AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 32/2010

SPIEGEL-Gespräch "In dieser Gesellschaft brodelt es"

Corbis

2. Teil: "Wer das Gemeinwesen beschädigt, verletzt am Ende sich selbst"


SPIEGEL: Ist Demokratie ohne Moral nicht lebensfähig?

Negt: Demokratie im Sinne einer funktionierenden Zivilgesellschaft ist mehr als eine Machttechnik. Sie beruht auf der Selbstbestimmung autonomiefähiger Bürger. Deshalb verstößt jede Behinderung oder Einschränkung dieser Autonomie und Selbstbestimmung gegen ihre moralische Leitnorm. Politik im demokratischen Prozess ist ein Stück Sinnverwirklichung des Menschen als eines gesellschaftlichen Wesens.

SPIEGEL: Wenn dagegen die Politikverdrossenheit zunimmt ...

Negt: ... gehen der so vernachlässigten und vergessenen Demokratie die echten Demokraten aus. Eine vergleichbare Entwicklung hat zum Untergang der Weimarer Republik geführt. Es kommt zu einer unmerklichen, aber folgenreichen Wirklichkeitsspaltung: Die subjektiven Orientierungen des Menschen und das öffentliche System der staatlichen Institutionen driften auseinander. Am Ende steht eine gebrochene Gesellschaftsordnung, in der, wie Sie zu Recht sagen, das offizielle Institutionengefüge völlig intakt und funktionsfähig erscheint - die Wahlen werden nicht gefälscht, die Korruption ist nicht endemisch, die Machtteilung wird respektiert, Recht wird gesprochen. Aber im Inneren dieser Gesellschaft brodelt es, mit Ausbrüchen ist zu rechnen, in der Abwendung vom System entstehen politische Schwarzmarktphantasien - das Einfallstor für Populisten jeder Art.

SPIEGEL: Und damit auch Vorurteile und Ressentiments, zum Beispiel gegen Zugewanderte?

Negt: Die Subkultur des Stammtischs, ja, und damit geht die Verantwortungsethik verloren, deren Postulat dem abgewandelten kategorischen Imperativ von Kant entspricht: Handele stets so, als ob von deinem Handeln - oder Nichthandeln - die Wendung des Schicksals der Welt abhinge. Wer das Gemeinwesen beschädigt, verletzt am Ende sich selbst.

SPIEGEL: Wie wollen Sie denn der Flucht ins Private entgegenwirken? Dort sehen die Menschen, vor allem Jugendliche, die Freiheitsräume, die ihnen im großen Ganzen abhandengekommen sind.

Negt: Es mag ein bisschen verstaubt und anachronistisch klingen, aber ich sehe nur eine Möglichkeit: politische Bildung. Seit Jahrzehnten gehe ich der Frage nach, wie politisches Urteilsvermögen entsteht. Es gilt, das Besondere der je eigenen Lebenswelt mit dem Allgemeinwohl der Gesellschaft dialektisch in Zusammenhang zu bringen. Deshalb vertrete ich die These: Demokratie muss gelernt werden - immer wieder, tagtäglich, ein Leben lang. Die Menschen werden nicht als politische Wesen geboren. Der Mensch als Zoon politikon, als politisches Lebewesen im Sinne von Aristoteles, ist das Ergebnis eines ständigen Erziehungs- und Lernprozesses, nicht eine anthropologische Konstante.

SPIEGEL: Gut, aber in die Banalität der Lebenspraxis übersetzt, hört sich das nach Erwachsenenbildung, Volkshochschule, Gewerkschaftsseminaren an. Also nicht gerade verlockend.

Negt: Von besonderem Eifer ist in dieser Hinsicht tatsächlich wenig zu verspüren, das räume ich sofort ein. Aber die Verbindung von Bildung und Demokratie ist einzigartig. Sachwissen, Berufsqualifikation ist mit jeder Gesellschaftsverfassung vereinbar, auch mit einer totalitären; politische Bildung dagegen nur mit einer demokratischen Ordnung, denn ihr Ziel ist der mündige, aufgeklärte Bürger, der es wagt, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen.

SPIEGEL: Für den Philosophen ist der Lebensentwurf des fortwährend, bis ins hohe Alter hinein lernenden Menschen zweifellos faszinierend - gewissermaßen die Verwirklichung des sokratischen Ideals. Aber ist diese Vorstellung nicht selbst eine Utopie? Die meisten Menschen haben mehr als genug damit zu tun, sich beruflich weiterzubilden, um sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können.

Negt: In der betriebswirtschaftlichen Logik ist politische Bildung mit keinem Mehrwert verbunden. Aber das spiegelt ein kurzfristiges Denken in einem verengten Gegenwartshorizont wider. Auf lange Sicht ist nur ein System stabil und friedensfähig, in dem die Menschen bei allem, was sie tun oder unterlassen, immer im Auge behalten, wie es das Gemeinwesen berührt.

SPIEGEL: Im Grunde schwebt Ihnen für Ihren Idealstaat die Verbindung von Kant und Marx vor: Kategorischer Imperativ plus Sozialismus?

