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Medizin: Herzstillstand bei 28 Grad

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture-alliance/ dpa

Medizin Herzstillstand bei 28 Grad

Kälte schützt das Hirn. Eine wachsende Zahl von Ärzten entscheidet sich deshalb dafür, Patienten nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall abzukühlen - mit verblüffendem Erfolg. Besonders die Kinder-Herzchirurgen operieren gern bei Körpertemperaturen von unter 30 Grad.

Weich ist Leonhardts Brustbein und kaum dicker als ein Streichholz. Aber Michael Hübler durchtrennt ja nicht zum ersten Mal einen Säuglingsknochen. Ganz behutsam führt er die zierliche Knochensäge.

Schließlich liegt das Herz frei. Kaum größer als eine Pflaume schlägt es im offenen Brustkorb. Mit zwei Kanülen schließt Hübler es an die Herz-Lungen-Maschine an. "28 Grad?", fragt der Kardiotechniker Wolfgang Böttcher, der die Maschine bedient. Hübler bestätigt mit einem knappen Ja.

Böttcher tippt die Zieltemperatur ein. Der Kältetauscher in der leise summenden Herz-Lungen-Maschine springt an. 35,5, 33,4, 31,7 - rasant sackt der Temperaturwert auf dem Anästhesiemonitor. 14 Minuten später erreicht er schließlich 28,0 - fast 10 Grad Celsius unter der Normtemperatur.

Drei Tage alt und sieben Pfund schwer ist der Patient im OP 5 des Deutschen Herzzentrums Berlin. Nicht einmal die Nabelschnur ist schon abgefallen.

Leonhardt wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Die Anschlüsse seiner großen Körper- und Lungenschlagadern sind vertauscht. Das Blut des Jungen fließt deshalb in zwei getrennten Kreisläufen. Hätten die Ärzte in den vergangenen drei Tagen die vorgeburtliche Verbindung der beiden Kreisläufe nicht künstlich offen gehalten, wäre der Junge wahrscheinlich schon tot. Jetzt aber ist es höchste Zeit für die Operation.

Die Kälte hat Leonhardts Herzschlag bereits auf 45 Schläge pro Minute verlangsamt. Jetzt befiehlt Hübler: "Kardioplegie vor!" Eine kaliumhaltige Flüssigkeit läuft in das winzige Herz. Sekunden später steht es still.

Jetzt arbeitet nur noch die Herz-Lungen-Maschine. Hübler kann sich daranmachen, Körper- und Lungenarterie vom Herzen abzutrennen und in der richtigen Position wieder anzunähen - eine langwierige, komplizierte Prozedur, deshalb die radikale Abkühlung.

"Von Lawinenopfern und Menschen, die ins Eis eingebrochen sind, wissen wir ja schon seit längerem, dass Kälte das Gehirn vor Sauerstoffmangel schützen kann", erklärt Hübler. "Genau diese Wirkung erhoffen wir uns auch von der Kühlung während der Operation."

Denn niedrige Temperaturen schützen umfassend wie kein anderes Verfahren vor Sauerstoffmangel. Wenn die Versorgung knapp wird, reagiert das Gehirn empfindlich - ganze Kaskaden schädlicher Reaktionen werden in Gang gesetzt: Aggressive freie Radikale und toxische Stoffwechselprodukte fluten das Gewebe, das Blut übersäuert, das Gehirn schwillt. Ein Medikament kann allenfalls einzelne dieser Reaktionen verhindern. Kühlung jedoch vermag fast alle Kaskaden gleichzeitig herabzuregeln. "Das ist einmalig", urteilt Katharina Schmitt, die am Berliner Herzzentrum ein eigenes Forschungslabor zum Thema Kühlung leitet.

Dabei ist die Idee der "therapeutischen Hypothermie", wie die Kühlung zu Behandlungszwecken genannt wird, keineswegs neu. Schon zu Napoleons Zeiten war bekannt, dass verwundete Soldaten im Schnee eher überlebten, als wenn man sie ans Feuer brachte. Und für die ersten großen Herzoperationen in den fünfziger Jahren packten die Ärzte Herzkranke einfach von oben bis unten in Eis, bis das Herz stillstand - und operierten dann ganz ohne Herz-Lungen-Maschine. Nach dem Eingriff wärmten sie ihre Patienten wieder auf, bis ihr Herz aufs Neue zu schlagen begann.

