AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2010

Kriminalität "Ich konnte nicht nein sagen"

Aus Mitleid füllte die Filialleiterin einer Bank die Konten klammer Kunden mit Millionen Euro auf. Das Geld buchte sie von den Guthaben vermögender Sparer ab. Jetzt lebt die Samariterin selbst in Armut.

Prozess gegen die Ex-Bankerin in Bonn: "Hat man Ihnen kein Denkmal gesetzt?"
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Prozess gegen die Ex-Bankerin in Bonn: "Hat man Ihnen kein Denkmal gesetzt?"

Von Bruno Schrep


Die Verwaltungsangestellte Renate B. hatte Angst, große Angst vor den nächsten Tagen. Ihr Girokonto war hoffnungslos überzogen, der Dispositionskredit längst ausgeschöpft. Bis zur Gehaltszahlung in zwei Wochen wurde noch die Miete fällig, die Klassenreise für die Tochter war nicht bezahlt, Lebensmittel brauchte sie für sich und ihre beiden Kinder auch noch. Nur woher sollte sie das Geld nehmen?

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Heft 40/2010
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Doch dann geschah, was sie "wie ein Wunder" empfand: "Plötzlich standen da 2500 Euro auf dem Konto", erinnert sich Renate B.

Wunder dieser Art beglückten die Bankkunden eines kleinen Ortes im Rheinland über etliche Jahre. Wenn ein Konkurs drohte, ein Schuldenberg wuchs, eine Rate nicht bezahlt werden konnte, nahte häufig Hilfe im letzten Moment.

Die Wohltaten kamen von unerwarteter Seite, von der Leiterin der örtlichen Bankfiliale. Sie füllte Konten auf, erhöhte Kredite, ignorierte Überziehungen. Und rettete damit, zumindest vorübergehend, viele Kunden vor dem finanziellen Abgrund.

"Gedankt hat es mir niemand", bedauert die ehemalige Bankangestellte heute, "im Gegenteil." Die wenigen Anrufer, die sich hinterher bei ihr meldeten, hätten sich beschwert, dass sie das Geld zurückerstatten sollten. "Ist das nicht beschämend?"

Nicht einen Cent für sich abgezweigt

Angespannt sitzt Katharina R. in der Kanzlei ihres Bonner Anwalts Thomas Ohm, vor sich Akten der Staatsanwaltschaft und des Amtsgerichts Bonn. Eine stattliche, gepflegte Frau Anfang sechzig, die vollen grauen Haare sorgfältig zurückgekämmt, mit dunkler Jacke und weißer Hose so gediegen gekleidet wie früher in der Bank. Rheinischer Tonfall in der Stimme, energische Gesten. Und, unverkennbar, mit der Ausstrahlung einer sehr fürsorglichen, aber auch sehr bestimmenden Mutter.

Lange hat sie über ihre Lebensumstände und ihre Motive geschwiegen. Jetzt will Katharina R. reden, unter der Voraussetzung, dass der genaue Ort des Geschehens und der Name der Bank nicht erwähnt werden. Und so erzählt sie erstmals, wie sie zur Hauptdarstellerin eines Dramas werden konnte, das es so im deutschen Bankgewerbe noch nicht gegeben hat; warum sie anderen aus der Patsche half und sich selbst in die Bredouille brachte; was sie unterscheidet von vielen Kollegen und deren kalter Gier - denn einen persönlichen Vorteil hat sie bei ihren Umbuchungen nie gezogen, nicht einen Cent für sich abgezweigt.

Es ist eine Geschichte von verhängnisvoller Selbstüberschätzung und von mangelnder Kontrolle, von sehr armen und von sehr reichen Leuten, von verschwundenen Millionen und überforderten Revisoren, von Rachsucht und Reue. Und es ist eine Geschichte, die mit einem unerfüllten Berufswunsch begann.

Katharina R. wollte unbedingt Kunstgeschichte studieren. Ihre früh verwitwete Mutter, die hart arbeitete, jeden Morgen um vier Uhr aufstehen musste, hielt die Idee indes für überspannt. Die einzige Tochter sollte etwas Vernünftiges lernen, den Ausbildungsplatz bei einer kleinen Volksbank suchte die Mutter, typisch für die sechziger Jahre, selbst mit aus. Die Tochter traute sich nicht, nein zu sagen.

Unter dem Druck der Verhältnisse, wurde alles anders

Doch Freude konnte Katharina R. dem aufgezwungenen Beruf nicht abgewinnen. Das Bankgeschäft war noch weit entfernt vom Zockerbetrieb der Jahrtausendwende, vom hektischen Wettlauf um Provisionen und Abschlüsse, vom Verkauf riskanter Finanzprodukte. "Die meisten Kunden hatten ein Sparbuch - und Ende", berichtet Katharina R., und wer sein Konto öfter überzog, bekam es gesperrt.

