AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2010

Medizin Herzstillstand bei 28 Grad

DPA

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2. Teil: "Hypothermie kann nicht nur schützen, sondern auch schaden"


Langzeitstudien berichten, dass bei den Operierten später nicht selten Konzentrationsschwächen, Wortfindungsprobleme, leichte motorische Auffälligkeiten oder andere Leistungsstörungen auftreten - wahrscheinlich sind dies unter anderem auch Folgen einer subtilen Minderversorgung des Gehirns während der OP. "Die Kinder können ein normales Leben führen, und durch Training lässt sich viel ausgleichen", sagt Berger, "aber bei der Frage Abitur oder nicht kann das das Zünglein an der Waage sein."

Ein zentrales Ziel der Ärzte ist es deshalb, den Schutz des Gehirns während der OP zu verbessern. Allein in Bergers Abteilung befassen sich zehn Mitarbeiter mit diesem Thema. Am Berliner Herzzentrum ist es inzwischen zum Beispiel selbstverständlich, dass während der Operation auch die Sauerstoffsättigung des Gehirngewebes mit Hilfe optischer Sensoren ständig überwacht wird.

Doch einfach immer tiefer zu kühlen ist riskant. "Hypothermie kann nicht nur schützen, sondern auch schaden", warnt Schmitt, "das zeigt die klinische Erfahrung ebenso wie unsere Forschungen an Zellen."

Unterhalb von 30 Grad kann es zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen kommen. Blutgefäße werden undicht, es droht ein Kapillarlecksyndrom, bei dem Flüssigkeit aus den Adern austritt, bis der Körper grotesk angeschwollen ist. Selbst bei geringer Abkühlung, so zeigten Untersuchungen von Schmitts Mitarbeiterin Antje Diestel, schrumpfen längliche Zellen bereits zu Kugeln. Dies kann winzige Wunden in die Blutgefäße reißen oder eine Entzündung anheizen. "Eine Kühlung ist ein großer Eingriff in den Körper", sagt Schmitt.

Wie tief also sollte gekühlt werden? Wie lange? Und wie schnell darf man den Patienten wieder erwärmen? All dies sind Fragen, die Schmitt und ihre Arbeitsgruppe klären wollen. Zudem haben sie herausgefunden, dass die Kombination zweier gängiger Medikamente möglicherweise helfen könnte, ein Kapillarlecksyndrom zu verhindern.

Etliches könnten die Herzchirurgen möglicherweise auch von den Notfallmedizinern lernen. In den Notarztwagen gehört vielerorts inzwischen ein Spezialkühlschrank zur Standardausrüstung, in dem sich Infusionen mit vier Grad Celsius kalter Salzlösung befinden. "Damit", erklärt Alex Lechleuthner, Leiter des Kölner Rettungsdienstes, "kühlen wir allein in Köln jedes Jahr etwa 400 Menschen, die wir nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand wiederbelebt haben." Knapp zwei Liter eiskalte Infusionsflüssigkeit senken die Körpertemperatur schon auf dem Weg ins Krankenhaus um rund ein Grad. Auf der Intensivstation kühlt dann ein Spezialkatheter, der über die Leistenvene eingeschoben wird und der wie der Kältetauscher eines Kühlschranks funktioniert, den bewusstlosen Patienten weiter herab: 24 Stunden lang auf 33 Grad. Danach wird er ganz langsam wieder erwärmt.

Es hat sich gezeigt, dass dies schon ausreicht, um die Überlebenschancen deutlich zu verbessern. "Jeder sechste Todesfall lässt sich so verhindern", sagt Bernd Böttiger, Direktor der Kölner Universitätsklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin. Böttiger sorgte dafür, dass die Hypothermie in die europäischen Leitlinien zur Herz-Kreislauf-Wiederbelebung aufgenommen wurde. Seit Januar übernehmen auch die deutschen Krankenkassen die Kosten dafür.

Immer wieder zeigt sich, dass selbst eine geringfügige Abkühlung den Ausschlag geben kann. Lange bevor sich das Verfahren etabliert hatte, rettete etwa der Bonner Notarzt Markus Födisch einen 37-Jährigen, der mit einem Herzinfakt in einem Supermarkt zusammengebrochen war, indem er nach der Reanimation Tüten mit Tiefkühl-Pommes-frites auf den Bewusstlosen häufte. "Nur so", ist Födisch überzeugt, "konnte der Mann seinen Herzstillstand ohne neurologische Schäden überstehen."

Auch auf Neugeborenenstationen zählt die Kühlung oftmals schon zur Routine: Die Körpertemperatur von Säuglingen, die während der Geburt unter Sauerstoffmangel litten, wird drei Tage lang auf 33,5 Grad gesenkt. Die Ärzte gehen davon aus, dass dies ihre Aussichten deutlich verbessert.

Selbst zur Verhinderung von Querschnittslähmungen bei Rückenmarksverletzungen wird die Hypothermie erprobt. Einzelne spektakuläre Heilungserfolge gibt es bereits. So verletzte sich der Footballspieler Kevin Everett von den Buffalo Bills das Rückenmark, als er versuchte, einen Gegenspieler zu Fall zu bringen. Sein Mannschaftsarzt war geistesgegenwärtig genug, Everett noch auf dem Spielfeld eine eisgekühlte Infusion zu legen - und tatsächlich erholte sich der Mann zur Überraschung der Ärzte weitgehend.

