AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2010

Literatur "Oralverkehr mit Vokalen"

2. Teil: "Veränderungen und Wildwuchs in der Sprache sollten wir erlauben"


Grass: Entspann dich. Der ist kaputt. Gib mal her. Es ist für mich ein wunderbarer Zugewinn, dass ich mit Hilfe meiner Enkel auf dem Laufenden darüber bin, was herrschender Jargon ist. Dafür sind Ausdrücke wie das alte Berliner Wort knorke eben nicht mehr in Gebrauch.

SPIEGEL: Bedauern Sie den Verlust?

Grass: Ein Wort wie knorke konserviert ja zum Glück die Literatur. Allgemein halte ich es mit Jacob Grimm und finde, dass wir Veränderungen und Wildwuchs in der Sprache erlauben sollten. Zwar können so auch unheilvolle neue Wörter entstehen, doch Sprache braucht die Chance, sich immer wieder zu erneuern. In Frankreich, wo die Académie française eine geradezu polizeiliche Aufsicht über die Wörter hält, lässt sich beobachten, dass Sprache förmlich werden, erstarren kann, wenn man sie allzu sehr behütet.

SPIEGEL: Sie geben in "Grimms Wörter" sogar Ihren eigenen Namen für Veränderungen frei.

Grass: Ich erlaube mir, Grass mit doppeltem s oder ß zu schreiben. Vor der Rechtschreibreform schrieb man Hass auch mit ß. Ich selbst unterzeichne gerne mit ß. Mir gefallen diese Spielereien, ebenso wie mich verschiedene Schriften begeistern oder die Qualität von Buchpapier. Zum Glück habe ich in Gerhard Steidl einen Verleger gefunden, der ein Büchermachernarr ist und zärtlich mit dem Papier und seiner Druckmaschine umgeht.

SPIEGEL: Sie sind einer der wenigen, die die Gestaltung ihrer Bücher übernehmen. Sie haben alle Umschläge selbst entworfen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Grass: Es ist der Schluss, es gehört dazu wie der erste Satz. Und es verlangt dieselbe Sorgfalt, die beim Schreiben vonnöten ist.

SPIEGEL: Wie sieht ein guter Umschlag aus?

Grass: Er sollte wie ein Emblem den Inhalt des Buches verdichten und vereinfachen. Auf dem Umschlag von "Hundejahre" tut dies der Hundekopf, der wie eine Fingerfigur aus einem Schattenspiel aussieht; bei "örtlich betäubt" habe ich ein Feuerzeug mit einem Finger darüber gewählt. Dieses Mal sind es nun Buchstaben. Es wäre sinnlos gewesen, mit einem Doppelporträt der Brüder Grimm zu arbeiten, das hätte die Aussage nur teilweise getroffen. Ich habe vor wenigen Tagen erst das fertige Buch in der Hand gehalten. Es ist jedes Mal ein wunderbares Erlebnis.

SPIEGEL: Dann muss Sie die Entwicklung auf dem Buchmarkt mit Unmut erfüllen. In den USA steigt der Verkauf von elektronischen Büchern sprunghaft an.

Grass: Ich glaube nicht, dass damit das Buch erledigt ist. Es wird eine andere Wertigkeit bekommen. Die Massenproduktion wird sich reduzieren, und das Buch wird wieder das Ansehen eines aufbewahrenswerten, vererbbaren Gegenstandes erlangen.

SPIEGEL: Können Sie sich "Grimms Wörter" auf einem iPad vorstellen?

Grass: Kaum. Aber ich habe auch mit meinem Verleger abgesprochen, dass keines meiner Bücher dafür freigegeben wird, bevor ein die Autoren schützendes Gesetz wirksam wird. Ich kann allen Autoren nur raten, in dieser Beziehung ebenso viel Selbstbewusstsein zu entwickeln.

SPIEGEL: Sie rufen zum Protest auf?

