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Alexander Huber: Lebensgefahr als Nervenkitzel

Foto: huberbuam.de

Klettern "Schwarze Gedanken"

Der Extrembergsteiger Alexander Huber über das Klettern ohne Seil und Sicherung, die Beherrschung der Angst und das erhebende Gefühl, 200 Meter Luft unter den Füßen zu spüren

SPIEGEL: Herr Huber, schauen Sie beim Klettern auch mal nach unten?

Huber: Natürlich.

SPIEGEL: Es gibt ein Foto von Ihnen, da hängen Sie in Hunderten Metern Höhe inmitten einer gigantischen, steilen, glatten Wand an der Schüsselkarspitze im Wettersteingebirge. Es gibt keine Absicherung, kein Seil, das einen Sturz abfangen würde. Was geht Ihnen in solch einer Situation durch den Kopf?

Huber: Am besten gar nichts. Alle Gedanken, die Ängste, die Sorgen sind für die Tage davor bestimmt. Wenn ich klettere, reduziert sich meine Welt auf die wenigen Quadratzentimeter des nächsten Griffs.

extreme Form

SPIEGEL: Sie betreiben eine des Bergsteigens, das sogenannte Free Solo, Klettern ohne Seil. Ein falscher Griff, ein falscher Schritt, und Sie stürzen ab. Warum spielen Sie mit Ihrem Leben?

Huber: Ich bin kein Hasardeur. Viele Leute denken, dass wir Bergsteiger keine Angst haben. Das ist Unsinn. Angst ist überlebenswichtig. Wenn ich völlig ohne Angst in den Bergen herumklettern würde, dann würde es nicht lange dauern, bis es mich runterhaut.

SPIEGEL: Denken Sie manchmal an den Absturz, den Tod?

Huber: Vor jeder anspruchsvollen Free-Solo-Tour bin ich hin- und hergerissen. Ich bin überzeugt, dass ich es kann, aber mich überkommen auch schwarze Gedanken. Es tauchen Bilder vor meinem inneren Auge auf, wie ich einen Fehler mache. Ich stelle mir vor, wie ich abrutsche, lautlos durch die Luft falle, und dann: das plötzliche Aus.

SPIEGEL: Wie verdrängen Sie die dunklen Gedanken?

Huber: Das kann man gar nicht. Das will ich auch gar nicht. Ich muss mich mit dem Risiko, mit der Todesangst auseinandersetzen. Damit versichere ich mein Leben.

SPIEGEL: Das klingt kompliziert.

Huber: Lassen Sie es mich mit einem Alltagsbeispiel erklären: Ein kleines Kind hat noch keine Angst vor dem Straßenverkehr, weil es die Gefahr nicht kennt. Es könnte völlig sorglos über die Straße laufen und wäre auf Glück angewiesen, um das zu überleben. Der Erwachsene kennt die Gefahr der vorbeirauschenden Autos und hat Angst, überfahren zu werden. Also reagiert er mit Vorsicht, schaut nach links und rechts und geht erst dann hinüber. In diesem Moment hat die Angst reine Konzentration ausgelöst. So ist es auch bei mir, wenn ich mich auf eine Free-Solo-Tour vorbereite.

SPIEGEL: Eine Free-Solo-Tour ist Ihrer Ansicht nach also nicht gefährlicher, als die Straße zu überqueren?

Huber: Wenn ich von den Unsicherheitsfaktoren ausgehe, dann ja. Beim Free Solo kann im brüchigen Fels ein Griff ausbrechen. Auch der Verkehr ist nie zu 100 Prozent kontrollierbar.

SPIEGEL: Ihr Bruder Thomas und Sie sind eines der berühmtesten Kletterteams der Welt, aber nur Sie klettern auch Free Solo. Fehlt es Ihrem Bruder an Mut?

Huber: Wir haben verschiedene Talente. Während Thomas in der Höhe schneller akklimatisiert, habe ich eine besondere mentale Stärke, was das Free Solo angeht. Im steilen Terrain habe ich eine besondere Coolness, um heikle Situationen durchzustehen. Das macht uns als Team aus, dass jeder seine Stärken als Bergsteiger einbringen kann.

SPIEGEL: Was reizt Sie daran, ein derart großes Risiko einzugehen?