Negt: Ich habe bei meiner Emeritierung im Juli 2002 meine Abschiedsvorlesung über Kant und Marx gehalten.

SPIEGEL: Bundeskanzler Gerhard Schröder saß unter den Zuhörern.

Negt: Für Kant hatte das Allgemeine den höchsten Status. Sozialistische Politik muss heute den schwierigen Weg von unten nach oben einschlagen, also vom Besonderen der eigenen Lebenswelt zum oft schwer zu begreifenden und deshalb drückenden Allgemeinen vorstoßen. Oder in den Worten von Marx im "Kommunistischen Manifest": Die freie Entwicklung eines jeden ist die Bedingung für die freie Entwicklung aller. Dieser Sozialismus ist weder entehrt noch überholt, auch keineswegs abgegolten, um mit Ernst Bloch zu sprechen.



insgesamt 334 Beiträge
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Seite 1
Sportstudi82 14.08.2010
1. Ist das nicht etwas Tolles?!!!
Evidenzfreier, linker Philosophen-Mist. Negt ist fernab der Realität. Umverteilung von unten nach oben. Da kann man doch nur lachen. Dass immer mehr junge und motivierte Leute auch aus sozial schwächeren Familien durch eigene Leistung und Ausbildung den Sprung in die Oberschicht (beginnt schon ab 2000 Euro Nettoeinkommen) schaffen, wird in diesem Land nie positiv erwähnt. Das ist doch verdammt nochmal auch etwas Tolles!!! Wenn die deutsche Gesellschaft noch weiter nach links rückt, werden wir motivierten Jung-Akademiker bald alle weg sein. Meint ein Doktorand und früherer, zutiefst enttäuschter SPD-Wähler
Stefanie Bach, 14.08.2010
2. Projekt soziale Marktwirtschaft
Zitat von sysopDer Philosoph Oskar Negt über die Risse in der Sozialordnung, die Notwendigkeit politischer Bildung und die Spannung zwischen Wirklichkeit und Utopie http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,710880,00.html
Der Mann hat recht, es gibt diese Aufteilung von Wirklichkeitsschichten, eine tiefe Spaltung in der Gesellschft, die durch eine unverständige Politik in den letzten Jahren verursacht wurde. Der Laden fliegt auseinander, wenn nicht zügig und konsequent das zentrale Projekt in Angriff genommen wird: Die soziale Marktwirtschaft liberal und sozial erneuern (http://www.plantor.de/2009/die-soziale-marktwirtschaft-liberal-und-sozial-erneuern/).
semper fi, 14.08.2010
3. -
Zitat von sysopDer Philosoph Oskar Negt über die Risse in der Sozialordnung, die Notwendigkeit politischer Bildung und die Spannung zwischen Wirklichkeit und Utopie http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,710880,00.html
Die Einleitung ist goldig: "Herr Professor Negt, in Ihrem neuen Buch ...". Die Welt könnte untergehen (sie geht nicht unter), und die Marketingmaschine läuft und läuft und läuft ....
Heinzel, 14.08.2010
4. ....
Zitat von Sportstudi82Evidenzfreier, linker Philosophen-Mist. Negt ist fernab der Realität. Umverteilung von unten nach oben. Da kann man doch nur lachen. Dass immer mehr junge und motivierte Leute auch aus sozial schwächeren Familien durch eigene Leistung und Ausbildung den Sprung in die Oberschicht (beginnt schon ab 2000 Euro Nettoeinkommen) schaffen, wird in diesem Land nie positiv erwähnt. Das ist doch verdammt nochmal auch etwas Tolles!!! Wenn die deutsche Gesellschaft noch weiter nach links rückt, werden wir motivierten Jung-Akademiker bald alle weg sein. Meint ein Doktorand und früherer, zutiefst enttäuschter SPD-Wähler
Und wer soll dann für deren Mütter und Väter die Rente zahlen? Der dumme Rest, der hierbleibt?
Hercules Rockefeller, 14.08.2010
5. Köstlich
Zitat von Sportstudi82Evidenzfreier, linker Philosophen-Mist. Negt ist fernab der Realität. Umverteilung von unten nach oben. Da kann man doch nur lachen. Dass immer mehr junge und motivierte Leute auch aus sozial schwächeren Familien durch eigene Leistung und Ausbildung den Sprung in die Oberschicht (beginnt schon ab 2000 Euro Nettoeinkommen) schaffen, wird in diesem Land nie positiv erwähnt. Das ist doch verdammt nochmal auch etwas Tolles!!! Wenn die deutsche Gesellschaft noch weiter nach links rückt, werden wir motivierten Jung-Akademiker bald alle weg sein. Meint ein Doktorand und früherer, zutiefst enttäuschter SPD-Wähler
Also als "Sportstudent" würde ich mich nicht zu "uns Akademikern" zählen. Sorry, aber nicht alles, was an Unis gelehrt wird, gehört da auch hin. Und "motiviert und jung", ja nun, dass werden Sie bei ihrer flotten Flucht ins Ausland schnell merken, ist man im Rest der Welt auch-oftmals in bedeutend höherer Zahl. Das alleine macht niemanden unverzichtbar.
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