Auch Patienten mit Schlaganfall oder Herzinfarkt könnten in Zukunft gekühlt werden. "Man hat schon über tausend Substanzen erprobt, mit denen man das Gehirn nach einem Schlaganfall vor Sauerstoffmangel schützen wollte - aber alles ohne Erfolg", sagt der Neurologe Rainer Kollmar von der Universität Erlangen. "Das einzige aussichtsreiche Mittel ist - die Kühlung." Kollmar will das Verfahren jetzt in einer größeren Studie an Schlaganfallpatienten erproben.

Auch hier gibt es Hinweise, dass schon eine geringe Kühlung, ja allein das konsequente Senken des Fiebers, das bei Schlaganfällen häufig auftritt, erstaunliche Effekte haben kann.

Noch aber fehlt es an Förderung. Zwar ist das Kühlen eines Patienten einfach und billig - doch paradoxerweise ist gerade dies der Grund für Kollmars Geldnöte. Denn für die Pharmaindustrie, die sonst in der Regel die klinischen Studien finanziert, ist ein Verfahren, das kaum etwas kostet, nicht von Interesse. "Es ist eine verrückte Situation", sagt Kollmar. "Wir haben die Waffe in der Hand - aber irgendwie fehlt uns die Munition."

Auch sein Kölner Kollege Böttiger kennt das Problem. Erst als er begann, potentielle neue Medikamente zu erproben, mit denen sich Patienten innerhalb von Minuten um etliche Grad herunterkühlen lassen sollen, boten sich plötzlich Sponsoren an. Noch allerdings werden diese Substanzen - zum Beispiel Hormone, die bei Tieren den Winterschlaf steuern - lediglich im Tierversuch erprobt.

Im OP 5 fängt unterdessen Leonhardts Herz von selbst wieder an zu schlagen. Sein Herzfehler ist vollständig behoben, offiziell gilt er nun als herzgesund.

Draußen im Vorraum wartet sein Wärmebettchen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Moskva 10.07.2010
1. Russische Ärzte
Ich weiß von meinem Onkel der Prof. für Neurochirurgie in Russland war, dass vor allem während des Zerfalls der Sowjetunion verstärkt auf die Abkühlung der Patienten gegriffen wurde. Der Staat war pleite und die Krankenhäuser hatten einfach keine Mittel um Geräte und Arzneien zu erwerben. Wie der Spiegelartikel schreibt wird in Sibirien immer noch so operiert. Mein Onkel meinte, dass die Operationen überaschenderweise mehr als erfolgreich verliefen. Als es ganz schlimm wurde in der Ex-Sowjetunion hat man sogar bei fast jeder Operation gekühlt damit die Patienten einschlafen konnten, da es keine Narkosemittel gab. Das wäre doch eine schöne Möglichkeit Erfahrungen mit Ärzten auszutauschen die seit jahrzähnten auf diese Art operieren. Eine weitere und sehr nützliche Zusammenarbeit mit den russischen Medizinern könnte entstehen. Russland hat nicht nur Erdöl zu bitten.
burgundy 10.07.2010
2. Leider ist der Artikel ziemlich veraltet,
zumindest, was die Kinderherzchirurgie angeht: Das Hypothermieverfahren wird zunehmend durch die Normothermie ersetzt, die keine Nachteile gegenüber der Hypothermie aufzuweisen scheint. Man kommt nicht umhin, Hypothermie - Verfahren in der Kinderherzchirurgie als in weiten Bereichen nicht mehr aktuell zu bezeichnen.
jungzdar 10.07.2010
3. Traurig...
... das man hier wieder lesen muss wie interessante und wichtige Vorstöße von geldgierigen Unternehmen finanziert werden müssen. Aber andere Länder andere sitten. Im einen Land geht man zum Arzt damit man nicht krank wird, und im anderen geht man zum Arzt wenn man krank ist damit man Medikamente kauft. Die einen wollen helfen, die anderen Verkaufen. Ich habe größten Respect vor diesen Ärzten
Miguelito 10.07.2010
4. Gründe?
Zitat von burgundyzumindest, was die Kinderherzchirurgie angeht: Das Hypothermieverfahren wird zunehmend durch die Normothermie ersetzt, die keine Nachteile gegenüber der Hypothermie aufzuweisen scheint. Man kommt nicht umhin, Hypothermie - Verfahren in der Kinderherzchirurgie als in weiten Bereichen nicht mehr aktuell zu bezeichnen.
... und Ihr Beitrag leider ziemlich knapp gehalten. WESHALB kehrt man denn (angeblich?) wieder zur Normotherapie zurück?
gigamesh 10.07.2010
5.
---Zitat--- Denn für die Pharmaindustrie, die sonst in der Regel die klinischen Studien finanziert, ist ein Verfahren, das kaum etwas kostet, nicht von Interesse ---Zitatende--- Überrascht das etwa noch jemanden..?
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