AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2010

Computer Watson und die Pet Shop Boys

Der US-Konzern IBM bereitet einen Supercomputer auf einen denkwürdigen Wettkampf vor: Der Rechner soll in einem TV-Quiz gegen menschliche Kandidaten antreten - Experten hielten so etwas bisher für aussichtslos.

IBM

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Nächste Frage für die drei Kandidaten, es geht um 1600 Dollar. "Im Jahr 1521 verteidigte sich Luther gegen den Vorwurf der Ketzerei", beginnt der Moderator und blickt bedeutsam in die Runde, "und zwar auf einem Reichstag in dieser deutschen Stadt."

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Heft 28/2010
Die große Illusion

Schweigen, die Uhr läuft. Wo könnte das wohl gewesen sein? "Worms", sagt Watson, der Supercomputer.

Mit 25.600 Dollar liegt der elektronische Kandidat jetzt in Führung. Abgeschlagen folgen die Vertreter des Menschengeschlechts, beide Studenten: Eric hat es bislang auf 15.800 Dollar gebracht, Surya nur auf 2600.

Noch steht kein echtes Geld auf dem Spiel. Der Wettkampf findet statt in einem Forschungszentrum des Computerkonzerns IBM nördlich von New York. Aber sonst läuft es hier wie bei "Jeopardy", einer Quiz-Show, die in den USA jeder kennt: ein Moderator, drei Pulte für die Kandidaten, links Eric, in der Mitte Surya. Nur am rechten Pult steht niemand. Aus einem Lautsprecher erklingt hier, mit dem samtigen Ton des Erbschleichers, die Kunststimme von Watson.

Dass ein Computer fast wie ein Mensch Fragen versteht und präzise Antworten gibt, ist neu. Google könnte das nicht; die Suchmaschine wirft nur eine Liste von Dokumenten aus, in denen viele Wörter aus der Frage auftauchen - und irgendwo sicher auch die alte Reichstagsstadt.

Aber wie kam Watson so schnell auf Worms? Im Raum nebenan ist zu sehen, welcher Aufwand dafür nötig ist. Da stehen mächtige Rechenschränke, bestückt mit Tausenden Prozessoren. Nur so ist es möglich, dass Watson, kaum ist die Frage gestellt, in unzähligen Richtungen zugleich nach Lösungen sucht. Binnen Sekunden muss er sie alle bewerten, um dann die beste auszuwählen.

IBM macht das nicht aus Sportsgeist. Das Ziel ist der Computer der nächsten Generation, der auf umgangssprachliche Anweisungen hört. Er erfasst, was die Menschen von ihm wollen, egal wie sie das ausdrücken: "Computer! Gib mir alle Gottheiten der Religionsgeschichte, die ihre Nachkommen verspeist haben." Die Auskunftsmaschine der Zukunft klaubt die gewünschten Informationen flugs aus Millionen Dokumenten zusammen.

Im Herbst darf Watson zeigen, wie weit er schon ist. Geplant ist ein denkwürdiger Schaukampf im Fernsehen: der Computer gegen bekannte Spitzenspieler von "Jeopardy". Möglicherweise tritt sogar Ken Jennings an, der beste Kandidat aller Zeiten. Der Mann aus der Nähe von Seattle hat schon mal 74 Spiele hintereinander gewonnen. Für das Spektakel ist eine Sondersendung vorgesehen. Die Namen der Teilnehmer und das genaue Datum sind aber noch geheim.

Zur Vorbereitung hat IBM eigens dieses Studio in den stillen Wäldern von Yorktown Heights nachgebaut. Seit drei Jahren wird der millionenteure Kandidat, der nach zwei legendären IBM-Chefs benannt ist, hier trainiert. Eine Forschergruppe um den Computerspezialisten David Ferrucci arbeitet stetig an Treffsicherheit und Tempo. Und immer wieder lädt IBM menschliche Gegner zum Sparring ein. An die 70 Testspiele hat Watson schon bestritten.

