AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2010

Irak Im Sumpf der Hoffnung

Corbis

Von

2. Teil: Der Sumpf beeinflusst das Klima


Curtis Richardson, Ökologe an der Duke University in Durham, North Carolina, ist einer von denen, die von Anfang an dazugehörten; von 2003 bis 2007 unternahm er Forschungsreisen in die Region. "Ich habe mein ganzes Berufsleben lang Feuchtgebiete erforscht", so der Ökologe, "aber dieser Sumpf ist der Heilige Gral. Der Garten Eden."

Bald aber musste Richardson einsehen, wie naiv seine Begeisterung war. Schlaflose Nächte verbrachte er auf dem Fußboden seines Hotelzimmers in Basra, während draußen geschossen wurde. Bei der Feldarbeit wurde er von Schwerbewaffneten eskortiert. "Man fühlt sich schon ein wenig seltsam, wenn man selbst ein pH-Messgerät in der Hand hält und alle anderen ein Maschinengewehr." Einmal ging Richardson nahe der iranischen Grenze ins Wasser, um Proben zu nehmen, als sein Übersetzer am Ufer plötzlich wild schrie und herumfuchtelte. "Da war ich in ein Minenfeld geraten." In diesem Moment beschloss Richardson, mit den Feldstudien aufzuhören.

"Azzam kämpft einen mutigen Kampf, aber er braucht Hilfe", sagt der Forscher. Die USA haben ihre finanzielle Unterstützung eingestellt; Geld und wissenschaftliche Beratung kommen nun hauptsächlich aus Italien. Maximal 30 bis 40 Prozent des einstigen Sumpfes könnten langfristig wieder in ein funktionierendes Ökosystem umgewandelt werden, schätzt Richardson - aber das wäre schon sehr viel, nicht nur für die Natur, sondern auch für die Zukunft des Landes.

Denn der Sumpf hält das Wasser zurück und könnte so die Versorgung im Süden sicherstellen. Außerdem beeinflusst er das Klima: Nach seiner Zerstörung sei es heißer geworden, erklärt Richardson. Bei Temperaturen über 50 Grad aber verdorrten die Ackerpflanzen. Und auch die Erträge der Fischer und Shrimpszüchter brachen ein, weil der Sumpf nicht mehr, wie zuvor, Schmutz und Schadstoffe aus den Flüssen filterte.

Schutzzone von tausend Quadratkilometern

Inzwischen aber ist rund ein Drittel der ursprünglichen Flussmarsch wieder mit Wasser bedeckt. Teams aus internationalen Experten, Mitarbeitern von Nature Iraq und Vertretern von drei irakischen Ministerien durchbrechen Dämme, leiten Wasser aus den Kanälen in ausgetrocknete Gebiete zurück, säen einheimische Pflanzen und untersuchen die Artenzusammensetzung und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierpopulationen.

Bevor sie ein neues Gebiet überfluten, messen die Wissenschaftler die Salz- und Schwefelkonzentration im Boden; an manchen Stellen ist sie so hoch, dass weder Schilf noch einheimische Fischarten überleben könnten. Damit sich die Böden erholen können, brauchen sie einen konstanten Durchfluss von Süßwasser, der das Salz ausspült.

Alwash und seine Mitstreiter entwickeln einen Plan für den ersten Nationalpark des Landes: eine Schutzzone von tausend Quadratkilometern, deren Wasserversorgung mit einer Vielzahl von Schleusen reguliert werden soll. "Wir sind dabei, Richtlinien für Schutzgebiete zu entwerfen", sagt Giorgio Galli vom italienischen Ingenieurbüro Studio Galli Ingegneria Spa in Padua. "So etwas gibt es im Irak bisher nicht." Wenn das Projekt zustande kommt, hoffen die Wissenschaftler, könnte der Nationalpark von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt werden.

Doch all dies geschieht mitten in einem Krisengebiet. Dutzende Mitarbeiter des Projekts sind in den vergangenen sieben Jahren bei Terroranschlägen gestorben. Andere haben sich zurückgezogen, weil sie um ihr Leben fürchteten. Die Experten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen können nur aus der Ferne beraten; aus Sicherheitsgründen dürfen sie den Irak nicht mehr betreten, seit im August 2003 bei einem Angriff auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad 22 Menschen ums Leben kamen.

Azzam Alwash ist das Explodieren von Bomben gewohnt

In letzter Zeit scheint sich die Lage etwas beruhigt zu haben. Basra ist nicht so sicher wie Sulaimanija, aber weniger gefährlich als Bagdad; Sicherheit ist relativ. Lohnt sich das Risiko? Kann Naturschutz funktionieren in einem Land wie diesem?

Azzam Alwash ist das Explodieren von Bomben gewohnt: "Solange man mindestens 100 Meter entfernt ist, gehört das eben zum Alltag." Er versucht eine Erklärung: "Zum ersten Mal im Leben habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit den Menschen wirklich hilft. Dass ich nicht nur arbeite, um Geld für meine Familie und mich zu verdienen. Das ist erfüllend."

