AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2010

Irak Im Sumpf der Hoffnung

Naturschützer wollen den "Garten Eden" im Irak retten - ein sagenumwobenes Sumpfland in der Wüste, das unter Saddam Hussein fast vollständig zerstört wurde. Doch wie funktioniert Umweltschutz in einem der gefährlichsten Länder der Welt?

Corbis

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Einen wie Azzam Alwash dürfte es hier, in diesem von Krieg und Terror verwüsteten Land, nicht geben. Im Holzkahn stakt er durchs Kriegsgebiet und macht sich Gedanken um einen verschollenen Otter, um vergiftetes Wasser und gefährdete Vögel. Wer denkt im Süden des Irak an die Umwelt? Wer riskiert sein Leben, um einen Sumpf zu retten?

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Heft 30/2010
Die Afghanistan-Protokolle: Amerikas geheimer Krieg

"Ist das nicht wundervoll?", fragt Alwash, der Naturfreund, während sein Kahn, begleitet von bewaffneten Aufpassern, durch einen von Schilf umsäumten Wasserlauf gleitet. Der Abendhimmel über dem Sumpf leuchtet rot, Vogelschwärme ziehen vorüber. Die Luft hat sich auf nur noch 35 Grad abgekühlt. Basra, die zerstörte Metropole, liegt, 60 Kilometer entfernt, wie auf einem anderen Planeten.

Wasserbüffel schwimmen prustend am Boot vorbei. Und Alwash, ein breitschultriger Mann mit buschigem grauem Haar und Schnurrbart, sitzt aufrecht auf der Ruderbank und strahlt. "Schaut euch das an", sagt er, "vor ein paar Monaten war hier noch Wüste!"

Azzam Alwash, 52, ist Staatsbürger des Irak und der USA, Wasserbauingenieur und Direktor von Nature Iraq, der ersten und einzigen Naturschutzorganisation des Landes. Er hat sie 2004 gemeinsam mit seiner Frau Suzanne, einer amerikanischen Geologin, gegründet, mit finanzieller Unterstützung aus den USA, Kanada, Japan und Italien. Sein Ziel ist es, einen großteils ausgetrockneten Sumpf im Süden des Irak zu retten. Dafür hat Alwash seine Stelle in Kalifornien aufgegeben. Dafür setzt er seine Sicherheit und seine Gesundheit aufs Spiel.

Er verbringt nun viel Zeit in Flugzeugen zwischen den Kontinenten: Vor vier Tagen ist er von Fullerton in Kalifornien, wo seine Familie lebt, nach Amman gereist, um den ehemaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Alawi zu treffen; von dort ging es weiter, erst zu einer Konferenz in Basra und dann in den Sumpf. Danach muss Alwash nach Bagdad, ins Umweltministerium, und nach Sulaimanija im Nordirak, wo sich, aus Sicherheitsgründen, der Hauptsitz von Nature Iraq befindet. Anschließend erwarten ihn Geldgeber und Berater in Padua und Venedig. Andere Männer hätten eine Geliebte, sagt Alwash, er habe den Sumpf.

Wiege der Zivilisation

Natürlich ist es nicht irgendein Sumpf. Alwash kämpft für eine paradiesische Flussmarsch, in der Bibelforscher gar den Garten Eden erkannt haben wollen. Manche bezeichnen sie als Wiege der Zivilisation: Im fünften Jahrtausend vor Christus besiedelten die Mesopotamier das fruchtbare Land; einige Jahrhunderte später entstand hier die sumerische Hochkultur. Die Keilschrift soll in dieser Gegend erschaffen worden sein, die Literatur, die Mathematik, die Metallkunde, die Keramik und das Segelboot.

Noch vor 20 Jahren gedieh an dieser Stelle eine wundersame Wasserwelt inmitten der Wüste. Größer als die Everglades erstreckte sie sich am südlichen Ende des Zweistromlandes, wo sich Euphrat und Tigris hundertfach verzweigen, ehe sie sich vereinigen und nahe Basra in den Persischen Golf münden. Ökologen galt dieser Sumpf als einzigartige Oase des Lebens - bis Saddam Hussein, der sunnitische Diktator, ihn nach einem Aufstand der Schiiten Anfang der neunziger Jahre trockenlegen ließ.

