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Debatte Ausländer her

Von Reiner Klingholz

Wir wissen nicht, ob es der Plan von Thilo Sarrazin war, die Diskussion um die Zuwanderung nach Deutschland abzuwürgen. Sicher ist, dass seine Streitschrift genau das bewirkt.

Denn die Diskutanten hat er in zwei Lager gespalten: in eine parteiübergreifende Entrüstungsfraktion, der sich Personen im öffentlichen Raum nur schwer entziehen können; und in den halböffentlichen Foren-und-Blogger-Stammtisch, der Sarrazin mehrheitlich Beifall zollt. Der Sache dienen beide Fraktionen nicht.

Die politische Korrektheit der einen verhindert ein nüchternes Nachdenken über die Probleme, die Sarrazin zu Recht benennt, auch wenn er längst nicht der Erste ist, der das tut. Und der Stammtisch der anderen verrührt Halbwahrheiten mit Vorurteilen und zementiert so ein negatives Zerrbild des Zuwanderers, das jede vernünftige Migrationspolitik verhindert. Beide Fraktionen unterbinden eine Debatte um das, was Deutschland dringend braucht: deutlich mehr Zuwanderung.

Die deutsche Politik - und vermutlich auch das deutsche Volk - ist mehrheitlich der Meinung, das Land habe schon genug davon erlebt. Minderheiten wie der Wirtschaftsminister, die Arbeitgeberverbände, der DIHK oder der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau rufen zwar nach neuen Migranten, aber gehört werden sie allem Anschein nach nicht.

Natürlich ist es richtig und wichtig festzustellen, dass die Integration von Zuwanderern hierzulande massive Defizite aufweist. Die Migration der Vergangenheit ist heute, wie Studien bestätigen, zu einem Kostenfaktor für die Volkswirtschaft geworden. Die OECD beklagt, dass Migranten in kaum einem Land ein so schlechtes Bildungsniveau haben wie in Deutschland. Und keine vergleichende Studie kann verheimlichen, dass sich Menschen mit Wurzeln in der Türkei am schwersten tun mit der Integration.

Solche Daten aber verstellen den Blick auf all jene Zugewanderten, die ein ganz normales Durchschnittsleben führen oder sogar besser qualifiziert sind, mehr verdienen und mehr Steuern zahlen als der Durchschnitt der Alteingesessenen. Die schlechten Erfahrungen und die Angst im Hinterkopf, Wählerstimmen zu verlieren, reichen aus, um einen politischen und gesellschaftlichen Reflex zu aktivieren: "Mehr davon - nein danke."

Der Arbeitsmarkt löst einen zweiten Reflex aus, der sich auf die Kurzformel reduzieren lässt: Solange auch nur ein Arbeitsloser im Land herumläuft, brauchen wir keine Unterstützung aus anderen Ländern. Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesarbeitsagentur, erklärt uns immer wieder, wir müssten die stillen Reserven mobilisieren, unsere eigenen Leute besser qualifizieren. Nun ist es gewiss eine gute Idee, erst einmal die Hausaufgaben zu machen, bevor man Hilfe von außen ruft. Doch offenbar verpufft der Effekt der milliardenschweren Qualifizierungsmaßnahmen und Arbeitsförderung, in denen nach Schätzungen bis zu eine Million nicht vermittelbare Personen geparkt sind. Die Stellen für Fachkräfte jedenfalls bleiben trotzdem offen.

Das Schlimme ist, dass die auf diesen Reflexen fußende Migrationspolitik "funktioniert": Die Grenzen sind so gut wie dicht. Die Verschärfung des Asylrechts hat dazu geführt, dass auf diesem Weg praktisch niemand mehr nach Deutschland kommt. 2008 wurden noch ganze 233 Personen als Asylberechtigte anerkannt.

Hinzu kommt der Familiennachzug, der seit dem Anwerbestopp von 1973 der gängige Weg war, nach Deutschland einzuwandern. Weil mit dem Nachzug, meist von Frauen und Kindern, allerdings das ohnehin niedrige Bildungsniveau der Migranten weiter absank, wurde auch er massiv erschwert. Gerade Türken kommen seither in immer geringeren Zahlen ins Land. Ihre Nettozuwanderung sank von 10.130 im Jahr 2000 auf 1746 in 2005. Seither hat sich die Wanderungsrichtung sogar umgekehrt. 2008, das jüngste Jahr, über das konkrete Zahlen vorliegen, verbucht eine Nettoabwanderung von 10.147 Personen in die Türkei.

Thilo Sarazzins Argument, wir würden von Türken unterwandert, kann also kaum mehr gelten - zumal von einer hemmungslosen Vermehrung in der Türkei längst nicht mehr die Rede sein kann. Auch dieses Land kann sich der Moderne nicht entziehen. Derzeit bekommen die Türkinnen im Mittel noch 2,1 Kinder - das reicht gerade mal, um die Bevölkerung stabil zu halten. Und die Fertilität wird mit großer Sicherheit weiter sinken.

