Fotostrecke

Hollywood-Ikone Jolie: Vom Showbiz-Kind zur Weltenretterin

Foto: ROBYN BECK/ AFP

Stars Das Prinzip Maßlosigkeit

Angelina Jolie ist Sex-Symbol, Oscar-Preisträgerin, Lebensgefährtin, Wohltäterin und Supermama. Eine neue Biografie beschreibt, wie die Schauspielerin all dies verbindet und so ein ganz neues Starmodell entwarf.

Das Rätsel dieser Frau beginnt mit ihren Lippen. Eine Liebhaberin von Angelina Jolie hat einmal gesagt, sie zu küssen, sei wie in ein Wasserbett zu fallen.

Sie sehen unnatürlich aus, als wären sie aufgespritzt. Manche Frauen machen so etwas, weil sie sich schöner fühlen oder weil sie glauben, es könnte den Männern gefallen. Aber es gibt Fotos von Jolie aus ihrer Kindheit, da ahnt man diese Lippen schon. In der Schule wurde sie wegen ihres Aussehens gehänselt.

Hollywood

Sie ist wahrscheinlich der derzeit größte weibliche Star Hollywoods, eines der rotglühenden Zentren der Celebrity-Kultur. Man wählte sie zur "schönsten Frau der Welt", zum "größtem Sex-Symbol aller Zeiten", zur "sexiesten Frau der Welt". Man findet sie zusammen mit Präsidenten und Wirtschaftsbossen auf Listen der "einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt". Für jeden Film zahlt ihr inzwischen mindestens 15 Millionen Dollar, pro Jahr dreht sie zwei oder drei. Gerade ist "Salt", ihr neuer Film, in den USA angelaufen. In Deutschland kommt er Ende August ins Kino.

In Hollywood siegt die Illusion über die Wirklichkeit

Andere Stars haben einfach nur eine Familie, sie hat sechs Kinder aus drei Kontinenten. Andere haben einen Mann, sie hat Brad Pitt. Andere sind ebenfalls schön, aber sie hat mehr als ein Dutzend Tattoos, wie ein Mädchen aus einem Tätowierstudio auf der Reeperbahn. Andere sind wohltätig, sie hat eine Stiftung und reist seit fast zehn Jahren als Botschafterin des Uno-Flüchtlingswerks von Lager zu Lager.

Der Mund passt gut zu diesem mysteriösen Wesen, zu perfekt, um echt zu sein.

Angelina Jolie

Hollywood ist eine Illusionsmaschine. Seine Stars müssen geheimnisvoll sein, und meistens siegt die Illusion über die Wirklichkeit. Marilyn Monroe? Ein ewiges Rätsel, ein seltsamer Tod. Grace Kelly? Eine undurchschaubare Märchenfigur mit einer perfekten Fassade. Marlene Dietrich? Greta Garbo? Liz Taylor? Außerirdische Wesen. Aber niemand ist rätselhafter als .

Um die Stars herum hat sich eine Boulevardindustrie entwickelt, die zwei Aufgaben hat: das Übermenschliche zu feiern und das Menschliche herauszufinden. Der britische Prominentenbiograf Andrew Morton ist eine der erfolgreichsten Figuren dieser Industrie. 1992 veröffentlichte er ein Buch über Lady Diana, das zum ersten Mal von dem unglücklichen Leben der Princess of Wales erzählte. Nach ihrem Tod wurde publik, dass heimliche Interviews die Basis des Buchs gebildet haben sollen. Morton hat seitdem Biografien über Madonna geschrieben, über David und Victoria Beckham, über Monica Lewinksy. Er schreibe, sagt Morton, nur über Menschen, deren Name jeder auf dieser Welt kenne. Zuletzt veröffentlichte er eine Biografie über Tom Cruise, in der er behauptete, Cruise sei der heimliche Vizechef der Scientology-Sekte. Beweisen konnte er es aber nicht. Um möglichen Klagen aus dem Wege zu gehen, verzichtete Morton auf eine Veröffentlichung des Buchs in England und Australien. Seine Auflagen gehen in die Millionen, sein Ruf ist nicht der beste, verklagt aber wurde er nur selten.

Kein Buch mit großer Enthüllung

Auch seine Biografie über Jolie, die in der kommenden Woche erscheint, verzichtet auf eine Autorisierung. Jolie stand ihm nicht zur Verfügung. Stattdessen sprach Morton mit Freunden, Verwandten, Insidern. Und mit ihrem Dealer.

Morton fand ihn in New York, wo der ehemalige Schreiner und Freund von Andy Warhol jahrelang ein Zimmer im berühmten Chelsea Hotel bewohnte und von dort aus die Kulturprominenz mit Drogen versorgte. Sein Zimmer habe er als eine Art Salon betrachtet, seine Kunden filmte er mit einer versteckten Kamera, sie blieben oft länger als nötig.

Auch Angelina Jolie, so behauptet es Morton, habe bei ihm Heroin gekauft. Eine Weile lang sollen die beiden sogar eine Freunschaft gepflegt haben, die beiden gingen zusammen essen. Sie habe erst aufgehört mit dem Heroin, als sie die Hauptrolle in "Tomb Raider" bekam, ihrem ersten großen Film, als moderne Action-Heldin Lara Croft, schreibt Morton.