In sibirischen Kliniken operieren Ärzte sogar bis heute auf diese Weise - und berichten von verblüffend niedrigen Sterblichkeitsraten. In der westlichen Welt dagegen verlor die therapeutische Kühlung nach der Erfindung der Herz-LungenMaschine stark an Bedeutung. Erst jetzt erlebt sie plötzlich einen breiten Boom. In immer mehr Bereichen der Medizin hält sie Einzug: Bei Kindern, die während der Geburt unter Sauerstoffmangel litten, aber auch nach Schlaganfällen, Herzinfarkten und Kopfverletzungen wird die Kühlung erprobt. Besonders verbreitet ist sie in der Kinder-Herzchirurgie.

Lange ist es nicht her, dass es bei großen Operationen wie bei dem Säugling Leonhardt ums nackte Überleben ging. Inzwischen jedoch liegt die Sterblichkeit selbst bei komplizierten Eingriffen nur noch bei ungefähr einem Prozent. "Jetzt", sagt Felix Berger, Direktor der Klinik für angeborene Herzfehler und Kinderkardiologie am Herzzentrum Berlin, "geht es darum, dass die Kinder die OP ohne Schaden überstehen."

"Hypothermie kann nicht nur schützen, sondern auch schaden"

Langzeitstudien berichten, dass bei den Operierten später nicht selten Konzentrationsschwächen, Wortfindungsprobleme, leichte motorische Auffälligkeiten oder andere Leistungsstörungen auftreten - wahrscheinlich sind dies unter anderem auch Folgen einer subtilen Minderversorgung des Gehirns während der OP. "Die Kinder können ein normales Leben führen, und durch Training lässt sich viel ausgleichen", sagt Berger, "aber bei der Frage Abitur oder nicht kann das das Zünglein an der Waage sein."

Ein zentrales Ziel der Ärzte ist es deshalb, den Schutz des Gehirns während der OP zu verbessern. Allein in Bergers Abteilung befassen sich zehn Mitarbeiter mit diesem Thema. Am Berliner Herzzentrum ist es inzwischen zum Beispiel selbstverständlich, dass während der Operation auch die Sauerstoffsättigung des Gehirngewebes mit Hilfe optischer Sensoren ständig überwacht wird.

Doch einfach immer tiefer zu kühlen ist riskant. "Hypothermie kann nicht nur schützen, sondern auch schaden", warnt Schmitt, "das zeigt die klinische Erfahrung ebenso wie unsere Forschungen an Zellen."

Unterhalb von 30 Grad kann es zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen kommen. Blutgefäße werden undicht, es droht ein Kapillarlecksyndrom, bei dem Flüssigkeit aus den Adern austritt, bis der Körper grotesk angeschwollen ist. Selbst bei geringer Abkühlung, so zeigten Untersuchungen von Schmitts Mitarbeiterin Antje Diestel, schrumpfen längliche Zellen bereits zu Kugeln. Dies kann winzige Wunden in die Blutgefäße reißen oder eine Entzündung anheizen. "Eine Kühlung ist ein großer Eingriff in den Körper", sagt Schmitt.

Wie tief also sollte gekühlt werden? Wie lange? Und wie schnell darf man den Patienten wieder erwärmen? All dies sind Fragen, die Schmitt und ihre Arbeitsgruppe klären wollen. Zudem haben sie herausgefunden, dass die Kombination zweier gängiger Medikamente möglicherweise helfen könnte, ein Kapillarlecksyndrom zu verhindern.

Etliches könnten die Herzchirurgen möglicherweise auch von den Notfallmedizinern lernen. In den Notarztwagen gehört vielerorts inzwischen ein Spezialkühlschrank zur Standardausrüstung, in dem sich Infusionen mit vier Grad Celsius kalter Salzlösung befinden. "Damit", erklärt Alex Lechleuthner, Leiter des Kölner Rettungsdienstes, "kühlen wir allein in Köln jedes Jahr etwa 400 Menschen, die wir nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand wiederbelebt haben." Knapp zwei Liter eiskalte Infusionsflüssigkeit senken die Körpertemperatur schon auf dem Weg ins Krankenhaus um rund ein Grad. Auf der Intensivstation kühlt dann ein Spezialkatheter, der über die Leistenvene eingeschoben wird und der wie der Kältetauscher eines Kühlschranks funktioniert, den bewusstlosen Patienten weiter herab: 24 Stunden lang auf 33 Grad. Danach wird er ganz langsam wieder erwärmt.