Trotzdem sieht es so aus, als habe die Berliner Politik sich Sarrazins Problemgruppendefinition längst zu eigen gemacht und ihre Einwanderungspolitik danach ausgerichtet. Die Zahlen jedenfalls stützen die Annahme, dass Deutschland sich abschottet. Weder unqualifizierte noch qualifizierte Migranten sind offenbar erwünscht. Einzig aus armen EU-Ländern, aus denen sich die Zuwanderung nicht unterbinden lässt, sind 2008 noch Menschen in nennenswerter Zahl gekommen: 8103 aus Bulgarien und 10.447 aus Rumänien. Die Statistik sagt auch, dass in den letzten beiden Jahren deutlich mehr Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern ab- als zugewandert sind.

Auch von Hochqualifizierten werden wir nicht gerade überrannt: 2008 kamen 157 Personen aus Nicht-EU-Ländern, denen in Deutschland eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis erteilt wurde - 71 von ihnen aus den USA. Das ist eine beeindruckend niedrige Zahl angesichts der 40.000 bis 80.000 unbesetzten Fachkräftestellen, an denen insgesamt bis zu einer viertel Million Arbeitsplätze hängen dürften. Dass die Wirtschaftlichkeitsbilanz von Migranten hierzulande negativ ist, liegt auch daran, dass wir die Qualifizierten gar nicht erst ins Land lassen.

Es ist absurd: Jahrelang hat sich Deutschland wider jede Realität dagegen gewehrt, ein Zuwanderungsland zu sein - und ist nun de facto zum Auswanderungsland geworden. Im langjährigen Mittel kamen rund 250.000 Personen im Jahr zu uns über die Grenzen. Seit 2008 aber verlassen der öffentlichen Statistik zufolge mehr Menschen das Land der Dichter, Denker und Maschinenbauer als hineinkommen. Damit steht Deutschland, neben Japan, allein da unter den hochentwickelten, reichen Industrienationen.

"Wir brauchten eine regelrechte Besiedlungspolitik für den Osten Deutschlands"

Gerade das Beispiel Japan zeigt allerdings, wie man es nicht machen sollte: Dort kommen noch weniger Kinder je Frau zur Welt als in Deutschland, und der Ausländeranteil liegt gerade einmal bei 1,7 Prozent. Das Land widersetzt sich der Zuwanderung in einer Weise, die an Xenophobie grenzt, und exekutiert derzeit Rückführungsprogramme für die wenigen Migranten, die es überhaupt gibt. Damit stürmt Japan auf das demografische Harakiri zu. Die dortige Bevölkerung wird Prognosen zufolge bis 2050 von heute 127 Millionen auf dann 95 Millionen schrumpfen und dabei gleichzeitig extrem überaltern.

Ganz so schlimm mag es in Deutschland nicht kommen. Dennoch könnten Thilo Sarrazins Visionen, leicht abgewandelt, wahr werden. Selbst bei einem angenommenen Zuwanderungssaldo von jährlich 100.000 bis 200.000 Personen sieht das Statistische Bundesamt bis 2050 einen Bevölkerungsschwund um rund zwölf Millionen voraus. Dieser Aderlass, der numerisch der kompletten Entleerung der zwölf größten Städte von Berlin bis Leipzig entspricht, ist allerdings optimistisch kalkuliert, weil die unterstellte Zuwanderung derzeit gar nicht mehr stattfindet.

Ohne demografische Hilfe von außen schrumpfen wir auf mittlere Sicht auf ein Häuflein von Alten, kaum aufgemischt von einer türkischstämmigen Minderheit, die sich nach ein, zwei Generationen dem niedrigen Geburtenniveau ihrer Umwelt nähert. Zwar bekommen Türkischstämmige in Deutschland mehr Kinder als die Alteingesessenen, aber für eine Bevölkerungsexplosion, wie Thilo Sarazzin vermutet, taugt das nicht - es reicht nicht einmal zum Bestandserhalt.

Das Durchschnittsalter in Deutschland würde bis 2050 Richtung 60 Jahre steigen, über 15 Prozent der Bürger wären über 80 und von diesen ein Drittel dement. Eine solche Gesellschaft wäre nicht mehr in der Lage, in der globalen Wirtschaft eine Rolle zu spielen. Und sie könnte Begriffe wie Grenzsicherung getrost aus dem Duden streichen. Denn die Zahl unserer Nachbarn in Afrika wird sich im gleichen Zeitraum auf zwei Milliarden verdoppeln.

Kaum ein Mensch im politischen Berlin stellt sich Fragen zu dieser langfristigen Entwicklung. Und keiner würde sagen, dass sie oder er unser Land in solch eine Lage manövrieren will. Aber genau dorthin geht der Kurs.

Es fragt sich offenbar auch niemand, was aus den wunderbar aufgehübschten Altstädten, den sanierten Schlössern und Burgen, dem restaurierten Unesco-Weltkulturerbe in den neuen Bundesländern werden soll. Hunderte Milliarden Euro sind in den Aufbau Ost hineingeflossen - wofür eigentlich? Damit ein Teil schon heute leersteht und morgen noch mehr? Auch das wird geschehen, denn von dem Schwund werden vor allem jene Gebiete im Osten Deutschlands betroffen sein, die über die mit Abstand beste, weil nagelneue Infrastruktur der Republik verfügen. Schon sind Luchs und Wolf zum Demografiefolger der Deutschen geworden.

