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Energie Teure Ersparnis

Intelligente Strommesser versprechen enorme Einsparungen im Haushalt. Nun stellt sich heraus: Die Kosten sind oft weit größer als der Nutzen.

Smart Grid

Es gibt eine neue Pflichtvokabel für den fortschrittsbewussten Verbraucher. Ersonnen wurde sie von den Marketingexperten des Gütersloher Hausgeräteherstellers Miele. "SG ready" lautet der Begriff. Er bedeutet, dass ein Elektrogerät tauglich ist für den Einsatz im " ", dem intelligenten Stromnetz. Miele hofft, dass die Kunden beim Kauf einer Waschmaschine künftig auf das "SG ready"-Logo genauso achten wie auf die Schleuderdrehzahl oder das Warentest-Urteil.

Übernächste Woche stellt das Unternehmen auf der Funkausstellung in Berlin die ersten Waschautomaten und Trockner der neuen Generation vor: Mit ihnen soll eine neue Ära beginnen, die Ära kluger Haushaltsgeräte, die quasi selbst entscheiden, wie und wann sie sich an- und abschalten, um möglichst viel Energie zu sparen.

So eine Technologie berge "ein beträchtliches Einsparpotential", verspricht Miele, ohne dies freilich näher zu beziffern. Jedenfalls tüftelt an ähnlichen Hightech-Produkten derzeit die gesamte Elektrobranche. Sie will vorbereitet sein, wenn das Stromnetz der Zukunft Realität wird.

Seit Jahresbeginn müssen Hausbesitzer in allen Neubauten intelligente Stromzähler installieren, sogenannte Smart Meter, die Energieverbrauch und Nutzungszeit anzeigen. Zugleich sind die Netzbetreiber verpflichtet, vom kommenden Jahr an Stromtarife anzubieten, deren Höhe je nach Angebot und Nachfrage schwankt; bislang wird höchstens zwischen teurerem Tag- und billigerem Nachtstrom unterschieden.

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Strommesser: Kosten oft mehr, als sie sparen helfen

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Smart Meter und variable Tarife zusammen sollen den Bürgern ein phantastisches Sparpotential eröffnen, dachte die Große Koalition, als sie 2007 die Einführung der Geräte beschloss. Der damalige SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel schwärmte davon, dass die Technik zwar etwas koste, aber man dafür gut viermal so viel sparen könne. Gabriel lag damit ziemlich daneben, wie sich jetzt zeigt.

Schlau gezählt, teuer gezahlt

Tatsächlich ist der Aufwand, den Stromverbrauch in billigere Zeiten zu verlagern, nicht selten sogar größer als der Ertrag. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommen gleich mehrere Studien.

Der Aachener Energieberater Peter Klafka hat eine Summe von 21,50 Euro errechnet, die ein Haushalt mit Hilfe intelligenter Strommesser sparen kann - pro Jahr. Das Wissenschaftliche Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste in Bad Honnef kommt auf einen Betrag von 9 bis 42 Euro. Und die Bonner Bundesnetzagentur kalkuliert mit 12 bis 50 Euro.

Diesem überschaubaren Nutzen stehen enorme Kosten gegenüber. Den Austausch des Zählers stellen die Versorger dem Kunden laut Deutscher Energie-Agentur einmalig mit 35 bis 100 Euro in Rechnung. Dazu kommt noch eine happige jährliche Dienstleistungsgebühr: Sie rangiert je nach Anbieter zwischen 60 Euro für ein Basismodell und 240 Euro für das Komplettangebot. Unterm Strich also legt der Verbraucher gewaltig drauf: schlau gezählt, teuer gezahlt.

Das Sparpotential des intelligenten Stromnetzes werde "enorm überschätzt", resümiert Energieberater Klafka. Zuweilen verursache ein intelligenter Zähler sogar erst mal zusätzlichen Stromverbrauch, weil die Tarifdaten rund um die Uhr übertragen werden müssen. Eine dazu nötige permanente DSL-Verbindung verschlingt pro Jahr rund 131 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Ein moderner Kühlschrank benötigt weniger als 100.

