AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2010

Essay Neue deutsche Männer

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3. Teil: Löw wirkte, als hätte er einem Wunder beigewohnt


Natürlich war das alte Fußball-Deutschland auch da. Thomas Berthold saß gescheitelt wie ein Unteroffizier im Fernsehstudio des südafrikanischen Fernsehens und warnte vor der Unerfahrenheit der deutschen Abwehr. Im DFB-Mannschaftsquartier erzählte mir Generalsekretär Wolfgang Niersbach, dass er schon misstrauisch wurde, als er von den Betreuern hörte, wie pflegeleicht die neue deutsche Mannschaft sei. Pflegeleicht sei ja schön und gut, aber man brauche auch Ellenbogen. Und nach dem Englandspiel erklärte mir Lothar Matthäus ungefragt, wie er als Trainer der englischen Nationalmannschaft die Deutschen bezwungen hätte.

Sie waren da, aber man hörte sie nicht so richtig in all dem Jubel.

Nach dem Argentinienspiel suchte selbst Joachim Löw nach Worten für das, was er eben gesehen hatte. Er wirkte, als hätte er einem Wunder beigewohnt. Er redete kaum noch von harter Arbeit, Training und Automatismen, sondern von Weltklasse, Wahnsinn, Championswürdigkeit und Schweinsteiger, der überragend gespielt habe. In der Kabine gratulierte die Bundeskanzlerin, die auf der Tribüne getanzt und geklatscht hatte. Auch sie war wieder leicht wie wir alle. Der lebenslustige südafrikanische Präsident Zuma sah sie an, als fürchtete er, dass sie ihm jeden Moment auf den Schoß springen würde. Antschela, sagte Löw und lächelte verträumt, ja sie freuten sich alle, wenn die Antschela komme. Es lag nichts Anbiederndes und schon gar nichts Politisches in dieser Aussage, es war eher so, als komme Queen Mum zum Spiel. Ein Maskottchen.

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Best of deutsche WM: Von Australien bis Uruguay

Auch Michael Ballack war Gast des Argentinienspiels, aber die Aussagen zu ihm klangen gepresster. Natürlich freue man sich, dass der Michael hier sei und sie anfeuere, klar, viel Zeit habe man allerdings nicht für ihn, weil man sich ja noch in einem Turnier befinde, sagte Bastian Schweinsteiger. Michael Ballack saß neben Bierhoff auf der Tribüne wie ein Ehrengast des DFB-Präsidiums. Natürlich jubelte er bei den Toren, aber einmal, zwischen dem 3:0 und dem 4:0, zeigte eine Stadionkamera sein Gesicht, und er sah sehr ernst aus. Er reiste am übernächsten Tag ab. Es gab irgendeine medizinische Erklärung, aber jeder verstand, wie schwer es für ihn sein musste, diese ganze Freude zu sehen, ohne wirklich dabei zu sein. Selbst Kevin-Prince Boateng, der eine Zeitlang als Staatsfeind galt, weil er Ballack kaputtgetreten hatte, war nun ein WM-Held. Alles, was auf Michael Ballack im Moment wartete, war Leverkusen.

Die deutsche Maschine war keine Dampfmaschine mehr

Inzwischen war keiner der Unterhosenstars der "Vanity Fair" mehr im Turnier. Es waren die vier Mannschaften übrig geblieben, die neben Ghana am deutlichsten sichtbar als Mannschaft aufgetreten waren. Die Uruguayer spielten nicht, als würden sie aus Südamerika kommen, die Spanier spielten wie Barcelona, Holland spielte wie Deutschland und Deutschland wie Holland. Die südafrikanischen Zeitungen schrieben von der "deutschen Maschine", die England bezwang und danach Argentinien. Aber es klang nicht abschätzig. Die deutsche Maschine war keine Dampfmaschine mehr, kein Bulldozer, eher eine Nähmaschine oder einer dieser Automaten, die in hohem Tempo gleichmäßig Tennisbälle ausspucken.

Auf dem Höhepunkt der selbstbewussten Leichtigkeit sagte Schweinsteiger, der im Argentinienspiel "Man of the Match" geworden war, dass sie sich im nächsten Spiel Spanien wünschten. Sie wollten keine Ausreden mehr, kein Durchgewurschtel, sie wollten die Favoriten schlagen. Torwart Manuel Neuer antwortete auf die Frage, ob er zu Manchester United wechseln wolle: "Nö. Ich hab doch Vertrag auf Schalke." Es gab jetzt keinen vernünftigen Grund mehr, die Bundesliga zu verlassen. Deutschland hatte Zukunft. Kurz danach erklärte uns Philipp Lahm, dass er die Kapitänsbinde nach der Weltmeisterschaft nicht mehr hergeben wolle. Das Amt mache ihm Spaß, sagte Lahm. Er trage gern Verantwortung. Es klang in diesem Moment selbstverständlich, nicht anmaßend. Aber ein einziges Spiel kann so etwas verändern.

Die Deutschen haben sich lange gewehrt, aber am Ende ratterte die spanische Nähmaschine einfach perfekter. Es war beruhigend zu sehen, wie sich in Joachim Löws Gesicht die Enttäuschung über die deutsche Niederlage mit der Bewunderung über das spanische Spiel mischte. Es ist ja das, was er will. Er ist von seinem eigenen Ideal bezwungen worden. In der Mixed Zone versuchte seine Mannschaft weiterhin eine Mannschaft zu sein. Die Veteranen Schweinsteiger, Podolski, Klose und Lahm bauten sich vor den Journalisten auf, in ihrem Rücken schlichen die niedergeschlagenen Jungstars wortlos zum Bus. Die neuen deutschen Männer Neuer, Özil, Khedira, Kroos und Boateng sahen aus wie Schuljungs. Nur Thomas Müller, der für das Spanienspiel gesperrt worden war, blieb für einen Moment stehen.

