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Fotografie: "Mach den Mund zu"

Foto: Peter Lindbergh

Fotografie "Mach den Mund zu"

Der Fotograf Peter Lindbergh über Magermodels, seine Erfahrungen mit Politikern und das Geheimnis eines guten Bildes

SPIEGEL: Herr Lindbergh, kennen Sie den Heidelbeertrick?

Lindbergh: Was soll das sein?

SPIEGEL: Heidi Klum empfiehlt, bei Fotoshootings den Mund halboffen stehenzu- lassen, so dass noch eine Heidelbeere zwischen die Lippen passt. Das soll wahrscheinlich lasziv wirken.

Lindbergh: Wenn jemand solche Tricks anwendet, sage ich sofort: "Mach den Mund zu." Eine andere Marotte ist gerade der sogenannte Smirk: eine Mischung aus gelangweiltem Dreinschauen und Grinsen. Es gibt ein ganzes Repertoire an eingeübten Gesichtsausdrücken. Ein gutes Foto kommt dabei sicherlich nicht heraus.

SPIEGEL: Sie fotografieren seit über 30 Jahren Mode, Sie gelten als Erfinder der Supermodels, und im September werden Sie in einer großen Ausstellung in Berlin gefeiert. Was ist ein gutes Modefoto?

Lindbergh: Wenn es nur um die Mode ginge, sollte man Kleider besser vor einem weißen Hintergrund ablichten. Es geht aber um die Frau: Ein gutes Modefoto ist ein treffendes Porträt einer tollen Frau.

SPIEGEL: Man kann sich vorstellen, dass die Modeschöpfer wenig Verständnis dafür haben, wenn man ihre Design-Klamotten nicht erkennt, weil es Ihnen um die Frau geht.

Lindbergh: Natürlich kann man die Fotos nicht unterhalb des Halses abschneiden, weil man in der Woche gerade ganz besonders auf Porträtfotografie steht. Diese Balance zu finden ist die ganze Kunst.

SPIEGEL: Wie dirigieren Sie die Models, um die Fotos zu bekommen, die Sie wollen?

Lindbergh: Schauen Sie, bei Helmut Newton wussten die Models auch genau, was erwartet wird: Die kamen an den Set, haben guten Morgen gesagt und sich noch in der Tür die Bluse ausgezogen. Bei mir wissen die Models, dass es um ihre Persönlichkeit geht.

SPIEGEL: Mehr nicht?

Lindbergh: Ich arbeite nicht mit Frauen, die happy sind, weil sie dazugehören, und am Ende sind alle happy, keiner weiß, warum, alle lächeln, und die Fotos sehen belanglos aus. Wenn ich Shootings erlebe, wo der Fotograf "hey baby, you're fabulous" ruft, könnte ich meinen Beruf wechseln.

SPIEGEL: Gerade durch den Anschein, authentisch zu sein, hat es lange gedauert, bis sich die Fotografie als Kunstsparte etablieren konnte. Wann wird Modefotografie zu Kunst?

Lindbergh: Die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz ist überflüssig. Das sehen die Museen, die meine Bilder zeigen, genauso. Für mich ist ein Foto dann Kunst, wenn es Emotionen auslöst und in der Lage ist, etablierte Sehweisen zu verändern, oder einfach, weil es neu und originell ist.

SPIEGEL: Ein Keith-Richards-Triptychon von Ihnen wurde vergangenen November in London für über 100.000 Pfund versteigert. Auf den Fotos raucht Richards und lächelt in sich hinein. Kunst darf auf keinen Fall lachen, oder?

Lindbergh: Absolut. Lachen ist eindimensional, es radiert alles aus. Andere Emotionen sind nuancierter, sind besser. Das erste Mal, als ich mit Nadja Auermann gearbeitet habe, in der Nachmittagssonne in Los Angeles, da war die Atmosphäre so intensiv, dass sie plötzlich in Tränen ausbrach. Fotografieren kann sehr intim sein. Manchmal ist es so intim, dass ich die Frau direkt ansehe und gar nicht mehr durch den Sucher schaue. Ich prüfe dann nur zwischendrin kurz, ob ich einigermaßen im Format bin.

SPIEGEL: Ist Nähe Voraussetzung für ein gutes Foto?

Lindbergh: Ja, emotionale Nähe, die ist wichtig.

SPIEGEL: Und körperliche Nähe?

Lindbergh: Ich bin im Grunde ein sehr treuer Typ. Fotografie und Sex, das sind beides intime Akte. Wenn man mit einer Frau schläft, könnte ein gemeinsames Baby daraus entstehen. Wenn man eine Frau fotografiert, hat man ein gemeinsames Foto, das zwei Menschen ein ganzes Leben lang aneinander bindet.

Heute sind die Models um die 1,80 Meter und wiegen wenige, wenige Kilos

SPIEGEL: Sie haben 1999 den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder fotografiert, er wurde danach lange als Kaschmir-Kanzler verspottet.

Lindbergh: Das Lifestyle-Magazin von "Gala", das die Bilder damals brachte, nannte in den Fotocredits auch die Herstellernamen und die Preise. Mantel: Brioni, 4000 Mark, Anzug: Kiton, 3000 Mark. Der Kanzler wurde so zu einem Mannequin degradiert, das war eine Schwachsinnsidee. Grotesk.

