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Kerosin-Alternative: Mit Biosprit in die Luft

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Luftfahrt Grüner fliegen

Biosprit aus Algen soll das Kerosin ersetzen. Überraschender Vorteil: Mit gleichem Tankinhalt kommen Flugzeuge sogar weiter als bisher.

Manchmal muss Otto Pulz eben improvisieren. Kürzlich etwa plante der brandenburgische Biotechnologe den Testflug eines Sportfliegers und brauchte Treibstoff dafür. Deshalb telefonierte er um die halbe Welt. Selbst in Argentinien bestellte er ein paar hundert Liter der wundersamen Flüssigkeit.

"Wir haben alles zusammengekratzt, was wir kriegen konnten", sagt der Forscher und hält ein winziges Fläschchen mit gelbgrünem Öl in der Hand. "Das erste Auto fuhr auch mit Sprit aus der Apotheke."

Der Stoff, der das Fliegen grüner machen soll, stammt aus Algen. Chemisch verfeinert und raffiniert, soll er das Kerosin in der zivilen Luftfahrt Schritt für Schritt ersetzen.

Nachdem er genug beisammenhatte, gelang Pulz mit seinem Team im vergangenen Monat ein wichtiger Durchbruch: Auf der Internationalen Luftfahrtmesse ILA in Berlin hob erstmals ein Kleinflugzeug vom Typ Diamond DA42 ab, dessen Motoren reinen Algensprit verbrannten.

Airlines müssen ihre Treibhausgasemissionen rasch verringern

Biotreibstoff

"Dieser Stoff wird die Spielregeln unserer Branche verändern", frohlockt Christian Dumas. Der Airbus-Manager steht neben einem containergroßen Bioreaktor und lässt sich von Pulz erklären, wie die Algen in den verschlungenen Glasrohren wachsen und gedeihen. Die Anlage ist ein Prototyp und noch weit davon entfernt, genügend Algenmasse für einen Passagierflug zu produzieren. Dennoch beteiligt sich Airbus an der ostdeutschen Unternehmung. Dumas: "Die haben bei der Entwicklung von für Flugzeuge derzeit einfach die Nase um mehr als eine Länge vorn."

Dabei kommt Pulz eigentlich aus einer ganz anderen Branche, er forscht am Institut für Getreideverarbeitung bei Potsdam. Schon zu DDR-Zeiten beschäftigte sich der Forscher dort mit Algen. "Damals ging es aber um die Verwendung in Backwaren", sagt der Bio-Pionier.

Nun sollen die Algen helfen, Menschen in die Luft zu bringen. Optimistischen Schätzungen zufolge könnte im Jahr 2040 bereits die Hälfte des Flugzeugsprits aus biologischen Quellen stammen. Eine ganze Reihe von Fluggesellschaften steht am Start. British Airways etwa will im Osten Londons eine Anlage errichten, die Biokraftstoff aus Abfällen erzeugen soll.

Die Zeit drängt. Die Airlines wissen, dass sie ihre Treibhausgasemissionen rasch verringern müssen. Zwar steuert die Branche nur gut zwei Prozent zum weltweiten CO²-Ausstoß bei, halb so viel wie die Zementindustrie. Aber im öffentlichen Bewusstsein steht das Fliegen weit oben auf der Liste sündhaften Verhaltens.

Bald erste Langzeittests im regulären Passagierbetrieb

"Wir brauchen eine möglichst einfache, in der Praxis leicht zu realisierende Lösung", fordert Joachim Buse, der bei der Lufthansa die Einführung von Biokraftstoffen leitet. "Schon in den nächsten zwei Jahren wollen wir Langzeittests im regulären Passagierbetrieb starten."

Anders als beim Auto, wo Elektroantriebe eingesetzt werden können, sind Flugzeuge auch in Zukunft auf Verbrennungsmotoren angewiesen. Buse: "Einen 300 Tonnen schweren Vogel kriegen Sie mit Strom nicht vom Boden hoch."

Einfach dürfte die Umrüstung nicht werden: Derzeit verbrennen die Turbinen der Passagierjets weltweit jährlich 200 Millionen Tonnen Kerosin. Die Jahresproduktion von Algenöl aber, das bislang vor allem in der Kosmetikindustrie Verwendung fand, beträgt kümmerliche 10.000 Tonnen. "Das ist die Hälfte von dem, was wir täglich verbrauchen", rechnet Lufthansa-Manager Buse vor.

Wollte man den gesamten Kerosinverbrauch durch Algensprit ersetzen, brauchte man bei der derzeitigen Produktionstechnik Brutreaktoren auf einer Fläche von 68.000 Quadratkilometern - was in etwa der Größe Irlands entspricht.

Mit Hilfe von Sonnenlicht verwandeln die winzigen Wasserlebewesen das Kohlendioxid aus der Luft in Öl. Biotechnologe Pulz plant, die Algen mit CO² zu füttern, das aus den Abgasen von Kohlekraftwerken stammt.

Zehn Prozent mehr Energie als Kerosin

Die Luftfahrt will dabei die Fehler der Autoindustrie vermeiden, etwa bei der vorschnellen Beimischung von Bioethanol in Benzin: Der Biosprit für Autos stammt aus Mais und Zuckerrohr - beides Pflanzen, die dem Menschen als Nahrung dienen und deren Preise wegen der neuerwachsenen Konkurrenz in die Höhe schossen. Auch sollen fürs grüne Fliegen keine Wälder abgeholzt oder Äcker umgewandelt werden. "Das hätte mit Nachhaltigkeit nichts mehr zu tun", warnt Lufthansa-Mann Buse, der weiß, wie skeptisch das Umwelterwachen der Airlines von den Ökoverbänden beobachtet werden wird.

Biomasse

So sollen Algen, Jatropha oder Salzpflanzen als Spritlieferanten dienen. Diese können überall dort produziert werden, wo bisher Brachland ist. "Algen produzieren auf der geringsten Fläche die größte Menge an ", verspricht Pulz.

Dieser Tage durchläuft der Algensprit einen strengen Zertifizierungsprozess. Am Institut für Verbrennungstechnik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart untersucht der Chemiker Clemens Naumann das Pflanzenextrakt auf seine Eigenschaften.

"In der Raffinerie lässt sich die Substanz mit fast identischen Charakteristika ausstatten, wie sie herkömmliches Kerosin hat", sagt Naumann.

Der Ökosprit bietet dabei sogar noch einen überraschenden Vorteil: Der Algensaft enthält rund zehn Prozent mehr Energie als Kerosin. Naumann: "Mit gleichem Tankinhalt fliegen die Maschinen weiter."

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