Allzu oft musste sie in der Buchhaltung aushelfen, langweilte sich beim Abgleichen endloser Zahlenkolonnen, hatte kaum Kontakt zu Kunden. "Da war kein Leben drin."

Die Bankerin wider Willen heiratete, bekam Nachwuchs, kündigte, wurde Hausfrau - und war froh, den ungeliebten Job los zu sein. Nachdem jedoch die Ehe in die Brüche ging und ihr Mann keinen Unterhalt zahlte, sah sich die alleinerziehende Mutter genötigt, in den erlernten Beruf zurückzukehren.

Und beim zweiten Anlauf, unter dem Druck der Verhältnisse, wurde alles anders.

Als Katharina R. 1990 die Stelle bei einer Filiale im Rheinland antritt, will sie "gutes Geld" verdienen, richtig Karriere machen. Sie belegt Seminare über Vermögensberatung, Kreditvergabe und Bilanzbuchhaltung, paukt in ihrer Freizeit komplizierte Fachfragen über Steuerrecht und Genossenschaftsrecht, fällt den Vorgesetzten mit ihrem Eifer auf.

Die schnelle Beförderung zur Filialleiterin verschafft ihr präzise Einblicke: Plötzlich liegen die Vermögensverhältnisse der Kunden vor ihr wie ein offenes Buch.



insgesamt 161 Beiträge
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Seite 1
Riff 08.10.2010
1. Sherwood Forest Bank: 100000 € Guthaben bei Kontoeröffnung
Zitat von sysopAus Mitleid füllte die Filialleiterin einer Bank die Konten klammer Kunden mit Millionen Euro auf. Das Geld buchte sie von den Guthaben vermögender Sparer ab. Jetzt lebt die Samariterin selbst in Armut - und erklärt, warum sie "nicht nein sagen" konnte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,720891,00.html
Weil sie alle Robin-Hood-Filme auf DVD hat und sie einfach unsterblich in Erol Flynn verknallt ist.
unterländer 08.10.2010
2. Titel? Ja genau, Titel muss sein!
Zitat von sysopAus Mitleid füllte die Filialleiterin einer Bank die Konten klammer Kunden mit Millionen Euro auf. Das Geld buchte sie von den Guthaben vermögender Sparer ab. Jetzt lebt die Samariterin selbst in Armut - und erklärt, warum sie "nicht nein sagen" konnte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,720891,00.html
Man muss kein "äußerst penibler Jurist", wie Sie den Entdecker der Manipulationen bezeichnen, um mitzubekommen, dass die tatsächliche Gutschrift auf einem Sparkonto, das 150 000 Euro Guthaben aufweisen sollte, geringer ausfällt, wenn wegen der Manipulationen dieser Frau bloß noch ein paar Euro drauf sind. War er dem Autor unsympathisch, hatte er einen Seitenscheitel, trug er eine silbergeränderte Brille oder was passte dem Artikelschreiber an ihm nicht?
Noodles, 08.10.2010
3. Sie hat Recht getan getan
Zitat von sysopAus Mitleid füllte die Filialleiterin einer Bank die Konten klammer Kunden mit Millionen Euro auf. Das Geld buchte sie von den Guthaben vermögender Sparer ab. Jetzt lebt die Samariterin selbst in Armut - und erklärt, warum sie "nicht nein sagen" konnte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,720891,00.html
Wo Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht wird, ist Widerstand erste Bürgerpflicht. Wenn ich das richtig gelesen habe, hat sich die Dame in keinem der Fälle selbst bereichert. Diese Welt braucht mehr Gerechte, meine Sympahtie und mein Respekt gehört dieser Frau. Weiter so
kdshp 08.10.2010
4. aw
Zitat von sysopAus Mitleid füllte die Filialleiterin einer Bank die Konten klammer Kunden mit Millionen Euro auf. Das Geld buchte sie von den Guthaben vermögender Sparer ab. Jetzt lebt die Samariterin selbst in Armut - und erklärt, warum sie "nicht nein sagen" konnte. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,720891,00.html
Hallo, find ich super gut das es so leute gibt und den reichen denen sie das geld abgebucht hat schadet das ja eh nicht.
mike.bauer 08.10.2010
5. ...
Habe ich das richtig verstanden? Die Frau der geholfen wurde als es ihr schlecht ging, wollte das Geld nicht zurückbezahlen obwohl es ihr möglich war und hat obendrein noch Strafanzeige gestellt????
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