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Erziehung: Mutterliebe und Mutterwahn

Foto: THIBAULT CAMUS/ XTC109

Erziehung "Frauen sind keine Schimpansen"

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter über Mutterliebe und Mutterwahn, Rückschritte der feministischen Bewegung und das Streben nach dem perfekten Kind.

SPIEGEL: Frau Badinter, Sie haben drei erwachsene Kinder, waren Sie eine gute Mutter?

Badinter: Eine sehr mittelmäßige, wie in Wahrheit die Mehrheit aller Mütter. Ich habe immer versucht, das Maximum zu geben für meine Kinder, aber ich habe aus heutiger Sicht auch vieles falsch gemacht, deshalb würde ich mich als absolut durchschnittliche Mutter bezeichnen.

Simone de Beauvoir

SPIEGEL: Sie sind eine Anhängerin von , die die Mutterschaft rigoros ablehnte. Feministin und Mutter - war das für Sie nie ein Widerspruch?

Badinter: Nein, ich wollte diese Kinder, und ich wollte sie schnell hintereinander. Ich war damals noch im Studium, jeweils mitten in meinen Abschlussexamen. Beim schriftlichen war ich immer schwanger, beim mündlichen nicht mehr. Ich bin deshalb dann auch einige Male durchgefallen. Ich gehöre zu dieser Generation von Frauen, die Kinder bekommen haben, ohne das Für und Wider abzuwägen. Das war für mich selbstverständlich. Und ich habe jede dieser drei Schwangerschaften als eine der besten Zeiten meines Lebens in Erinnerung. Eines allerdings habe ich nicht gemacht, ich habe mich nie gefragt, ob ich eine gute Mutter sein würde, ob ich den Anforderungen genügen könnte, so wie es viele junge Frauen heute tun.

SPIEGEL: Sie beschreiben in Ihrem Buch "Der Konflikt", wie der Druck auf Frauen, die Kinder haben wollen, heute wächst. Es reicht nicht mehr, Mutter zu sein, man sollte eine perfekte Mutter sein, die lange und ausschließlich stillt, die lange beim Kind bleibt, die es optimal fördert.

Badinter: Wir erleben zurzeit eine bedenkliche Entwicklung, einen Rückfall in längst überwundene Zeiten. Auf Französisch heißt dieses Phänomen "l'enfant roi" - das Kind ist der König. Die Interessen der Mutter stehen eindeutig hinter denen des Kindes zurück, sie sind zweitrangig. Das wiederum zieht das Streben nach dem perfekten Kind nach sich. Wenn ich schon zu Hause bleibe, so die Logik vieler junger Mütter heute, wenn ich mich schon ganz und gar dem Kind widme, dann soll es auch ein möglichst perfektes Kind werden: optimal gefördert, intelligent, ausgeglichen, naturverbunden. Ich frage mich ernsthaft, was das langfristig mit den Kindern macht.

SPIEGEL: Sie lehnen sich besonders gegen das Stillen auf, das den Frauen mit sanftem Druck nahegelegt wird.

Badinter: Mit sanftem Druck? Mit Hilfe eines massiven Einsatzes von Schuldgefühlen: "Sie wollen nicht stillen? Aber Madame, Sie wollen doch sicherlich das Beste für Ihr Baby", wird die Krankenschwester Ihnen sagen, der Sie erklären, dass Sie lieber die Flasche geben wollen. Wissen Sie, wann ich das erste Mal die Idee hatte zu diesem Buch? Als der damalige Gesundheitsminister Bernard Kouchner 1998 entsprechend einer EU-Richtlinie nicht nur die Werbung für Baby-Milchpulver, sondern auch die Ausgabe von kostenlosem Milchpulver auf den Geburtsstationen verbot.

SPIEGEL: Was ist so schlimm am Stillen?

Badinter: Überhaupt nichts, aber ich glaube, es gibt kaum eine intimere und persönlichere Entscheidung. Wenn eine Frau das möchte, wunderbar, wenn sie es nicht möchte, auch gut. Das geht Politiker gar nichts an. Frankreich aber hat die Direktiven der Weltgesundheitsorganisation übernommen, die da heißen: Sechs Monate sollte das Kind ausschließlich gestillt werden, nach Möglichkeit dann noch weitere zwölf Monate mit ergänzender Nahrung. Diese Leitlinien sind sinnvoll für Entwicklungsländer, in denen man traurige Erfahrungen mit Milchpulver und verseuchtem Wasser gemacht hat. Warum aber in Gottes Namen muss man sie auch auf Pariserinnen und Berlinerinnen anwenden? Das katapultiert uns zurück in die Zeit unserer Großmütter.

SPIEGEL: Sie empfinden schon die Empfehlung zu stillen als Rückschritt für die Emanzipation der Frau?