Die Einwanderungspolitik befindet sich in einer schizophrenen Lage: Sie will keine Zuwanderung; sie will aber auch nicht, dass ganze Landstriche versteppen. Die Politik weiß nur, was sie nicht will. Sie hat keinen Plan für die Zukunft.

Die Planlosigkeit herrscht schon so lange vor, dass inzwischen selbst ein paar Zehntausend der dringend benötigten ausländischen Fachkräfte keine wirkliche Entlastung brächten. Wenn wir unsere wertvolle Infrastruktur effizient nutzen und nicht zu einem guten Teil abschreiben wollen, wenn wir jung genug bleiben wollen, um global konkurrieren zu können, brauchten wir mittlerweile keine Zuwanderungs-, sondern eine regelrechte Besiedlungspolitik.

Länder wie Kanada, Australien und die USA haben stets so argumentiert: Wir sind ein leeres Land, und wenn wir mehr fähige Leute von außen gewinnen können, dann geht es allen besser. Der Große Kurfürst hat es so gemacht, als er die Hugenotten geholt hat. Und auch die Zarin Katharina II. hat im 18. Jahrhundert gezielt arme Schlucker (aber fähige Bauersleute) aus Bayern, Baden und Hessen an der Wolga angesiedelt, um die Steppen zu kultivieren und ihr Reich gen Osten abzusichern. Damals waren die Deutschen auf der anderen Seite der Wanderung - und auch dieses Experiment hat funktioniert.

Moderne Zuwanderungsländer wie Kanada profitieren ganz ungemein von ihren Neubürgern. Und das liegt nicht nur an einer offensiven Anwerbepraxis, sondern auch daran, dass der Familiennachzug garantiert ist. Kanada will keine menschlichen Arbeitsmaschinen, sondern intakte soziale Verbände, die sich aufgenommen fühlen und sich deshalb aktiv integrieren. Der Erfolg: Die in Kanada geborenen Kinder sämtlicher asiatischer Zuwanderergruppen erreichen bereits deutlich häufiger einen Universitätsabschluss als der kanadische Durchschnitt. Meinungsumfragen zeigen Jahr für Jahr, dass die kanadische Öffentlichkeit die hohe Zahl der Zuwanderer für angemessen hält.

Deutschland braucht jetzt, nicht erst in ein paar Jahrzehnten, eine massive Zuwanderung mit ähnlich guten Integrationsbedingungen wie in Kanada. Denn demografisch bedingt wird die hiesige Erwerbsbevölkerung um rund 30 Prozent schrumpfen, weil die kopfstarke Gruppe der Babyboomer in den kommenden Jahren ins Rentenalter wächst. In dieser kritischen Phase gibt es zu wenig junge, produktive Menschen, die den Wohlstand erwirtschaften können, der für die Versorgung der alternden Bevölkerung nötig ist. Die Rente mit 67 kann das Problem abfedern, lösen kann sie es nicht.

In dieser Phase haben junge, bildungshungrige und boomende Nationen wie Indien, China oder Brasilien eindeutige Vorteile. Sie werden weiter aufholen und uns teilweise überholen.

Aber in etwa 15 bis 20 Jahren ändert sich etwas Grundlegendes an diesem Wettbewerb: Dann nämlich wird die Alterung auch diese heute noch jungen Gesellschaften Zug um Zug erreichen - und zwar umso drastischer. Während unter uns Deutschen die Zahl der Kinder je Frau von 2,5 in den sechziger Jahren auf 1,4 gesunken ist, hat China - zeitlich versetzt - einen Rückgang von etwa 6 Kindern je Frau auf 1,5 zu verkraften. Entsprechend groß werden die Herausforderungen sein, wenn auf China die Verrentung der Millionen zukommt, die heute noch für das gigantische Wachstum sorgen.

Länder wie China werden dann junge Arbeitskräfte aus anderen Ländern brauchen. Und wenn China erst beginnt zu rekrutieren, bleibt für das gute alte Europa nichts mehr übrig.

All dies müssen wir wissen, wenn wir über Zuwanderung diskutieren. Es ist absurd zu glauben, wir könnten unsere Entwicklung planen, als lebten wir auf einer demografischen Insel, auf der alles bleibt, wie es ist, nur mit ein paar Millionen Menschen weniger. Wir werden unsere Zukunft nicht aus eigener demografischer Kraft stemmen können.

Es ist völlig klar, dass sich dabei unsere Kultur verändern wird, was auch für die Kultur der Zugewanderten gilt. Wie "abendländisch" diese neue Kultur dann letztlich ist, weiß niemand. Allein dieser Gedanke macht vielen Menschen Angst. Es hilft dabei aber die Erkenntnis, dass es zum Wesen der Kultur gehört, dass sie sich ständig wandelt. Ansonsten wäre es keine Kultur, sondern Geschichte.

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