Mensch gegen Maschine - es ist wieder so weit: Vor 13 Jahren gab es ein ähnliches Duell. Da schlug einer von Watsons Vorfahren, genannt Deep Blue, den Schachweltmeister Garri Kasparow. Es war der erste Wettkampfsieg einer Maschine gegen den besten Vertreter des königlichen Denksports. Die halbe Welt war aus dem Häuschen.

Dabei hatte Deep Blue damals vergleichsweise leichtes Spiel. Computer sind auf ihrem Terrain, wenn es gilt, Millionen Stellungen im Voraus zu berechnen; Schach ist wie geschaffen für sie. Inzwischen haben sich die Leute an die Überlegenheit der Maschinen im Zahlenfressen gewöhnt; sie finden es ja auch nicht dramatisch, dass die Menschheit von den Taschenrechnern im Wurzelziehen deklassiert wird.

Jetzt aber fordert der Computer seine Schöpfer auf ihrem ureigenen Feld heraus: In einem Quiz geht es um Sprachverstand und Weltwissen - und speziell bei "Jeopardy" kommen noch eine Menge Intuition und Hintersinn hinzu.

Das TV-Quiz ist bekannt für launige Fragen voller Anspielungen und verdrehter Logik. Ein typisches Rätsel: "Der Name dieses Hutes ist elementar, mein lieber Kandidat!" Krimifreunde hören da sogleich den Meisterdetektiv Sherlock Holmes heraus ("Elementar, mein lieber Watson!"); vielleicht fällt ihnen auch ein, wie sein karierter Hut genannt wird. Aber wie soll ein Rechner herausfinden, worauf die Frage zielt?

Obendrein ist die Vielfalt der Wissensgebiete, aus denen "Jeopardy" schöpft, schier unbegrenzt. Mal geht es um historische Werbesprüche für Feuerzeuge, mal um die Herkunft des Namens "Nickelback" für eine Rockband. Auch die Frage, in welcher Hauptstadt sich die Leute mit "Magandang umaga" einen guten Morgen wünschen, ist schon vorgekommen.

Die Forscher haben ihn gefüttert mit Fachlexika und der gesamten Wikipedia

Es ist ausgeschlossen, einen Computer auf all die Eventualitäten mit speziellen Datenbanken vorzubereiten. Watson muss sich schon selbst helfen, muss die Fragen ausdeuten und in seinem digitalen Gedächtnis nach möglichen Antworten fahnden. Die Forscher haben ihn dafür gefüttert mit Fachlexika, elektronischen Wörterbüchern und der gesamten Wikipedia. Auch Sammlungen von Zitaten und Sprichwörtern füllten sie ihm in den Speicher, dazu die halbe englischsprachige Weltliteratur, die Theaterstücke Shakespeares, etliche Jahrgänge der "New York Times" und, für alle Fälle, ein paar Übersetzungen der Bibel.

"Zusammen sind das wohl an die hundert Gigabyte Text", sagt David Ferrucci. "Aber das garantiert uns gar nichts." Jederzeit kann eine Quizfrage daherkommen wie diese hier: "Chile teilt seine längste Grenze mit diesem Land." Watson lag immerhin mit Bolivien nur knapp daneben; auf Argentinien kam er nicht. "Ein Laie meint vielleicht, da schlägt man eben in einer Datenbank nach", sagt Ferrucci. "Aber wir haben diese Datenbank nicht. Wer hätte denn mit einer solchen Frage rechnen können?"

Eine Verbindung zum Internet gibt es ebenfalls nicht. Der Computer ist, wie seine menschlichen Gegner, auf sich gestellt.