Offiziell hieß es, der Boden solle für die Landwirtschaft genutzt werden. Das Militär rückte an, hob Kanäle aus und schüttete Deiche auf, die das Wasser direkt in den Golf leiteten. Der Despot, stolz auf das Zerstörungswerk, gab den Kanälen Namen wie "Saddam-Fluss" und "Kanal der Treue zum Führer".

Tatsächlich aber ging es Saddam nicht um die Bauern. Er wollte die Madan treffen. Seit Jahrtausenden war für dieses Volk und seine Kühe und Wasserbüffel der Sumpf die Heimat gewesen. Sie wohnten in schwimmenden Hütten aus geflochtenem Schilf und verbrachten einen großen Teil ihrer Zeit in Kähnen aus Holz, die sie mit Stöcken durch von Büffeln ausgetretene Wege im Schilf lenkten, um Schilfrohr zu ernten, Vögel zu jagen oder Fische zu fangen.

Dann aber unterstützte das Fischervolk den Aufstand der Schiiten gegen den Diktator. Der rachsüchtige Saddam machte ihnen deshalb ihren "Garten Eden" zur Hölle: Tausende ließ er ermorden, ihr Vieh wurde getötet, verbliebene Wasserquellen vergiftet, Schilfhütten niedergebrannt. Viele flohen über die Grenze nach Iran, wo sie in Flüchtlingslagern unterkamen; andere gingen in den Norden und versuchten, als Tagelöhner zu überleben. Bis zu einer halben Million Menschen waren am Ende vertrieben.

Eine der größten Umweltkatastrophen der Welt

Innerhalb weniger Jahre war der Sumpf auf weniger als zehn Prozent seiner ursprünglichen Fläche geschrumpft. Wo sich einst Wildschweine, Hyänen, Füchse, Otter, Wasserschlangen und sogar Löwen in Schilfwäldern getummelt hatten, breitete sich nun unfruchtbare Salzwüste aus, vergiftet und voller Landminen. Die Vereinten Nationen beklagten die Zerstörung des Sumpfes 2001 in einem Bericht als "eine der größten Umweltkatastrophen der Welt".

Am 18. Juni 2003, knapp drei Monate nach der amerikanischen Invasion, flog Azzam Alwash von Los Angeles aus in seine alte Heimat. Er wusste, was ihn erwartete. "Dennoch war es ein Schock", erzählt er. "Ich erinnerte mich an Wasser und Grün, so weit das Auge reichte, aber ich sah nichts als Wüste, Staub und zerstörte Siedlungen."

Zu diesem Zeitpunkt hatte Alwash den Irak exakt 24 Jahre und 341 Tage lang nicht betreten. Er war zum Studium in die USA gegangen und war Amerikaner geworden, ganz und gar. Er hatte eine amerikanische Frau, zwei kleine Töchter, mit denen er kein Arabisch sprach, ein Haus in Long Beach und einen gutbezahlten Job als Wasserbauingenieur. "Es war", sagt er heute, "der perfekte amerikanische Traum."

Nur den Sumpf konnte er nicht vergessen, das Paradies seiner Kindheit. Sein Vater, der bis Anfang der achtziger Jahre im Wasserministerium arbeitete, hatte ihn früher oft mitgenommen, wenn er beruflich unterwegs war oder im Schilf auf Gänsejagd ging. Manchmal kamen auch die Mutter und die beiden Schwestern mit zu ausgedehnten Ausflügen im Kanu. Alwash hatte sich geschworen, seiner Frau und seinen Töchtern den "Garten Eden" zu zeigen. "Das ist gar nichts", sagte er oft, wenn sie in Kalifornien wanderten oder Kajak fuhren, "wartet nur, bis ihr den Sumpf seht!"