Es hat sich gezeigt, dass dies schon ausreicht, um die Überlebenschancen deutlich zu verbessern. "Jeder sechste Todesfall lässt sich so verhindern", sagt Bernd Böttiger, Direktor der Kölner Universitätsklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin. Böttiger sorgte dafür, dass die Hypothermie in die europäischen Leitlinien zur Herz-Kreislauf-Wiederbelebung aufgenommen wurde. Seit Januar übernehmen auch die deutschen Krankenkassen die Kosten dafür.

Immer wieder zeigt sich, dass selbst eine geringfügige Abkühlung den Ausschlag geben kann. Lange bevor sich das Verfahren etabliert hatte, rettete etwa der Bonner Notarzt Markus Födisch einen 37-Jährigen, der mit einem Herzinfakt in einem Supermarkt zusammengebrochen war, indem er nach der Reanimation Tüten mit Tiefkühl-Pommes-frites auf den Bewusstlosen häufte. "Nur so", ist Födisch überzeugt, "konnte der Mann seinen Herzstillstand ohne neurologische Schäden überstehen."

Auch auf Neugeborenenstationen zählt die Kühlung oftmals schon zur Routine: Die Körpertemperatur von Säuglingen, die während der Geburt unter Sauerstoffmangel litten, wird drei Tage lang auf 33,5 Grad gesenkt. Die Ärzte gehen davon aus, dass dies ihre Aussichten deutlich verbessert.

Selbst zur Verhinderung von Querschnittslähmungen bei Rückenmarksverletzungen wird die Hypothermie erprobt. Einzelne spektakuläre Heilungserfolge gibt es bereits. So verletzte sich der Footballspieler Kevin Everett von den Buffalo Bills das Rückenmark, als er versuchte, einen Gegenspieler zu Fall zu bringen. Sein Mannschaftsarzt war geistesgegenwärtig genug, Everett noch auf dem Spielfeld eine eisgekühlte Infusion zu legen - und tatsächlich erholte sich der Mann zur Überraschung der Ärzte weitgehend.

Auch Patienten mit Schlaganfall oder Herzinfarkt könnten in Zukunft gekühlt werden. "Man hat schon über tausend Substanzen erprobt, mit denen man das Gehirn nach einem Schlaganfall vor Sauerstoffmangel schützen wollte - aber alles ohne Erfolg", sagt der Neurologe Rainer Kollmar von der Universität Erlangen. "Das einzige aussichtsreiche Mittel ist - die Kühlung." Kollmar will das Verfahren jetzt in einer größeren Studie an Schlaganfallpatienten erproben.

Auch hier gibt es Hinweise, dass schon eine geringe Kühlung, ja allein das konsequente Senken des Fiebers, das bei Schlaganfällen häufig auftritt, erstaunliche Effekte haben kann.

Noch aber fehlt es an Förderung. Zwar ist das Kühlen eines Patienten einfach und billig - doch paradoxerweise ist gerade dies der Grund für Kollmars Geldnöte. Denn für die Pharmaindustrie, die sonst in der Regel die klinischen Studien finanziert, ist ein Verfahren, das kaum etwas kostet, nicht von Interesse. "Es ist eine verrückte Situation", sagt Kollmar. "Wir haben die Waffe in der Hand - aber irgendwie fehlt uns die Munition."

Auch sein Kölner Kollege Böttiger kennt das Problem. Erst als er begann, potentielle neue Medikamente zu erproben, mit denen sich Patienten innerhalb von Minuten um etliche Grad herunterkühlen lassen sollen, boten sich plötzlich Sponsoren an. Noch allerdings werden diese Substanzen - zum Beispiel Hormone, die bei Tieren den Winterschlaf steuern - lediglich im Tierversuch erprobt.

Im OP 5 fängt unterdessen Leonhardts Herz von selbst wieder an zu schlagen. Sein Herzfehler ist vollständig behoben, offiziell gilt er nun als herzgesund.

Draußen im Vorraum wartet sein Wärmebettchen.

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