AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2010

Literatur "Oralverkehr mit Vokalen"

3. Teil: "Ich wollte nicht wissen, wer mich bespitzelt hat."


Grass: Ja, und die Autoren hatten allen Grund für ihre Zurückhaltung. Die deutsche Sprache war im Nationalsozialismus beschädigt worden. Doch wir Jungen, auch Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger zählten dazu, wollten uns diese Fesseln nicht anlegen und die Sprache nicht insgesamt schuldig sprechen. So habe ich aus dem Gefühl heraus geschrieben, alles zu zeigen, was sie hergibt. Nun ist im Alter Erfahrung hinzugekommen. Und bewussteres Schreiben.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Grass: In hohem Maß auch die politischen Erfahrungen meines Lebens, die ich in "Grimms Wörter" beschreibe. Im Jahr 1961 zum Beispiel reiste ich zum ersten Mal im Wahlkampf-Tross von Willy Brandt mit. Der Mauerbau zählt ebenfalls zu diesen Erfahrungen, die Wiedervereinigung 1989/90, meine zahlreichen Besuche in der DDR zuvor.

SPIEGEL: Was hat Sie dorthin getrieben?

Grass: Ich war überzeugt vom Konzept einer einheitlichen Kulturnation. Also haben wir Autoren aus West und Ost uns in Ost-Berliner Privatwohnungen getroffen und aus unseren Manuskripten vorgelesen. Ich bezweifle, dass die Stasi-Spitzel überhaupt begriffen, worum es mir ging. Sie konnten nicht nachvollziehen, dass jemand nach zwei Seiten hin kritisch sein kann. Den Eindruck gewann ich jedenfalls bei der Lektüre meiner Akte.

SPIEGEL: Was haben Sie beim Lesen empfunden?

Grass: Ich habe mich vor allem gelangweilt. Ich habe mich auch lange geweigert, das Zeugs überhaupt zu lesen, und nie einen Antrag gestellt. Es sind mehr als 2000 Seiten. Frau Birthler hat sie mir schließlich ausgehändigt, aber ich habe mir ausgebeten, dass all die Stellen, in denen Spitzel genannt werden, geschwärzt sind. Ich wollte nicht wissen, wer mich bespitzelt hat. Das spielt, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, keine Rolle mehr.

SPIEGEL: Gegen die Wiedervereinigung haben Sie vehement argumentiert. Wie fällt Ihr Urteil heute aus?

Grass: Ich finde nach wie vor, dass wir uns die DDR nicht auf diese überhastete Weise hätten einverleiben dürfen. Es ist ein Unding, welch große Chance wir vertan haben. Man hätte diesen Moment, in dem nach zwei Diktaturen das demokratische Selbstbewusstsein in den berühmten vier Wörtern erblühte, nicht abwürgen dürfen. "Wir sind das Volk!" - und schon wurde es mitsamt seiner Produktionsstätten abgewickelt und sein Vermögen durch die Treuhand für einen Appel und ein Ei verschleudert. Diese 17 Millionen Menschen dort hatten während der langen Nachkriegszeit die Hauptlast des von allen Deutschen geführten und verlorenen Krieges zu tragen.

SPIEGEL: Was hätten Sie getan?

Grass: Ich hätte die Steuern um ein Vielfaches erhöht und keine Einheit auf Pump betrieben. Es steckt eine gehörige Portion Selbstbetrug darin, wenn wir uns jetzt im Jubiläumsjahr dazu beglückwünschen, wie wunderbar alles geworden ist. Die Tatsachen sprechen dagegen: Die hohe Arbeitslosigkeit, die entvölkerten Landschaften. Und das, was man die Mauer im Kopf nennt, existiert weiterhin. Dazu beigetragen hat auch der Umgang mit der PDS. Sie wurde regelrecht hochgejubelt, weil man sie als Nachfolgepartei der SED nicht zur Verantwortung zog. Es wurde ihr sehr leicht gemacht, und der SPD hat dieses Vorgehen geschadet.

SPIEGEL: Schmerzt Sie der Bedeutungsverlust der SPD?



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
saul7 18.08.2010
1. ++
Zitat von sysopDer Nobelpreisträger Günter Grass über seine Verehrung für die Brüder Grimm, seine Heimat in der deutschen Sprache und seine Unzufriedenheit mit jungen Kollegen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,711869,00.html
Der Gealterte ermüdet eigentlich nur noch....
elpaso, 19.08.2010
2. Noch so ein Gutmensch oder?
Ich erinnere mich noch an die Spätbeichte dieses angeblichen Gutmenschen und ewigen mit dem Finger auf andere Zeiger (also wie alle typischen Gutmenschen). Pure Heuchelei
fast_weise 19.08.2010
3. ach der Grass
selten so gelacht, was mir von Grass in Erinnerung bleiben wird: Versuche den politisch Andersdenkenden bzw. mit vermeintlicher Vergangenheit gesellschaftlich "auszuschalten" und dann nach Jahren mit eigener verschwiegener SS-Vergangenheit den kommerziellen Eigenerfolg befeuern. Ja solche moralische Instanzen würde man vermissen...
juerv1, 19.08.2010
4. .
Es gibt definitiv noch eine Person auf der Welt, die Günter Grass' Anmerkungen zur Literatur und zum Weltgeschehen für relevant hält: nämlich Günter Grass. Aber warum darf er das alle paar Jahre in ellenlangen Interviews demonstrieren?
GinaBe 19.08.2010
5. Der Titel täuscht....
Günter Grass ist alt, ETWAS müde und auch weise und leise geworden. Er hat seinen Lebenstraum noch nicht ausgeträumt und arbeitet fleissig an der Gestaltung seiner Hinterlassenschaft. Wo ist darin ein Fehler? Wenn er das Wort "Labsal" so schätzt, schließe ich mich mit "Rhabarber" an, füge "Ananas" dazu, die beide ausgesprochen vokalbetont sind, gut klingen, vielleicht "fruchtiger?" als Labsal. Veraltete Wörter, deren Bedeutung kaum noch jemand kennt, sterben aus, weil sie nicht mehr gesprochen werden, weil sie nicht mehr... leben....
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