Deshalb kam Alwash zurück und sammelte Geld für seinen Plan, einstige Sumpfgebiete kontrolliert zu überfluten. "Eden Again Project" nannten er und seine Mitstreiter ihr ehrgeiziges Vorhaben.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
pseudo 29.07.2010
1. Umweltschutz ?
Ich lach mich Weg... Wer ums nakte Überleben tag täglich kämpft, dem interessiert Umweltschutz erst einmal so gar nicht. Also wenn ich in einem "Kriegsland" leben würde, und ich froh wäre, jeden Tag heil und gesund von der Arbeit nach Hause zu kommen (sofern ich überhaupt im Genuss eines Jobs bin), dann interessiert mich beim besten Willen die Umwelt nur bedingt...außer ich arbeite zufälligerweise in so einem Bereich. Meine Eltern (also ich auch, war aber erst ca. 1,5 Jahre und kann mich dementsprechend nicht daran erinnern) waren im Irak, als die Sümpfe im Süden bei Basra noch existierten...muss wohl schon sehr interessant gewesen sein...und wäre bestimmt toll, wenn man so etwas wieder hinbekommen könnte. Da lebten aber noch Menschen in Schilfrohrhütten mitten im Sumpf. Ich weiß nicht, ob es noch Menschen gibt, die da so ähnlich wohnen...
mavoe 29.07.2010
2. "Garten Eden"
Zitat von sysopNaturschützer wollen den "Garten Eden" im Irak retten - ein sagenumwobenes Sumpfland in der Wüste, das unter Saddam Hussein fast vollständig zerstört wurde. Doch wie funktioniert Umweltschutz in einem der gefährlichsten Länder der Welt? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,708763,00.html
Der lag wohl eher in Westiran, nahe der türkischen Grenze. Bei der Stadt Tabriz. Da sind die 4 mysteriösen Flüsse entsprungen. Nach Bibelforschern. Und der "Garten Eden" war die Zeit kurz vor der Erfindung der Landwirtschaft. Steinzeit also. Aber das mit dem Naturschutz im Iraq finde ich ein gutes Projekt. Vielleicht gibts ja doch noch Hoffnung dort. Thor Heyerdal ist ja von dort schonmal aufgebrochen, mit seiner "Ra". Alles Gute für das iraqische Volk!
puter70 29.07.2010
3. Jede Renaturierung....
... auf unserem geschundenen Planeten ist überlebensnotwendig. Deshalb ist zu hoffen, dass das Projekt "Sumpf der Hoffnung" zum Erfolg führt und wieder ein ökologisch intakter Lebensraum für Flora/Fauna und Menschen entsteht. Alle Menschen, die sich für solche und ähnliche Projekte einsetzen, verdienen Respekt, Anerkennung und Unterstützung!
jhartmann, 29.07.2010
4. .
Wieso wird im Artikel mit keinem Wort erwähnt, dass und warum das zufließende Wasser knapp ist? Ist der Artikel von irgendeinem auch in Syrien/Türkei absahnenden Wassermulti gesponsert? http://www.tagesschau.de/ausland/irak486.html
team_frusciante 29.07.2010
5. ...
Zitat von mavoeDer lag wohl eher in Westiran, nahe der türkischen Grenze. Bei der Stadt Tabriz. Da sind die 4 mysteriösen Flüsse entsprungen. Nach Bibelforschern. Und der "Garten Eden" war die Zeit kurz vor der Erfindung der Landwirtschaft. Steinzeit also. Aber das mit dem Naturschutz im Iraq finde ich ein gutes Projekt. Vielleicht gibts ja doch noch Hoffnung dort. Thor Heyerdal ist ja von dort schonmal aufgebrochen, mit seiner "Ra". Alles Gute für das iraqische Volk!
Ich glaube das war dem Autor schon klar - das war wohl eher bildlich gemeint mit dem "Garten Eden". :) So wie man ein Fußballstadion "Schmuckkästchen" nennt oder einen Ort, wo Wege zusammenkommen "Nadelöhr".
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