AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 40/2010

Literatur Europa auf dem Kopf

Jede Zeit findet ihren Traumort: Im Augenblick ist Buenos Aires die wohl aufregendste Stadt der Welt. Wer die Gegenwart verstehen will, der sollte die Bücher von dort lesen, der sollte die Schriftsteller und Künstler kennen, die diese Metropole prägen.

Marcos López

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Schließlich holt Marcos López noch eine Packung von dem bitteren braunen Mate-Tee, den er den ganzen Vormittag über geschlürft hat, er zeigt auf das Bild auf der Packung, und schon ist man mittendrin in diesem wunderbaren Vexierspiel, das Buenos Aires heißt.

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Heft 40/2010
Marilyn Monroe - Aus den Aufzeichnungen einer Unsterblichen

"Aber dieser Mann, Señor López, dieser Gaucho, dieser harte Kerl, der hat so ein weiches Gesicht, so einen weiblichen Blick, hätte der keinen Schnurrbart, könnte man sagen, das ist eine Frau."

"Das ist keine Frau."

"Das ist eine Frau. Was hat das zu bedeuten?"

"Finden Sie es heraus." Er lächelt und nuckelt noch mal an seinem kleinen braunen Mate-Becher.

Nichts ist, wie es scheint, das ist die erste Lektion dieser Gauchostadt, dieser Machostadt, dieser Schwulenstadt, du Buenos Aires, Stadt der schönen Frauen, Tangostadt, Hundestadt, Psychostadt, Fleischfresserstadt, 15-Millionen-Raucher-Dorf, Großstraßenstadt, Kleinstraßenstadt, wo sich der Himmel mit so einer Härte und Klarheit über den Menschen aufspannt, als wollte er sagen, doch, doch, es ist alles genau so, wie es euch scheint.

"Das Geheimnis von Buenos Aires, das ist es also, was Sie suchen?", hatte Marcos López gefragt, ganz am Anfang, und dann hatte er seine Fotos gezeigt, grelle, wütende, psychedelische, politische Fotos, als hätte Andy Warhol Agitprop mit Playmobil nachgestellt; Plastikwelten, vom amerikanischen Kapitalismus angefressen, die revolutionären Wandmalereien des Diego Rivera in ein fernes Heute verlängert. Pop Latino nennt López das.

"Ich stelle mir immer erst einmal das Gegenteil von dem vor, was ist, was ich sehe", sagt er. Zum Beispiel dieses Foto einer männlichen Meerjungfrau. Das Vorbild sitzt im Hafen von Kopenhagen und blickt versonnen ins Wasser. López hat sein männliches Modell an einem vermüllten Strand platziert, der Mann hat eine behaarte Brust, auffallend abstehende Ohren und starrt in die Kamera. Zorn und Stolz, das spricht aus diesem Bild. Wir sind wie ihr und sind doch nicht wie ihr.

In López' Arbeit geht es um Konfrontation

"Mir geht es darum, die entwickelte Welt mit der unterentwickelten zu konfrontieren, und umgekehrt. Den Süden mit dem Norden, und umgekehrt. Ich nehme europäische Bilder und schiebe sie euch in den Rachen."

Deshalb trifft Rembrandt auf Che Guevara. Deshalb ist das Bild seines Landes für Marcos López diese Frau mit dem durch die Hand gestochenen Messer und der Kette von Blutwürsten um den Hals. Deshalb ist die Grausamkeit, die Gewalt, die Tragik der argentinischen Geschichte genauso präsent wie der Humor, der sich gegen diesen steten Vergangenheitssog wehrt.

Buenos Aires also, Totenstadt, Schattenstadt, Geisterstadt. Was nun eher nicht nach jener beschwingten, globalen Großstadt klingt, die Menschen in Brooklyn oder Berlin-Mitte glühende Augen macht. Nach der Metropole des Moments, nach dem Ort, an dem die Gegenwart zu Hause ist, eine Gegenwart, die immer weiterwandert, von New York nach Berlin nach Shanghai, weiter und immer weiter auf der Suche nach sich selbst.

Es trifft sich also, dass Argentinien in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ist, denn der Weltgeist hält sich gerade hier auf, findet sich in den Künsten, in der Literatur, vor allem aber in dieser Metropole, die selbst ein Stück Literatur ist: Buenos Aires, das uns hilft, die Gegenwart zu verstehen, gerade weil hier die Zukunft ein Gesicht hat, das unserer Vergangenheit aufs Verblüffendste ähnelt. Buenos Aires, eine Stadt der europäischen Ruhelosigkeit, eine Stadt der kapitalistischen Rumpeleien, der grandiosen Niederlage. Buenos Aires, das fremd ist und vertraut zugleich, was hier kein Gegensatz ist, sondern sich ergänzende Wirklichkeit.

Die Krise als Symbol einer neuen Generation

Buenos Aires ist eine Stadt der Belle Époque und der schicken Moderne der fünfziger Jahre, jener Phasen eben, als die Einwanderer aus Europa, aus Italien vor allem, aus Spanien, auch aus Deutschland, in diesem Land die Zukunft suchten, die ihnen ihr alter Kontinent nicht mehr geben konnte. Inzwischen ist auch diese Zukunft alt geworden. Inzwischen ist der Abstieg des Westens kein Geraune mehr, sondern Tatsache. Inzwischen ist die Krise das Symbol einer neuen Generation.

Und Krise kann man eben in Buenos Aires. Es herrscht hier eine Melancholie des Verschwindens, die sich aber von der Apathie befreit hat und eine neue Energie freisetzt. Wenn in Mumbai das 21. Jahrhundert entsteht, weil es sich vom Westen frei gemacht hat, so zeigt sich in Buenos Aires das 21. Jahrhundert, das dem Westen verwurzelt bleibt. Die Stadt ist ein Wie-wir-wurden-was-wir-sind in XXL.

Denn so vieles hier ist, im eher verhalten gefeierten 200. Jahr der Mai-Revolution, Old Old Europe, nur größer, krasser, reicher. Die Boulevards und Parks des Viertels Recoleta etwa zeugen vom oligarchisch eingespielten Wohlstand, der vor hundert Jahren noch herrschte, als Argentinien zu den zehn reichsten Ländern der Welt gehörte. Inzwischen ist man auf Platz 49 abgerutscht, zwischen Lettland und Uruguay. Die Bürgerpaläste ragen trotzdem trotzig weiter zehnstöckig in den Himmel wie in einem manisch aufgeblasenen Paris.

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