AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2010

Einkommen Das Ende der Bescheidenheit

Eigentlich sind sich fast alle einig: Nach Jahren der Zurückhaltung sind nun die Arbeitnehmer dran, sie sollen durch spürbare Lohnerhöhungen vom Aufschwung profitieren. Allzu große Hoffnungen können sich die meisten Beschäftigten dennoch nicht machen.

REUTERS

So einsam waren sie selten, die großen Mahner aus dem Arbeitgeberlager. Martin Kannegiesser, der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, und Dieter Hundt, der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, warnen mal wieder vor zu starken Lohnsteigerungen. Diese wären "jetzt ein Fehler", sagt Kannegiesser. Es müsse alles verhindert werden, sagt Hundt, "was den Aufschwung bremst".

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Heft 36/2010
Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen

Man kennt die Melodie. Aber jetzt mag sie niemand mehr hören.

Die SPD sowieso nicht. Sie ist für Lohnsteigerungen, damit nach dem Export nun endlich auch die Nachfrage im Inland in Gang kommt. Aber auch Kanzlerin Angela Merkel ist auf den neuen Kurs eingeschwenkt. Sie hofft, dass sich "die verbesserten Situationen der Unternehmen auch widerspiegeln werden bei den Arbeitnehmern".

Sogar aus dem Ausland erhalten deutsche Gewerkschaften Unterstützung. Die französische Finanzministerin Christine Lagarde sagt, von einer Erhöhung der Löhne in Deutschland könne der ganze Euro-Raum profitieren. Wobei Madame Lagarde ein ganz eigenes Interesse verfolgen dürfte.

Die deutschen Unternehmen sind auch deshalb wettbewerbsfähiger geworden und auf den Exportmärkten so erfolgreich, weil ihre Arbeitnehmer sich jahrelang zurückhielten. In Frankreich und anderen Ländern dagegen stiegen die Löhne deutlich stärker (siehe Grafik links). Nun hofft die französische Finanzministerin wohl, dass sich dieser Wettbewerbsnachteil verringert, wenn die deutschen Gewerkschaften ordentliche Erhöhungen durchsetzen.

Endlich sollen die Beschäftigten etwas vom Aufschwung abbekommen

Die Voraussetzungen dafür waren eigentlich selten so gut. Nach der Krise der vergangenen Jahre geht es den meisten Unternehmen wieder besser, manchen sogar blendend. Die Autoindustrie kann kaum so viele Fahrzeuge produzieren, wie sie vor allem auf Exportmärkten verkaufen kann. Im Maschinenbau geht es wieder aufwärts. In der Chemieindustrie werden zeitweise stillgelegte Anlagen wieder hochgefahren. Alles brummt.

Viele Ökonomen erwarten in diesem Jahr rund zwei Prozent Wachstum. Und eine große Koalition aus Politikern und Gewerkschaftern ist deshalb überzeugt: Von dieser Entwicklung sollen nun endlich auch die Beschäftigten profitieren, die in den vergangenen Jahren auf Einkommenssteigerungen verzichteten, um ihren Arbeitsplatz zu sichern. DGB-Chef Michael Sommer sagt: "Jetzt sind unsere Leute mal wieder dran."

An diesem Montag gibt es in Gelsenkirchen "die erste Tarifrunde der Nachkrisenzeit", sagt IG-Metall-Bezirksleiter Oliver Burkhard. Die Gewerkschaft fordert für die Beschäftigten der nordwestdeutschen Stahlindustrie sechs Prozent mehr Lohn. Bei dieser Zahl hätte es in der Vergangenheit gewiss einen Aufschrei der Empörung gegeben, jetzt wird sie ganz ruhig zur Kenntnis genommen.

Es hat sich herumgesprochen, dass die deutschen Arbeitnehmer "zu den bescheideneren in der Welt" ("Handelsblatt") gehören. Hierzulande verdienen die Beschäftigten schon seit vielen Jahren nach Abzug der Inflation nicht mehr, sondern weniger. Sogar in den Boom-Jahren von 2004 bis 2008 sanken die sogenannten Reallöhne.

Viele Konzerne verdanken ihr Wachstum den Mitarbeitern

Nach Ausbruch der Weltfinanzkrise verzichteten viele Belegschaften sogar auf Lohn, um den Job zu sichern. Viele mussten in Kurzarbeit gehen, manche überließen dem Unternehmen ihr Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. In kaum einem Land haben die Belegschaften auf die Finanzkrise mit ähnlich großer Lohnzurückhaltung reagiert.

Beispiel Daimler: Ein Teil der Belegschaft musste kurzarbeiten, der andere die Arbeitszeit um 8,75 Prozent verringern, bei entsprechend verringerten Bezügen. Die vereinbarte Tariferhöhung wurde von Mai auf Oktober verschoben.

Zudem gab die Belegschaft dem Konzern einen Kredit über insgesamt 280 Millionen Euro: Sie verzichtete im März auf die ihr zustehende Ergebnisbeteiligung für das Jahr 2008 in Höhe von 1900 Euro für jeden Mitarbeiter. Das Geld wurde erst im Dezember ausbezahlt, als es dem Autokonzern schon wieder besserging.

Die großen Konzerne konnten dadurch ihre Personalkosten gewaltig reduzieren. Bodo Uebber, Finanzvorstand des Daimler-Konzerns, bezifferte die Einsparungen im vergangenen Jahr mit 1,8 Milliarden Euro.