Am Anfang tat Watson sich denn auch schwer. Obwohl er die Rechenleistung des Vorgängers Deep Blue um etwa das Zehnfache übertrifft, verstand er oft schon die Frage kaum. Doch im Lauf der Zeit wurde der Computer immer besser. Heute besteht er auch heikle Prüfungen: "In dieser Sprache, gesprochen von 120 Millionen weltweit, enden alle Wochentage außer einem mit den gleichen drei Buchstaben." Watson musste nicht lange überlegen: "Deutsch."



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loncaros 15.07.2010
1. t
Mit dem Computer arbeiten können wie bei Star Trek, das wär doch mal was. Wobei wir alle wissen, was sich die Enterprise-crew wirklich nach Dienst- und Kameraschluss wohl reingezogen hätte "Computer, zeig mir alle FFF Dreier mit Betazoidinnen und Vulkanierinnen an"
Websingularität 15.07.2010
2. mal sehen wie's ausgeht
Zitat von sysopDer US-Konzern IBM bereitet einen Supercomputer auf einen denkwürdigen Wettkampf vor: Der Rechner soll in einem TV-Quiz gegen menschliche Kandidaten antreten - Experten hielten so etwas bisher für aussichtslos. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,705786,00.html
Ein Computer kann zwar Daten nach Relevanz filtern, aber keine (oder selten) Assoziationen herstellen wie z.B.: Ball --> rund. Daher kann er auch nicht logisch denken und sich keine Antworten erschließen. Er kann nur aussortieren. Anders wenn ein Computer in einer virtuellen Welt, welche der Wirklichkeit nachempfunden ist, die geschichtlichen und medialen Ereignisse live miterlebt. Er hätte einen gewissen Bezug zu den Dingen und vielleicht sogar Bewusstsein wie ein Mensch. Aber so sind es einfach nur Algorithmen mit Wahrscheinlichkeitsrechnung.
atomkraftwerk, 15.07.2010
3. alte geschichte
Das ist wieder die alte Frage ob Computer oder Mensch besser abschneidet, aber es kommt auch hier darauf an um welche Aufgaben es sich handelt. Natürlich wird der PC bei reinen Wissensfragen oder Rechenaufgaben besser abschneiden, schließlich kann man seinen Speicher mit allen verfügbaren Daten füttern, dafür sind PCs gemacht. Fragt man nach einem Essay über die Gedanken beim letzten Sonnenuntergang wird er total versagen. Ich sehe nicht was an diesem Test denkwürdig ist. Anhand der gestellten Fragen kann man schon vorhersagen wer gewinnt.
vexierspiegel 15.07.2010
4. Da weiß aber einer Bescheid!!!
Zitat von WebsingularitätEin Computer kann zwar Daten nach Relevanz filtern, aber keine (oder selten) Assoziationen herstellen wie z.B.: Ball --> rund. Daher kann er auch nicht logisch denken und sich keine Antworten erschließen. Er kann nur aussortieren. Anders wenn ein Computer in einer virtuellen Welt, welche der Wirklichkeit nachempfunden ist, die geschichtlichen und medialen Ereignisse live miterlebt. Er hätte einen gewissen Bezug zu den Dingen und vielleicht sogar Bewusstsein wie ein Mensch. Aber so sind es einfach nur Algorithmen mit Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Toll! Während Wissenschaftler in aller Welt die Grenzen der "Künstlichen Intelligenz" ausloten wollen, weiß der Autor schon die Antworten. IBM hätte ihn fragen sollen und so Mio $ gespart!
blob123y 15.07.2010
5. Diese Sachen werden hier voellig falsch dargestellt. Denn der sogenannte
Supercomputer ist nichts anderes als eine Ansammlung von Metall und Plastik, das ist finite. Was den Computer zum Leben erweckt ist die SOFTWARE !! und die wird auch wieder von Menschen geschrieben, ergo Menschen kaempfen gegen Menschen, das ist alles, die sogenannte kuenstliche Intelligenz ist da wiederum nur eine Randerscheinung da diese ausschliesslich auf Parameter basiert die wiederum Menschen eingegeben und programmiert haben usw.
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