Huber: Es ist die puristische Form des Kletterns: Ich sehe die Wand, gehe hin und steige hinauf. Ohne Ausrüstung, nur mit Kletterschuhen und etwas Magnesium, das ich in einem Beutel am Rücken trage. Das hat etwas Reines, etwas Ursprüngliches. Und natürlich ist es ein unglaublich erhebendes Gefühl, wenn ich 200 Meter Luft unter meinen Füßen spüre und dennoch merke: Ich habe das im Griff. Eine größere Selbstbestätigung gibt es für mich nicht.

SPIEGEL: Wie unterscheidet sich ein Free Solo vom Klettern mit Seil und Haken?

Huber: Ich bleibe immer in Bewegung und mache wenige Pausen, um meinen Gedanken keinen Spielraum zu geben. Außerdem verschwende ich beim Free Solo keine Zeit für Sicherungen. Obwohl ich natürlich sehr langsam klettere und jeden Tritt und Griff genau prüfen muss, bin ich schneller unterwegs als mit Seil. An der Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten habe ich für die 550 Meter hohe Wand nur drei Stunden gebraucht. Mit Sicherung wären es sechs Stunden.

SPIEGEL: Waren Sie jemals in einer Situation, in der die Angst stärker war als Sie?

Huber: Das war auf der Kommunist-Route, 25 Meter hoch, am Schleierwasserfall in Tirol. Der Schwierigkeitsgrad liegt bei X+, das Härteste, was bis heute im Free Solo geklettert wurde. Die Wand ist stark überhängend. In sechs Meter Höhe befindet sich der sogenannte point of no return, von dieser Stelle an kann man nur noch nach oben klettern. Zweimal bin ich an diesen Punkt herangeklettert, zweimal habe ich zurückgezogen und bin wieder runter. Ich konnte die Angst nicht kontrollieren, ich war zu nervös und hatte zu viel Adrenalin im Blut. In so einer Situation funktionieren die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, nicht mehr voll, und ich verliere die Spitze der Kraft.

SPIEGEL: Sie waren in Panik?

Huber: An diesem Tag konnte ich mich nicht auf meine Kraft und Präzision verlassen. Ich spürte ein leises Muskelzittern und merkte, dass ich nicht funktioniere. Ich musste zurückziehen und war kurz davor, das ganze Vorhaben abzubrechen.

SPIEGEL: Und warum haben Sie weitergemacht?

Huber: Ich wusste, dass der dritte Versuch am Kommunist mein letzter sein würde. Ich hatte noch mal zwei Wochen an der Wand trainiert, und dann lief alles perfekt. Ich kam an die Schlüsselstelle und habe gespürt, dass ich weiterklettern kann. Um über den point of no return zu kommen, musste ich eine Art Sprung machen, einen dynamischen Kletterzug. Alle Muskeln haben gleichzeitig 100 Prozent gegeben. Ich habe über eineinhalb Meter nach oben gegriffen. Dann haben sich meine Finger in den Felsen gekrallt, und für einen kurzen Zeitpunkt hing ich nur noch mit meinen Fingerkuppen an der Wand dran. Das war eine geniale Grenzerfahrung.

SPIEGEL: Sie haben Kopf und Kragen riskiert.

Huber: Nein. Es war Können. Die Chance, dass ich abstürzte, lag bei eins zu tausend. Und zwar deshalb, weil ich es mir einfach nicht vorstellen konnte, dass ich runterfalle. Da war mein Selbstvertrauen riesig.

SPIEGEL: Wie überwindet man die Angst?

Huber: Dazu gehört Erfahrung. Ich habe erst mit 30 Jahren begonnen, Free Solos zu klettern. Mit dem Alter werden die mentale Kraft und die taktischen Fähigkeiten besser. Ich habe an sechs Meter hohen Wänden ohne Seil angefangen und dann die Schwierigkeiten und die Routenlängen erhöht. Heute weiß ich, welche Bewegungen an der Wand gefährlich sind und welche nicht. Dazu kommt meine akribische Vorbereitung. Jede Wand, an der ich Free Solo klettern will, lerne ich wie einen Mitbewohner in einer WG kennen, ausführlich, mit allen Stärken und Schwächen. Ich durchklettere die Wand so lange mit einem Partner in einer Seilschaft, bis ich überzeugt bin, alles im Griff zu haben. Das trainiert mein Selbsteinschätzungsvermögen. Am Ende dieses Prozesses weiß ich, wie schwer die Aufgabe ist und ob ich ihr gewachsen bin.