Effizienzgedanke

Ursprünglich stand der ohnehin nicht im Vordergrund. Die Smart Meter sollten den Stromversorgern helfen, besser mit den Schwankungen fertig zu werden, die wegen der unstet fließenden erneuerbaren Energiequellen erheblich zugenommen haben.

Strompreis

Die Idee: Wenn der Wind bläst und die Sonne scheint, Energie also im Übermaß vorhanden ist, sinkt der , und das Smart Meter gibt dem Elektrogerät das Startsignal. So passt sich der Verbrauch wie von unsichtbarer Hand gesteuert dem Angebot an. In der Theorie jedenfalls.

Spürbarer Verlust von Komfort

Strom

Die Praxis zeigt indes: Die wenigsten Hausgeräte kommen dafür überhaupt in Frage. Kaum geeignet sind etwa Lampen, Computer, Klimaanlagen, Herde, Radios oder Fernseher. Niemand wird morgens auf die Tasse Kaffee und die Scheibe Toast verzichten, nur weil der gerade ein paar Cent teurer ist. Und keiner wird sich deshalb vor dem Schlafengehen rasieren oder die Haare föhnen.

Auch bei Kühlschränken und Gefriertruhen sind die Möglichkeiten beschränkt. Die Geräte sollen sich in Billigzeiten herunterkühlen, doch das geht nur bis zu bestimmten Temperaturen. Entsprechend kurz nur kann später der Stromfluss ausgesetzt werden.

Am ehesten noch lässt sich der Betrieb von Waschautomaten, Trocknern oder Spülmaschinen verschieben, allerdings um den Preis eines spürbaren Verlustes von Komfort - und von Schlaf, wenn frühmorgens plötzlich die Wäschetrommel selbständig ins Schleudern gerät.

Es ist nämlich nicht damit getan, den Stromverbrauch nur um Minuten zu verschieben, selbst einige Stunden reichen oft nicht aus. Die Intervalle von windstillen Phasen beispielsweise erstrecken sich manchmal über 36 bis 48 Stunden. Diese Spanne überfordert selbst den geduldigsten Verbraucher.

Kein Wunder also, dass sich nur wenige für die neuen Zähler begeistern können. Angesichts der Kosten würden sich laut einer Forsa-Umfrage nur vier Prozent "sehr wahrscheinlich" ein Gerät einbauen lassen. Am ehesten noch lohnt es sich für große Haushalte, die verschwenderisch mit Energie umgehen.

Falsche Anreize und überzogene Erwartungen

Auch die Versorger warten ab. Erst 15 von 800 Unternehmen bieten laut der Freiburger Forschungsgruppe EnCT ein entsprechendes Produkt an. Sie scheuen die Milliardeninvestitionen, die zur Verarbeitung der Datenflut nötig werden. Bislang offerieren sie den Kunden meist nur Basismodelle, die nicht mal so beschaffen sind, dass sich ihre Messergebnisse extern auslesen lassen.

Und auch die Tarifauswahl wird wohl überschaubar bleiben. So genügt es laut dem Berliner Energierechtler Jost Eder, wenn die Stromlieferanten bloß einen Tarif anbieten, der ganz schlicht nach zwei Zeitzonen gestaffelt ist - was viele längst tun: "Die gesetzlichen Vorgaben sind unzureichend", kritisiert Eder.

Falsche Anreize, überzogene Erwartungen, teure Messgeräte: Das Ziel der Bundesregierung, bis 2014 "möglichst flächendeckend" rund 48 Millionen neue Zähler zum Einsatz zu bringen, rückt in weite Ferne. Es sei "mit dem bisherigen Rahmenprogramm nicht zu erreichen", so das kühle Fazit der Bundesnetzagentur.

Man dürfe keinesfalls erwarten, dass in naher Zukunft "Energieeffizienzpotentiale bei der breiten Masse der Haushalte gehoben werden könnten" - zumal es den Verbrauchern sogar freisteht, den Einbau eines Zählers abzulehnen.

Anders in Italien: Dort sind innerhalb von nur vier Jahren nach einem festgelegten Fahrplan fast alle Haushalte mit intelligenten Zählern ausgestattet worden. Allerdings trieb die Italiener weniger der Sparreiz. Die Geräte haben sich vielmehr als geeignetes Instrument gegen den Stromdiebstahl erwiesen.

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