AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2010

Medizin Herzstillstand bei 28 Grad

Kälte schützt das Hirn. Eine wachsende Zahl von Ärzten entscheidet sich deshalb dafür, Patienten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall abzukühlen - mit verblüffendem Erfolg. Besonders die Kinder-Herzchirurgen operieren gern bei Körpertemperaturen von unter 30 Grad.

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Weich ist Leonhardts Brustbein und kaum dicker als ein Streichholz. Aber Michael Hübler durchtrennt ja nicht zum ersten Mal einen Säuglingsknochen. Ganz behutsam führt er die zierliche Knochensäge.

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Heft 27/2010
Ein Plädoyer für ein einheitliches Schulsystem

Schließlich liegt das Herz frei. Kaum größer als eine Pflaume schlägt es im offenen Brustkorb. Mit zwei Kanülen schließt Hübler es an die Herz-Lungen-Maschine an. "28 Grad?", fragt der Kardiotechniker Wolfgang Böttcher, der die Maschine bedient. Hübler bestätigt mit einem knappen Ja.

Böttcher tippt die Zieltemperatur ein. Der Kältetauscher in der leise summenden Herz-Lungen-Maschine springt an. 35,5, 33,4, 31,7 - rasant sackt der Temperaturwert auf dem Anästhesiemonitor. 14 Minuten später erreicht er schließlich 28,0 - fast 10 Grad Celsius unter der Normtemperatur.

Drei Tage alt und sieben Pfund schwer ist der Patient im OP 5 des Deutschen Herzzentrums Berlin. Nicht einmal die Nabelschnur ist schon abgefallen.

Leonhardt wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Die Anschlüsse seiner großen Körper- und Lungenschlagadern sind vertauscht. Das Blut des Jungen fließt deshalb in zwei getrennten Kreisläufen. Hätten die Ärzte in den vergangenen drei Tagen die vorgeburtliche Verbindung der beiden Kreisläufe nicht künstlich offen gehalten, wäre der Junge wahrscheinlich schon tot. Jetzt aber ist es höchste Zeit für die Operation.

Die Kälte hat Leonhardts Herzschlag bereits auf 45 Schläge pro Minute verlangsamt. Jetzt befiehlt Hübler: "Kardioplegie vor!" Eine kaliumhaltige Flüssigkeit läuft in das winzige Herz. Sekunden später steht es still.

Jetzt arbeitet nur noch die Herz-Lungen-Maschine. Hübler kann sich daranmachen, Körper- und Lungenarterie vom Herzen abzutrennen und in der richtigen Position wieder anzunähen - eine langwierige, komplizierte Prozedur, deshalb die radikale Abkühlung.

"Von Lawinenopfern und Menschen, die ins Eis eingebrochen sind, wissen wir ja schon seit längerem, dass Kälte das Gehirn vor Sauerstoffmangel schützen kann", erklärt Hübler. "Genau diese Wirkung erhoffen wir uns auch von der Kühlung während der Operation."

Denn niedrige Temperaturen schützen umfassend wie kein anderes Verfahren vor Sauerstoffmangel. Wenn die Versorgung knapp wird, reagiert das Gehirn empfindlich - ganze Kaskaden schädlicher Reaktionen werden in Gang gesetzt: Aggressive freie Radikale und toxische Stoffwechselprodukte fluten das Gewebe, das Blut übersäuert, das Gehirn schwillt. Ein Medikament kann allenfalls einzelne dieser Reaktionen verhindern. Kühlung jedoch vermag fast alle Kaskaden gleichzeitig herabzuregeln. "Das ist einmalig", urteilt Katharina Schmitt, die am Berliner Herzzentrum ein eigenes Forschungslabor zum Thema Kühlung leitet.

Dabei ist die Idee der "therapeutischen Hypothermie", wie die Kühlung zu Behandlungszwecken genannt wird, keineswegs neu. Schon zu Napoleons Zeiten war bekannt, dass verwundete Soldaten im Schnee eher überlebten, als wenn man sie ans Feuer brachte. Und für die ersten großen Herzoperationen in den fünfziger Jahren packten die Ärzte Herzkranke einfach von oben bis unten in Eis, bis das Herz stillstand - und operierten dann ganz ohne Herz-Lungen-Maschine. Nach dem Eingriff wärmten sie ihre Patienten wieder auf, bis ihr Herz aufs Neue zu schlagen begann.