"Wenn ich oben ankomme, wird der Rest des Lebens komplett egal"

SPIEGEL: Haben Sie immer alles unter Kontrolle?

Huber: Nein. Das habe ich vor zehn Jahren erfahren müssen. Damals habe ich unter einer Angsterkrankung gelitten. In nur vier Wochen war ich am Boden, gefühlt war es von heute auf morgen.

SPIEGEL: Was war passiert?

Huber: Da ist in sehr kurzer Zeit ziemlich viel schiefgelaufen. Es fing damit an, dass ein Kletterprojekt nicht geklappt hatte. Leider ist auch das nachfolgende grandios gescheitert. Zu allem Überfluss habe ich mich verletzt und wurde von anderen Kletterern so kritisiert, dass es mich im Herzen getroffen hat. Ich war sportlich unter riesigem Druck. Auf meinem Rücken lagen Tonnen. Und dann ist die Situation in mir eskaliert.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Bergsteigen

Huber: Ich war nicht mehr von mir überzeugt, und das hat mir Angst gemacht. Wenn ich eine Angst bewältigt hatte, wurde sie direkt von einer anderen abgelöst. Irgendwann kam es so weit, dass ich sogar Angst vor der Angst hatte. Das Schlimmste war aber, dass mir das keinen Spaß mehr gemacht hat. Das war eine Niederlage vor mir selbst.

SPIEGEL: Wie sind Sie aus diesem Loch wieder rausgekommen?

Huber: Ich habe alles abgebrochen und musste erst mal erkennen, dass ich Hilfe brauchte. Medikamente zu nehmen war keine Option für mich, also habe ich mich an einen Psychologen gewandt und lange Gespräche geführt.

SPIEGEL: Sie dachten nie ans Aufhören?

Huber: Nie. Das Klettern ist mir zu wichtig. Wenn ich oben ankomme, übertrifft das alles, dann wird der Rest des Lebens komplett egal. Ich denke in diesem Moment nicht an das, was war, und nicht an das, was kommt. Ich bin wie erschlagen. Und das schafft eine Erinnerung, die so intensiv ist, dass ich diese Situation auch noch in 30 Jahren glasklar vor mir haben werde. Es kommt mir in meinem Leben nicht nur auf die Lebensjahre an, sondern darauf, dass ich ein erfülltes Leben führe und im Buch meiner Erinnerungen etwas drinsteht. Und jeder geglückte Aufstieg ist eine bunte Seite mehr in diesem Buch.

SPIEGEL: Sie sind süchtig.

Huber: Ein bisschen.

SPIEGEL: Wie lange können Sie noch Free Solo klettern?

Huber: Es kommt auf die mentale Stärke an, und die verfällt nicht so leicht wie die physische Kraft. Ich habe nach wie vor den Traum, das Free-Solo-Klettern an Orte zu bringen, an denen es noch nie jemand versucht hat. Das sollen die großen Wände an den großen Bergen der Welt sein.

SPIEGEL: Was haben Sie als Nächstes vor?

Huber: Ich spreche ungern über meine Pläne.

SPIEGEL: Warum?

Huber: Auch beim Bergsteigen gibt es einen Konkurrenzkampf. Meine Zurückhaltung hat auch mit Taktik zu tun. Bei Kletterprojekten ist die Kreativität entscheidend. Ich will neue und spannende Routen klettern, und wenn ich im Voraus öffentlich darüber spreche, würde ich mein geistiges Potential an andere verschenken. Deshalb behalte ich meine Ideen lieber für mich. Aber ich kann verraten, dass mein größtes Projekt dieses Jahr im September auf mich wartet.

SPIEGEL: Sie werden im Herbst Vater. Kommt es für Sie in Frage, nach der Geburt Ihres Kindes auf das hochriskante Free Solo zu verzichten?

Huber: Wieso? Ich bin nicht lebensmüde. Ich liebe mein Leben, und ich verteidige es mit Händen und Füßen. Dieser Eigenantrieb ist bei mir sehr groß. Ich muss nicht denken, dass ich wegen meines Kindes am Leben bleiben will. Denn ich will es ja selbst.

SPIEGEL: Herr Huber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Lukas Eberle

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