Wie fühlen Sie sich, fragte jemand.

"Scheiße", sagte Müller.

Es schien, als hätte sich Lahm auf Stalins Stuhl im Politbüro gesetzt

Kurz nach Mitternacht stand ich mit ein paar Kollegen in einem Gästehaus in Durban, wo wir übernachteten. Man sah das Stadion in der Ferne und dahinter den Indischen Ozean. Die Kollegen überlegten, was die Geschichte des nächsten Tages sein würde. Wir redeten über Khedira, der den Spaniern nicht gewachsen war, über Friedrich, der zu viele Bälle im Spielaufbau verloren hatte, über Lahm, dessen Pässe nie angekommen waren und über Özil, der sich im entscheidenden Moment nicht getraut hatte zu schießen. Und es dauerte nur einen Moment, da stand Michael Ballack wieder im Raum. Jemand sagte, man brauche auch einen Spieler, der einfach mal jemanden umtritt. Man konnte nur ahnen, was Thomas Berthold in diesem Moment dachte, was Lothar Matthäus, was Generalsekretär Niersbach und was Michael Becker.

Auf der deutschen Pressekonferenz am nächsten Tag war jedenfalls wieder viel von harter Arbeit die Rede und weniger von deutscher Leichtigkeit. Die Journalisten interessierten sich vor allem für ihre Rückflugoptionen und die Frage, ob Philipp Lahm mit seiner Kapitänsaussage nicht doch zu weit vorgeprescht sei.

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WM-Zeugnisse: Schweinsteiger hui, Schiris pfui
Der Name, der am häufigsten fiel, war der von Michael Ballack. Ein Kollege stellte öffentlich fest, dass es gut war, dass Lahm Stärke bewiesen hatte, aber schlecht, dass er es vor dem Spanienspiel getan hatte. Es schien, als hätte sich Lahm auf Stalins Stuhl im Politbüro gesetzt, der nach dessen Tod eigentlich frei bleiben sollte. Lahm saß tapfer auf der Pressetribüne, eher ein Klassensprecher als ein deutscher Kapitän.

Alles Romantische war für einen Moment verflogen. Das Schöne, Leichte, Tänzerische gehörte den Spaniern. Es ist nicht einfach, ein neuer deutscher Mann zu sein, aber man kann sagen, dass es in der Welt gut ankommt.

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Seite 1
MadMad 10.07.2010
1. ...
Zitat von sysopPlatz 3 bei der WM in Südafrika - wie sehen Sie die Leistung des Teams und von Bundestrainer Joachim Löw?
Einen sehr guten Eindruck hinterlassen und Werbung für Deutschland gemacht. Gratulation an Jogi und seine Jungs ! Das machte Appetit auf mehr ! Mad von www.diemeinungen.de
++arthur 10.07.2010
2. Deutschland bei der WM - Ihre Bilanz?
Danke Jungs. Aber: ärgerlich das Spiel gegen Spanien.. da ist man aus Angst wieder in das alte Deutsche Spiel abgerutscht.. das immer so sehr kritisiert wurde.. als zu defensiv.. mutlos.. blutleer mit zu wenig druck.. da sagt der Bundestrainer noch vorher: "Die Spanier machen von alleine keine Fehler." und dann stellt man sich (für mich gefühlt) mit 12 Mann hinten rein.. vorne sollt dann wohl der liebe Gott helfen. meine Bilanz: *War gut, aber für die Zukunft zählt nur noch ein _Titel_.*
derlabbecker 10.07.2010
3. war gut!!!
sehr positiv in meinen Augen. Und die Entdeckung ist ja wohl der Thomas Müller. Selbst im Spiel um Platz 3 rannte der noch in der 90. Minute wie ein Berserker über den Platz. Respekt.
juxeii 10.07.2010
4. ...
Zitat von sysopPlatz 3 bei der WM in Südafrika - wie sehen Sie die Leistung des Teams und von Bundestrainer Joachim Löw?
ich bin immer noch untröstlich für den angsthasen-fußball gegen spanien. ich will den alten rumpelfußball zurück, mit dem hat man wenigstens ein paar titel geholt, sorry :( schön mit dem ball spielen, das kann man auch im zirkus von ein paar bären bewundern.
markus003 10.07.2010
5. Natürlich super ...
... aber was ich dennoch enttäuschend finde und im Nachhinein kann man sehen wie vergesslich der DFB und die Spieler sind, hätte ich es für angemessen gehalten, wenn sie nach dem Spiel Robert Enke in Erinnerung behalten hätten. Schließlich war er vor einigen Monaten die Nummer EINS der deutschen Nationalmansschaft und sollte es auch in dieser WM sein. Und nach der (jetzt muss ich es leider so sehen) scheinheiligen Diskussion nach seinem Tode, waren sie nicht mal in der Lage dazu ... ist leider auch eine Charakterfrage, die hat Lahm in dieser Frage zumindest nicht bewiesen. Aber wir müssen ja alle schön optimistisch nach vorne schauen, nee? Da hätte für mich die Mannschaft wirklich an Sympathie punkten können.
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