In sibirischen Kliniken operieren Ärzte sogar bis heute auf diese Weise - und berichten von verblüffend niedrigen Sterblichkeitsraten. In der westlichen Welt dagegen verlor die therapeutische Kühlung nach der Erfindung der Herz-LungenMaschine stark an Bedeutung. Erst jetzt erlebt sie plötzlich einen breiten Boom. In immer mehr Bereichen der Medizin hält sie Einzug: Bei Kindern, die während der Geburt unter Sauerstoffmangel litten, aber auch nach Schlaganfällen, Herzinfarkten und Kopfverletzungen wird die Kühlung erprobt. Besonders verbreitet ist sie in der Kinder-Herzchirurgie.

Lange ist es nicht her, dass es bei großen Operationen wie bei dem Säugling Leonhardt ums nackte Überleben ging. Inzwischen jedoch liegt die Sterblichkeit selbst bei komplizierten Eingriffen nur noch bei ungefähr einem Prozent. "Jetzt", sagt Felix Berger, Direktor der Klinik für angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Herzzentrum Berlin, "geht es darum, dass die Kinder die OP ohne Schaden überstehen."



insgesamt 8 Beiträge
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Moskva 10.07.2010
1. Russische Ärzte
Ich weiß von meinem Onkel der Prof. für Neurochirurgie in Russland war, dass vor allem während des Zerfalls der Sowjetunion verstärkt auf die Abkühlung der Patienten gegriffen wurde. Der Staat war pleite und die Krankenhäuser hatten einfach keine Mittel um Geräte und Arzneien zu erwerben. Wie der Spiegelartikel schreibt wird in Sibirien immer noch so operiert. Mein Onkel meinte, dass die Operationen überaschenderweise mehr als erfolgreich verliefen. Als es ganz schlimm wurde in der Ex-Sowjetunion hat man sogar bei fast jeder Operation gekühlt damit die Patienten einschlafen konnten, da es keine Narkosemittel gab. Das wäre doch eine schöne Möglichkeit Erfahrungen mit Ärzten auszutauschen die seit jahrzähnten auf diese Art operieren. Eine weitere und sehr nützliche Zusammenarbeit mit den russischen Medizinern könnte entstehen. Russland hat nicht nur Erdöl zu bitten.
burgundy 10.07.2010
2. Leider ist der Artikel ziemlich veraltet,
zumindest, was die Kinderherzchirurgie angeht: Das Hypothermieverfahren wird zunehmend durch die Normothermie ersetzt, die keine Nachteile gegenüber der Hypothermie aufzuweisen scheint. Man kommt nicht umhin, Hypothermie - Verfahren in der Kinderherzchirurgie als in weiten Bereichen nicht mehr aktuell zu bezeichnen.
jungzdar 10.07.2010
3. Traurig...
... das man hier wieder lesen muss wie interessante und wichtige Vorstöße von geldgierigen Unternehmen finanziert werden müssen. Aber andere Länder andere sitten. Im einen Land geht man zum Arzt damit man nicht krank wird, und im anderen geht man zum Arzt wenn man krank ist damit man Medikamente kauft. Die einen wollen helfen, die anderen Verkaufen. Ich habe größten Respect vor diesen Ärzten
Miguelito 10.07.2010
4. Gründe?
Zitat von burgundyzumindest, was die Kinderherzchirurgie angeht: Das Hypothermieverfahren wird zunehmend durch die Normothermie ersetzt, die keine Nachteile gegenüber der Hypothermie aufzuweisen scheint. Man kommt nicht umhin, Hypothermie - Verfahren in der Kinderherzchirurgie als in weiten Bereichen nicht mehr aktuell zu bezeichnen.
... und Ihr Beitrag leider ziemlich knapp gehalten. WESHALB kehrt man denn (angeblich?) wieder zur Normotherapie zurück?
gigamesh 10.07.2010
5.
---Zitat--- Denn für die Pharmaindustrie, die sonst in der Regel die klinischen Studien finanziert, ist ein Verfahren, das kaum etwas kostet, nicht von Interesse ---Zitatende--- Überrascht das etwa noch jemanden..?
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