Wenn der Naturschützer in diesen Tagen im Sumpf der Hoffnung unterwegs ist, sieht er an manchen Orten Bilder aus seiner Kindheit. In Al-Hammar führen Wasserwege labyrinthartig durch dichtes, meterhohes Schilf und vereinigen sich zu größeren Seen. Tautropfen glitzern auf den Schilfhalmen, die leise raschelnd vor dem Boot zurückweichen. Die Mondsichel verblasst, während die Sonne an Kraft gewinnt. Winzige Fische flitzen vorbei, auf der Flucht vor einer Wasserschlange. Und die Vögel sind zurück: Nachtreiher, Graufischer, Purpurreiher, Zwergtaucher, Uferschnepfen, Marmelenten.

Auf kleinen Inseln stehen Schilfhütten, rundherum schläfrige Wasserbüffel. Männer und Frauen mit sonnengegerbtem Gesicht und langen Gewändern gleiten in Booten durchs Wasser und schneiden Schilf. Hin und wieder blicken sie auf und heben die Hand zum Gruß.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
pseudo 29.07.2010
1. Umweltschutz ?
Ich lach mich Weg... Wer ums nakte Überleben tag täglich kämpft, dem interessiert Umweltschutz erst einmal so gar nicht. Also wenn ich in einem "Kriegsland" leben würde, und ich froh wäre, jeden Tag heil und gesund von der Arbeit nach Hause zu kommen (sofern ich überhaupt im Genuss eines Jobs bin), dann interessiert mich beim besten Willen die Umwelt nur bedingt...außer ich arbeite zufälligerweise in so einem Bereich. Meine Eltern (also ich auch, war aber erst ca. 1,5 Jahre und kann mich dementsprechend nicht daran erinnern) waren im Irak, als die Sümpfe im Süden bei Basra noch existierten...muss wohl schon sehr interessant gewesen sein...und wäre bestimmt toll, wenn man so etwas wieder hinbekommen könnte. Da lebten aber noch Menschen in Schilfrohrhütten mitten im Sumpf. Ich weiß nicht, ob es noch Menschen gibt, die da so ähnlich wohnen...
mavoe 29.07.2010
2. "Garten Eden"
Zitat von sysopNaturschützer wollen den "Garten Eden" im Irak retten - ein sagenumwobenes Sumpfland in der Wüste, das unter Saddam Hussein fast vollständig zerstört wurde. Doch wie funktioniert Umweltschutz in einem der gefährlichsten Länder der Welt? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,708763,00.html
Der lag wohl eher in Westiran, nahe der türkischen Grenze. Bei der Stadt Tabriz. Da sind die 4 mysteriösen Flüsse entsprungen. Nach Bibelforschern. Und der "Garten Eden" war die Zeit kurz vor der Erfindung der Landwirtschaft. Steinzeit also. Aber das mit dem Naturschutz im Iraq finde ich ein gutes Projekt. Vielleicht gibts ja doch noch Hoffnung dort. Thor Heyerdal ist ja von dort schonmal aufgebrochen, mit seiner "Ra". Alles Gute für das iraqische Volk!
puter70 29.07.2010
3. Jede Renaturierung....
... auf unserem geschundenen Planeten ist überlebensnotwendig. Deshalb ist zu hoffen, dass das Projekt "Sumpf der Hoffnung" zum Erfolg führt und wieder ein ökologisch intakter Lebensraum für Flora/Fauna und Menschen entsteht. Alle Menschen, die sich für solche und ähnliche Projekte einsetzen, verdienen Respekt, Anerkennung und Unterstützung!
jhartmann, 29.07.2010
4. .
Wieso wird im Artikel mit keinem Wort erwähnt, dass und warum das zufließende Wasser knapp ist? Ist der Artikel von irgendeinem auch in Syrien/Türkei absahnenden Wassermulti gesponsert? http://www.tagesschau.de/ausland/irak486.html
team_frusciante 29.07.2010
5. ...
Zitat von mavoeDer lag wohl eher in Westiran, nahe der türkischen Grenze. Bei der Stadt Tabriz. Da sind die 4 mysteriösen Flüsse entsprungen. Nach Bibelforschern. Und der "Garten Eden" war die Zeit kurz vor der Erfindung der Landwirtschaft. Steinzeit also. Aber das mit dem Naturschutz im Iraq finde ich ein gutes Projekt. Vielleicht gibts ja doch noch Hoffnung dort. Thor Heyerdal ist ja von dort schonmal aufgebrochen, mit seiner "Ra". Alles Gute für das iraqische Volk!
Ich glaube das war dem Autor schon klar - das war wohl eher bildlich gemeint mit dem "Garten Eden". :) So wie man ein Fußballstadion "Schmuckkästchen" nennt oder einen Ort, wo Wege zusammenkommen "Nadelöhr".
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