Tiere Kranke Streuner

Seit Jahren steigt die Zahl verwilderter Straßenkatzen in deutschen Städten. Veterinäre fordern eine Kastrationspflicht und Ausgangssperren.

Ihren bislang größten Fang machte Gabriela Kelterbaum in einer Hochhaussiedlung im Kölner Stadtteil Meschenich. Gleich 47 verwilderte Katzen sammelte die Tierschützerin bei dem nächtlichen Einsatz ein.

Die Frau arbeitet ehrenamtlich beim Verein "Straßenkatzen Köln e. V. ". Wenn es weniger gut läuft, müssen die Aktivisten "bis zu 15-mal ausrücken, um ein einziges Tier zu fangen", berichtet Kelterbaum.

Die Katzenschützer locken die Tiere in spezielle Drahtkäfige, die mit einem Futterköder präpariert sind; anfassen lassen sich die Wildlinge nicht. Meist geht es dann direkt zum Veterinär, die Katzen werden untersucht und kastriert. Danach entlassen die Helfer sie wieder in die Freiheit.

An ein Leben als Hauskatze würden sich die Streuner nicht mehr gewöhnen, auch die Tierheime nehmen sie nicht auf. Die Kastration soll wenigstens verhindern, dass es immer mehr werden.

Futterstellen für die Streuner

In Deutschland herrscht Katzenplage: Allein im Großraum Köln leben schätzungsweise 40.000 verwilderte Straßenkatzen, in Berlin angeblich bis zu 100.000. Sie stammen zumeist von Tieren ab, die schon vor Generationen von ihren Haltern ausgesetzt wurden, und täglich kommen neue dazu. In diesem Sommer haben die meisten Tierheime sogar einen Aufnahmestopp verhängt; im vergangenen Jahr verstopften mehr als 130.000 Krallenträger die Asyle - weit mehr als Hunde, Vögel oder Kleintiere.

Sie hausen in Parkanlagen, Kleingärten und auf Friedhöfen, bringen ihre Jungen auf Industriebrachen, Müllkippen oder Autohöfen zur Welt. Eine Katzenfamilie logierte unlängst in einem Parkhaus mitten in der Frankfurter Innenstadt, eine weitere an der Jahrhunderthalle in der Main-Metropole. In Paderborn hatte ein Trupp ein Studentenwohnheim zur Heimstatt erkoren, ein anderer das Gefängnis.

"Die Katzen sind überall", stöhnt Susan Smith von der "Aktion Tier"  in Paderborn. Auch ihr Verein organisiert Kastrationskommandos, päppelt Katzenbabys und unterhält Futterstellen für die Streuner. Es gibt kaum noch eine deutsche Gemeinde, in der nicht mindestens ein Katzenretter-Club aktiv ist.

Den Paderbornern allerdings wurde es vor ein paar Jahren zu viel. Allein Smith und ihre Vereinskollegen fingen jedes Jahr mehr als 700 Katzen ein und ließen sie unfruchtbar machen. Im ländlichen Raum kommen zu den verantwortungslosen Ex-Katzenbesitzern noch beratungsresistente Bauern hinzu, deren Höfe von einer unüberschaubaren Katzenschar bevölkert werden.

Das "Paderborner Modell"

Um die Plage einzudämmen, muss man vor allem jene Halter umerziehen, die ihren Hauskatzen Freigang gewähren, ohne sie vorher kastrieren zu lassen. "Wenn eine vermehrungsfähige Katze draußen herumläuft, wird sie sich auch vermehren", erklärt Ralf Lang, Amtstierarzt in Paderborn.

Seit zwei Jahren gilt in der ostwestfälischen Stadt deshalb die Kastrationspflicht: Wer Kater oder Katze nach draußen lassen möchte, muss das Tier kastrieren und kennzeichnen lassen; ansonsten droht ein Bußgeld. "Wir wollen damit ein Bewusstsein für das Problem schaffen und vor allem die Verursacher treffen", erläutert Tiermediziner Lang. Eine gekennzeichnete Katze wird auch nicht mehr so einfach ausgesetzt.

Mittlerweile sind weitere Gemeinden den Paderborner Pionieren gefolgt. Bei Ordnungsamtsleiter Udo Olschewski steht das Telefon nicht mehr still; in vielen Städten und an der Tierärztlichen Hochschule (Tiho) Hannover hat er das "Paderborner Modell" bereits vorgestellt. In Baden-Württemberg ist derzeit sogar eine landesweit gültige Verordnung in der Diskussion.

Felis catus hat ein Imageproblem

Felis catus, das beliebteste Haustier der Deutschen, hat ein Imageproblem. Jene scheinbare Unabhängigkeit, die Katzenfans an ihren Lieblingen so schätzen, führt dazu, dass sie sich ihrer leichten Herzens entledigen - was einem Hundehalter kaum in den Sinn käme.

"In Deutschland gilt es immer noch als selbstverständlich, dass Katzen auch allein zurechtkommen", kritisiert Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Tierschutzzentrums an der Tiho Hannover. "Da ist es fast schon üblich, dass man bei einem Umzug die Katzen zurücklässt."

Am liebsten würde Hackbarth sämtlichen Hauskatzen den Freigang streichen. "Katzen sind seit Tausenden von Jahren domestiziert, die haben in freier Wildbahn nichts zu suchen", sagt der Veterinärmediziner. "Freigänger fangen Jungvögel weg, weil die Halter nicht auf Brut- und Setzzeiten achten, sie verursachen ständig Verkehrsunfälle und treiben die Zahl der Straßenkatzen in die Höhe."

Täglicher Kampf ums Überleben

Hackbarths Domäne ist der wissenschaftliche Tierschutz; der Charme putziger Katzenkinder beeindruckt ihn weniger. Die Einsätze der Straßenkatzenfans sieht der Forscher denn auch kritisch. "Es ist unsinnig, durch Futterstellen künstliche Populationen am Leben zu halten", erklärt Hackbarth. "Diese Tiere sind von allen möglichen Krankheiten durchseucht, die Sie nie wieder rauskriegen; und sie müssen täglich ums Überleben kämpfen."

Die Kastrationspflicht hingegen hält auch Hackbarth für sinnvoll, ebenso die Versuche der Vereine, Katzenbabys von der Straße zu holen und noch in der Prägungsphase an den Menschen zu gewöhnen. Denn kommt eine Katze nicht in ihren ersten Lebenswochen mit Menschen in Kontakt, wird sie auch später nicht mehr zum verschmusten Haustier.

Für die erwachsenen, nicht mehr vermittelbaren Tiere schlägt Hackbarth daher eine radikale Lösung vor, die bei Katzenfans wenig Beifall finden dürfte: "Einschläfern."

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