Grass: Ich würde diese Entwicklung hin zum Lesen auf Computern gern aufhalten, aber das kann offenbar niemand. Dabei werden die Mängel des elektronischen Verfahrens bereits beim Erstellen des Manuskripts offenkundig. Die meisten jungen Autoren schreiben direkt in den Computer, verändern und arbeiten in ihren Dateien. In meinem Fall dagegen existieren zahlreiche Vorstufen: eine handschriftliche Fassung, zwei, die ich selbst mit meiner Olivetti-Schreibmaschine getippt habe, und schließlich mehrere Ausdrucke von Fassungen, die meine Sekretärin in den Computer eingegeben und ausgedruckt hat und in die ich jeweils zahlreiche handschriftliche Korrekturen eingearbeitet habe. Solche Arbeitsgänge gehen verloren, wenn man gleich am Computer schreibt.

SPIEGEL: Kommen Sie sich mit Ihrer Olivetti nicht altmodisch vor?

Grass: Nein. Im Computer sieht ein Text immer irgendwie fertig aus, auch wenn er es längst nicht ist. Das verführt. Ich schreibe die erste, handschriftliche Fassung meist in einem Guss, und wenn mir etwas nicht einfällt, lasse ich eine Lücke. In der Olivetti-Fassung fülle ich diese Lücken, und durch die Gründlichkeit setzt sich in den Text auch eine gewisse Umständlichkeit. Bei den folgenden Fassungen bemühe ich mich, das Ursprüngliche der ersten mit der Genauigkeit der zweiten zu verbinden. Bei diesem langsamen Vorgehen ist die Gefahr geringer, dass sich Glätte und Beliebigkeit einschleichen.

SPIEGEL: Hat sich Ihre Sprache dennoch im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Grass: Ich war anfangs darum bemüht, alle Register zu ziehen. Als ich "Die Blechtrommel", "Katz und Maus" und "Hundejahre" schrieb, war das ja in einer Zeit, in der viele ältere Autoren meinten, die deutsche Sprache dürfe nie mehr überborden.

SPIEGEL: Sie sprechen von den Vertretern der sogenannten Kahlschlagliteratur in der Nachkriegszeit?



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
saul7 18.08.2010
1. ++
Zitat von sysopDer Nobelpreisträger Günter Grass über seine Verehrung für die Brüder Grimm, seine Heimat in der deutschen Sprache und seine Unzufriedenheit mit jungen Kollegen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,711869,00.html
Der Gealterte ermüdet eigentlich nur noch....
elpaso, 19.08.2010
2. Noch so ein Gutmensch oder?
Ich erinnere mich noch an die Spätbeichte dieses angeblichen Gutmenschen und ewigen mit dem Finger auf andere Zeiger (also wie alle typischen Gutmenschen). Pure Heuchelei
fast_weise 19.08.2010
3. ach der Grass
selten so gelacht, was mir von Grass in Erinnerung bleiben wird: Versuche den politisch Andersdenkenden bzw. mit vermeintlicher Vergangenheit gesellschaftlich "auszuschalten" und dann nach Jahren mit eigener verschwiegener SS-Vergangenheit den kommerziellen Eigenerfolg befeuern. Ja solche moralische Instanzen würde man vermissen...
juerv1, 19.08.2010
4. .
Es gibt definitiv noch eine Person auf der Welt, die Günter Grass' Anmerkungen zur Literatur und zum Weltgeschehen für relevant hält: nämlich Günter Grass. Aber warum darf er das alle paar Jahre in ellenlangen Interviews demonstrieren?
GinaBe 19.08.2010
5. Der Titel täuscht....
Günter Grass ist alt, ETWAS müde und auch weise und leise geworden. Er hat seinen Lebenstraum noch nicht ausgeträumt und arbeitet fleissig an der Gestaltung seiner Hinterlassenschaft. Wo ist darin ein Fehler? Wenn er das Wort "Labsal" so schätzt, schließe ich mich mit "Rhabarber" an, füge "Ananas" dazu, die beide ausgesprochen vokalbetont sind, gut klingen, vielleicht "fruchtiger?" als Labsal. Veraltete Wörter, deren Bedeutung kaum noch jemand kennt, sterben aus, weil sie nicht mehr gesprochen werden, weil sie nicht mehr... leben....
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