Der Stuttgarter Autokonzern profitierte wie viele andere Unternehmen gleich auf doppelte Weise von der Kompromissbereitschaft der Belegschaft. Die Alternative zu Arbeitszeit- und Lohnkürzungen wären Entlassungen gewesen. Diese hätten Daimler und Co. im Jahr 2009 erst einmal viel Geld für Abfindungen gekostet. 2010 wären die Personalkosten gesunken.



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Seite 1
vory 04.09.2010
1. Nein, ganz und gar nicht.
Eher im Gegenteil, noch nie waren soviel Arbeitnehmer in prekärer Zeitarbeit untergebracht, wovon man nicht leben kann und auch keine Rente erwirtschaftet. Trotzdem ist die Regierung stolz, die steigende Beschäftigung melden zu können. Der Arbeitsmarkt verkommt immer mehr zum Sklavenmarkt und das in einem der reichsten Länder der Erde. Schuld daran ist das System der Arbeitsverteuerung durch die Staatsfinanzierung und sozialen Lasten. Es ist nicht einzusehen, das dies alles von der abhängigen Arbeit geschultert werden muß. Wegen dieser Überteuerung bleibt wenig Raum für Lohnerhöhungen im internationalen Wettbewerb. Da hilft nur eine Systemumsteuerung zum MWPOT-Konzept.
merapi22 04.09.2010
2. Lohnkuerzungen, waren fuer die meisten die Realitaet!
Zitat von voryEher im Gegenteil, noch nie waren soviel Arbeitnehmer in prekärer Zeitarbeit untergebracht, wovon man nicht leben kann und auch keine Rente erwirtschaftet. Trotzdem ist die Regierung stolz, die steigende Beschäftigung melden zu können. Der Arbeitsmarkt verkommt immer mehr zum Sklavenmarkt und das in einem der reichsten Länder der Erde. Schuld daran ist das System der Arbeitsverteuerung durch die Staatsfinanzierung und sozialen Lasten. Es ist nicht einzusehen, das dies alles von der abhängigen Arbeit geschultert werden muß. Wegen dieser Überteuerung bleibt wenig Raum für Lohnerhöhungen im internationalen Wettbewerb. Da hilft nur eine Systemumsteuerung zum MWPOT-Konzept.
In den achtzigern bekam man noch für gute Arbeit gutes Geld, mit der Einführung des Niedriglohnbereichs wurden die meisten AN vom Wirtschaftswachstum ausgeschlossen und mussten Reallohneinbusen hinnehmen! Dadurch öffnet sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr. Gegen diese ungerechte Lohnentwicklung der letzten 20 Jahre hilft nur die Einführung des Bürgergeld! http://www.bge-petition.de/
rolli 04.09.2010
3.
Zitat von merapi22In den achtzigern bekam man noch für gute Arbeit gutes Geld, mit der Einführung des Niedriglohnbereichs wurden die meisten AN vom Wirtschaftswachstum ausgeschlossen und mussten Reallohneinbusen hinnehmen! Dadurch öffnet sich die Schere zwischen arm und reich immer mehr. Gegen diese ungerechte Lohnentwicklung der letzten 20 Jahre hilft nur die Einführung des Bürgergeld! http://www.bge-petition.de/
Wer diese Petition unterschreibt, der weiss nicht, ob er damit den Kommunisten oder den Neoliberalisten hilft. beides ist zutiefst unmoralisch. Die Arbeitnehmer haben in den letzten 20 Jahren mindestens auf 100% mehr Lohn verzichtet. Keine Teilhabe am Produktivitätsfortschritt und keinen Inflationausgleich. Wenn nun eine Beteilgung der Arbeitnehmer am "Aufschwung" erfolgen soll, dann muss er so aussehen: Inflationsausgleich, Produktivitätsfortschritt und entgangene Teilhabe in der Vergangenheit. Lohnsteigerungen in den nächsten 5 Jahren von mindestens 8% sind machbar und notwendig. rolli
T. Wagner 04.09.2010
4. Lol!
Die beiden bisherigen Antworten sind mal wieder typisch SPON-Forum: Der eine wirbt für das MWPOT-Konzept, der andere für das BGE. Ich lach' mich kaputt! Ich warte nur noch auf die Dame, die ständig für das "Freiheitswerk" trommelt.
marant 04.09.2010
5. ttt
Zitat von sysopDie deutsche Wirtschaft boomt wieder, der Export steigt, alle sind zuversichtlich. Aber sind auch alle zufrieden? Werden die Arbeitnehmer genügend am neuen Aufschwung beteiligt?
Es wurde schon des öfteren berichtet, wer genügend am Aufschwung beteiligt war. Die sogenannte Zeitarbeitbranche ! Im Zuge der bevorstehenden Tarifrunden sollten sich die Gewerkschaften an ihre Aufgaben wiederbesinnen, und die Gesamtbelegschaften stärken, und nicht nur die "werkseigene" Stammbelegschaften,- indem sie das Mindestmaß an Unterstützung der "Fremdarbeiter" gewährleisten. Eine Null-Runde wäre akzeptabell, sollten die Zeitarbeitnehmer die mindestens 6 Monate ( würde einer Befristung entsprechen ) in dem selben Betrieb beschäftigt sind, übernommen werden, oder die gerechte Entlohnung bekommen. Dies wäre wenigstens ein längst fälliger Anfang seitens der Gewerkschaften, und kein Schulterschluß mit der Politik, die diese Mißstände billigend in Kauf nimmt.
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