AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2010

Internet Null Blog

DDP

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2. Teil: Nach der Schule die tägliche Facebook-Sitzung


Der Marke "Netzgeneration" dürfte das freilich nicht schaden. "Das ist so eine naheliegende, billige Metapher", sagt Schulmeister, "die kommt einfach immer wieder hoch."

Zudem scheint allein schon die Statistik zu zeigen, wie die Technik immer größere Teile des Alltags verschlingt. Nach der jüngsten JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest haben bereits 98 Prozent der 12- bis 19-Jährigen einen Zugang zum Internet, und sie verbringen damit nach eigener Schätzung im Durchschnitt 134 Minuten am Tag - nur noch drei Minuten weniger als mit dem Fernsehen.

Allerdings besagt die schiere Dauer wenig. Die Frage ist, was die "Cyberkids" tun, wenn sie online sind. Und darin unterscheiden sie sich wenig von früheren Jugendgenerationen: Es geht um den Austausch mit ihresgleichen. Fast schon die Hälfte der Zeit verbringen sie damit. E-Mail, Chat und soziale Netzwerke machen zusammen den größten Einzelposten in der Nutzungsstatistik aus.

Tom zum Beispiel, ein Mitschüler von Jetlir, steht fast rund um die Uhr mit 30 oder 40 Freunden in Verbindung. Die Kanäle wechseln je nach Gelegenheit: morgens ein kleiner Chat am PC, in der großen Pause ein paar SMS, nach der Schule die tägliche Facebook-Sitzung, ein paar Anrufe per Handy und abends noch ein, zwei gemütliche Videotelefonate über den Internetdienst Skype.

Ob die Verbindung jeweils über das Internet hergestellt wird oder nicht, ist offenbar ziemlich egal. Es kommt nicht auf die Medien oder die Geräte an; es zählt nur, wofür sie gut sind. Das können vor allem beim Internet inzwischen ganz verschiedene Dinge sein: Mal dient es als Telefon, dann wieder als eine Art besserer Fernseher. Ein, zwei Stunden guckt Tom täglich, meist bei YouTube, aber auch ganze TV-Sendungen, sofern sie irgendwo abrufbar sind. "Jeder weiß, wie man Folgen von Fernsehserien findet, die man sehen will", sagt Toms Mitschülerin Pia.

Die Unterhaltung ist der zweitgrößte Posten in der Nutzungsstatistik. Inzwischen hören mehr Jugendliche ihre Musik bei diversen Abspielstationen im Internet als im Radio. Das ergab schon 2008 eine Studie der Universität Leipzig. Vor allem das Videoportal YouTube ist nebenher, weitgehend unbemerkt, zur globalen Jukebox für den Musikbedarf der Jugend geworden - kaum ein Song, der dort nicht aufzutreiben wäre.

"Das ist auch praktisch, um mal was Neues zu finden", sagt Pia. Die Suche ist sehr effizient; in der Regel genügt schon eine halbe Textzeile, irgendwo auf einer Party aufgeschnappt, und YouTube liefert das Video mit dem dazugehörigen Song.

So füllt sich das Internet mit den Angeboten älterer Medien; zum Teil tritt es an ihre Stelle. Und das jugendliche Publikum, immer schon auf Austausch und Unterhaltung aus, nutzt dafür nun vermehrt das Netz - nicht gerade der Stoff für eine Revolution der Lebensweise.

Auch gibt es weiterhin noch ein Leben fern von Bildschirmen aller Art. Bei neun von zehn Teenagern steht laut JIM-Studie von 2009 das Treffen mit Freunden ganz oben auf der Liste der Freizeitaktivitäten jenseits der Medien. Noch bemerkenswerter: 76 Prozent der Jungen treiben mehrmals pro Woche Sport; bei den Mädchen sind es immerhin 64 Prozent.

Vollends erstaunlich ist, was Anfang des Jahres in den USA herauskam: Selbst die intensivsten Mediennutzer verbringen dort nicht weniger Zeit mit körperlichen Aktivitäten als ihre übrigen Altersgenossen. Das ergab die Studie "Generation M2" der Kaiser Family Foundation.

Und wie passt das alles in einen Tag? Wer einfach nur Nutzungszeiten addiert, bekommt ein falsches Bild. Die meisten Jugendlichen können problemlos gleichzeitig telefonieren, bei Facebook stöbern und nebenher Musik hören. Und sie sind wohl vor allem zu jenen Zeiten online, die sonst ungenutzt bleiben würden. "Ich bin im Internet, wenn ich nichts Besseres zu tun habe", sagt Jetlir. "Und leider auch oft, wenn ich längst schlafen sollte." Dank Mobiltelefon und MP3-Player lassen sich auch unterwegs die ehedem leeren Nischen im Tageslauf füllen. So kann die Mediennutzung stetig ansteigen, und doch bleibt reichlich Lebenszeit erhalten.

