl als Revanche für den Verlust des gemachten Nestes, das ihm Schröder hinterlassen hat und das er postwendend an Wulff vergeigte, angesehen und sich dabei verzockt in der Hoffnung, der Linken gleich mit eins auszuwischen. Wenn er schon was vorschlägt, hätte er doch im eigenen Beritt nachsehen können! Schorlemmer wäre zum Beispiel ein Kandidat gewesen, mit dem auch viele andere besser hätten leben können als mit Pfarrer Gnadenlos. Wahrscheinlich hätte er den bei Ihrer Feminenz Nahles nicht durchgegkriegt. Und es hätte die Gefahr bestanden, dass den die Linke komplett unterstützt hätte ohne eigene Lückenbüßerin!
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