SPIEGEL: War Schröder böse auf Sie?

Lindbergh: Nein, ich bin daran absolut unschuldig. Ich wusste davon nichts, ich habe nur die Fotos geliefert.

SPIEGEL: Haben Sie ihn später noch mal fotografiert?

Lindbergh: Nein.

SPIEGEL: Was ist schwieriger zu fotografieren, Profi-Models oder einen Machtmenschen?

Lindbergh: Gerhard Schröder hatte ein irres Gefühl dafür, sich vor der Kamera zu bewegen. Wie er mit der Zigarre posierte und sich inszenierte, das hat er mit größtem Genuss getan. Er hatte ein erstaunliches Fingerspitzengefühl, welchen Eindruck er gerade vermittelt. Und welchen Eindruck er vermitteln will. Er hat sich vier Stunden für mich Zeit genommen, und wir haben uns sehr gut verstanden. Nach dem Shooting sind wir essen gegangen, und Schröder sagte: "Wenn ich das nächste Mal nach Paris komme, dann können wir uns gerne treffen. Gut, ich muss halt zuerst zu Chirac, aber danach!"

SPIEGEL: Vier Stunden für ein Shooting mit einem Spitzenpolitiker?

Lindbergh: Ja, er hatte einen halben Tag eingeplant, das ist für einen Kanzler außergewöhnlich lange. Vor kurzem habe ich Eric Holder, den US-amerikanischen Justizminister, für die amerikanische "Vogue" fotografiert. An dem Tag, an dem wir da waren, begannen in Washington gerade die Anhörungen zu BP. Holder hatte zwei Stunden für uns eingeplant. Er sagte: "Nur keine Eile, je länger das dauert, umso besser. Wenn ich hier fertig bin, habe ich ganz andere Sachen am Hals."

SPIEGEL: Sie schrieben 1989 Fotografiegeschichte, als Sie fünf Mädchen zusammen aufnahmen: Tatjana Patitz, Linda Evangelista, Christy Turlington, Naomi Campbell und Cindy Crawford. Als sogenannte Supermodels dominierten diese Frauen später jahrelang die Modebranche. Wie haben sich die Models in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Lindbergh: Als ich anfing, kamen viele Models aus Schweden, waren blond, hatten perfekte Beine und lachten wunderschön. Die waren 1,73 Meter - für damalige Verhältnisse war das groß. Heute sind die Models um die 1,80 Meter, kommen aus Osteuropa und wiegen wenige, wenige Kilos. Die hungern sich zu Tode, das kann man als intelligenter Mensch nicht gut finden.

SPIEGEL: Bei der Madrider Modewoche wurden 2006 das erste Mal nur Models zugelassen, die einen gewissen Body-Mass-Index nicht unterschritten.

Lindbergh: Das ist so albern wie die Diskussion, die neulich in Frankreich aufkam. Zu jedem gedruckten Foto sollte es eine Fußnote geben, in der aufgezählt wird, was retuschiert wurde. So nach dem Motto: "14.6.2010: Pickel wegretuschiert". Das kann man nicht machen.

SPIEGEL: Sondern?

Lindbergh: Es sind die Fotografen, die verantwortlich handeln müssen, sie suchen die Models ja aus. In der Modebranche werden Menschen nur in Details wahrgenommen, man hört unglaubliche Dinge wie: "Die hat ein schönes, längliches Gesicht, aber die Wangenknochen sind einen Tick zu breit." Wenn ich ein phantastisches Mädchen sehe, dann achte ich doch nicht darauf, ob die Beine kerzengerade sind.

SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, sie würden gern die inzwischen 69-jährige Schauspielerin Faye Dunaway fotografieren, aber lieber noch fünf Jahre warten, weil sie damals gerade ein Facelifting hinter sich hatte. Viele Schauspieler wie Megan Fox sehen heute mit Anfang zwanzig so aus, als hätten sie nicht mehr ihr Originalgesicht.

Lindbergh: Ich habe mal ein nicht sehr vorteilhaftes, aber interessantes Foto von Jeanne Moreau gemacht und sie darum gebeten, es leicht retuschiert veröffentlichen zu dürfen. Sie war damals 78 und sagte erstaunt: "Aber Peter, was willst du denn da retuschieren?" Ich würde sagen, Moreau ist die Frau, die ich am liebsten fotografiert habe.

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass die Konkurrenz unter Fotografen härter geworden ist?

Lindbergh: Heute kann jeder Fotograf werden, weil man mit Photoshop im Nachhinein so viel richten kann. Aber jeder, der anfängt, steht vor dem gleichen Problem wie vor 40 Jahren: Um an die interessanten Sachen zu kommen, muss man etwas Interessantes zeigen. Die Kunst der Fotografie besteht darin, etwas Neues zu schaffen, etwas so abzubilden, wie es noch kein anderer gezeigt hat. Viele Fotografen gehen aber nicht von ihren eigenen Gedanken aus, sondern von existierenden Bildern. Die Fotografie ist eine Kuh geworden, die alles siebenmal wiederkäut.


Ausstellung "Peter Lindbergh. On Street" ab dem 25. September bei C/O Berlin

Das Interview führten Nora Reinhardt und Stefan Simons
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