Obendrein gibt es nach wie vor viele Jugendliche, denen der ganze Online-Rummel egal ist. Immerhin 31 Prozent nutzen die sozialen Netzwerke selten oder nie. Anna würde "in einer Welt ohne Internet höchstens den Bahnfahrplan vermissen". Torben findet "einfach die Zeit zu schade" für den Computer. Er spielt Handball und Fußball; ihm genügen "zehn Minuten Facebook am Tag".

Mitschüler Tom dagegen vergisst schon mal die Uhr im Hin und Her zwischen Facebook und Chat. "Es ist ein seltsames Gefühl", gesteht er, "wenn mal wieder so viel Zeit vergangen ist, ohne dass man was davon hat." Er weiß auch, dass auf andere dieser Sog noch weit stärker wirkt. "Wir kennen alle welche", bestätigt Pia, "die den ganzen Tag im Internet herumhängen" - vielleicht nur mangels besserer Angebote, wendet Jetlir ein: "Wenn man die fragt, ob sie mit rauskommen wollen, sagt auch keiner nein."

Selbst eingefleischte Netzbewohner sind im Übrigen noch lange keine geborenen Experten fürs Medium. Wer aus dem Internet Nutzen ziehen will, muss erst verstehen, wie die Welt funktioniert, die aus dem Internet spricht. Und daran hapert es oft. Das Einzige, was Jugendliche den Älteren voraushaben, ist ihre Unbefangenheit am Computer. "Die probieren einfach drauflos", sagt René Scheppler, Lehrer an einer Wiesbadener Gesamtschule. "Dabei entdecken sie auch alles Mögliche. Sie verstehen nur nicht, wie es funktioniert."

Gelegentlich versucht der Lehrer deshalb, die großen Fragen des Mediums aufzuwerfen. Zum Beispiel: Woher kommt eigentlich das Internet? "Dann heißt es: Wie? Was? Das ist doch einfach da!", berichtet Scheppler. "Von allein setzen die sich nicht damit auseinander. Für sie ist das wie ein Auto, es soll fahren."



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HossCartright 03.08.2010
1. Beruhigend!
Gut zu wissen, dass Sport und Freunde noch immer dazu führen können, dass man Facebook und Youtube links liegen lässt. Lieber "off" in Gesellschaft als "on" allein im Netz. Was twittern soll, kann ich als digitaler Einwanderer schon seit Jahren nicht begreifen. Schön, dass es auch anderen Jüngeren so geht.
sappelkopp 03.08.2010
2. Ups!
Na, gibt es doch noch Hoffnung! Das ist ja mal eine gute Nachricht. Ich dachte immer meine Kinder wären nicht normal, weil sie Twitter als Spielerei abtun, aber sie sind normal, Juhuuu!
KurtFolkert 06.08.2010
3. ...
ich bezweifel, dass den New-Generation-Schreihälsen damit das Maul gestopft wird. Dass es immer verschiedene Menschen gibt, war auch ohne diese Erkenntnis klar. Allein das alles mit Werbung zugeflasht wird spricht für sich. Wieder einmal sind es die "Älteren" die an der Realität vorbeileben. Ein Armutszeugnis reiht sich ans andere. Kein Wunder, dass diese Leute nicht in die Lage versetzt werden, zu erkennen, was wirklich los ist!
thomas bode 06.08.2010
4. Momentaufnahme
Dies ist nur eine (interessante) Momentaufnahme der Situation. Kann sein dass sich das auch länger hält. Aber angesichts dessen dass "das Web" sich auch ständig verändert. kann das mittelfristig ganz anders aussehen. Wenn Video-Chat und 3D. etc. irgendwann realitätsnah geworden sind... das ist nur eine Frage der Zeit.
team_frusciante 06.08.2010
5. ...
"Sehr selten ist dagegen der Typ des Pioniers, der online mit Freunden aus Amsterdam und Barcelona Musikstücke zusammenfrickelt, über Twitter Spontan-Demos für billige Schülermonatskarten organisiert oder anderweitig einfallsreich Neuland erobert." Dieser Typ war schon immer selten. Warum sollen die Menschen auf einmal mehrere Projekte am Start haben, politisch aktiv und insgesamt kreativer sein, nur weil sie mit dem Internet aufgewachsen sind?
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