Badinter: Noch mal, ich finde es wunderbar, wenn sich eine Frau dafür entscheidet. Aber das sollte freiwillig geschehen. Ich beobachte hier in Frankreich seit einigen Jahren mit großer Sorge eine Bewegung, die ein Zurück zur Natur einfordert und sich dabei als Avantgarde der Moderne empfindet. Frauen sollten ohne Peridural-Anästhesie entbinden, so lange wie möglich bei ihrem Baby bleiben, das ist gut für das Mutter-Kind-Bonding. Sie sollten das Kind stillen, das bewahrt es vor Allergien, Asthma und die Mutter selbst vor Brustkrebs. Sie sollten waschbare Windeln benutzen, das ist besser für die Umwelt. Unsere Umweltministerin hat vor zwei Jahren ernsthaft vorgeschlagen, eine Steuer auf Wegwerfwindeln einzuführen.

SPIEGEL: Und das halten Sie für mehr als eine umweltpolitische Maßnahme?

Badinter: Ja, weil es schon gereicht hätte, die Herstellung von Bio-Windeln zu fördern. Diese Bewegung ist eine ideologische und führt uns zurück ins 18. Jahrhundert, zu Jean-Jacques Rousseau und seinem Modell von der idealen Mutter. Es ist ein wenig so, als sollte das in der Frau schlummernde Säugetier wieder geweckt werden, aber wir Frauen sind nun mal keine Schimpansen.

SPIEGEL: Übertreiben Sie nicht ein wenig?

Badinter: Was ich beschreibe, sind erste, aber alarmierende Anzeichen. Wenn wir alle diese Empfehlungen ernst nehmen, was ist die Konsequenz? Die Frauen bleiben mehr und mehr zu Hause. Wie wollen Sie arbeiten, wenn Sie sechs Monate und länger stillen sollen? Alle zwei Stunden mit der Milchpumpe in der Hand ein Taxi bestellen? Es gibt mehr und mehr Frauen, die sich, auch in Zeiten der Wirtschaftskrise, entscheiden, zu Hause zu bleiben. Darunter auch sehr viele hochqualifizierte Frauen, die nun nur noch eine perfekte Mutter sein wollen.

SPIEGEL: Nicht jede Frau will auch als Mutter die Emanzipation vorantreiben.

Erziehung

Badinter: Sicher, es gibt aber mindestens zwei andere Dinge, die jede Frau im Westen ganz persönlich betreffen. Erstens: Eines von zwei Paaren trennt sich innerhalb von drei bis sieben Jahren. Zurück bleibt dann eine Frau, die seit Jahren keinen festen Platz mehr hat auf dem Arbeitsmarkt und deren wirtschaftliche Zukunft stark gefährdet ist. Zweitens: Die aktive eines Kindes nimmt vielleicht 10 bis 15 Jahre der Gesamtlebenszeit ein, die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen liegt aber mittlerweile bei über 80 Jahren. Wollen Sie also Ihr ganzes Leben ausschließlich der Kindererziehung widmen? Was passiert danach, wenn die Kinder aus dem Haus sind? Und der Mann vielleicht auch? Was dann?

"Wir erleben zur Zeit eine Abrechnung der Töchter mit ihren Müttern"

SPIEGEL: Sie beschreiben Ihr Land in sehr schwarzen Farben: Die Französinnen bekommen aber immer noch mit die meisten Kinder in Europa - 2 pro Frau, in Deutschland sind es nur 1,38 -, und sie arbeiten auch als Mütter noch Vollzeit.

Badinter: Die Französinnen bekommen Kinder, weil es hier einfacher ist, Mutter zu sein und trotzdem zu arbeiten und noch andere Dinge zu tun. Sie können Ihr Kind hier in fremde Hände geben - und weder Ihre Schwiegermutter noch Ihr Mann, noch Ihre Mutter werden Ihnen das irgendwie vorwerfen. Fremdbetreuung ist in Frankreich nicht etwas grundsätzlich Schlechtes. Trotzdem, ich finde es beunruhigend, dass nun, vermeintlich im Namen der Wissenschaft und zum Wohl des Kindes, Frauen ein anderes Modell propagiert wird. Es ist auch ein Diskurs gegen die materialistische, egoistische Konsumgesellschaft: Lasst uns zu den Wurzeln zurückfinden, sagen die Vertreter dieser ökologischen Bewegung, lasst uns auf die Natur hören. Lasst uns stillen. Lasst uns bei den Kindern bleiben. Und erstaunlicherweise gefällt das vielen jungen Frauen.

SPIEGEL: Vielleicht weil sie gesehen haben, wie sich ihre Mütter abstrampelten zwischen Beruf, Kindern und Ehemann?