Aus den Drogen hat Jolie nie ein Geheimnis gemacht. Einige ihrer damals veröffentlichten Interviews lesen sich fast so, als wolle sie angeben mit ihren Erfahrungen. "Heroin ist mir in meinem Leben sehr nahegekommen", sagte sie einer Journalistin der amerikanischen "Vanity Fair".

Mortons Biografie über Angelina Jolie ist kein Buch mit einer großen Enthüllung, sondern die detaillierte Erzählung darüber, wie ein Borderline-Mädchen aus Hollywood zum größten Filmstar der Welt wurde.

Mit Glamour und Geheimnis die Femme fatale neu definert

Angelina Jolie ist ein Geschöpf des Filmadels. Ihre Patentante ist Jacqueline Bisset, ihr Patenonkel Maximilian Schell. Ihr Vater, der Schauspieler Jon Voight, war ein großer Star in Hollywoods wilden Zeiten, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Er spielte zusammen mit Dustin Hoffman in "Midnight Cowboy", für seine Rolle in dem Antikriegsfilm "Coming Home" bekam er 1979 den Oscar. Er war ein Anti-Vietnam-Aktivist, zu seinen Freunden gehörten Peter Fonda und Al Pacino, er ließ nur selten etwas anbrennen. Jolies Mutter ist Marcheline Bertrand, eine erfolglose Schauspielerin. Wenige Monate nach der Geburt Jolies 1975 trennten sich ihre Eltern, weil Voight seine Frau betrogen hatte. Das Baby wurde in die Obhut diverser Kindermädchen gegeben, weil sich die Mutter von ihm zu sehr an den Vater erinnert fühlte. Ihre älteste Kindheitserinnerung, behauptete Jolie später, sei der Blick aus der Wiege in den leeren Himmel.

Sie besuchte die Beverly Hills High School, Vorbild für die Schule aus der Fernsehserie "Beverly Hills, 90210", nahm ab dem elften Lebensjahr am Lee-Strasberg-Institut Schauspielunterricht und begann mit 16 zu modeln, ziemlich erfolgreich sogar, mit 19 kaufte sie sich ihr erstes eigenes Apartment.

Sie kleidete sich wie ein Punk und trieb sich mit den Skaterkids auf den Straßen herum. Sie begann, Drogen zu nehmen, und sammelte Messer, mit denen sie sich die Haut aufritzte, mit tiefen Schnitten, jahrelang. Morton beschreibt ihr endloses Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und ihren Wunsch, die eigene Person in anderen Charakteren zu leben. Und er schildert ihre Fähigkeit, sich von einem Extrem zum anderen zu bewegen - ohne sich je für irgendetwas zu entschuldigen, was ungewöhnlich ist in einer Prominentenkultur, die nach Fehlern giert, aber nur solange man sie später, im Fernsehen und unter Tränen, bereut.

Ein kulturelles wie ein biologisch-biografisches Phänomen

Ihre Strategie war es, darüber zu sprechen, ohne zu bereuen. Über ihre Drogengeschichten genauso wie über ihre sexuellen Vorlieben, über ihre Affären mit Männern und Frauen, über Sadomasochismus.

Der Schauspielerin Laura Dern, die früher mal Angelinas Kindermädchen gewesen war, spannte sie den Freund aus, Billy Bob Thornton, mit dem zusammen sie dann eine merkwürdig schmutzige Amour fou auslebte. Brad Pitt lief zu ihr über, als er noch glücklich mit der Schauspielerin Jennifer Aniston verheiratet war und gerade mit ihr zusammen eine Villa gekauft hatte. Mit Ethan Hawke hatte sie eine Affäre - der war zu diesem Zeitpunkt der Ehemann von Uma Thurman. Dazu kommen noch: Mick Jagger, Colin Farrell, Ralph Fiennes. Die Liste, die Morton erstellt - man mag ihm glauben oder nicht -, ist lang.

Auch dafür hat sie sich nie entschuldigt und es auch nie erklärt.

So wurde aus dem Junkie der erste weibliche Action-Star Hollywoods, aus dem Sex-Biest eine sechsfache Mutter, aus dem Showbiz-Kind eine Weltenretterin, der die Leute zuhören, nicht weil sie eine der begehrtesten Frauen der Welt ist, sondern weil es wirklich interessant ist, was sie berichtet.

Prominentenbiografien wie "Angelina Jolie" leben davon, dass sie die drei entscheidenden Fragen beantworten: Wo kommt die Person her? Hat sie ein dunkles Geheimnis? Mit wem war sie im Bett? Das macht Morton. Die vierte Frage, die nach der Bedeutung des Ganzen, stellt er sich nicht.

Angelina Jolie

Dabei lebt ein Superstar wie längst in den Köpfen der Menschen, sie ist genauso ein kulturelles Phänomen wie ein biologisch-biografisches. Sie hat die Femme fatale ganz neu definert.