Feministinnen

Badinter: Natürlich, was wir zurzeit erleben, ist eine Abrechnung der Töchter mit ihren Müttern. Ich wollte auch nie sein wie meine Mutter, also zu Hause sitzen, warten, bis Papa kommt, und darauf hoffen, dass er mir Geld gibt. Ich wollte unabhängig sein. Jetzt haben wir es mit einer Generation von jungen Frauen zu tun, die Töchter der der siebziger Jahre sind. Und die wollen sich nicht unbedingt wie ihre Mütter zerreißen zwischen Job und Familie, ständig gehetzt, ständig müde sein. Ist es da nicht in Wahrheit viel befriedigender, mich voll und ganz um mein Kind zu kümmern? Diese Perspektive ist sehr verlockend für viele, interessanterweise vor allem für gut ausgebildete Frauen und für solche mit sehr geringer Ausbildung.

SPIEGEL: Aber hat das Modell Ihrer Mütter die Frauen wirklich glücklich gemacht?

Badinter: Es war sicherlich nicht perfekt, und trotzdem war es ein großer Fortschritt. Wir konnten Kinder haben und arbeiten, und niemand machte uns ein schlechtes Gewissen dabei. Ich glaube, das ist einer der großen Unterschiede zwischen französischen und deutschen Frauen. Die Französinnen waren bisher zuallererst Frau und erst dann Mutter. Sie bleiben auch kurz nach der Geburt nicht nur beim Kind, sie gehen aus, sie arbeiten schnell wieder, sie wollen wieder verführen, sie nehmen am gesellschaftlichen Leben teil. Und das ist nicht nur ein Phänomen der Oberschicht, es steckt in unseren Genen. Schon im 17. und 18. Jahrhundert hatten die Frauen neben ihren Kindern auch noch ein anderes Leben, ein gesellschaftliches, ein soziales, ein Liebesleben.

SPIEGEL: So düster, wie die Verhältnisse in Frankreich für Sie auch sein mögen, Deutschland wäre demnach eine einzige Mütterhölle.

Badinter: Ich finde sehr interessant, was gegenwärtig in Deutschland passiert, es sind erste Anzeichen für all das, was kommen wird: Frauen - vor allem solche, die studiert haben, die interessante Berufe haben - bekommen keine Kinder mehr. Sie stellen für sich das deutsche Modell der Mutter in Frage. 28 Prozent der westdeutschen Akademikerinnen entscheiden sich gegen Kinder, das ist ohne Beispiel in der Geschichte der Menschheit. Das bedeutet, zum ersten Mal seit Hunderten von Jahren kann man nicht mehr sagen: Frau gleich Mutter. Angesichts der Schwierigkeiten in Ihrem Land, ein Kind betreuen zu lassen, und der Erwartungen der Gesellschaft an die Mutter entscheiden sich diese Frauen für ein Leben ohne Kinder. Sie definieren damit das Frausein neu und zeigen, dass eine Frau auch so glücklich sein kann. Das ist eine Revolution.

SPIEGEL: Eine positive Revolution?

Badinter: Mir wäre es lieber, die Frauen könnten Kinder bekommen, ohne ihr Berufsleben dabei zu opfern. Es ist das gute Recht jeder Frau, sich gegen Kinder zu entscheiden. Es gibt nicht mehr die Einheitsfront der Frauen, heute gibt es verschiedene Lager. Aber wir sind auch nicht, wie diese neue Naturalistenbewegung uns weismachen will, von Hormonen gesteuerte Säugetiere.

SPIEGEL: Sie sagen auch schon seit Jahren, dass es den vielbeschworenen Mutterinstinkt nicht gibt.

Badinter: Das wusste ich Gott sei Dank schon, bevor ich das erste Mal schwanger wurde. Ich habe mich nie gefragt, ob es vielleicht nicht normal ist, dass ich keine Lust habe, 24 Stunden am Tag ausschließlich mit einem kleinen Baby zu verbringen. Es gibt sicherlich Frauen, die das schön finden, ich gehöre nicht dazu. Und ich kann Ihnen sagen, ich habe in all diesen Jahren viele Mütter beobachtet, im Jardin du Luxembourg, hier, gleich unter meinem Fenster. Stundenlang habe ich mir die leeren Gesichter mit diesem Gott-kotzt-mich-das-alles-an-Ausdruck angeschaut. Die Frauen saßen am Rand der Sandkiste, schauten gelangweilt nach links und nach rechts, die Kinder spielten allein im Sand. Warum können Frauen nicht zugeben, dass es unerträglich sein kann, einen ganzen Tag mit einem kleinen Kind zu verbringen? Deshalb ist man doch nicht gleich eine schlechte Mutter.

SPIEGEL: Und was ist eine gute Mutter?

Badinter: Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat einmal gesagt, zwischen zwei Kulturen sollte man immer die richtige Distanz halten können. Ich glaube, eine gute Mutter ist eine, die es schafft, eine gewisse Distanz zu ihrem Kind zu halten, nicht zu nah, nicht zu weit weg zu sein, ihm zu geben, was es braucht, es nicht zu unterdrücken, nicht zu abwesend und nicht ständig anwesend zu sein. Irgendetwas genau dazwischen, aber das ist leider extrem rar.

SPIEGEL: Frau Badinter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Britta Sandberg
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