Das wohl berühmteste Paar der Welt

Die alte Femme fatale war eine Männerphantasie, ein Dämon, der lockte und dem Mann schier endloses Glück versprach - dafür aber selbst mit Einsamkeit zahlte. Angelina Jolie ist all das auch, wie könnte sie all ihren Männern vertrauen, jeder hat eine andere Frau für sie verlassen. Aber die alte Femme fatale wäre nie auf die Idee gekommen, Gutes zu tun, etwa durch die Welt zu reisen, um Flüchtlingen zu helfen, in Bosnien genauso wie in Vietnam. Niemals hätte die Femme fatale vom alten Schlage Kinder gehabt, schon gar nicht ein halbes Dutzend. Sie wäre auch nie mit einem Mann zu einem Markenzeichen verschmolzen wie Jolie mit Pitt zu "Brangelina", dem wohl berühmtesten Paar der Welt.

Das ist die männliche Sicht der Dinge. Die weibliche sieht anders aus (und der Umstand, dass Jolie mit Megan Fox eine Nachfolgerin in der Rolle des männermordenden Vamps bekommen hat, vereinfacht einiges). Kein Star unserer Tage verkörpert so vollkommen den vielstimmigen Glücksimperativ, der das Leben der Frauen in der westlichen Welt bestimmt: Sei erfolgreich! Sei sexy! Sei eine gute Mutter! Mache eigene Erfahrungen! Verlasse dich nicht auf deinen Mann! Habe eine Familie! Lebe ein vollständiges Leben!

Es ist ein Forderungskatalog, an dem man verzweifeln kann, weil es schlicht unmöglich ist, ihm zu entsprechen. Angelina Jolie scheint es zu können, nicht immer mühelos, aber mit einem Lächeln auf ihren Lippen.

Tatsächlich ist dieser Triumph aber eine Illusion - "Angelina Jolie" ist vielleicht die größte und perfekteste Rolle, die Angelina Jolie je gespielt hat. Und wie bei jeder Hollywood-Produktion ist es der riesige Apparat, der sie erst möglich macht. Bodyguards, Kindermädchen, Assistenten, Fahrer, Hubschrauberpiloten, Köche, Gärtner, Stylisten, Trainer - als Jolie und Pitt, ihre Kinder und ihre Entourage auf ihr Schloss nach Südfrankreich fuhren, war für den Tross ein ganzer Reisebus nötig.

Und wie beim Film bleibt dieser Apparat unsichtbar. Das geht nur, indem man Medien manipuliert und das eigene Bild kontrolliert - sanft oder rabiat. Die Exklusivbilder ihrer Zwillinge verkauften Pitt und Jolie für 14 Millionen Dollar an zwei Magazine, das Geld spendeten sie.

Die Realität der Traumfabrik ins 21. Jahrhundert übertragen

Als Jolie in Namibia ihr erstes Kind bekam, schloss die Regierung den dortigen Luftraum, Paparazzi hätten ja mit Mietflugzeugen über das Haus fliegen können. Es gibt auch keine Bilder von Jolies Kindern mit ihren Nannys, obwohl jedes ihrer Kinder jeweils eine Betreuerin an seiner Seite hat. Stattdessen zeigen die Fotos eine fröhliche United-Colors-of-Benetton-Familie.

So ziehen Angelina und Brad, Maddox, Pax, Zahara, Shiloh, Knox und Vivienne über die Lande. Von Haus zu Haus, von Dreh zu Dreh, von Flugzeug zu Flugzeug. Mal trennen sich die Wege kurz, weil Pitt wieder nach New Orleans muss, um sich um den Wiederaufbau zu kümmern, oder weil Jolie in ein Flüchtlingslager reist. Dann geht es weiter.

Hollywood-Stars waren immer schon Stars, deren Licht auf die ganze Welt fiel. Das war der Anspruch und die Realität der Traumfabrik, moderne Götter zu erschaffen. Angelina Jolie und Brad Pitt haben diese Idee ins 21. Jahrhundert übertragen, in eine Welt, die kein Zentrum mehr hat - selbst Hollywood-Filme werden schon lange nicht mehr nur in Los Angeles gedreht. Dafür haben die beiden die Idee aufgegeben, irgendwo zu Hause zu sein. Angelina Jolie ist ein maßloser Star für eine maßlose Welt.

Und anders als viele Stars vor ihr, ist sie erreichbar. Als Journalist kann man sie treffen, wenn sie mal wieder Werbung macht für einen neuen Film. Sie empfängt dann in einer dieser Hotelsuiten in London oder New York, die Interviews sind streng getaktet, eine halbe Stunde höchstens, zu erfahren ist da nichts. Es muss trotzdem ein Erlebnis sein. Weil es Spaß macht, mit ihr zu reden, und weil sie die Rolle der Frau, die über alles redet, ziemlich perfekt spielt.

Und weil sie dann irgendwann zu den meist männlichen Journalisten sagt: "Darling, warum sitzt du eigentlich da drüben im Sessel, so weit weg? Komm doch zu mir auf die Couch."

Gern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.